Michael Giesecke

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Der Buchdruck in der frŸhen Neuzeit

 

Nachwort zur dritten Auflage

Die Grenzen der Buchkultur und die Chancen der Informationsgesellschaft

Als ich vor acht Jahren dieses Buch abschlo§, beschrieben nur einige Spezialisten unsere Kultur als ÎInformationsgesellschaftâ. Seit 1994 hat sich dieses Konzept zur Leitidee fŸr das wirtschaftliche, politische und kulturelle Handeln in der europäischen Union und andernorts entwickelt. Es ist von der Idee einzelner Personen und Gruppen zu einer gesellschaftlichen Kraft geworden, die Finanzströme reguliert und die es vermag, Ÿber nationale Grenzen hinweg neue Identitäten zu stiften. Die Botschaft der Aktionspläne ÎEuropas Weg zur Informationsgesellschaftâ (1994) und ÎEuropa als Wegbereiter der globalen Informationsgesellschaftâ (1996) und der zahlreichen anderen Programmschriften lautet im Kern: Wir mŸssen unser Zusammenleben verstärkt unter dem Gesichtspunkt der gemeinsamen Gewinnung, Speicherung, Verarbeitung und Anwendung von Informationen betrachten und gestalten lernen. Die elektronischen Informations- und Kommunikationstechnologien sind zu einem Katalysator der Veränderung aller Bereiche unseres Zusammenlebens geworden. Sie haben nicht nur die Dynamik des Arbeitsmarktes dramatisch beeinflu§t sondern auch unseren kulturellen und ästhetischen BedŸrfnissen eine andere Richtung gegeben. Sie können, wie es die politischen Programmschriften ausdrŸcken, Îeine zweite Renaissanceâ einleiten, wenn es uns denn gelingt, die Chancen, die uns diese Medien fŸr eine alternative Gestaltung unserer sozialen Vernetzung und unserer Beziehung zur Natur - und zu den alten Techniken - eröffnen, zu nutzen.

Dazu mŸssen wir auch die Möglichkeiten ausschöpfen, die uns die neuen Technologien fŸr alternative Deutungen unserer Umwelt in die Hand geben. Sie sind Erkenntnismedien. Und in dieser Weise nutze ich sie zum Verständnis der Kulturgeschichte. Dieses Buch, wie auch die kurze Zeit später erschienene und in diesem Jahr neu aufgelegte Veröffentlichung ÎSinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandelâ entwickeln Kategorien fŸr eine informationstheoretische Betrachtung sozialer, technischer, mentaler, sprachlicher und anderer Vorgänge und erproben sie am historischen Material.

Wie die Rezeption des Buches gezeigt hat, haben viele Personen und Gruppen die vorgeschlagenen Perspektiven Ÿbernehmen und die gewonnenen Erkenntnisse in den verschiedensten Bereichen nutzen können. Gerade bei jenen, die tagtäglich mit den sozialen Folgen der EinfŸhrung der neuen Informationstechnologien konfrontiert werden, haben die beiden Veröffentlichungen breite Aufmerksamkeit gefunden und sind vielfach Anla§ gewesen, das Gespräch mit mir zu suchen. Gewerkschaftler, die sich mit Rationalisierungsfragen befassen; das Kultusministerium, das den Geschichts- und Sachkundeunterricht auf die neuen Medien ausrichten will; Designer, die mehr Ÿber die Differenzen zwischen der traditionellen typographischen und der postmodernen Gestaltung wissen wollen; die Kirche, die den Anschlu§ an die junge Generation und die neuen Medien sucht; Politiker, die Rat fŸr medienpolitische Entscheidungen und fŸr die Perspektiven einer globalen Kulturpolitik brauchen - fŸr sie alle ist ÎDer Buchdruck in der frŸhen Neuzeitâ nicht blo§ Beschäftigung mit Vergangenem, sondern eine aktuelle Orientierungshilfe.

