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Arbeitsguppe 4: Überlegungen zum Feld "Keywords"

  1. Einleitung
  2. Offene Fragen
  3. Anhang
  4. Form
  5. Aufgaben eines Schlagwortsystems
  6. Aufbau eines Schlagwortsystems
  7. Schlagwortsystem (Text von Michael Blatter)

 

1. Einleitung

Wir haben lange über die Frage diskutiert, ob unsere Begriffsliste offen (Stichwortliste) oder geschlossen (Schlagwortsystem, Thesaurus) sein soll. Da ich diese Diskussion schlecht protokolliert habe, müssen wir die Argumente noch nachliefern.

(Ein Thesaurus unterscheidet sich von einem Schlagwortsystem dadurch, dass die Beziehungen zwischen den Begriffen im Thesaurus klaren Regeln folgen und beschrieben werden müssen, damit möglichst alle Bedeutungsüberschneidungen zwischen Begriffen verhindert werden. Thesauri sind deshalb mit sehr hohem Aufwand hergestellt und gleichen in etwa dem Versuch, die unzweideutige Sprache Gottes zu finden! Für Thesauri existieren ISO und DIN Normen. Vgl. dazu auch den Text von Michael Blatter im Anhang dieses Protokolls.)


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2. Offene Fragen:

  • Wer ist überhaupt autorisiert zu beschlagworten?
  • Werden nur Sites oder auch einzelne Seiten beschlagwortet? Konkret heisst dass: beschlagworten wir eine Homepage oder eher die Seite, die eine interessante Quellen enthält. Es scheint zwar wenig sinnvoll, einzelne Seiten aufzuführen. Suche ich aber einen Text von Augustinus, der unter einer Homepage ediert wurde, nützt es mir unter Umständen nichts, wenn nur die Homepage beschlagwortet wird. Eine Lösung dieses Problems bestünde darin, dass eine Homepage auch mit Schlagworten zum Inhalt ihrer einzelnen Seiten beschrieben wird. (In diesem Fall auch "Quelle, Mittelalter" oder so.)
  • Soll unsere Begriffsliste offen oder geschlossen sein?
  • Soll die Liste möglichst einfach oder differenziert sein?
  • Das Verhältnis zwischen dem Schlagwortfeld und anderen Feldern, insbesondere "Beschreibung" muss geklärt werden. (Klar definierte, zu unterscheidende Kriterien können aus dem Schlagwortsystem ausgelagert werden. Das muss im Einzelfall geklärt werden.)
  • Welche Suchoptionen stehen für das Schlagwortfeld zur Verfügung? Kann auch nach Wortfetzen gesucht werden?
  • Sprache: Wir sind der Meinung, wenn einsprachig, dann englisch, weil wir den Kreis der DiskussionsteilnehmerInnen unserer "Leserbriefseite" nicht auf die deutsche Geschichtslandschaft beschränken wollen. Am liebsten wäre uns aber eine Begriffsliste, die sich selbst in mehrere Sprachen übersetzt. Das es so etwas auf dem Internet gibt, steht fest (kann jemand noch eine Adresse nachliefern?), die Frage ist nur, ob das auch erhältlich ist.


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3. Anhang

Im Anschluss ans Protokoll noch einige allgemeine Überlegungen zu einem Schlagwortsystem. Sie sind dem "Schlagwortsystem im Bildarchiv, Schweizerischen Freilichtmuseum Ballenberg" entnommen, das von Michael Blatter ausgearbeitet wurde. (Es handelt sich dabei um eine geschlossene Begriffsliste.)


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4. Aufgaben eines Schlagwortsystems:

  • Das System dient als Findmittel, indem es den Beschrieb der Datenbankinhalte vereinheitlicht.
  • Das System muss nachvollziehbar sein.
  • Es darf aus Gründen der Handhabe nicht zu umfangreich sein, was auf Kosten der Genauigkeit der Begriffe geht.
  • Allenfalls müssen die Begriffe mit solchen von anderen Systemen übereinstimmen.


