Uwe Jochum / Gerhard Wagner:
Cyberscience

oder
vom Nutzen und Nachteil der neuen Informationstechnologie fŸr die Wissenschaft

(Quelle)

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Vive le pŽdant, und nieder mit den Einfaltspinseln, die glauben, alles sei in Ordnung, wenn nur der "Geist" wiedergegeben wird.
Vladimir Nabokov, Einladung zur Enthauptung

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I.

In letzter Zeit hat es an pauschalierenden EinschŠtzungen moderner Gesellschaften nicht gefehlt. Nachdem der Begriff der Industriegesellschaft verbla§t war, besetzte die Vision einer Wissensgesellschaft das Terrain, die dann ihrerseits unter dem unmittelbaren Eindruck von Tschernobyl durch das Schlagwort der Risikogesellschaft verdrŠngt wurde. Trotz der PopularitŠt solcher Generalisierungen liegt deren Halbwertszeit weit unter der atomarer Spaltstoffe, was spŠtestens mit dem Auftauchen des Begriffs der Erlebnisgesellschaft deutlich wurde, auf den kurz danach auch schon der Begriff der Multioptionsgesellschaft folgte. Davon unabhŠngig, aber kaum weniger spektakulŠr, bildet sich seit einiger Zeit ein weiteres Konzept heraus: das der Informationsgesellschaft.

Diese Kategorie zielt auf die wachsende Nutzung der neuen Informationstechnologie. TatsŠchlich eršffnet der an das sogenannte World Wide Web (WWW) angeschlossene multimediale Personalcomputer seinem Benutzer nahezu unbegrenzte Informationsmšglichkeiten, die von Bšrsen- und Wechselkursen Ÿber Fahr- und TheaterspielpŠne bis hin zu wissenschaftlichem Datenmaterial reichen. Was im privaten Leben in erster Linie einem Gewinn an Annehmlichkeit diene, komme, so wird behauptet, im šffentlichen Bereich durchaus der "wachsenden Notwendigkeit unserer Gesellschaft" entgegen, "komplexen globalen Problemen durch die Bereitstellung von immer mehr Daten zu begegnen, und zwar in der Hoffnung auf Information, und damit verbunden besseren Mšglichkeiten der Entscheidungsfindung."(1)

Ob die neue Informationstechnologie bei der Lšsung globaler Probleme von Nutzen sein oder blo§ zu einer Ratlosigkeit hšheren Niveaus fŸhren wird, bleibt abzuwarten. Au§er Frage steht, da§ sie einschneidende VerŠnderungen mit sich bringt, die sŠmtliche gesellschaftliche Funktionsbereiche tangieren.(2) Im folgenden wollen wir uns auf die verŠnderte Situation konzentrieren, der sich die Wissenschaft ausgesetzt sieht. Dabei werden wir zeigen, da§ der Nutzen, den die neue Informationstechnologie bietet, die Nachteile, die mit deren EinfŸhrung einhergehen, in keiner Weise aufwiegt, denn, so unsere These, die zur Cyberscience hochgerŸstete Wissenschaft bŸ§t nichts weniger als ihre Wissenschaftlichkeit ein.

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II.

Wie ein Blick in die akademische Welt zeigt, nehmen viele Wissenschaftler die neue Informationstechnologie begeistert auf. Die Folge hiervon ist zunŠchst eine Entmaterialisierung der wissenschaftlichen Kommunikation, d.h. eine Abkehr von der Papierform und eine Hinwendung zum Digitalen. WŠhrend man noch vor wenigen Jahren im Briefkopf neben der postalischen Adresse die Telefon- und allenfalls noch eine Faxnummer fŸhrte, wird Erreichbarkeit heutzutage durch die E-mail-Nummer signalisiert. SchŠtzungen zufolge sollen allein in den USA jeden Monat rund 15 Mio. E-mails verschickt werden; weltweit sollen es sogar eine Milliarde sein.(3) In den USA geht man inzwischen davon aus, da§ in den Natur- und Sozialwissenschaften die Mehrheit der Forscher E-mail benutzt.(4) Durch die digitale Korrespondenz wird freilich nur der Einstieg in die Cyberscience markiert, denn die Entmaterialisierung hŠlt lŠngst auch Einzug in den Bereich wissenschaftlicher Zeitschriften und BŸcher.

So gibt es in fast allen Disziplinen inzwischen elektronische Zeitschriften, sogenannte E-Journals, die Ÿber das WWW erreichbar sind. Zweifellos ist die Kluft derzeit noch gewaltig, die diese neuen elektronischen von den herkšmmlichen, auf Papier gedruckten Zeitschriften hinsichtlich QuantitŠt und QualitŠt trennt. Zum einen machen die weltweit 440 E-Journals, die man 1994 zŠhlte, weniger als 1 % der rund 65.000 Zeitschriften aus, die allein die Library of Congress in Washington laufend bezieht und die selbst wiederum nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtangebot an wissenschaftlichen Zeitschriften darstellen. Zum andern fehlt den meisten elektronischen Zeitschriften ein Herausgebergremium, das fŸr die QualitŠt der Artikel einsteht; 1994 waren lediglich 100 der E-Journals "peer reviewed". †berdies bieten nur wenige elektronische Zeitschriften ihre Artikel im Volltext an; in der Regel erhŠlt man nur AppetithŠppchen, die zum Kauf der gedruckten und vollstŠndigen Ausgabe animieren sollen, wie das Beispiel der Political Science Quarterly zeigt.(5)

Die BefŸrworter der Cyberscience sehen darin allerdings nichts weiter als blo§e Geburtswehen. Mit der Lšsung der Copyrightprobleme, so versichert man, werde der Markt fŸr elektronische Zeitschriften boomen. FŸr diese Vermutung scheint zu sprechen, da§ sich erstens ein ambitioniertes E-Journal wie Postmodern Culture(6) bereits fest im Wissenschaftsbetrieb etablieren konnte und da§ sich zweitens inzwischen auch reputierte Wissenschaftler der Edition elektronischer Zeitschriften annehmen, wofŸr Sociological Research Online(7) als Beispiel stehen mag.

Komplizierter liegen die Dinge bei den Monographien. Hier fehlt offenbar der kommerzielle Anreiz, der die Digitalisierung ganzer Bibliotheken lukrativ erscheinen lŠ§t. So gibt es zwar durchaus elektronische BŸcher im WWW, aber in der Regel mu§ man, um das Urheberrecht und damit Tantiemenzahlungen zu umgehen, bei der Digitalisierung auf Šltere Ausgaben zurŸckgreifen, die veraltete Texte bieten. DarŸber hinaus wurden diese Texte zumeist von zwar rŸhrigen Initiativen abgeschrieben oder eingescannt, insgesamt fehlt jedoch die institutionelle Basis, die die QualitŠt der digitalisierten Texte garantiert, wie ein Blick auf das "Projekt Gutenberg" zeigt, das bis zum Jahr 2001 10.000 BŸcher elektronisch Ÿber WWW zugŠnglich machen will.(8) Aber auch diese Probleme sollen blo§e †bergangsphŠnomene sein, die unter Einsatz entsprechender Ressourcen verschwinden werden.

