Erweitertes Protokoll der Sitzung vom 5. Juni 2001

 

Arbeitsgruppe 2: öffentliches Gedenken. Das Vietnam Veterans Memorial

 

Die Punkte 1-3 umfassen das eigentliche Protokoll der Sitzung. Im Punkt 4 habe ich noch meine Meinung zu einem Merkmal des VVM geäussert, das mich speziell beeindruckt hat.

 

1.      Einführung

Im Jahre 1979 bildete sich eine Foundation, die sich zum Ziel gesetzt hatte ein Memorial für die Gefallenen und Veteranen des Vietnamkrieges zu errichten. Sie schrieben einen Wettbewerb aus, wobei sie vier Kriterien als Richtlinien vorgaben:

¨      Das Memorial sollte die Betrachter nachdenklich stimmen.

¨      Es sollte in Harmonie mit der Umgebung sein.

¨      Es sollte die Namen aller Gefallenen und Vermissten tragen.

¨      Es sollte keine politische Meinung beinhalten.

Ausgewählt wurde schliesslich das Projekt der Architekturstudentin Maya Lin. Da es vielen zu wenig patriotisch war, wurde zudem noch die Skulptur mit den drei Soldaten realisiert.

1984 wurde das Vietnam Veterans Memorial eingeweiht und ist seitdem zu einer wichtigen Pilgerstätte geworden, die jährlich von 2.5 Millionen Menschen besucht wird.

 

2.      Diskussion zu Quelle 3

Fragen:

¨      Stichwort: "healing process". Glaubt ihr, dass Daphne Berdahl mit ihrer These recht hat? Welchen Stellenwert hat in euren Augen das Vietnam Veterans Memorial (=VVM)?

¨      Worin sieht Daphne Berdahl die Vorteile, die Stärken des VVM?

¨      Welche Funktion hat das Memorial für die Veteranen und ihre Angehörigen?

¨      Worin unterscheiden sich Denkmäler à la Lincoln Memorial oder Washington Monument vom VVM?

Das VVM stellt den "healing process" dar, weil es unpolitisch / neutral ist. Jeder kann hingehen und auf seine Weise trauern, und jeder findet in ihm seine Einstellung wieder: es kann sowohl ein Grabstein, als auch ein Heldendenkmal sein. Die Tatsache, dass es trotz seiner "Neutralität" Emotionen weckt, macht den "healing process" aus. Die Menschen gehen dahin, und denken über den Krieg nach, was die Verarbeitung des Erlebten fördert.

Die Stärke des VVM ist gerade sein unpolitisches Wesen. Die Frage ist jedoch, kann ein Denkmal überhaupt unpolitisch sein? Eigentlich nicht, denn es soll ja an etwas sehr politisches, an einen Krieg, erinnern. Jedoch kann jeder Besucher dem VVM seine eigene politische Ansicht implizieren, was seine "Neutralität" ausmacht.

Die Namen der Gefallenen wurden in chronologischer Abfolge aufgeschrieben. Wir vermuten, dass dies die Reise durch die Zeit veranschaulichen soll, oder aber es soll den Veteranen die Suche nach Bekannten erleichtern.

Auch die Funktion des VVM ist Ansichtssache des Besuchers. Es kann ein Grabstein sein, an dem man trauert, oder aber ein Ehrendenkmal, an dem man den Gefallenen seinen Respekt für ihren Einsatz erweist.

Der Unterschied zwischen dem VVM und dem in der Nähe plazierten Lincoln-Denkmal ist wohl, abgesehen davon, dass es sich dabei um eine mythologisierte Einzelperson handelt, dass man zum Lincoln-Denkmal gehen, um sich an die Taten dieses Mannes zu erinnern, zum VVM aber geht man, um sich an die Menschen selbst zu erinnern.

 

 

 

3.      Diskussion zu Quelle 4

Fragen:

¨      Welchen Stellenwert hat das VVM für General Westmoreland; für das Militär im Allgemeinen?

¨      Welche Gefahren beinhaltet das Memorial?

¨      Inwiefern könnte das VVM eine mythologisierte Geschichtsschreibung unterstützen?

General Westmoreland sagt in seinem Text nicht viel zum VVM an sich. Viel mehr äussert er sich zur aktuellen öffentlichen Meinung zum Vietnamkrieg. Und stellt dabei fest, dass die Veteranen auf zwei Fronten zu kämpfen hatten: in Vietnam gegen den Vietcong und zu Hause gegen die kriegsfeindliche Bevölkerung. Aus diesem Grund hätten sie ein Denkmal verdient. Auch sei es ein Zeichen dafür, dass ihr damaliger Einsatz kein Fehler war. Schliesslich hat "das Schicksal" der USA Verantwortung übertragen, welche wahrgenommen werden müsse.

Im Gegensatz zu General Westmoreland sehen wir auch einige Gefahren im VVM:

Das Memorial lässt die Gefallenen als Opfer erscheinen. Gerade durch sein "Schweigen" im Bezug auf politische Stellungnahme, wird nicht darauf hingewiesen, wieviel Leid diese Soldaten in Vietnam angerichtet haben: nicht nur Amerikaner sind gestorben, sondern auch viele Vietnamesen. Hätte dies nicht auch irgendwie berücksichtigt werden müssen?

Das VVM unterstützt insofern eine mythologisierte Geschichtsschreibung, als dass die an der Wand zurückgelassenen Gegenstände (Briefe etc.) gesammelt und archiviert werden. Immer wieder werden Auszüge aus solchen Briefen auch veröffentlicht. Die Frage ist nun inwiefern die Aussagen solcher Texte als "Wahrheit" angenommen werden kann. Denn es sind schliesslich Erinnerungen über Ereignisse, die schon ca. 30 Jahre zurückliegen. Die Erinnerung kann sowohl schwarz gemalte, als auch glorifizierte Realität sein.

 

4.      Das VVM ist ein Spiegel

"Es geht darum, dass man in den spiegelnden Namen sich selber sieht." hat Maya Lin unter anderem zu ihrem Projekt gesagt.

Stellen wir uns vor, wir würden vor dem VVM stehen und einen bekannten Namen erblicken. Unsere erste Frage würde lauten: "Warum du?". Und als Antwort darauf sehen wir nur uns selbst im Spiegelbild. Provoziert dies nicht ein Schuldgefühl? War es richtig wie ich gehandelt habe?

Aber wie alles am VVM kann man auch dies von einer ganz anderen Seite betrachten. Ich kann in den Spiegel sehen, und so feststellen, dass ich nur meine eigene Realität sehen kann. Mein Bekannter ist hinter dem Spiegel, und somit für mich unerreichbar. Es ist ein Zeichen der unüberwindbaren Barriere zwischen Leben und Tod.

Doch ich denke, dass dieser Spiegel auch die Erinnerung "fördert", denn ich sehe den bekannten Namen und mich zusammen. Und ich denke doch automatisch daran, was wir zusammen unternommen haben. Und natürlich frage ich mich auch, wieso bin ich auf dieser Seite des Spiegels und du auf der anderen.

Ich denke, dass gerade dieser Spiegel zu einem grossen Teil mitverantwortlich ist, dass das VVM ein Denkmal ist, das Emotionen hervorruft. Denn es lässt uns nicht aussen stehen, sondern bezieht uns mit ein. Wir sehen uns im Denkmal und sind somit für die Zeit unseres Besuches ein Teil davon.