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5. Aufbau:

Das Schlagwortsystem ist hierarchisch und nach drei Ebenen gegliedert. Je konkreter der Begriff, desto tiefer die Ebene. Die konkreten Begriffe dienen dazu, die abstrakten zu beschreiben. Das ist aber ein spezifisches Problem von Bildbeschrieben. Inwiefern sich für uns das Problem von abstrakt und konkret stellt, ist noch offen. Gleiches gilt für die Hierarchie. Im System vom Ballenberg sind konkrete Begriffe jeweils nur einem abstrakten Begriff zugeordnet ("Kochstelle" zu "Raumgefüge und Einrichtung" zu "Bauten".) Diese Hierarchie dient in erster Linie dazu, den Entscheid zu vereinfachen, welche Begriffe ins System aufgenommen werden. Für unseren Zweck wird das bedeutend komplexer. Wichtig scheint mir aber, über den Grad an Abstraktion nachzudenken, den wir einführen wollen. Verwenden wir Begriffe wie "Frieden", "Liebe" etc.? Abstrakt sind diese Begriffe in dem Sinn, dass sie für den gesamten Zeitraum und für alle möglichen Informationsquellen zutreffen können, und damit unter Umständen schwer zu vergeben oder letztlich beliebig sind.

 


Zum Schluss hänge ich hier noch ein Kapitel aus Begleittext von Michael Blatter an, das die Grundprobleme eines Schlagwortsystems zusammenfasst:

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6. Schlagwortsystem

Ein Schlagwortsystem ist eine geschlossene Begriffsliste.

Ein Begriff ist immer mit (mindestens) einer Bedeutung verknüpft. Für sich alleine genommen wäre ein Begriff nur eine Aneinanderreihung unterschiedlich klingender Laute. Die Beziehung zwischen einem Begriff und seiner, bzw. seinen Bedeutungen kann sehr unterschiedlich sein: entweder steht ein Begriff für mehrere Bedeutungen, oder eine Bedeutung kann mit mehreren Begriffen ausgedrückt werden, oder ein Begriff fasst die Bedeutung von mehreren anderen Begriffen zusammen.

Diese drei unterschiedlichen Beziehungen zwischen Begriffen und Bedeutungen bereiten im alltäglichen Sprachgebrauch keine grösseren Probleme. Meist wird die Entstehung von Missverständnissen durch den Kontext des verwendeten Begriffes verhindert, d.h. der Satzzusammenhang oder Benutzungszusammenhang des Begriffes erklärt seine unmittelbare Bedeutung.

Werden aber Begriffe aus ihrem Kontext herausgenommen und in einer gleichsam "nackten" Reihe aufgelistet, so wird das Verhältnis zwischen Begriffen und ihren Bedeutungen schwerer verständlich. Wenn man versuchsweise Begriffe willkürlich nebeneinander anordnet und für ihre Bedeutung Kreise rund um die Begriffe zeichnet, die entsprechend die Kreise anderer Begriffe ein- oder auschliessen oder anschneiden, so entsteht ein komplexes Netzwerk mit unterschiedlichsten Schnittmengen, Teilmengen und Vereinigungsmengen. Sind diese Begriffe zufällig auf einer Liste zusammengekommen, so wird es schon ab mehr als einem Dutzend Begriffen schwierig, das entstandene Netzwerk zu überblicken und zu verstehen.

Begriffslisten entstehen meist, um etwas zu beschreiben und dadurch zugänglich zu machen. Dieses "etwas" kann der Inhalt eines Buches sein, dessen Kapitelüberschriften und dessen Register Begriffslisten bilden. Dieses "etwas" kann ein Archivbestand sein, dessen zugehöriger Zettelkasten oder Verzeichnis eine Begriffsliste bildet. Der Inhalt einer Bibliothek wird meist mit Stichwortlisten oder Schlagwortlisten beschreibbar und zugänglich gemacht.

