Protokoll und Kommentar zur Sitzung vom 29. Mai 2001[1]

 

1.       Organisatorisches

2.       Referat

I     a) Die Stimmung in den USA um 1970 (Andrea)

      b) Chronologie-Vergleich zum 4th May 1970 (Jon)

II    a) Das Memorial zum 4th May (Martin und Simone)

      b) Erinnerung (Martin und Simone)

3.       Kommentar

4.       Ergänzungen

 

 

1.     Organisatorisches:

 

-          Das Protokoll der Sitzung vom 15. Mai wird verdankt; es wird als vorbildlich bezeichnet. Sibylle Brändli macht darauf aufmerksam, dass "Website" mit t geschrieben wird. Weiter macht sie zwei inhaltliche Bemerkungen: Zu Punkt I, 5. Zeile: die Fragestellung soll nicht dargelegt, sondern bearbeitet werden. Zum Titel unter Punkt II: angebrachter wäre etwa "Strategien zur Überprüfung der Qualität von Websites und Webseiten".

-          Für die Sitzungen vom 5. und 12. Juni befinden sich Kopiervorlagen im Ordner.

-          Wer weder in einer Arbeitsgruppe ist noch bisher ein Protokoll geschrieben hat, soll das Schreiben eines Protokolls mit Kommentar übernehmen. Die Übrigbleibenden werden für die Schlussdiskussion vom 3. Juli verantwortlich sein.

 

 

2.     Referat[2]:

 

I a) Die Stimmung in den USA um 1970

-          In den USA bestand eine Konsumgesellschaft: Jede Familie hatte ihren Kühlschrank und ihren Fernseher, mittels dessen sie die Nachrichten verfolgen konnte.

-          Es häuften sich Massenbewegungen wie die Frauenemanzipation und die Bürgerrechtsbewegung für die Schwarzen unter Martin Luther King; zudem erfolgten Ereignisse wie die erste Mondlandung 1969.

-          Die Colleges verzeichneten eine grosse Zunahme an Studierenden.

-          Verschiedene neue Lebensstile entstanden, z. B. derjenige der Hippies und der "street people" (mordende Strassenbanden).

-          Es fanden viele Demonstrationen statt. Eine Grosszahl der Protestierenden waren unzufrieden mit dem Programm des "Reserve Officer Training Corps" ROTC, woraufhin ca. 30 ROTC-Gebäude angezündet wurden.

 

I b) Chronologie-Vergleich zum 4th May 1970

-          Zunächst ermöglicht ein Blick auf die Karten der Ostküste der USA, Kents sowie des Campus' der Universität eine Lokalisierung der Ereignisse.

-          Heute besuchen ca. 50'000 Studierende die Universität von Kent - die 500 Demonstranten machten folglich einen relativ kleinen Anteil aus.

-          Jon führt einen Vergleich der beiden Chronologien des Professors Lewis (zu finden unter dept.kent.edu/sociology/lewis/LEWIHEN.htm) bzw. der Studentenorganisation Task Force (www.devaughn.com/may4/chronology.htm) an. Er weist auf die vielen kleinen Unstimmigkeiten hin und gibt Beispiele:

- Lewis' "Protestierende" werden bei der Task Force personalisierter als "Studenten der Geschichte" dargestellt.

- Während Lewis recht dramatisch schreibt "cars were stopped", spricht die Task Force von "blocked traffic for about one hour".

- Nur die Task Force informiert darüber, dass Rhodes für den Senat kandidierte und die entsprechenden Wahlen am 5. Mai stattfanden.

- Lewis schildert die tödlichen Schüsse der Ohio National Guards als spontanen Einfall. Die Task Force erwähnt hingegen einen "verbal command to fire".

- etc.

-          Die unterschiedlichen Darstellungen der Ereignisse verdeutlichen die Rivalität zwischen der Task Force und der Universitäts-Administration. Diese zeichnete sich schon vor Jahren ab: Von 1971 bis '76 veranstaltete die Universität jährlich ein "commemoration" für die gefallenen vier Studenten. Da Studierende diese Tradition weiterführen wollten, gründeten sie die "May 4th Task Force". Diese Organisation erwirkte die Errichtung des Memorials (siehe II), wobei nur 7% des ursprünglichen Projekts realisiert wurden. Unterstützt wird die Task Force durch eine Stiftung, und inzwischen dürfen sie Räumlichkeiten der Universität benutzen. Vertreter der Studentenorganisation haben das Gefühl, die Administration wolle die Aktivitäten der Task Force im Namen der Universität laufen lassen, und sehen darin ein Kontroll-Bestreben, das sie nicht akzeptieren.

