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Kurs "Neue Medien in den Geschichtswissenschaften"

Online-Übung für die 10. Sitzung (21. 6. 1999)


Multimedia-Web-Sites

  1. The Great Chicago Fire and the Web of Memory
  2. LeMO: Lebendiges virtuelles Museum Online
  3. Sipapu: Chetro Ketl Great Kiva
  4. Aqua Urbis Romae: The Waters of Rome
  5. American Memory
  6. National Archives and Records Administration


Anfang The Great Chicago Fire and the Web of Memory [http://www.chicagohs.org/fire/]

Diese WebSite ist zweigeteilt: Der Teil "Great Chicago Fire" widmet sich dem Chicago des 19. Jahrhunderts, dem Brand, der 1871 einen Grossteil der Stadt verwüstete, und den Bemühungen um den Wiederaufbau. Der Teil "Web of Memory" behandelt die Art und Weise, wie seit dem Brand die Erinnerung an diese Katastrophe in den darauffolgenden Jahrzehnten bis heute gepflegt wurde.

Die WebSite ist einfach aufgebaut: Die beiden Teile gliedern sich in Kapitel, die Texte (Essay), Bilder (Galleries) und längere Passagen aus Sekundärquellen (Library) umfassen. Eine Einführung in die Navigation durch die WebSite und technische Hinweise tragen zur Kundenfreundlichkeit dieser WebSite ein, die eigentlich eine Ausstellung ist, die auf das Internet portiert wurde.

Genau dies sei auch die Absicht dieser WebSite, erklärt der Leiter dieses Projektes, Carl Smith, in einem Essay beim Center for History and New Media. Der Essay von Februar 1998 trägt den Titel "Can You Do Serious History on the Web?" Offenbar ist auch in den USA, die doch als dem Medium Internet gegenüber aufgeschlossen gelten, die Skepsis in der Berufsgruppe der Historiker gegenüber diesem Medium immer noch sehr verbreitet. Oder vielleicht: war es. Die WebSite datiert nämlich aus dem Jahr 1996.

Dass sie immer noch vollumfänglich und auf der ganzen Welt besucht werden kann, bestätigt eines der Hauptargumente von Smith, der natürlich die Frage im Titel seines Aufsatzes zu bejahen sucht: Auf dem Web ist es möglich für eine längere Zeit und über grössere räumliche Distanzen hinweg Geschichte zu präsentieren als bei einer Ausstellung. Ausserdem können mehr Materialien zusammengestellt und dem interessierten Besucher zur Verfügung gestellt werden als in einer Ausstellung oder in einem Buch. Eine WebSite historischen Inhalts könne mindestens so gut wissenschaftlichen Ansprüchen genügen wie eine Ausstellung oder ein historisches Sachbuch für ein allgemeines Publikum - vielleicht sogar besser, schliesst Smith.

Doch das Medium WebSite hat seine klaren Grenzen. Mit der Lesefreundlichkeit der Texte, die am Bildschirm betrachtet werden müssen, ist es nicht weit her. Bilder und Objekte wirken "flach" oder müssen mit einigem technischen Aufwand präsentiert werden. Ein 360 Grad Panorama-Bild von Chicago aus dem Jahre 1858, das man auf dem Bildschirm "herumdrehen" kann - ja, warum nicht? Doch wenn ein 90 Sekunden langer Filmauschnitt 20 bis 30 Minuten braucht, bis er via Modem auf den Rechner getröpfelt ist... Naja, da wird das Schlagwort Multimedia schnell einmal zum Schlag ins Wasser. Da sind Low-Tech-Effekte wie die Stereographie-Bilder des 19. Jahrhunderts eher mit den Internet-Bandbreiten des 20. Jahrhunderts kompatibel.

Dennoch, die Chicago Fire-WebSite ist ein gelungenes Beispiel für die Möglichkeiten, die Stärken und die Schwächen einer Präsentation historischer Sachverhalte auf dem Internet. Enttäuschend einzig, dass die Texte nur wenige Hypertext-Links enthalten und eine Stärke des Mediums nicht auschöpfen.

Anfang LeMO: Lebendiges virtuelles Museum Online [http://www.dhm.de/lemo/home.html]

Hier ist es schon im Titel ersichtlich: Ein Museum, also eine Institution, die Geschichte ausstellt, will auf das Internet: und erst noch lebendig!