Ein Lexikon ist grundsätzlich eine Begriffsliste, in der die Bedeutung der aufgelisteten Begriffe jeweils erklärt wird. Je nach Lexikon soll mit diesen Begriffen ein bestimmter fachlicher Bereich, oder gar die gesamte aktuelle Welt zugänglich werden.

Begriffslisten können Stichwortlisten oder Schlagwortlisten sein. Sind die Begriffe zu einer Stichwortliste zusammengefasst, so sind sie bewusst nicht systematisch angeordnet, d.h. auf eine schlüssige Anordnung des Netzwerkes der Bedeutungen wird verzichtet. Die Anzahl der Begriffe ist auch nicht abgeschlossen, je nach Bedürfnis können weitere Begriffe hinzugefügt werden.

Die meisten Schlagwortlisten dagegen haben den Anspruch, die einzelnen Begriffe in einem systematisch durchdachten Netzwerk von Bedeutungen aufzulisten. Diese Schlagwortlisten sind geschlossen, d.h. neue Begriffe mit neuen Bedeutungszusammenhängen können nicht beliebig in die Liste integriert werden, sondern werden gezielt eingebaut, um die Ordnung des Netzwerkes nicht mit einem Begriff durcheinanderzuwirbeln.

Doch bei der systematischen Anordnung von Begriffen und ihren Bedeutungen stellt sich ein grundsätzliches Problem. Die Beziehungen zwischen Begriffen und Bedeutungen wandeln sich. Je nach Zeit, fachlicher Ausbildung und Weltanschauung verknüpfen unterschiedliche Personen unterschiedlichste Bedeutungen mit den jeweiligen Begriffen. Jedes Lexikon ist nach einigen Jahrzehnten "veraltet", d.h. zu einer Quelle der eigenen Zeit geworden. Jeder Zettelkasten eines Archivs, mag er seinen Erstellern noch so schlüssig und praktikabel vorgekommen sein, nach einigen Jahren wird man sich zuerst in deren Denken "eindenken" müssen, ehe mit diesem Zettelkasten gearbeitet werden kann. Begriffe aus einer Fachsprache sind zwar meist definiert, bzw. es existieren Konventionen über deren Verwendung und Bedeutungen. Aber auch bei Fachsprachen verändert sich die Bedeutung von einzelnen Begriffen je nach Zeit und Weltanschauung bisweilen stark: z.B. "Fortschritt", "Jugendbewegung", "Neutralität", "Kultur". Oder es werden neue Begriffe verwendet: z.B. "Geschlechterdifferenz", "Shareholder Value". Oder Begriffe werden obsolet: z.B. "Germanenfreiheit", "Walserhaus", "Länderhaus".

Die Begriffe verweisen aber nicht einfach je nach Zeit und Weltanschauung auf unterschiedliche Bedeutungen. Je nach dem ob ein Begriff Verwendung findet oder nicht, existiert überhaupt seine Bedeutung. Die Begriffe verweisen nicht einfach auf eine abgeschlossene Wirklichkeit von Bedeutungen, die sie angemessen oder unangemessen beschreiben. Wenn dem so wäre, dann liesse sich irgendwann das Begriffssystem finden, mit dem alle möglichen Bedeutungen umfassend beschreibbar wären. Solch ein Anspruch ist nicht einlösbar und zeugt von einer gewissen Naivität. Das Denken der Menschen und die von Menschen verwendeten Begriffe (insbesondere die systematischen Begriffslisten) stehen in einem inneren, wechselseitigen Zusammenhang. Begriffsysteme prägen das Denken. Indem wir ein Begriffsystem lernen, lernen wir auch die Welt mit diesem Begriffsystem begreifen. Es wird kein Zufall sein, dass "begreifen", die von "Begriff" abgeleitete Verbform, die Bedeutung von "verstehen" trägt.