Glaubt man den BefŸrwortern der Cyberscience, so gibt es nicht nur die "unumkehrbare Tendenz, da§ in absehbarer Zeit Wissensobjekte jeder Art tendentiell vollstŠndig in elektronischer Form produziert und verteilt werden"; nicht aufzuhalten sei vielmehr auch die Entwicklung, "da§ die 'AltbestŠnde' tendentiell vollstŠndig elektronisiert werden."(9) Ziel dieser umfassenden Entmaterialisierung ist der Aufbau virtueller Bibliotheken, sogenannter "CyberLibs"(10), die als zukŸnftige Basis der Forschung dienen sollen. Da§ diese Vorstellung keine Utopie bleibt, dafŸr sorgen wissenschaftspolitische Gremien, die die Weichen in Richtung Cyberscience stellen. So wird die Bibliothque Nationale in Paris demnŠchst damit beginnen, 300.000 BŸcher ihres Bestandes zu digitalisieren; Šhnliche Projekte gibt es fŸr die British Library in London und die Library of Congress in Washington, die bis zum Jahr 2000 rund 5 Mio. Americana digitalisieren will.

Aber auch in Deutschland sind die Planer aktiv, wie ein kŸrzlich erschienenes Manifest der Deutschen Forschungsgemeinschaft dokumentiert. Die Experten der DFG plŠdieren nachdrŸcklich dafŸr, "wissenschaftlich relevante Materialien" in digitale Form zu ŸberfŸhren.(11) Wie man der Tagespresse entnehmen kann, verhallt ihr PlŠdoyer nicht ungehšrt. Auf einen Vorsto§ des Forschungsministeriums hin hat die Bundesregierung ein neues Fšrderprogramm von knapp zwei Milliarden Mark zum Aufbau einer digitalen "Welt-Bibliothek" verabschiedet.(12) Da§ sich die Wissenschaftspolitiker des Beifalls der Computerindustrie sicher sein kšnnen, versteht sich von selbst. Beifall bekommen sie aber auch von vielen Wissenschaftlern und Bibliothekaren, die sich von der neuen Informationstechnologie einige Vorteile versprechen. Im wesentlichen geht es hierbei um die nachfolgenden fŸnf Punkte.

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III.

(1) Das Kostenargument. Die BefŸrworter der Cyberscience sind der †berzeugung, mit der digitalen Kommunikation und Publikation sei eine enorme Kostensenkung verbunden. Das betreffe nicht nur die Versandkosten. Die Bibliotheken kšnnten sich vielmehr auch den Erwerb der teuren Zeitschriften und BŸcher sparen. TatsŠchlich stehen den in immer spezialisierteren FŠchern publizierenden Wissenschaftlern Bibliotheken gegenŸber, die immer weniger Mittel zur VerfŸgung haben und deswegen vermehrt Abonnements auf Zeitschriften kŸndigen mŸssen, wodurch sich die Abonnements fŸr die verbleibenden Bezieher verteuern. Damit ist eine Spirale in Gang gesetzt, die zu einer Absatzkrise der Zeitschriften fŸhrt. Zugleich bedeutet der Anstieg der Abonnementkosten fŸr die Bibliotheken, da§ sie immer mehr Mittel fŸr den Zeitschriftenkauf gebunden sehen und daher, um die noch bestehenden Abonnements zu bedienen, immer weniger BŸcher kaufen kšnnen. Aus dieser Spirale verspricht die neue Informationstechnologie herauszufŸhren.

Durch Digitalisierung, so hšrt man, wŠre darŸber hinaus die privatwirtschaftliche Ausbeutung des šffentlich hergestellten Gutes Wissen beendet. WŠhrend bislang die šffentliche Hand fŸr Publikationen doppelt bezahlte, indem sie zum einen die Wissenschaftler alimentierte und ihnen insofern das Schreiben ermšglichte und indem sie zum anderen die dadurch entstandenen Produkte dann aus der Hand privater Distributoren, sprich: Verlage, wieder erwerben mu§te, wŸrde sie jetzt nur noch einmal zur Kasse gebeten. Durch die direkte Vernetzung der Wissenschaftler Ÿber das WWW falle der private Verleger aus dem Spiel einfach heraus. Das Resultat sei ein kapitalismusfreier Verwertungskreislauf wissenschaftlicher Publikationen.(13) Schlie§lich bestehe ein weiterer Faktor der Kostenersparnis im Wegfall der stetig wachsenden BetrŠge, die fŸr den Stellplatz von Zeitschriften und BŸchern in Magazinen und Archiven anfallen. Doch damit nicht genug: Die Digitalisierung der Publikationen verspricht auch noch das Problem des Speicherplatzes zu lšsen.

(2) Das Raumargument. †ber die Papierflut, die seit dem 19. Jahrhundert in die Bibliotheken schwappt und dazu fŸhrt, da§ lŠngst keine Bibliothek mehr in toto erwerben kann, was an Wissenschaftlichem weltweit publiziert wird, ist viel berichtet worden. So wŠchst eine durchschnittliche deutsche UniversitŠtsbibliothek jŠhrlich um rund 50.000 BŠnde, die 1,5 km Regale belegen. Die BŸcherregale der weltgrš§ten Bibliothek, der Library of Congress in Washington, haben inzwischen eine LŠnge von Ÿber 700 km erreicht. Der Wissenschaftsrat nahm sich daher bereits 1986 dieses Problems an und errechnete, da§ in Deutschland bis zum Jahr 1999 ein Investitionsbedarf von 750 Mio. DM bestehe, um alle Bibliotheken mit ausreichenden MagazinflŠchen zu versorgen. Der Wissenschaftsrat errechnete au§erdem, da§ dieses Investitionsvolumen bei gleichbleibendem Wachstum der Bibliotheken alle 15 bis 20 Jahre erneut aufgebracht werden mŸ§te, wobei zwischenzeitlich fŸr Magazinerweiterungen jŠhrlich rund 50 Mio. DM anfallen wŸrden.(14) Zur Lšsung dieses Problems schlug der Wissenschaftsrat daher vor, da§ neben die Einrichtung zentraler Speicherbibliotheken fŸr selten genutzte BŸcher andere Formen der Aufbewahrung wie Verfilmung oder Digitalisierung treten sollten.