Dieses Projekt ist umfassender und jünger als jenes des Chicago-Fires und bewegt sich in anderen institutionellen Rahmenbedingungen.

LeMO bietet wesentlich mehr multimediale Elemente: Ton- und Video-Dateien sind selbstverständliche Bestandteile der Kapitel. Ein eigener Bereich widmet sich der virtuellen Darstellung des Museums (VRML). Besonders auffallen: in den Texten wird intensiv von der Möglichkeit des Hyperlinks Gebrauch gemacht.

Inhaltlich umfasst die Web-Site das gesamte 20. Jahrhundert. Entsprechend werden die einzelnen Themen doch etwas gar summarisch abgehandelt, wobei sich die Darstellung nicht nur an ereignis- und geistesgeschichtlichen Fragestellungen orientiert.

 

Anfang Sipapu: Chetro Ketl Great Kiva [http://sipapu.ucsb.edu/great.kiva/elite/index.html]

Ein anderes interessantes historisches Projekt, dass sich mit der Anwendung multimedialer Technologien auf dem Internet versucht, ist "Sipapu". Es geht um die Darstellung der Lebensweise und der Architektur der Anasazi, eines prähistorischen indianischen Volkes, dass vor der Landnahme durch die Weissen, von ca. 10000 vor bis 1150 nach Christus, im Chaco Canyon im Südwesten der USA gelebt hat. Im 12. Jahrhundert wurden die Siedlungen aufgegeben, die Gründe sind weitgehend unbekannt.

Multimedia wird bei diesem Projekt vor allem für die Darstellung der indianischen Architektur eingesetzt. Die Anasazi bauten grosse unterirdische Versammlungsräume, "Kiva" genannt, in denen sie Kulthandlungen ausübten. Von einer solchen Kiva kann auf der WebSite eine nachempfundene 3D-Grafik im Quicktime-Format interaktiv "erforscht" werden. (Ähnliches ist auch für die eindrucksvollen überirdischen Gebäude der Anasazi ("Kin Tl'iish") möglich). Das Ergebnis ist ein Ausstellungsrundgang, der nur auf dem Computer-Bildschirm stattfindet. Wer sich vorstellt, welchen Eindruck von einer Kiva ein zweidimensionales Bild oder ein reiner Text vermittelt hätte, kann die Chance solcher Darstellungsmöglichkeiten ermessen. Ob das in diesem oder in anderen Fällen ein Vorteil ist, bleibt Ansichtssache - wie übrigens auch sonst bei der Visualisierung historischer Sachverhalte, etwa in Ausstellungen oder Filmen.

Anfang Aqua Urbis Romae: The Waters of Rome [http://www.iath.virginia.edu/waters/]

Das Projekt "Waters of Rome" will das Wasserversorgungssystem der "Ewigen Stadt" von der Antike bis heute in dreidimensionalen Ansichten erschliessen - ein gewaltiges Unterfangen, dass erst in den Anfängen steckt. Benutzerfreundlich ist die Auswahl verschiedener Betrachtungsmöglichkeiten. Interessenten, die mit einer schwachen Internetverbindung die Seiten dieses Projektes besuchen, können auch mit kleinen Bilddateien einen Eindruck von diesem Projekt gewinnen. Besonders erfreulich, dass sich das Projekt nicht in technischen Spielereien erschöpft, sondern auch Texte, Hinweise auf Literatur und sogar eine Online-Publikation zum Thema anbietet.

Das Projekt ist beheimatet am Institute for Advanced Technology in the Humanities (IATH), beheimatet an der Universität von Virginia (USA). Das Institut setzt sich zum Ziel "to explore and expand the potential of information technology as a tool for humanities research". Das IATH bietet hierzu eine Reihe lesenswerter Essays (Rubrik General Publications ), wovon ich besonders den Artikel "The Rationale of HyperText" von Jerome McGann empfehlen möchte, da er grundsätzliche Überlegungen dazu anstellt, wie mit neuen Medien auch neuartige Erkenntniszusammenhänge hergestellt werden können.