In der mittelalterlichen Scholastik stritten zwei philosophische Schulen im sogenannten Universalienstreit erbittert über die Bedeutung und den Wirklichkeitsgehalt von Begriffen und Kategorien. Die Realisten glaubten - salopp gesagt - an die Realität der Begriffe. In ihren Augen besitzen Kategorien einen Wirklichkeitsgehalt, der unabhängig vom Gebrauch durch die Menschen existiert. Die Nominalisten gehen dagegen davon aus, dass die Begriffe und Kategorien nur von den Menschen verwendete, veränderbare und austauschbare Etiketten für die Wirklichkeit sind. Ich selber gehe zwar davon aus, dass den Begriffen an sich keine Realität innewohnt. Sie sind wandelbare Etiketten, dennoch haben Begriffe eine Wirklichkeit schaffende Wirkung, indem wir die Welt durch die Brille der verwendeten Begriffe sehen. Die Begriffe eines Schlagwortsystems sind in dieser Hinsicht noch viel wirklichkeitsmächtiger als die Begriffe der Alltagssprache. Ein Schlagwortsytem dient der Beschreibung eines Bestandes, um die Inhalte in diesem Bestand zu erschliessen, d.h. zugänglich zu machen. In einem beschlagworteten Bestand lässt sich nur finden, was sich mit den Begriffen des Schlagwortsystems finden lässt. Ein Bestand besteht nach seiner Beschlagwortung also nur noch aus dem Bedeutungs-Netzwerk der verwendeten Begriffe. Ohne Zweifel liessen sich in jedem beschlagworteten Bestand aber noch unzählige weitere Bedeutungszusammenhänge erschliessen, gäbe es nur die Begriffe, um zu diesen Bedeutungen zu gelangen!

Angesichts dieser Einsicht müsste man eigentlich resignieren und alles andere versuchen, als solch einengende, normative Begriffslisten zu verwenden, um einen Bestand zu erschliessen, ganz zu schweigen davon, ein eigenes, neues Begriffsystem herstellen zu wollen! Aufgrund solcher Einsichten wechselte die Archivwissenschaft vom Pertinenzprinzip zum Provenienzprinzip, doch dazu später.

Gerade in der Einsicht, kein langfristig taugliches und unabhängig die Wirklichkeit beschreibendes Begriffsystem finden oder herstellen zu können, eröffnet sich eine neue Perspektive. Diese liegt meiner Arbeit an diesem Schlagwortsystem zugrunde. In der Arbeit mit unterschiedlichsten Begriffsystemen in Zettelkästen, Thesauri und Schlagwortlisten in Archiven, Museen und Bibliotheken zeigte sich: man kann sich in befremdende und veraltete Begriffsysteme eindenken, wenn man nachvollziehen kann, welche Begriffe mit welchen Bedeutungen verknüpft sind, wenn man herausfinden kann, unter welchen Begriffen die für die eigene Recherche relevanten Begriffe zu finden wären. Weit davon entfernt, beispielsweise das Konzept und die Bedeutungszusammenhänge der Begriffe "Volkskunst", bzw. "Hochkunst" persönlich zu teilen, so kann ich dennoch mit diesen Begriffen relativ einfach zu den Büchern über Ex Voto Malerei vordringen, sobald ich weiss, dass in der Beschlagwortung Ex Voto Bilder zu "Volkskunst" gezählt werden. Wenn die Bedeutungen der in einem Schlagwortsystem verwendeten Begriffe nachvollziehbar und für meine Begriffe übersetzbar sind, so lässt sich mit einem solchen Begriffsystem arbeiten, auch wenn die Wertungen und Konzepte der benutzbaren Begriffe in meinen Augen alles andere als angemessen sind. Aus dieser Sicht lässt sich beispielsweise die Übernahme des sehr modernen wirtschaftlichen Konzeptes von Branchen und Berufen für den Ballenberg übernehmen, auch wenn dieses Konzept für ein Museum, welches Spuren der Vormoderne sammelt, alles andere als angemessen erscheint. Aber, und das ist bei Begriffsystemen wichtiger als ihre Nähe an der zu beschreibenden Wirklichkeit: Diese Konzepte sind nachvollziehbar und übersetzbar in die eigenen Begriffe und Fragestellungen!

Michi Bürgi, 11.1.2000

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