 

II a) Das Memorial zum 4th May

-          Bilder des Memorials, das auf dem Campus der Kent State University errichtet wurde, zeigen vier Granitblöcke, die die vier erschossenen Studenten symbolisieren sollen. Der einzige Schriftzug besteht aus den Worten "inquire, learn, reflect", nähere Informationen finden sich erst seit Kurzem auf einer kleinen Hinweistafel in der Nähe des Denkmals.

-          Das Memorial steht inmitten eines Narzissen-Feldes, wobei die Narzissen abgezählt sein sollen: Jede der 58'191 Blumen repräsentiert einen im "Vietnamkrieg" Gefallenen.

-          Aufgrund des Task Force-Programms zur diesjährigen Commemoration-Veranstaltung wird auf den "gottesdienstartigen" Charakter dieser Gedenkfeier verwiesen (Im-Kreis-Sitzen mit Kerzen und Gesang etc.).

 

II b) Erinnerung

-          Das erste Zitat von Aleida Assmann gibt eine Aussage Ciceros wieder. Dazu werden Fragen gestellt, z. B.: "Was wäre ohne Memorial?" Andi meint, Erinnerungen gingen verloren, eine Gedenktafel bliebe hingegen bestehen. Es wird Unverständnis geäussert zur spärlichen Beschriftung des Memorials. Eine Erklärung dafür ist, dass das Denkmal eigentlich für die Ereignisse des 4. Mai gedacht ist, nicht explizit für die vier Studenten.

-          Im Zusammenhang mit dem zweiten Zitat wird dargelegt, dass materielle Relikte zusammen mit den dazugehörigen Erzählungen dem Ereignis Dauerhaftigkeit und Sinn verleihen wollen und durch Erklären das Tragische des Ereignisses verwandeln. Zur Erläuterung wird der Lexikon-Eintrag zu "Tragödie" und "Katharsis" erwähnt. Nur zur Frage nach dem persönlichen Bezug zum Memorial gibt es eine Wortmeldung aus der Zuhörerschaft: Das Memorial wird als universitäts-interne Angelegenheit gesehen sowie als symbolische Empathie für die Angehörigen der Erschossenen. Diese Ansicht geht zurück auf Kathie, die in Kent studiert und berichtet, dass vereinzelt auswärtige Leute den Park um die Uni besuchen und dabei auf das Memorial stossen; für die Studierenden selbst sei das Denkmal so zentral, dass man unweigerlich täglich daran vorbeikomme - man schaue es sich nicht extra an.

-          Die Frage, ob es ein "kollektives Gedächtnis" gebe, wird verneint - vielmehr müsse man von einem "nationalen Trauma" sprechen. Sibylle Brändli erklärt, dass Assmann vom "kollektiven Gedächtnis" des Dritten Reiches ausgehe, sie nehme also die Erinnerung als Ausgangspunkt. In Kent sei die Reihenfolge jedoch umgekehrt: Zuerst erblicke man das Memorial, dann werde nachgefragt.

-          Als Ausklang und als Hinweis auf andere Verarbeitungsweisen der Ereignisse dient die Tonbandaufnahme von Youngs Song "Four Dead in Ohio". Der Songtext (siehe http://www.clarkson.edu/~winklebh/vietnam2/ohio.html) enthält Stichworte zum 4. Mai, ohne diese zu erklären. Das Lied war bereits am 4. Juni 1970 erhältlich. Seine Quintessenz könnte umschrieben werden mit dem Aufruf "Erinnere dich, tu' 'was, renne nicht davon!".

 

Als persönliche Stellungnahmen zur Thematik erwähnen Referenten und Zuhörer folgende Punkte:

-          Nur zehn Tage nach den Schüssen auf die Studenten erschienen die National Guards wiederum in Kriegsmontur bei einer Demonstration, wobei sie dort mit 75 Mann 100 Studenten gegenüberstanden: Die Regierungsbeauftragten scheinen nichts aus dem "Vorfall" gelernt zu haben.

-          Offenbar hat der Tod von vier Studenten mehr bewirkt als derjenige von Hunderttausenden in Vietnam.

-          Die grossen Unterschiede zwischen den verschiedenen Darstellungen der Ereignisse wird als frappierend empfunden.

-          Einige haben Mühe mit der Vorstellung, dass das Memorial vier protestierende Studenten quasi auf dieselbe Stufe setzt wie Zehntausende von Soldaten, die in Vietnam den Tod fanden. Andere sehen darin positiv eine einigende Geste.