War sich der Wissenschaftsrat 1986 noch sicher, "da§ diese Techniken mittel- bis lŠngerfristig den Magazinbedarf zwar mindern, aber derzeit noch nicht nennenswert einschrŠnken kšnnen",(15) sieht es zehn Jahre spŠter schon anders aus. In der Mathematik spricht man offen darŸber, da§ das herkšmmliche Veršffentlichungs- und Speichersystem sein historisches Ende erreicht habe und durch ein neues Informationssystem zu ersetzen sei, bei dem an die Stelle der gedruckten Zeitschriften und Bibliotheken eine "verteilte elektronische Archivierung und Distribution" treten solle.(16) Die Gesamtkosten einer solchen Umstellung werden fŸr die Mathematik weltweit mit 100.000 DM, verteilt Ÿber 10 Jahre, beziffert.(17) An die Stelle der ins Uferlose wachsenden Bibliotheken wŸrden dann die immer schnelleren Datennetze treten, in denen KapazitŠtsfragen im Prinzip keine Rolle mehr spielten, weil die Hardware immer besser und billiger werde und also eine potentiell unendliche SpeicherkapazitŠt zu geringen Kosten biete.(18) Das Konzept scheint so Ÿberzeugend, da§ es inzwischen auch von der DFG befŸrwortet wird, die als ein Sondermittelprogramm des Bundes und der LŠnder ein Projekt zur "verteilten digitalen Forschungsbibliothek" initiieren will.(19)

(3) Das Zeitargument. Ein weiterer Vorteil der neuen Informationstechnologie soll in ihrer Schnelligkeit liegen. An erster Stelle wŠre wiederum E-mail zu nennen, das heute schon die tage- und wochenlangen Laufzeiten der konventionellen Post auf wenige Sekunden verkŸrzt. Mit Hilfe dieser Technik kšnnte man in Zukunft zweitens auch die Fernleihe beschleunigen, indem man nicht nur das Bestellverfahren elektronisiert, sondern die gewŸnschten Dokumente direkt elektronisch an den Besteller verschickt. Drittens wŸrden diese Verfahren dann endgŸltig optimiert sein, wenn mšglichst alle Dokumente in digitaler Form vorlŠgen, so da§ vom Nachweis eines Dokuments in einem elektronischen Katalog bis zu seiner Bestellung und anschlie§enden LektŸre auf dem Bildschirm nur wenige Mausklicke notwendig wŠren.

Damit wŠre auch der bislang Ÿbliche Weg einer wissenschaftlichen Veršffentlichung rasant abgekŸrzt. So beruht der Begutachtungsproze§ momentan auf einer "weltweiten und zeitraubenden Versendung von Kopien an Spezialisten", ein Proze§, der "Jahre dauern und mehrere Runden durchlaufen kann"; nach dieser mŸhevollen Begutachtung werden die Texte gesetzt und fahnenkorrigiert, um sodann vom Verlag einer "Warteschlange" einverleibt zu werden, denn meistens sind die Hefte des Journals "fŸr die nahe Zukunft anderweitig verplant".(20) Da§ es bei diesem Verfahren oftmals Monate und Jahre dauert, bis eine Erkenntnis ihren Weg vom Autor zum Leser gefunden hat, ist evident. Diese Evidenz erhŠlt fŸr die Vertreter der Cyberscience einen schalen Beigeschmack, weil dieses Verfahren dazu fŸhre, da§ Forschungsergebnisse sich oft erst dann publiziert finden, wenn sie nicht mehr aktuell seien und sich der Autor lŠngst mit anderem beschŠftige. DemgegenŸber rechnet man bei einer digitalen Publikationen mit einer sozusagen zeitgleichen Verschaltung von Forschung und Publikation, weshalb ein Autor gar jubelte, in der nahen digitalen Zukunft sei "wissenschaftliche Kommunikation nicht so sehr eine Dokumentation des Vollendeten als vielmehr eine Art DirektŸbertragung aller Gedanken zu einem Problem."(21) Damit vermeide man au§erdem, da§ die schnell distribuierten Daten andernorts noch einmal mŸhsam und teuer erhoben werden mŸ§ten.(22)

Dieser Punkt hat Ÿberdies einen gleichsam demokratischen Aspekt. WŠhrend sich die etablierten Wissenschaftler, die schnell informiert sein wollten, dank persšnlicher Beziehungen und besserer Ressourcen mit wechselseitig zugeschickten Preprints aushelfen kšnnten, hŠtten die noch jungen und nicht etablierten Wissenschaftler, aber auch der Mittelbau und nicht zuletzt die Studenten das Nachsehen.(23) Wenn man dagegen alle Forschungsergebnisse im WWW veršffentlichte, dann stŸnde das Wissen allen Netzteilnehmern unterschiedslos zur VerfŸgung, so da§ die bislang Ÿbliche machtkonforme Verteilung von Wissen aufgehoben wŠre.

(4) Das Integrationsargument. Da§ sich neue Gedanken nicht nur mšglichst schnell Ÿbertragen, sondern auch problemlos mit dem bereits Gedachten in Beziehung setzen lie§en, gilt als weiterer Pluspunkt der neuen Informationstechnologie. Kein Wissen, so wird behauptet, das man nicht in virtuellen Bibliotheken zusammenfŸhren kšnnte: "z.B. Texte bzw. deren Teile aus elektronischen Bibliotheken (nicht nur Zeitschriftenartikel, sondern auch ganze BŸcher), †bersetzungen fremdsprachiger Texte, Zusammenfassungen, State-of-the-art-Berichte, Informationen aus Hypertextnavigationen, Ergebnisse aus Datenbankrecherchen des bibliographischen und Faktenretrival, Bilder aus Image-Datenbanken, Schlu§folgerungen aus (wissensbasierten) Expertensystemen."(24)

Der Gewinn, den die Elektronisierung durch ihre multimediale IntegrationsfŠhigkeit verspricht, werde freilich noch potenziert, wenn sie retrospektiv erfolge. Sind erst einmal alle jemals gedruckten Dokumente und vielleicht auch alle in Archiven schlummernden Handschriften in elektronische Form ŸberfŸhrt worden, kšnnten "Informationen und Texte [...] ohne Medienbruch fŸr eigene Arbeiten ausgewertet und Ÿbernommen werden."(25) Dadurch wŠren nicht nur "neuartige Auswertungs- und Analysemethoden" mšglich,(26) vielmehr bedeutete die multimediale Integration von Text, Bild und Ton eine ungeahnte Verbesserung der wissenschaftlichen Kommunikations- und Arbeitsmšglichkeiten und damit nicht zuletzt auch eine Verbesserung der wissenschaftlichen Lehre.(27)

(5) Das MaterialitŠtsargument. Die durch die neue Informationstechnologie bereitgestellten Mšglichkeiten scheinen schlie§lich dem SelbstverstŠndnis der Wissenschaft zu entsprechen, Sachwalterin einer SphŠre reiner Wahrheit zu sein. Platons Ideenlehre und RenŽ Descartes' Methode, Gewi§heit nicht auf das "mannigfach wechselnde Zeugnis der Sinne",(28) sondern ausschlie§lich auf die Regeln des RŠsonierens zu grŸnden, finden heute ihre FortfŸhrung in den Werken von Wissenschaftstheoretikern, die ebenfalls ganz ohne materielles Substrat und Sinnlichkeit auskommen mšchten. So gibt es der einflu§reichen Drei-Welten-Theorie Karl Raimund Poppers zufolge zwar eine physische Welt 1 und eine psychische Welt 2. Von wissenschaftlicher Relevanz ist jedoch allein die durch ImmaterialitŠt definierte, von den Inhalten des Denkens bewohnte Welt 3.