Es zeigte sich in den Diskussionen aber auch, da§ die Klärung der Programme einer interaktionsfreien Parallelverarbeitung von Informationen in der Buchdruckära noch keine ausreichenden Perspektiven fŸr die Gestaltung der Informationsgesellschaft liefert. Von der monosensuellen - visuellen - Erkenntnistheorie, den monomedialen Kommunikationstheorien, den auf Sprache und Bewu§tsein fixierten Vorstellungen von Informationsverarbeitung, die die typographische Kultur des Industriezeitalters bevorzugt hat, mu§ sich die Informationsgesellschaft abgrenzen. Sie kann ihre Identität aber nicht nur aus der Negation des Vorhandenen beziehen. Das Informationszeitalter wird wieder mehr von der Komplexität unserer im Prinzip ja multimedialen Kultur zulassen können, als dies in den vergangenen Jahrhunderten möglich war: Kulturen, die auf multimediale Kommunikation fixert waren, haben keine Industrienationen gebildet. Heute sind die Normen und Werte der Buchkultur in vielen Bereichen in Europa und andernorts zu Fesseln geworden, die es verhindern, da§ wir die Potentiale der Menschen und auch jene der neuen Medien ausschöpfen können. Was wir benötigen sind multimediale Erkenntnis- und Kommunikationstheorien sowie neue Formen sozialer, auch globaler Arbeitsteilung bei der Informationsgewinnung und -nutzung. Viel mehr Aufmerksamkeit als dies das Zeitalter der Aufklärung fŸr nötig hielt, werden wir auch der Rolle impliziten Wissens, nicht-sprachlicher und kaum bewu§tseinsfähiger Information widmen mŸssen.

Um dies zu erreichen, empfiehlt sich m. E. eine ganz andere, gerade nicht auf den Buchdruck oder eine andere technisierte Form der Informationsverarbeitung ausgerichtete Perspektive. Zukunftsvisionen können wir entwickeln, indem wir uns auf die Verständigung von Angesicht zu Angesicht zwischen mehreren Menschen bei gemeinsamer Kooperation als dem komplexesten Fall multimedialer Kommunikation orientieren. Die paradigmatische Kommunikationssituation des typographischen Zeitalters: Interaktionsfreie Verständigung zwischen Autor und Leser mit Hilfe sprachlicher Texte taugt jedenfalls nicht als Basis fŸr die Entwicklung eines Konzepts multimedialer Informationsverarbeitung und ihrer Verbreitung im Internet. †berhaupt sehe ich in der gegenwärtig in den Sozial- und Medienwissenschaften vorherrschenden Konzentration auf die Untersuchung und Modellierung technischer Medien eine Hauptursache fŸr die Stagnation der Medien- und Kommunikationstheorien. Ich habe mich auch aus diesem Grund schon seit Jahren parallel zu der Auseinandersetzung mit dem Buchdruck mit der Untersuchung von face-to-face Kommunikationen beschäftigt. (Vgl. M. Giesecke/Rappe-Giesecke: Supervision als Medium kommunikativer Sozialforschung. Die Integration von Selbsterfahrung und distanzierter Betrachtung in Beratung und Wissenschaft. Frankfurt 1997.) Da§ es, wenn es um die Gestaltung des Zusammenwirkens verschiedener Medien und um eine Verbesserung der RŸckkopplungen geht, sinnvoller ist, an nicht-technisierte Kommunikationsformen anzuschlie§en, habe ich in dem vorliegenden Buch nicht deutlich ausgedrŸckt.

 

Feedback auf das Feedback

Mittlerweile liegen mir ca. 40 Besprechungen in Tages- und Fachzeitschriften sowie im Rundfunk vor. Auf die dort und darŸber hinaus in Briefen, bei Gesprächen und nunmehr auch im Internet geäu§erten Fragen, Einwände und Vorschläge möchte ich auf folgende unterschiedliche Weisen reagieren:

  1. Druckfehler, einige wenige IrrtŸmer bei Jahreszahlen, Werkzuschreibungen, biographischen Angaben u. ä., auf die aufmerksam gemacht wurde, sind in dieser Auflage so korrigiert, da§ der Umbruch erhalten bleibt.

  2. Dem Grundmangel dieses Buches, eben nur die Leistungen der typographischen Medien nicht aber seine Grenzen und seine Abhängigkeit von anderen Kommunikationssystemen aufzuweisen, versuche ich in dem Nachfolgewerk ÎVon den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft - Die Dynamik des Wechsels zwischen Epochen sozialer Informationsverarbeitungâ, das im Verlauf des nächsten Jahres in diesem Verlag erscheinen wird, abzuhelfen. Dort fŸhre ich auch die theoretische Diskussion fort und entwickle Perspektiven einer zeitgemä§en Gestaltung kultureller Prozesse als multimediale Informationsverarbeitung.