-          Sibylle Brändli verweist auf die Problematik des Herstellens einer Chronologie: Chronologien beruhen auf Erinnerungsarbeit. Erinnerungen können falsch oder unklar sein, wodurch verschiedene Deutungen eines Memorials zulässig sind. Dies wiederum beeinflusst die Erinnerung.

 

 

3.     Kommentar

 

Andrea, Jon, Martin und Simone haben in angenehmer Weise und Dichte über die Ereignisse vom 4. Mai 1970 referiert: Die Formulierungen waren gut verständlich, die Zuhörer wurden nicht überrumpelt mit einer überladenen Informationsfülle. Zitate, Karten und Fotos auf Folien gestalteten die Stunde abwechslungsreich.

Im Sinne von konstruktiver Kritik möchte ich noch Einiges anfügen, obwohl jede/r ReferentIn zum guten Gelingen des Vortrags beigetragen hat:

Andreas Teilreferat schien mir etwas rasch und oberflächlich, was allerdings mit der Intention eines ersten Überblicks zusammenhängen kann. Bei der Aufzählung der verschiedenen Demonstrationen hätte eine Beschränkung auf einzelne eine Vertiefung ermöglicht. Zu den Zitaten hätte ich mir nähere Erläuterungen oder Stellungnahmen erhofft. Für ein nächstes Referat ist etwas langsameres und freieres Sprechen von Vorteil; das aufgeschlossene Auftreten war erfrischend und darf gerne übernommen werden.

Jon referierte ruhig und ohne abzulesen, was sehr zuhörer-/zuschauerfreundlich ist. Auch der Aufbau seines Teilreferats (Lokalisierung durch immer spezifischere Karten, Vergleich zweier Chronologien, Fazit) war sehr einleuchtend. Insbesondere die Hinweise auf die Unreimigkeiten der beiden Darstellungen verwiesen vorbildlich auf das kritische Hinterfragen, das sich HistorikerInnen aneignen müssen. Gegen Ende wurde Jon wohl ungeduldig mit sich und behandelte leider nicht mehr alle Folieneinträge.

Martin und Simone hatten mit der Thematisierung von Erinnerung eine komplexe Aufgabe zu bewältigen. Sie versuchten diese durch ein ebenfalls komplexes Teilreferat zu lösen. Dieses Vorgehen fand ich grundsätzlich gut, weil so verschiedene Herangehensweisen respektiert wurden, doch eine klarere Strukturierung hätte kaum geschadet. Die Beschreibung des Memorials und die Erläuterung des Commemoration-Programms veranschaulichten treffend den Ausgangspunkt zum Thema. Danach schien mir der Wechsel der einzelnen Bereiche zu hektisch (Zitate von Assmann, Fragen dazu, Schema auf Folie, Lexikon-Eintrag, Fragen zu Schema, Fragen zu Memorial etc.). Die Folien hätten länger gezeigt werden dürfen, die letzten beiden Zitate Assmanns hätte man entweder vertiefen oder weglassen sollen. Für eine weitere Präsentation ist wohl am wichtigsten, dass man dem Plenum zur Formulierung von Antworten Zeit lässt.

 

Zum Handout: Die vereinzelten Tippfehler sind nicht gravierend, doch sollten alle Abkürzungen erklärt werden, so auch ROTC (für Reserve Officer Training Corps). Diese Erläuterung wurde beim Referat nachgeholt. Inhaltlich war es sehr informativ und gut.

 

 

 

 

 

 

 

4.     Ergänzungen

 

Wer sich näher über Einzelheiten der Ereignisse bei der Kent State University interessiert, ist mit dem Internet umfassend bedient. Insbesondere Chronologien sind zuhauf vorzufinden: Neben den von den Referenten konsultierten (s. S. 1) wäre als Beispiel noch die Website http://www.emerson.edu/acadepts/cs/comm/chrono.html#ref1 anzuführen, die ausführlich darlegt, wie es zur Eskalation kam. Darüber berichtet auch Alan Canfora, der selbst zu den neun Verwundeten des 4. Mais zählt. Seine Website http://may4.org/faq.htm gibt u. a. Auskunft zu Fragen, die ihm Studenten stellten.