Nach Popper hŠngt das Erfassen eines Gegenstandes der Welt 3 nicht vom "sinnlichen Kontakt mit seiner materiellen Verkšrperung" ab, "beispielsweise vom Lesen der Aussage einer Theorie in einem Buch."(29) Er ist vielmehr der †berzeugung, da§ die charakteristische Art, GegenstŠnde der Welt 3 zu erfassen, mittels einer Methode geschieht, "die kaum oder gar nicht von ihrer materialisierten Form oder von der Mitwirkung unserer Sinne abhŠngt"; und demzufolge insistiert er darauf, da§ der menschliche Geist GegenstŠnde der Welt 3 mittels einer indirekten, Nachschšpfung genannten Methode erfa§t, "die unabhŠngig von deren materialisierter Gestalt ist und die bei GegenstŠnden der Welt 3 (wie BŸchern), die auch Welt 1 angehšren, von der Tatsache ihres materiellen Vorhandenseins (ihrer Verkšrperung) absieht."(30)

Indem sich die Informationstechnologie von der Welt 1 der BŸcher mit ihren unerfreulichen Beimengungen wie DruckerschwŠrze, Eselsohren, Stockflecken und Randglossen verabschiedet und Erkenntnis weltweit als elektrischen Impuls verschickt, scheint sie tatsŠchlich eine Welt 3 im Popperschen Sinne zu konstituieren. Dieser digital gewordene Platonismus wird denn auch bereitwillig von einer Informationswissenschaft rezipiert, die die Bibliotheken insgesamt als integralen Bestandteil der Welt 3 verorten mšchte und ihnen in der datentechnischen Befriedigung von InformationsbedŸrfnissen eine glŠnzende Zukunft verspricht.(31)

Indessen steht doch sehr in Frage, ob die Realisierung des von Platon bis Popper geltenden Ideals einer SphŠre reiner Wahrheit wirklich zum Segen der Wissenschaft geschieht. Die neue Informationstechnologie besitzt nŠmlich nicht nur positive Seiten. Bei nŠherer Betrachtung erweisen sich die angefŸhrten Punkte nur scheinbar als VorzŸge.

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IV.

(1) Das Kostenargument. Niemand wird bestreiten, da§ die elektronische Post eine Senkung der reinen Versandkosten mit sich bringt. Doch sollte man darŸber nicht die Investitionen vergessen, die erforderlich sind, um an der elektronischen Kommunikation Ÿberhaupt partizipieren zu kšnnen. Computer und deren Programme, Modems und FaxgerŠte mŸssen angeschafft und regelmŠ§ig GebŸhren fŸr die Datennetze entrichtet werden. Zwar reden die BefŸrworter der Cyberscience davon, da§ die Hard- und Software alle 18 Monate um die HŠlfte billiger werde(32) und suggerieren damit, da§ der elektronische Weg demnŠchst Ÿberhaupt nichts mehr koste, aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Die rapide Verbilligung von Hard- und Software ist die Kehrseite rasanter Innovationszyklen, die nahezu in jedem neuen Jahr noch leistungsfŠhigere Systemen auf den Markt werfen, fŸr die teures Geld zu bezahlen ist. Wer daher billig kaufen will, kann stets nur das erwerben, was lŠngst Ÿberholt ist und wofŸr es auch bald keinen technischen "support" mehr gibt. Durch die permanenten Fortschritte in der Entwicklung immer schnellerer und leistungsstŠrkerer Systeme unterliegt daher alles, was man digital vertreiben mšchte, einer immens hohen Veralterungsrate. Hiervon ist nicht nur die elektronische Post, sondern das gesamte elektronische Publikationswesen betroffen.

Die fortschreitenden Softwareentwicklungen machen nŠmlich eine datentechnische Transformation des Geschriebenen im 18-Monate-Rhythmus erforderlich. Die Gestehungskosten hierfŸr sind jetzt schon immens, und man wagt sich kaum auszumalen, was das fŸr ein vollstŠndig digitalisiertes "online environment" der Forschung bedeuten wŸrde. Wollte man die wissenschaftlichen Dokumente nŠmlich datentechnisch auf dem jeweils neuesten Stand halten, mŸ§te man sie bei jedem Update auf KompatibilitŠt und Lesbarkeit hin prŸfen, und bislang verspricht nur die Computerindustrie, die ihre Updates verkaufen mšchte, da§ solche Transformationen problemlos zu bewŠltigen seien. TatsŠchlich ist in hohem Ma§e unklar, was diese Sisyphosarbeit kosten wŸrde und wer sie durchfŸhren sollte. GŸnter Gattermann, der ehemalige Direktor der DŸsseldorfer UniversitŠtsbibliothek, spricht von immerhin 64.000.000.000 Zeichen Jahreszugang allein fŸr Monographien an einer durchschnittlichen deutschen UniversitŠtsbibliothek und kommt darŸber zu dem Schlu§: "Eine papierlose Volltextspeicherung nur der wichtigsten Texte erscheint utopisch, Recherchieren nach Informationseinheiten dieser Texte nahezu irreal."(33)

Die Alternative, die beim Updaten entstehenden Fehler schlicht zu tolerieren, wŸrde indessen dazu fŸhren, da§ die Fehlerquote allmŠhlich so anwachsen wŸrde, da§ die Lesbarkeit der Texte ab einem gewissen Punkt nicht mehr gewŠhrleistet wŠre. Trotz dieser UnwŠgbarkeiten ist eines immerhin gewi§: Ein billiger kapitalismusfreier Verwertungskreislauf wissenschaftlicher Publikationen wird durch die neue Informationstechnologie nicht hergestellt. Die AbhŠngigkeit wechselt lediglich von den Verlagen hin zur Computerindustrie. Das aber bedeutet keinen geringen Verlust fŸr die Wissenschaft. Verlage sind mehr als blo§e papierverarbeitende Betriebe. Sie operieren vielmehr in einer "Interpenetrationszone"(34) von Wirtschaft und Kultur, wo sie ein konstitutiver Faktor nicht nur bei der Distribution, sondern auch bei der Produktion von Erkenntnissen sind.(35) Ob es den BefŸrwortern der Cybersience gelingen wird, hierzu ein funktionales €quivalent zu entwickeln, steht einstweilen in den Sternen.