  3. Um weiteres Feedback zu meinen Arbeiten und Ÿberhaupt zu den Perspektiven einer Informations- und kommunikationstheoretischen Modellierung kultureller Prozesse zu erleichtern, sollten wir das Internet nutzen. Sie können Ÿber meine Homepage http://www.ifgb.uni-hannover.de /extern/ kommunikationslehre /giesecke.htm Näheres erfahren.

  4. Zu einigen häufiger wiederholten Fragen und kritischen Hinweisen nehme ich in diesem Nachwort Stellung.

 

Die Schwierigkeiten der Geisteswissenschaften mit der informationstheoretischen Perspektive

Die in meinen BŸchern dargestellten Modelle und Methoden sollen eine eigenständige Perspektive auf alltägliche und wissenschaftliche Analysen kultureller Prozesse ermöglichen. Sie reihen sich damit in gleichartige BemŸhungen der Wissenssoziologie, von Kommunikations- und Medienwissenschaftlern, allen voran von M. McLuhan, und von Vertretern anderer Disziplinen ein. Gleichzeitig grenzen sie sich von strukturalistischen und monokausalen Modellvorstellungen und den traditionellen Leitfragen z. B. der Soziologie (Wie ist soziale Ordnung möglich?), der Sprachwissenschaft (Wie lä§t sich Sprache als ein Zeichensystem beschreiben?), der Buchwissenschaft (Wie werden BŸcher produziert, verbreitet, und wie schlie§en sie aneinander an?) usf. ab. Wen die Fragen ÎWie hat die Industriegesellschaft soziale Informationsverarbeitung ermöglicht?â und ÎWie lassen sich natŸrliche, technische, soziale u. a. Vorgänge als kommunikative RŸckkopplungsprozesse verstehen?â nicht interessieren, der kann dieses Buch (nur) als Informationssteinbruch fŸr einen begrenzten Bereich der Kulturgeschichte in den deutschsprachigen Ländern zwischen ca. 1440 und 1550 ausbeuten. Von einem solchen Steinbruch sollte man nicht zuviel Struktur erwarten. Wer keinen Steinbruch sondern ein Kommunikationsmedium sucht, sollte zeitweise die von mir vorgegebenen Standpunkte und Perspektiven Ÿbernehmen.

Er braucht dabei seine gewohnten Ma§stäbe durchaus nicht aufzugeben. Ich halte die informationstheoretische Betrachtung im Gegensatz zu den BefŸrchtungen vieler Rezensenten, durchaus nicht fŸr zureichend und schon gar nicht fŸr die einzig mögliche. Als Anhänger des Sowohl-Als auch-Denkens empfinde ich das Nebeneinander verschiedener Konzepte grundsätzlich als eine Bereicherung. Wenn ich also vorschlage, die Geistesgeschichte als Informationsgeschichte zu beschreiben, so meine ich tatsächlich nicht, nur eine solche Beschreibung sei möglich und richtig. Wo immer das Entweder-Oder-Denken angebracht ist, beim Versuch, Kultur zu verstehen, gewi§ nicht. Hier dŸrfte es kaum eine Erscheinung geben, die nur eine einzige Ursache besitzt und deshalb reicht auch eine einzelne Erklärung nicht aus. Aus diesem Grunde nutze ich selbst in dem Buch gelegentlich auch andere Modelle.

 

Die alternativen Deutungen mancher Zusammenhänge, die vielen Lesern aufgefallen sind und hoffentlich weiter auffallen werden, bestätigen gerade die †berdeterminiertheit sozialer Prozesse. Wenn trotzdem einige Kollegen aus der Sprach- und Buchwissenschaft sowie aus der Mediävistik, die in ihren aspektreichen Werken die Kultur ansonsten keineswegs als eine triviale Maschine behandeln, die informationstheoretische Perspektive als grŸndlich ungeeignet fŸr kulturelle Prozesse hinstellen und das damit begrŸnden, da§ sich von ihrem anderen Standpunkt aus andere Beschreibungen ergeben, als jene, die ich hier präsentiere, dann mu§ dies (auch) Ursachen haben, die jenseits des wissenschaftlichen Diskurses liegen. Meine Darstellungsweise mag eine sein. Aber im Kern liegen die Verständigungsschwierigkeiten woanders. Es geht darum, ob der Verlust der zentralen Perspektive und der auf sie aufbauenden und sie stŸtzenden Mythen, Werte, Darstellungsweisen, usf. akzeptiert und mit gehöriger Trauer verarbeitet wird, oder ob man sie unkritisch verteidigt und weiterhin zur Richtschnur fŸr die Gestaltung unserer Kultur nehmen will. Die Schrift- und Buchgelehrten, deren Schicksal besonders eng an die typographische Kultur gebunden ist, mŸssen ihre Rolle in der Informationsgesellschaft neu bestimmen. Die engen Schubladen der Disziplinen scheinen zum Speichern gesellschaftlicher Erkenntnis nicht mehr erforderlich. Ein Deutungsmonopol werden die Fachdisziplinen weder in Bezug auf die Sprache, die Kommunikation, noch auf die Literatur aufrechterhalten können.