Einen anderen Aspekt behandelt ein zehnseitiger Artikel der TIME vom 18. Mai 1970, der unter http://cgi.cnn.com/ALLPOLITICS/1996/analysis/back.time/9605/20/ zu finden ist: Unter dem Titel "At War with War" werden vor allem die Begebenheiten der Woche nach dem 4. Mai dargelegt. Neben Angaben von Demonstrationen an anderen Universitäten wird darüber berichtet, welche Rolle die Nixon-Regierung in diesem Kontext spielte. Da dieser Punkt in der Sitzung kaum zur Sprache kam, möchte ich einzelne Passagen zusammenfassen:

 

"Forward together" lautete ein Führungsversprechen Nixons. Sowohl der Protest an 441 Colleges und Universitäten in den USA als auch die Reaktion darauf verhöhnten diese Phrase. Es kam nicht nur zwischen Demonstranten und Sicherheitsleuten zu teilweise blutigen Auseinandersetzungen, sondern auch zwischen Zivilisten untereinander. Vor Kurzem noch trat die Regierung mit Einstimmigkeit, Heiterkeit und Selbstvertrauen auf - jetzt zeigte sie auf einmal Symptome ernster innerer Schwierigkeiten. Doch Hinweise auf Uneinigkeit im Kabinett im Zusammenhang mit der Invasion Kambodschas stritt Nixon heftig ab. Der Präsident hat zuvor sorgfältig die militärischen und diplomatischen Vor- und Nachteile der Invasion abgewägt. Aber das grösste Risiko war die Reaktion der amerikanischen Bevölkerung - und diese hat er komplett falsch eingeschätzt. Man muss einräumen, dass Nixon die Schüsse an der Kent State University nicht hat voraussehen können. Aber er war sehr langsam im Anerkennen ihrer Bedeutung. Er verzichtete darauf, die Guards zu tadeln; alles, was er dazu verlauten liess, war: "When dissent turns to violence, it invites tragedy." An einer Pressekonferenz meinte er etwas später: "Those who protest want peace. I know that what I have done will accomplish the goals that they want. I agree with everything they are trying to accomplish." Nixon versuchte, einen Konsens zu finden, doch gerade Anordnungen an seine Handlanger wie "when the action is hot, keep the rhetoric cool" machen die Aufrichtigkeit seiner Bemühungen fragwürdig. Auch andere seiner Aktionen schüren Argwohn: So hat er eine Konferenz mit acht Universitäts-Vorsitzenden abgehalten, doch lehnte er es strikte ab, sich mit weiteren 37 Rektoren zu treffen, die für ein Ende des Engagements in Indochina plädierten. Andererseits legte Nixon seine Unsicherheit bloss, indem er sich eines Morgens in aller Frühe spontan zu einer Gruppe von Demonstranten gesellte und mit ihnen diskutierte. Zum Schluss verabschiedete er sich von ihnen mit den milden Worten: "I know you want to get the war over. Sure you came here to demonstrate and shout your slogans on the ellipse. That's all right. Just keep it peaceful. Have a good time in Washington, and don't go away bitter."

Zweifellos hat Nixon sein Verhältnis zum Kongress beschädigt. Sein grösster Fehler war, diesen vor der Invasion nicht davon ins Bild zu setzen. Auch bezüglich der Schiessenden vom 4. Mai gab es einige Missstände: Der Grossteil der eingesetzten National Guards hatte keine Kriegserfahrung. Sie hatten Angst, von der Masse überrannt zu werden. Zudem beteuerte Canterbury, es habe keinen Schiessbefehl gegeben. Diese Aussage wird durch die Gleichzeitigkeit des Beginns und des Endes der Gewehrsalven schwer in Frage gestellt, und kritisiert wird weiter, dass keine Warnschüsse abgegeben worden seien. Trotzdem: Die meisten Amerikaner wollten ihrem Präsidenten weiterhin Glauben schenken. Nixons "schweigende Mehrheit" war kaum enthusiastisch über die Invasion Kambodschas, aber die Demonstrationen dagegen motivierten sie, sich voll hinter ihn zu stellen. Viele argumentierten, der Präsident wisse alle Tatsachen, also müsse er wissen, was er tue. Mehr noch äusserten blanke Feindseligkeit gegenüber den Studenten.

Abschliessend soll der damals 27jährige Peter Winnen aus Kent zu Wort kommen, der bei Khe Sanh kämpfen musste und bei einer Demonstration in Cleveland sagte: "I saw enough violence, blood and death and I vowed, 'never again, never again.' What I saw on campus was the same thing again. Now I must protest. I'm not a leftist, but I can't go any further. I'll do damn near anything to stop the war now."



[1] Das Datum wurde von Peter Haber korrigiert (im Original: 22. Mai)

[2] Das Referat bezieht sich auf das entsprechende Handout, weshalb dessen Lektüre dringend empfohlen wird (Kopiervorlage im Ordner).