(2) Das Raumargument. Dieses Argument ist eng mit dem Kostenargument verbunden und erhŠlt seine eigentliche Sprengkraft dadurch, da§ die Digitalisierung ja mšglichst umfassend unternommen werden soll, um den teuren Stellplatz fŸr BŸcher zu sparen. Nun hat aber die Technische Informationsbibliothek (TIB) in Hannover 1990 im Rahmen eines BMFT-Projektes errechnet, wie teuer die Digitalisierung der damals 1,4 Mio. BŠnde dieser Bibliothek kŠme. FŸr die Anschaffung von Hardware und das Einscannen der Texte wurden (je nach Anbieter) Kosten zwischen 330 bis 530 Mio. DM genannt; die jŠhrlichen Folgekosten bezifferte man auf 13 bis 33 Mio. DM. Diese Zahlen verstehen sich ohne Personalkosten, Kosten fŸr Systemerweiterungen und LizenzgebŸhren.(36) Wohlgemerkt, hier ging es um die Digitalisierung einer einzigen wissenschaftlichen Bibliothek - und noch dazu einer eher kleinen. Die vom Wissenschaftsrat 1986 genannte Zahl von 750 Mio. DM fŸr den Bau von MagazinflŠchen fŸr alle damaligen westdeutschen Bibliotheken nimmt sich demgegenŸber recht bescheiden aus. Angesichts dieser finanziellen Dimensionen ist es alles andere als glaubwŸrdig, da§ fŸr die verteilte elektronische Archivierung und Distribution der WissensbestŠnde der Mathematik 100.000 DM in 10 Jahren genŸgen wŸrden.

(3) Das Zeitargument. Auch wenn es auf der Hand liegt, da§ die elektronische schneller als die herkšmmliche Post ist, wodurch laufzeitbedingte Verzšgerungen beim Publizieren abnehmen und schwierige Forschungsprojekte besser koordiniert werden kšnnen, darf man nicht au§er acht lassen, da§ diese Beschleunigung Auswirkungen auf die wissenschaftliche Reflexion hat. Die Mšglichkeit des raschen Zugriffs auf die rasant verbreiteten Informationen erzeugt einen regelrechten Zeitdruck auf Seiten des Wissenschaftlers. Wo Texte mit Lichtgeschwindigkeit distribuiert werden, erhebt sich wie von selbst die Forderung, Texte mit Lichtgeschwindigkeit auch zu produzieren, so da§ der Tempogewinn fŸr den Wissenschaftler keine Entlastung bedeutet, sondern ganz im Gegenteil eine neue Belastung.

Nun ist aber gerade ein solcher Tempogewinn fŸr die Wissenschaft ein zweifelhaftes Ideal. Hans Blumenberg hat vor Jahren darauf hingewiesen, da§ die populŠre Vorstellung, Denken sei "die kŸrzeste Verbindung zwischen zwei Punkten", "zwischen einem Problem und seiner Lšsung, zwischen dem BedŸrfnis und seiner Befriedigung", eine Generalisierung des biologischen Reiz-Reaktions-Schemas und Motor einer …konomie ist, die ausschlie§lich auf Zwecke abstellt.(37) DemgegenŸber zeichnet sich Wissenschaft gerade dadurch aus, da§ es ihr gelingt, diese …konomie zu suspendieren. Denn durch das "Erlebnis Zweckfreiheit" wird insofern ein Ÿber das blo§e "AbwŠgen von Optionen" hinausgehendes Denken mšglich, als Zweckfreiheit Zeit schafft; gleichsam in der "Ausnutzung eines Aufschubs" erwŠchst das besondere Vermšgen, das Blumenberg "Nachdenklichkeit" nennt und das Wissenschaft als eine SphŠre mit eigener ZustŠndigkeit allererst konstituiert.(38)

Nachdenklichkeit wird von Wissenschaftlern sogar mehr oder weniger bewu§t inszeniert. So wird etwa in dem fŸr Geistesarbeiter typischen Ritual des Rauchens ein Aufschub erreicht, der das bereits Gedachte noch einmal grŸndlich zu Ÿberlegen erlaubt. Der Griff zur Zigarette, schrieb daher Paul Nizon, geschehe nicht um der Konzentration willen, sondern sei "immer Hinauszšgerung. Das Herausklopfen des wei§en StŠbchens, das umstŠndliche AnzŸnden, dann der erste Zug mit dem bi§chen Sinnesverwirrung - all das ist Gnadenfrist."(39) Ebensolche Gnadenfristen gewŠhren auch jene Schreibinstrumente, deren Absatz mit der Zahl der verkauften Personalcomputer kontinuierlich wŠchst: die FŸllfederhalter. Deren Gebrauch hat mit Nostalgie oder Snobismus nichts zu tun, sondern ist "Ausdrucksmittel von Verlangsamung, von Zeitankern", wie ein namhafter Hersteller von FŸllern jŸngst zu Protokoll gab; fŸr ihn sind diese Instrumente ein "Versuch der Menschen, ihre IndividualitŠt, ihre IdentitŠt, ihren Selbstwert, ihre Seele zu bewahren. E-Mail ist flŸchtig, hinterlŠ§t keine Spuren. Von daher ist ein FŸller ... SymboltrŠger fŸr dieses 'Sichzeitnehmen', 'Sichbewahren', 'beseelt zu bleiben'."(40)

Nun kšnnte man freilich immer noch argumentieren, da§ trotz aller notwendigen Zeitanker in modernen Gesellschaften faktisch eben weniger Zeit zur VerfŸgung stehe, weshalb man sich nach zeitgemŠ§en Kommunikationsmitteln umsehen mŸsse, und das seien nunmal nicht FŸllfederhalter und Briefe, sondern PCs und E-mail. Wie aber, wenn man sich damit nicht der allerneuesten Form wissenschaftlicher Kommunikation bediente, sondern der allerŠltesten? Indem nŠmlich die Wissenschaftler unter Umgehung der Verlage Nachrichten Ÿber E-mail direkt untereinander austauschen, fallen sie in jene ferne Zeit vor der Erfindung der gedruckten Zeitschriften zurŸck, als man private Briefe schreiben mu§te, um auf dem Laufenden zu sein. Der Tempogewinn, der dank E-mail erzielt wird, dient damit einer atavistischen Form von Wissenschaft, die sich in privaten Zirkeln abspielt und nicht mehr als publizierte und damit šffentliche Wissenschaft aufzutreten braucht. Selbst der Umstand, da§ man mit einer E-mail sozusagen auf einen Schlag Hunderte von Adressaten und damit quasi eine …ffentlichkeit erreichen kann, markiert keinen qualitativen Unterschied zur Praxis der alten Akademien, wŠhrend ihrer Sitzungen die Briefe von korrespondierenden Mitgliedern šffentlich vorzulesen.(41)

Bekanntlich waren es aber gerade die Probleme mit dem Medium des Briefes, die zur Entstehung wissenschaftlicher Zeitschriften fŸhrten, die als regelmŠ§ig erscheinendes und betreutes Medium eine solide organisatorische Basis fŸr den Wissenschaftsbetrieb bilden sollten und dann ja auch bildeten. Ob die E-Journals die herkšmmlichen, auf Papier gedruckten und von Gutachtergremien betreuten Zeitschriften in dieser Funktion ablšsen werden, wird die Zukunft zeigen. Bislang jedenfalls sind die elektronischen Journale von einer eher "informal and more tentative nature"(42) und stellen insofern ein Abbild jenes Stadiums im Forschungsproze§ dar, in dem Wissenschaftler ihre Produkte erst einmal informell unter Bekannten zirkulieren lassen, um spŠter dann ein "gehŠrtetes" Stadium der Forschung in Druck gehen zu lassen.(43)