Der Sinn der "Computermetaphorik"

Im Gegensatz zu dem traditionellen Vorgehen, bei der Beschreibung von Informationsverarbeitung zunächst psychische Vorgänge: Sehen, Hören usf., Gedächtnis, Denken, Sprechen, Handeln als Vergleichsma§stab (Metaphern) heranzuziehen, habe ich mich am technischen Modell elektronischer Datenverarbeitung orientiert.

Dies hatte mehrere Ursachen: Zum einen wollte ich einer Psychologisierung sozialer Prozesse entgegenarbeiten. Die typographische Produktion von BŸchern und ihrer Verteilung ist - im Unterschied zum Schreiben - von vornherein und unaufhebbar ein gesellschaftlicher Vorgang, der sich nicht auf die (psychischen) Aktivitäten der beteiligten Personen reduzieren lä§t. Zweitens sollte auch die Technik des Buchdrucks als Informationsaustausch und nicht wie herkömmlich als zweckrationaler Werkzeugeinsatz beschrieben werden. Auch hierzu brauchte ich eine allgemeine Terminologie. Drittens sollte die aktuelle Kunstsprache die tatsächliche Ferne, die zwischen mir und der frŸhen Neuzeit besteht, unmi§verständlich deutlich machen. Viele Worte sind Ÿber die Jahrhunderte in ihrer graphischen Gestalt gleich geblieben und dies verfŸhrt auch ausgebildete Historiker immer wieder zu der Annahme, da§ die Bedeutung, die wir diesen Zeichen heute zuschreiben, dieselbe sei, wie jene, die die Menschen vor 600 Jahren zuschrieben. Das ÎLesenâ beschreibt im 15. Jahrhundert aber andere Prozesse als das ÎLesenâ 1990. Wir vergleichen deshalb €pfel mit Birnen, wenn wir beispielsweise die Alphabetisierungsraten in der frŸhen Neuzeit mit jener heute vergleichen. Meine Verwendung der Computersprache dŸrfte hinreichend klar machen, da§ und wie ich projiziere. Da die meisten Einwände gegen meine Îmoderne Terminologieâ von der m. E. unwahrscheinlichen Annahme ausgehen, unsere Alltagssprache oder deren Verkleidung mit quellensprachlichen AusdrŸcken sei weniger Îanachronistischâ, d. h. eher im Einklang mit der damaligen Wahrnehmung und dem historischen Sprachgebrauch, fŸhle ich mich in meinem Îverfremdendenâ Vorgehen bestärkt. Auch den Vorwurf, dies sei nicht neu, sondern entspreche einer dramaturgischen Idee von B. Brecht, nähme ich gerne in Kauf.

Viertens wollte ich durch die Verwendung der Sprache der Computerkultur einen Vergleich zwischen den aktuellen Innovationsprozessen und jenen in der frŸhen Neuzeit erleichtern. Dieses Buch und der Band ÎSinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandelâ sind als ÎStudien zur Vorgeschichte der Informationsgesellschaftâ angelegt. Sie beschreiben, was mir aufgefallen ist, als ich innovative kulturelle Prozesse im 15. und 16. Jahrhundert als soziale, durch technische Medien verstärkte Informationsverarbeitung betrachtet habe. Sie wollen einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der technischen und sozialen Voraussetzungen derjenigen Formen von Wissensproduktion leisten, die wir im Augenblick auf sehr vielen Feldern grŸndlich umbauen. Man wird den aktuellen Wertewandel in unserer Gesellschaft und die Perspektiven der Entwicklung der elektronischen Medien und Netze nicht verstehen, wenn man nur die vergangenen 20 Jahre ins Auge fa§t und blo§ die postmodernen Werte und Medien selbst einer Analyse unterzieht. Dies ist, als wolle man aus den Herztönen des Ungeborenen im Bauch einer Schwangeren auf dessen berufliche Zukunft schlie§en. Eine Kritik der Fernsehkultur und sozialwissenschaftliche Analysen der EinfŸhrung von Computern sind notwendig, aber sie zielen zu kurz.

