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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2000 (2. Jahrgang) » Schwerpunkt: Erinnerung » Erinnerungen an die NS-Zeit
 
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Leichenberge, Straßenszenen

Budapester Städtebilder

Von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher ...

Die Budapester Juden lassen sich vier Gruppen zuordnen: die erste versucht, ihre Religion mehr oder weniger selbstverständlich auszuüben; die zweite begreift das Judentum "nicht als Religion, sondern eher als historische Situation, als Schicksal"; die dritte fördert den erstarkenden Zionismus; die vierte schließlich konvertiert zum Christentum und läßt die jüdischen Bräuche hinter sich. Vielen Konvertiten fällt die Neuorientierung schwer: "Ich gehe nicht gern mit Mama in die Kirche", sagt Erzsi K. Palotai, "sie weiß nicht, wie man sich benimmt."

Der Lehrer und Schriftsteller Ignác Rózsa (1876 - 1960) hat die oft fließenden Übergänge zwischen diesen vier Positionen plastisch dargestellt. Sein Roman "Die fünf Bücher Arons" (1929/30) erzählt davon, wie aus dem Fanatiker der eifrigste Proselyt des anderen Lagers wird, oder wie sich ehemalige Talmudschüler durch ihre Schulbildung, ihre Intelligenz, ihren persönlichen Fleiß und Ehrgeiz von ihrem Glauben entfernen. Erst fallen die Pejes, die Schläfenlocken, dann lösen sich die Fesseln der Speisegesetze. Längst nicht alle orthodoxen Juden können dem "Ideal der Selbstentsagung" (Ignác Goldziher) folgen und den Verführungen der Großstadt, den opulenten Auslagen der Metzgereien und der Feinkostläden widerstehen. Mit der "Gelegenheit zum Essen", so Rózsa, "veränderte sich unsere Weltanschauung".

Sattwerden und Überleben - der Generalbaß all dieser Einzelgeschichten heißt "Not", auch seelische Not. "Mein Leben", so der ungarische Wirtschaftstheoretiker Iván T. Berend, "begann in einer verworrenen, wilden, gefahrvollen Zeit". Einen analogen Befund könnten viele Beiträger der Anthologie "Jüdisches Städtebild Budapest" für ihr Lebensende formulieren. Budapest ist, seit es 1872 durch die Zusammenlegung der drei Städte entstand, kaum zur Ruhe gekommen. Und Peter Haber kann in seinem Vorwort zeigen, daß schon die Geschichte der Budaer, Óbudaer und Pester Juden höchst wechselvoll gewesen ist.

Ergibt sich daraus ein "jüdisches Städtebild Budapest"? Bei Rósza steht geschrieben, daß Pest über vorzügliches Leitungswasser verfügte. Bei Dezsö Szomory liest man von den großen "lärmigen" Mietkasernen mit ihren Hinterhöfen, die zugleich die soziale Schichtung sichtbar machen: "Im ersten Hof, vor allem auf den ersten zwei Stockwerken, wohnte die bessere bürgerliche Gesellschaft [...]. Im zweiten Hof wohnte die untere Volksschicht [...]. Im dritten Hof hatte sich der bereits erwähnte junge József Keszler in die ans Armenasyl erinnernde, aber kollektive Welt der Mietbetten zurückgezogen".

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sammeln sich Leichenberge an den Häuserecken. Die ungarischen Faschisten, die sogenannten Pfeilkreuzler, streben die "Lösung der Judenfrage" nach "deutschem Vorbild" an. Die Mehrheit der nichtjüdischen Bevölkerung, so György Konrád, habe diese Entwicklung mit Gleichgültigkeit beobachtet. Im März 1944, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn, wurde die Deportation der 800 000 Juden unverzüglich in die Wege geleitet. Nur eine verschwindend geringe Zahl habe sich, so Konrád, dagegen aufgelehnt. Agnes Heller begreift den Einmarsch der sowjetischen Truppen als Befreiung: "Seit Februar 1945 wollte man uns nicht mehr umbringen. Das war eine bedeutende Wende, aber irgendwie mußte man leben. Brot und Ideale: beides fehlte."

Ein ganz anderes, freundlicheres Städtebild von Budapest ist durch Norbert Trummers Aufenthalt im August 1998 entstanden. Anhand von 312 Zeichnungen, in chronologischer Reihenfolge hier wiedergegeben, hat der 1962 geborene Künstler seine Eindrücke von der Stadt festgehalten. Seine Buntstiftzeichnungen, rasch und lebendig aufs Blatt geworfen, sind mehr an Straßenszenen interessiert als an den architektonischen Besonderheiten der Stadt. Man kann zwar die Kuppel des Heldentempels oder den Komplex des Kiscelli Museums erkennen, aber darauf kommt es Trummer nicht an. Seine Zeichnungen gruppieren sich zu comic-artigen Strips, und auch die helle und leuchtende Farbpalette erinnert sehr ans Comic-Heft. Technisch sind Trummers Arbeiten durchwachsen: akzeptabel, aber nicht wirklich gut. Der Hund an der Leine des Passanten sieht wie eine Schildkröte aus. Der in der Nachbarstadt Wien lebende Schriftsteller Bodo Hell tut sich dementsprechend schwer, die Bilderfolgen mit einer Geschichte zu verknüpfen. Ich schätze und respektiere Bodo Hell, aber hier ist er denkbar uninspiriert. Immerhin: sein Blick ist genau, und er benennt präzise, was er sieht. Sein Beitrag ist eher zweite Stimme als Kommentar und dennoch hilfreicher als das geistreich-unsinnige Nachwort Zsuzsanna Gahses, wo von den "Farbquadraten Trummers" (es handelt sich um rechteckige Panels) und der "Zweiteilung der Stadt" die Rede ist, die "mit der Zweiteilung Berlins anzubändeln" versuche. Kurz: Trummers Bilder sind nicht dazu angetan, andere zu interpretatorischen Höchstleistungen anzuspornen. Leider auch den Rezensenten nicht.

Peter Haber (Hg.): Jüdisches Städtebild Budapest. Mit Fotografien von Alexander Bittmann.
Jüdischer Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
282 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN 3633541594

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Norbert Trummer: Budapest Dob utca. 312 Zeichnungen. Mit Texten von Bodo Hell und einem Nachwort von Zsuzsanna Gahse.
Haymon Verlag, Innsbruck 1999.
96 Seiten, 28,10 EUR.
ISBN 3852183081

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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2000 (2. Jahrgang) » Schwerpunkt: Erinnerung » Erinnerungen an die NS-Zeit
 

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=716

Stand: 30.07.2003 - 13:01:17
Lesungen: 74
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