(4) Das Integrationsargument. Die ZusammenfŸhrbarkeit digitaler Texte birgt ein Problem, das wissenschaftliches Arbeiten letztlich unmšglich macht. Denn durch die Manipulierbarkeit der Texte geht deren IdentitŠt verloren. WŠhrend durch die herkšmmliche Drucklegung ein Text in allen Exemplaren einer Zeitschriftennummer oder Buchauflage als ein und derselbe festgeschrieben ist, kann ein digitalisierter Text im Prinzip jederzeit und von jedermann verŠndert werden. Auch wenn dies de facto gar nicht geschieht, kann dennoch kein Wissenschaftler jemals sicher sein, ob er ein Original oder aber eine modifizierte Version auf dem Bildschirm zu sehen bekommt. Da keine Materie die IdentitŠt des Textes garantiert, bleibt dem Forscher nichts anderes Ÿbrig, als dem Erschienenen zu "glauben".(44)

An die Stelle konkreter physischer Evidenz tritt eine neue Form des Glaubens an das digital Zugespielte, dessen Geltung sich in der UnŸbersichtlichkeit nicht nachvollziehbarer technischer AblŠufe verliert. Dieser IdentitŠtsverlust der Texte potenziert sich noch dadurch, da§ durch das Integrationspotential der neuen Informationstechnologie nicht nur všllig heterogene Textmassen zusammengefŸhrt werden kšnnen, sondern auch anderes Digitalisierbare. Die auf diese Weise entstehenden Medienbricolagen entfernen sich endgŸltig von physischen Evidenzen und schaffen ein kŸnstliches Forschungsumfeld, bei dem sehr in Frage steht, ob es tatsŠchlich forschungsfšrdernd zu wirken vermag. Abgesehen davon, da§ sich dann Heerscharen von HilfskrŠften um die dabei auftauchenden KompatibilitŠtsprobleme wŸrden kŸmmern mŸssen.

Zugeben kann man dabei sicherlich, da§ die neue Informationstechnologie den Unterhaltungswert der Lehre steigern wird. Liest man in den Empfehlungen der PŠdagogen und Hochschuldidaktiker, wird man indessen den Verdacht nicht los, da§ es sich hierbei um nichts weiter als eine digitale Wiederkehr jener seit den 60er Jahren angestellten Versuche eines Bildungsfernsehens handelt, das niemals richtig auf die Beine kam und das zum Antiquiertesten gehšrt, was auf der Mattscheibe ungesehen verflimmern darf. In der Cyberlehre setzt sich daher der Irrtum fort, da§ Bildung zu einer anstrengungslosen Allgemeinheit gelangen kšnnte, wenn man nur endlich das richtige Medium fŠnde.

Was der NŸrnberger Trichter nicht zu leisten vermochte, nun soll es dank der Computertechnik also gelingen: die DirektŸbertragung aller Gedanken. Auch wenn es dahin nie kommen wird, so bedeutet das schon jetzt erreichte Stadium der Cyberlehre, da§ die Aufbereitung komplexer wissenschaftlicher Sachverhalte zu mundgerechten MedienhŠppchen den Sachgehalt ebendieser Sachen abenteuerlich verbiegt und obendrein das kognitive Vermšgen und die Autonomie der Studenten grob mi§achtet. Denn an die Stelle des selbst Erarbeiteten setzt sich zunehmend die unreflektierte †bernahme von bunten Bildern und Informationen aus einer bildschirmfšrmigen Medienwelt, an deren Wahrheitsgehalt man glauben mu§.

(5) Das MaterialitŠtsargument. Das von der Wissenschaftstheorie und ihrer informationstechnischen Applikation vertretene Ideal einer immateriellen SphŠre reiner Wahrheit, in der die papierene Physis der BŸcher durch digitale Medien ersetzt und die sinnliche Wahrnehmung der Wissenschaftler eskamotiert wird, steht in krassem Widerspruch zur tatsŠchlichen Forschungspraxis. HŠtten nŠmlich die Apologeten der Cyberscience recht, dann mŸ§te im zweiten Jahrzehnt des digitalen Siegeszuges mindestens ein RŸckgang im Papierverbrauch zu beobachten sein. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.(45) Ebenso kann von einem kurz bevorstehenden Ende des Buches keine Rede sein, wie ein kurzer Blick in die Statistiken des Buchhandels zeigt, wo man neben stetig steigenden UmsŠtzen auch eine stetig steigende Titelproduktion findet - und zwar in allen LŠndern, in denen ein Buchhandel Ÿberhaupt existiert.(46)

Die GrŸnde fŸr die ausbleibende Erledigung des Buches liegen im wesentlichen in der GlaubwŸrdigkeit, die die "concrete form" des Papiers transportiert, der Bildschirm aber nicht.(47) Die Tiefendimension des materiellen Buchkšrpers, die Sicherheit und Vertrauen dadurch schafft, da§ sich das Buch berŸhren lŠ§t und in dieser sinnlichen Wahrnehmung die IdentitŠt des Textes vermittelt, wird durch den †bergang zur Cyberscience auf die plane OberflŠche des Bildschirms verkŸrzt, dessen Flimmern jedwede Rede von Selbigkeit LŸgen straft. Ganz abgesehen davon, da§ der Bildschirm eine wesentlich geringere Informationsdichte aufweist als das Papier und schon deshalb keine Papierdokumente simulieren kann.(48)

Die Unterstreichungen und handschriftlichen Glossen, die der Wissenschaftler in seine BŸcher eintrŠgt, sind daher alles andere als Marginalien des Forschungsprozesses. Sie verweisen auf eine LektŸrepraxis, die in unmittelbarem Kontakt mit der Materie des Buches nicht nur Wissen, sondern auch Sicherheit und Vertrauen in die Wahrheit des Gewu§ten generiert. Dies gelingt nur deshalb, weil das Buch mit sich identisch bleibt und zu Einschreibungen einlŠdt, in denen sich die Sinne der Wissenschaftler mit der Materie des Buches gleichsam verschrŠnken. Da§ eine solche LektŸretechnik etwa durch digitale "Hypertexte" umstandlos zu ersetzen und dabei noch ein "informationeller Mehrwert" einzustreichen sei, nehmen nicht einmal die BefŸrworter der neuen Medien an, die sich vielmehr hŸten, von Substitutionsprozessen zu sprechen.(49) Wenn demgegenŸber wissenschaftssoziologische Untersuchungen belegen, da§ Wissenschaft nicht ohne materielles Substrat und sinnliche Wahrnehmung auskommt,(50) dann sollten eigentlich auch an der Forschungsrelevanz des papierenen Buches keine Zweifel mehr bestehen. Der Beweis des Gegenteils steht jedenfalls aus.

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V.