Wirklich tiefgreifender sozialer Wandel lä§t sich nur aus einer Makroperspektive begreifen. Wenn tatsächlich an der Wende zum dritten Jahrtausend epochale Veränderungen anstehen, dann dŸrfte selbst ein RŸckblick auf die letzten 100 Jahre und die EinfŸhrung der elektronischen Medien nicht ausreichen. So wie die Renaissance bis in die Antike zurŸckblickte, um sich ihrer neuen Identität bewu§t zu werden, so wird auch die Informationsgesellschaft ihr eigenes Profil nur im Vergleich zur Industriegesellschaft, wie sie sich seit der frŸhen Neuzeit entwickelt hat, gewinnen.

Da§ wir uns erst seit wenigen Jahren als Îkognitiveâ oder Îwissensbasierteâ Gesellschaft beschreiben, bedeutet keineswegs, da§ unser Alltag vorher nicht auch schon durch Prozesse der Informationsgewinnung und -verarbeitung und durch Kommunikation geprägt gewesen ist. Die elektronischen Medien haben es uns lediglich erleichtert, das zu erkennen, was wir - als Individuum, als Gruppe und als Gesellschaft - immer schon gewesen sind: informationsverarbeitende Systeme. Ich sehe aus diesem Grunde auch keinen Anachronismus darin, die frŸhe Neuzeit als ein Informationssystem zu beschreiben.

 

Gibt es ein Metamodell der Informationsverarbeitung?

Die Aufforderung, die alten Medien in der Sprache der neuen Medien zu beschreiben, hat noch aus anderen GrŸnden zu Mi§verständnissen gefŸhrt. Georg Jäger sieht in ihrer Befolgung in der wohl grŸndlichsten Auseinandersetzung mit meinen theoretischen Grundannahmen eine Îunzulässige Einnahme eines Metastandpunktesâ. (ÎDie theoretische Grundlegung in Gieseckes ÎDer Buchdruck in der frŸhen Neuzeitââ in: Intern. Archiv f. Sozialgesch. d. dt. Lit., Bd. 18, H. 1, 1993: 179-196, hier 191). Unzulässig, weil damit im Gegensatz zu meinem erklärten Ziel eines multiperspektivische Herangehens eine Prämierung der elektronischen Kommunikationssysteme vorgenommen wird, die im Ÿbrigen ganz der Mystifizierung der typographischen Informationsverarbeitung im Industriezeitalter entspricht. Unzulässig auch, weil Îdie Subsumtion unterschiedlicher Sachverhalte unter wenige, nicht weiter differenzierte Begriffe aus dem Wörterbuch der Datenverarbeitung zu einer Entdifferenzierung und Metaphorisierung fŸhrtâ. (188) In der Tat steht hinter allem meine Voraussetzung einer Îstrukturellen Homologie organischer, neuronaler und technischer Prozesseâ. (189) Diese Prozesse lassen sich m. E. genau dann als funktional und strukturell ähnlich beschreiben, wenn sie als Informationsverarbeitungs- und/oder Spiegelungsvorgänge begriffen werden! Weil sie unter dieser Perspektive gleich sind, fallen

  1. Differenzierungen der Objektbereiche, die andere Disziplinen fŸr wichtig halten, fort und ist es

  2. gleichgŸltig, welche der verschiedenen Typen von Informationssystemen als Modell zur Erklärung der anderen verwendet wird.

  3. Daneben sollte es auch möglich sein, sich auf Dauer auf einige wenige sehr abstrakte Kategorien fŸr Strukturen und Prozesse zu einigen, die in allen Systemen in freilich unterschiedlicher Ausprägung beobachtbar sind.