Anfang American Memory [http://memory.loc.gov/ammem/]
Zur Erinnerung einer Gesellschaft gehören nicht nur geschriebene Texte, obwohl diese am meisten zur Überlieferung erinnerungswürdiger Fakten beitragen und dies wohl auch in Zukunft tun werden. Die US-amerikanische Library of Congress verfolgt mit dem der Spezialkollektion "American Memory" das Ziel einer virtuellen Bibliothek, die sich sehr stark auf multimediale Inhalte ausrichtet, oder genauer: die sich sehr stark um andere Quellengattungen als jene des geschriebenen Textes bemüht. "American Memory" bietet Zugang zu Bildern, Tondateien und Filme aus der Geschichte der USA. Darunter finden sich ebenso Faksimile-Dateien von gedruckten Archivalien oder Handschriften (etwa von George Washington) wie gescannte Landkarten (z.B. von Pennsylvania, New Jersey und NewYork von 1749) oder Spezialdrucke (z. B. Ephemera).

Wer bei "American Memory" herumstöbert, wird das Potential des Internets auch für historische Forschungen besser abschätzen können. Natürlich ist der Aufwand der Digitalisierung aller Archivdokumente unermesslich. Kein Wunder ist diese Arbeit nur mit Sponsoren möglich -- die Digitalisierung der George Washington Papers wird von der Nachrichtenagentur Reuters unterstützt -- und da kommt bei der kritischen Historikerin und dem traditionsverhafteten Historiker wohl einige Skepsis auf. Dennoch, die Vorstellung, Archivdokumente online studieren zu können (und im Gegensatz zu echten Archiven, zeitgleich mit anderen Nutzerinnen und Nutzern), hat seinen Reiz. Vor allem für Archivbestände, die von sehr vielen Interessenten eingesehen werden sollen, ist dies eine valable Alternative. Zudem können die Archivmaterialien mit bibliographischen Bemerkungen versehen werden (wie etwa beim Faksimile des Briefs von James K. Polk, mit dem er 1844 seine Nomination zum Präsidentschaftskandidaten annahm).

Bliebe noch das Problem der Bandbreite und der Datenformate. Ich habe bei der Besprechung der Chicago-Fire-WebSite darauf hingewiesen, und es gilt auch noch hier. Um einen 60-sekündigen Film zu sehen, müssen FilmliebhaberInnen (je nach Format) 5 bis 10 Megabyte Daten laden. Das kann bei einer normalen Internetverbindung mit einem 28.8-Modem gut und gerne eine Stunde dauern! Hier wird wohl erst die Streaming-Technologie, die ein "laufendes" Abspielen von Ton- und Filmdateien ermöglicht, komfortablen Zugang zu diesen Quellen erlauben.
Ausserdem wimmelt es bei den angebotenen Multimedia-Anwendungen von verschiedenen Formaten, die auf verschiedenen Plattformen mit unterschiedlichem Erfolg geladen oder eingesehen werden können. Löblich daher die Bemühung von "American Memory" den verschiedenen Datenformaten mit Hinweis auf plattformspezifische Hilfsprogrammen eine eigene Seite zu widmen - gleich noch mit Links zu Dateien, die im jeweiligen Format gespeichert sind.

Anfang National Archives and Records Administration (NARA) [http://www.nara.gov/]
Während American History ein Projekt der Library of Congress und damit des US-Parlaments ist, verfolgt auch die Regierung (respektive die Administration) entsprechende Projekte, multimediale Daten zu archivieren und der Öffentlichkeit zugänglichzu machen. Die National Archives and Records Administration ist sogar gesetzlich dazu verpflichtet, Amtsinformationen einem interessierten Publikum zur Verfügung zu stellen.

Dabei geht das Archiv einen anspruchsvolleren Weg als die Library of Congress. Zunächst stellt es mit "NAIL" (NARA Archival Information Locator) eine Suchmaschine zur Verfügung, die den gesamten Datenbestand der diversen zur NARA gehörenden Einheiten durchforstet. Dazu gehören neben Text-Dokumenten auch Bilder (darunter auch Luftaufnahmen und Satelliten-Bilder), Filme, Karten und Ton-Quellen. Bislang sind nur einige der Daten online abzurufen, allerdings steigt der Anteil dieser Daten beständig. In der Rubrik "Recently Added Data" werden die neusten Einträge vorgestellt (mit Kurzanleitung, wie man die entsprechenden Daten mit der NAIL-Suchmaschine finden kann).

Die NARA WebSite bietet also Anschauungsunterricht für zwei Nutzungsmöglichkeiten: die datenbankunterstützte Abfrage von Referenz-Informationen und die Bereitstellung der Daten selbst in verschiedenen Medienformaten.

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