Fassen wir zusammen: Wie eine †berprŸfung der von den BefŸrwortern der Cyberscience zugunsten der neuen Informationstechnologie vertretenen Argumente zeigt, kann von einem Nutzen der Digitalisierung fŸr die Wissenschaft keine Rede sein. Selbst wenn die šffentliche Hand das Geld aufbrŠchte, um jeden Wissenschaftler ans Netz anzuschlie§en und alles Wissen in die Einsen und Nullen des binŠren Codes zu transformieren, die dadurch eintretende neue Lage ist wenig wŸnschenswert. Indem die Digitalisierung der Wissenschaft ihr Sicherheit und Vertrauen verbŸrgendes Fundament entzieht, bringt sie diese um ihre Wissenschaftlichkeit. Denn die Gewinnung von Wahrheit ist an ein materielles Substrat sowie an die Beteiligung der Sinne der Wissenschaftler gebunden. Beides wird aber durch die EinfŸhrung der neuen Informationstechnologie aus der Wissenschaft verabschiedet.

Die Beschleunigung beim Gewinn von Daten, die Freiheit, diese Daten nach Belieben zu kombinieren, und das Bewu§tsein, in einer SphŠre reinen Wissens zu operieren, werden erkauft durch einen bedingungslosen Glauben an das auf dem Bildschirm Erscheinende. Es ist durchaus kein Zufall, da§ Benutzer des WWW Ÿber einen Mangel an MaterialitŠt klagen: "new users will leave the system if they do not participate in 'events' that bring them together in a social setting to meet each other in person. Also, due to the use of pseudonyms, and the inability to physically check whether the gender that you present on the board is consistent with your physical body, users often ask each other if they have met the new user. Often, there will be mistrust as to whether this user is 'real' until there has been physical verification. This also happens when a user has multiple pseudonyms, with varying genders. Physical contact is the determining factor of reality."(51)

Was hier Ÿber die IdentitŠt von Kommunikationspartnern gesagt wird, trifft weit mehr noch auf die von Texten zu. Denn wŠhrend sich im zwischenmenschlichen Bereich etwa durch den Besuch von Konferenzen noch eine physische Verifikation herstellen lŠ§t, entkoppelt die Digitalisierung die Texte von ihrer materiellen Basis. Dann sind zwar noch Abgleichungen mit AltbestŠnden mšglich. FŸr das digital Produzierte trifft dies indes nicht mehr zu, so da§ die Cyberscience in Zukunft ohne materielles Fundament zu operieren gezwungen ist. Entgegen der von den BefŸrwortern der Cyberscience verlautbarten Hoffnungen wird die neue Informationstechnologie der Wissenschaft daher zum VerhŠngnis. Die Realisierung der Forderungen wissenschaftspolitischer Gremien wŸrde sich sehr bald schon als das erweisen, was Vladimir Nabokov poschlost nennt.(52) Ob es dazu kommt, steht freilich noch nicht fest. Immerhin ist neuerdings von einem "return of the book" die Rede.(53)


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Quelle

Der Beitrag wurde zuerst veršffentlicht in Heft 6-1996 der Zeitschrift fŸr Bibliothekswesen und Bibliographie
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 1996


Fu§noten

(1) Manfred Fa§ler / Wulf R. Halbach, "CyberModerne: Digitale Ferne und die Renaissance der Nahwelt", in: Dies. (Hg), Cyberspace. Gemeinschaften, Virtuelle Kolonien, …ffentlichkeiten. MŸnchen: Fink 1994, S. 21-93, hier S. 48.

(2) Vgl. Achim BŸhl, Cyber Society. Mythos und RealitŠt der Informationsgesellschaft. Kšln: PapyRossa 1996 sowie Gernot Wersig, Die KomplexitŠt der Informationsgesellschaft. Konstanz: UniversitŠtsverlag Konstanz 1996.

(3) Vgl. Jšrg Schieb: "Kommunikation, Unterhaltung und Konsum kŸnftig mit einem GerŠt", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 7, 9. Januar.1995, S. 3; siehe auch Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 254, 1. November 1995, S. 20.

(4) Vgl. Stephen E. Wiberley / William G. Jones, "Humanists Revisited", in: College & Research Libraries 55, 1994, S. 499-509, hier S. 503.

(5) http://epn.org/psq.html

(6) http://jefferson.village.virginia.edu/pmc/contents.all.html

(7) http://www.socresonline.org.uk/socresonline

(8) http://www.vuw.ac.nz/non-local/gutenberg/home.html

(9) Rainer Kuhlen, "Wie real sind virtuelle Bibliotheken und virtuelle BŸcher?", in: Josef Herget (Hg.), Neue Dimensionen in der Informationsverarbeitung. Proceedings des 1. Konstanzer Informationswissenschaftlichen Kolloquiums. Konstanz: UniversitŠtsverlag 1993, S. 41-57, hier S. 54. Vgl. auch Rainer Kuhlen, "Zur Virtualisierung von Bibliotheken und BŸchern", in: Dirk Matejovski / Friedrich Kittler (Hg.), Literatur im Informationszeitalter. Frankfurt [u.a.]: Campus 1996, S. 112-142.

(10) Vgl. C. Heemisch, "CyberLib - die Bibliothek der virtuellen RealitŠt", in: Cogito 4-93, 1993, S. 44-48 sowie Achim O§wald, "Die virtuelle Bibliothek: Konzeptuelle Grundlagen und praktischer Nutzen", in: Martina Reich (Hg,), Spezialbibliotheken auf dem Weg zur virtuellen Bibliothek? Karlsruhe: ASpB 1995, S. 105-119.

(11) Deutsche Forschungsgemeinschaft: "Neue Informations-Infrastrukturen fŸr Forschung und Lehre", in: Zeitschrift fŸr Bibliothekswesen und Bibliographie 43, 1996, S. 133-155, hier S. 141.

(12) Vgl. "Welt-Bibliothek im Computer. Zwei Milliarden Mark flie§en in die Informationstechnik", Mannheimer Morgen Nr. 188, 15. August 1996, S. 1.

(13) Vgl. Frederick Wilfrid Lancaster, "Networked Electronic Publishing of the Results of Scholarly Research", in: Ahmed H. Helal & Joachim W. Weiss (Hg.), Information Superhighway. Essen: UniversitŠtsbibliothek Essen, 1995, S. 207-225, hier S. 214.

(14) Vgl. Wissenschaftsrat, Empfehlungen zum Magazinbedarf wissenschaftlicher Bibliotheken. Kšln 1986, S. 22.

(15) Ebd., S. 27.

(16) Martin Grštschel / Joachim LŸgger, "Wissenschaftliche Kommunikation am Wendepunkt", in: Zeitschrift fŸr Bibliothekswesen und Bibliographie 42, 1995, S. 287-312, hier S. 295f.

(17) Martin Grštschel / Joachim LŸgger, "Die Zukunft wissenschaftlicher Kommunikation aus Sicht der Mathematik", in: Spektrum der Wissenschaft, MŠrz 1995, S. 39-43, hier S. 41.

(18) Grštschel / LŸgger (wie Anm. 16) S. 300.

(19) Deutsche Forschungsgemeinschaft (wie Anm. 11) S. 43.

(20) Grštschel / LŸgger (wie Anm. 16) S. 292.

(21) Gary Stix, "Publizieren mit Lichtgeschwindigkeit", in: Spektrum der Wissenschaft, MŠrz 1995, S. 34-39, hier S. 34.