 

Die Suche nach einem sinnvollen Spezifitätsniveau fŸr die informationstheoretischen Grundbegriffe bleibt eine gemeinsame Aufgabe. Der Informationsbegriff der Computerkultur ist natŸrlich ein historischer Spezialfall, ähnlich dem typographischen Wissensbegriff, der den Anforderungen einer zukŸnftigen multimedialen Kultur ohnedies nicht gewachsen ist. Offenbar habe ich in diesem Buch die Computerterminologie fŸr viele Leser zu extensiv genutzt. Nicht jeder kann sich an den Verfremdungseffekten erfreuen. Die †bertreibung macht aber das Prinzip nicht hinfällig: Um die Wahl eines Bezugssystems - psychische, soziale, biogene, technische usw. Informationssysteme - kommen wir nicht umhin. Einen Standpunkt jenseits des Kosmos können wir nicht einnehmen.

Als Ausweg bleibt m. E. nur, in einem geordneten Wechsel verschiedene Kommunikations- und Informationsmodelle als Vergleichsma§stab anzulegen. In diesem Buch verwende ich vorzugsweise das physikalische Spiegelungsmodell und die technischen Informationssysteme. In den Kapiteln 6 - 9 des Buches ÎSinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandelâ nutze ich das menschliche psychische System und in den letzten Kapiteln der Arbeit ÎVon den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaftâ nehme ich das Gruppengespräch als Paradigma sozialer und technischer Informationsverarbeitung und Vernetzung. Jeder Ansatz hat seine Vor- und Nachteile - und er zieht typischerweise verschiedene Lesergruppen an.

 

Handschrift und Druck: Wechsel des Emergenzniveaus menschlicher Informationsverarbeitung

Einen weiteren häufigen Diskussionspunkt bot das Verhältnis zwischen mittelalterlichen und neuzeitlichen Informationstechniken. Ich sehe in der typographischen Buchproduktion den Beginn und das Vorbild aller weiteren industriellen Warenproduktion. Die typographische Wissensproduktion ist, wie die Ÿbrige neuzeitliche Produktion auch, auf den Markt als Vernetzungsmechanismus angewiesen und kann (auch) deshalb nur als ein gesellschaftlicher Proze§ erfa§t werden. Die Normierung der Wahrnehmung, des Denkens und Beschreibens, der Sprache sowie die Professionalisierung der Nutzung von Buchinformationen usf. sind Beiträge zur Lösung des Problems interaktionsfreier Massenkommunikation. Das typographische Kommunikationssystem der industrialisierten Nationalstaaten ist durch unabzählbar viele Teilnehmer und Vernetzungsmöglichkeiten gekennzeichnet, die Autoren und Medien mŸssen sich auf ein disperses Publikum einstellen. Man mag die Manuskriptproduktion verstehen, indem man sich Werkstätten, Auditorien, Tradierungsketten und damit sehr kleine soziale Gruppen anschaut. Das Schreiben und die Schrift sind Leistungen psychischer Systeme - die typographische Fabrikation von Erkenntnis kann man weder mit Bezug auf das einzelne Individuum noch auf Ÿberschaubare Menschengruppen erklären. Die Register, die Abbildungen und die Paginierung, das neue Layout usf. vieler hochmittelalterlicher Handschriften, sollten weder eine gesellschaftliche Informationsverarbeitung ermöglichen - noch hatten sie defacto ein solches Ergebnis. Sie waren psychologisch, bestenfalls gruppenpsychologisch motiviert.

Wer also den Unterschied zwischen individueller Informationsverarbeitung und bestenfalls noch der einfachen Addition ihrer Produkte einerseits und der arbeitsteiligen gesellschaftlichen Informationsproduktion andererseits nicht kennt, der wird meine Unterscheidung zwischen Handschrift und Druck nicht verstehen - und er wird auch Schwierigkeiten haben, die neuen Strukturen der Informationsgesellschaft zu erkennen. Die skriptographischen Medien erweitern die Ressourcen der psychischen Informationsverarbeitung des einzelnen Menschen, der Druck ermöglicht die Parallelverarbeitung von Informationen im nationalen Ma§stab und die Neuen Medien werden globale Kommunikationssysteme schaffen.

An diesen Chancen sind die Informationstechnologien zu messen - nicht an ihrer empirisch natŸrlich in vielen Fällen nachweisbaren restriktiven Nutzung.