(22) Deutsche Forschungsmeinschaft (wie Anm. 11) S. 137 u. 139.

(23) Grštschel / LŸgger (wie Anm. 16) S. 291 f. Ross Atkinson, "Networks, Hypertext, and Academic Information Services", in: College & Research Libraries 54, 1993, S. 199-215 spricht S. 206 davon, da§ die Herausgeber von Papierzeitschriften eine "virtually dictatorial control over the development of their respective disciplines" hŠtten.

(24) Kuhlen "Wie real sind virtuelle Bibliotheken..." (wie Anm. 9) S. 45.

(25) Deutsche Forschungsmeinschaft (wie Anm. 11) S. 141.

(26) Ebd.

(27) Kuhlen, "Wie real sind virtuelle Bibliotheken..." (wie Anm. 9) S. 45.

(28) RenŽ Descartes, "Regeln zur Leitung des Geistes", in: RenŽ Descartes' philosophische Werke, erste Abteilung (Fortsetzung), Ÿbers. u. hrsg. von A. Buchenau. Leipzig: DŸrr, 1905, S. 12.

(29) Karl Raimund Popper, "Die Welten 1, 2 und 3", in: Karl Raimund Popper & John C. Eccles, Das Ich und sein Gehirn. MŸnchen: Piper 1982, S. 61-77, hier S. 68.

(30) Ebd., S. 68 f.

(31) Walther UmstŠtter, "Die Hauptaufgabe der Bibliotheken", in: Bibliotheksdienst 22, 1988, S. 1028-1032. Die innerbibliothekarische Diskussion beginnt freilich schon Ende der 60er Jahre mit dem Band Bibliothekswissenschaft. Versuch einer Begriffsbestimmung in Referaten und Diskussionen. Kšln: Greven 1970. Zur genuin informationswissenschaftlichen Begrifflichkeit siehe Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. Marianne Buder... (Hrsg.). 2 Bde. 3., všllig neu gefa§te Ausg. MŸnchen [u.a.]: Saur, 1990.

(32) Grštschel / LŸgger (wie Anm. 16) S. 300.

(33) GŸnter Gattermann, "Die Information in der Bibliothek der Gegenwart", in: Dirk Matejovski / Friedrich Kittler (Hg.), Literatur im Informationszeitalter. Frankfurt [u.a.]: Campus, 1996, S. 102-111, hier S. 103.

(34) Georg JŠger, "Keine Kulturtheorie ohne Geldtheorie. Grundlegung einer Theorie des Buchverlags", in: Siegfried J. Schmidt (Hg.), Empirische Literatur- und Medienforschung. (LUMIS-Schriften Sonderreihe Bd. VII.) Siegen: UniversitŠt-Gesamthochschule 1995, S. 24-40, hier S. 31.

(35) Wulf D. v. Lucius, "Lektorat und Marketing im wissenschaftlichen Verlag. Ein Praxisbericht", in: Internationales Archiv fŸr Sozialgeschichte der deutschen Literatur 19/1, 1994, S. 33-49.

(36) Gerhard Schlitt, "VerŠnderungen im Publikationswesen und ihre Auswirklungen auf die wissenschaftlichen Bibliotheken", in: Peter Vodosek (Hg.), Bibliothek - Kultur - Information. MŸnchen: Saur, 1993, S. 151-160, hier S. 160.

(37) Hans Blumenberg, "Nachdenklichkeit", in: Deutsche Akademie fŸr Sprache und Dichtung (Hg.), Jahrbuch 1980. Heidelberg: Lambert Schneider, S. 57-61, hier S. 57 f.

(38) Ebd., S. 58.

(39) Paul Nizon, "Die ZigarettenlŠnge", in: Ders., †ber den Tag und durch die Jahre. Essays und Depeschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991, S. 90-92, hier S. 91.

(40) "Warum befreien Sie die Politik von der Sorge um die Kultur, Herr Platt?" in: Frankfurter Allgemeine Magazin, Heft 849, 7. Juni 1996, S. 58-59, hier S. 58.

(41) David A. Kronick, A history of scientific & technical periodicals. The origins and development of the scientific and technical press 1665-1790. Metuchen, N.J.: Scarcrow, 1976, S. 56 ff.

(42) David Stoker / Alison Cooke, "Evaluation of networked information sources", in: Ahmed A. Helal & Joachim W. Weiss (Hg.) Information superhighway. Essen: UniversitŠtsbibliothek Essen 1995, S. 287-312, hier S. 302.

(43) Kronick (wie Anm. 41) S. 56 ff.

(44) JŸrgen Mittelstra§, "Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung", in: Richard Landwehrmeyer u.a. (Hg.), Bibliotheken im Netz. Funktionswandel wissenschaftlicher Bibliotheken durch Informationsverarbeitungsnetze. MŸnchen: Saur 1986, S. 27-43, hier S. 37.

(45) Hannu Paulapuro, "The future of paper in the information society", in: The Electronic Library 9, 1991, S. 135-143. FŸr eine historische Perspektive siehe Claus Gršger, "Papier - Vom Aufstieg des Handgeschšpften zum unentbehrlichen Massenprodukt", in: Internationales Archiv fŸr Sozialgeschichte der deutschen Literatur 15/1, 1990, S. 184-206.

(46) Siehe Buch und Buchhandel in Zahlen. Ausgabe 1995. Frankfurt am Main: BuchhŠndler-Vereinigung, hier bes. Tab. 7 (GeschŠtzte UmsŠtze buchhŠndlerischer Betriebe) und Tab. 28 (Internationale Titelproduktion).

(47) Paulapuro (wie Anm. 45) S. 140.

(48) Ebd., S. 139, Tab. 1. Danach ist ein Offsetdruck in der Lage, 1400 bits pro mm2 darzustellen, wŠhrend selbst ein HDTV-Bildschirm nur 200 bits pro mm2 darstellen kann.

(49) Rainer Kuhlen, Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank. Berlin [u.a.]: Springer, 1991, S. 5, Anm. 1: "Wir neigen [...] zu der Annahme, da§ neue Medien und neue Informations(dienst)leistungen eher die Leistungen Šlterer ergŠnzen als substituieren."

(50) Karin Knorr Cetina, "Das naturwissenschaftliche Labor als Ort der 'Verdichtung' von Gesellschaft", in: Zeitschrift fŸr Soziologie 17, 1988, S. 85-101. Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992, S. 224 ff.

(51) Katie Argyle / Rob Shields, "Is there a Body in the Net?", in: Rob Shields (Hg.), Cultures of Internet. Virtual Spaces, Real Histories, Living Bodies. London: Sage 1996, S. 58-69, hier S. 68.

(52) Vladimir Nabokov, Nikolaj Gogol. Reinbek: Rowohlt 1990, S. 82 ff.

(53) Vgl. Jean Gimpel, "Mythinformation or the Computer Bluff", in: Ders., The End of the Future. The Waning of the High-tech World. London: Adamantine 1995, S. 15-29, hier S. 29.


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