Solange diese grundlegenden Unterschiede nicht ausreichend gewŸrdigt werden, sehe ich kaum Sinn in der Suche nach einer Kontinuität zwischen Handschrift und Buchdruck, die mir von vielen Seiten empfohlen wurde. Sind die Systemreferenzen deutlich, so stellt sich die Frage des †bergangs anders - aber sie sollte natŸrlich auch beantwortet werden. Dies geschieht in diesem Buch an vielen empirischen Beispielen. So zeige ich, wie traditionelle Ziele - Gutenbergs Idee ein harmonisches, schönes Buch zu verfertigen, perspektivisch korrekte Zeichnungen zu erstellen, dem städtischen Nutz mit BŸchern zu dienen usf. - dadurch, da§ sie mit neuen Medien verfolgt werden, einen anderen Sinn erhalten und auch ganz andere Effekte zeitigen. In dem nun abgeschlossenen Manuskript (Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft) systematisiere ich solche Beobachtungen nach dem Muster des gruppendynamischen Entwicklungsmodells ÎAbhängigkeit, Gegenabhängigkeit, Autonomieâ und wende sie auf die aktuelle Medienrevolution an. Es wäre in der Tat lohnend, auch den frŸhneuzeitlichen Umbruch noch einmal nach einem solchen sozialpsychologischen - oder einem anderen - Transformationsmodell zu beschreiben.

 

Ebenso sehr wŸrde ich es begrŸ§en und unterstŸtzen, wenn jemand Jan Dirk MŸllers Vorschlag die ÎAuswirkungen des Drucks in traditionell den Geisteswissenschaften zugerechneten Disziplinenâ genauer zu verfolgen, aufgriffe (Internat. Archiv f. Sozialgesch. d. dt. Lit., Bd. 18, H. 1, 1993: 168-178). Neben vielen Korrekturhinweisen, die ich dankbar genutzt habe, gab er mir auch den Rat, den Abschnitt Ÿber ÎDie Technisierung der Unterhaltungskunstâ (298ff) neu zu gestalten. (Ebd. S. 176) Dies sind Themen, die nochmals ein gro§es Quellenstudium erfordern und sicherlich in einem voluminösen Buch enden werden.

 

Zuletzt möchte ich dem Leser noch eine Warnung von Michael Schmolke aus seiner Besprechung in ÎCommunicatio socialisâ weiterreichen: Er Îmu§ ambivalent belastbar seinâ! (H. 3, 1994: 312-314, hier 314) Da§ die Welt multidimensional, polyzentrisch und ohne Hierarchie vernetzt ist und da§ deshalb viele Standpunkte und Perspektiven zu ihrer Beschreibung erforderlich sind, fŸr die es keine natŸrliche Rangfolge gibt, gehört mittlerweile zum Credo postmodernen Denkens. In die kommunikative Welt mit ihren Spiegelungsprozessen sollte man Ÿberhaupt nur einsteigen, wenn man Freude an Ambivalenzen, Paradoxien und individueller und sozialer Selbstreflexion hat. Es ist kein Zufall, da§ ÎKommunikationâ und vor allem das Reden Ÿber Kommuniktion erst von dem Augenblick an seinen gewaltigen Bedeutungszuwachs erfahren hat, in dem sich unser ganzes Denken und Wirtschaften von linearen, logischen und monokausalen Idealen wegbewegt. Ein Konzept von Kommunikation ist nur in Theorien und Weltbildern erforderlich, die von der Unaufhebbarkeit verschiedener Standpunkte und Perspektiven ausgehen - und die deren Gleichartigkeit in jeder Kommunikation doch immer wieder voraussetzen. Jeder Hörer wird nur zum Hörer, weil er zugleich auch Sprecher ist, schweigt und doch bedeutet, da§ er zuhört und zur Erwiderung bereit ist. Jeder Sensor und jeder Effektor ist sowohl das eine als auch das andere. Wer das eine ohne das andere haben will, sollte auf die traditionellen (linearen) Handlungs- oder Wahrnehmungstheorien zurŸckgreifen. Aber genau vor dieser Komplexität ist auch die Buchkultur zurŸckgeschreckt. Sie hat das Kommunikationsproblem tayloristisch vereinfacht, die RŸckkopplung verlangsamt und gedehnt. Die Informationsgesellschaft wird ihr eigenes, den neuen Medien angemessenes Kommunikationsideal entwickeln mŸssen. Sie scheint dabei gerade erst im Begriff die Phase der ÎAbhängigkeitâ zu verlassen.

Bordenau, im Januar 1998

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