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Stand: 05.06.2004
 
       
 
 
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Nation und jüdische Identität
Ein Forschungsprojekt des Instituts für Jüdische Studien der Universität Basel
Teilprojekt 1: Assimilationsstrategien ungarischer Juden im 19. Jahrhundert (Bearbeiter: lic. phil. Peter Haber)

Im europäischen Vergleich setzte die Integration der jüdischen Bevölkerung in die ungarische Gesellschaft erst spät ein, verlief aber atemberaubend schnell und war auf den ersten Blick äusserst erfolgreich. Vier Ereignisse prägten – aus jüdischer Sicht – das Jahrhundert in Ungarn und bestimmten so ganz wesentlich die Lebenswelt der ungarischen Jüdinnen und Juden. Victor Karády bezeichnet diese Schritte als «Etappen der kollektiven Status-Mobilität». Zu den einzelnen Punkten: (1) Im Juli 1848 beschloss die ungarische Nationalversammlung die Juden und Jüdinnen in politischen und religiösen Angelegenheiten der übrigen Bevölkerung gleichzustellen. Allerdings wurde die verbindliche Beschlussfassung vertagt. Nachdem der ungarische Aufstand von den Habsburgern niedergeschlagen wurde, verweigerte die kaiserliche Kriegsführung den Juden die Emanzipation. In der Folge wurden zwar zahlreiche Verbote, welche die Juden betrafen, aufgehoben, eine rechtliche Gleichstellung mit der christlichen Bevölkerung erfolgte allerdings nicht. (2) Nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich im November 1867 reichte der ungarische Kultusminister József Eötvös einen Gesetzesentwurf ein, der die rechtliche und politische (nicht aber die religiöse!) Gleichstellung der Juden vorsah. Die Nationalversammlung nahm die Vorlage einstimmig, die Magnatenkammer mit vier Gegenstimmen an. (3) Nach der Emanzipation der ungarischen Juden musste die Gemeindeorganisation neu geregelt werden. Die Budapester Juden baten deshalb den zuständigen Minister Eötvös, eine entsprechende Versammlung einzuberufen. Nach verschiedenen spannungsgeladenen Vorbereitungen fanden in Budapest am 14. Dezember 1868 die Eröffnungsfeierlichkeiten des Kongresses statt. 220 gewählte Delegierte nahmen daran teil. Zu den umstrittenen Fragen gehörten neben der eigentlichen Gemeindeorganisation die Schulfrage und die Gründung eines Rabbinerseminars. Von Anfang an bestanden zwischen den konservativ-orthodoxen sowie den reform- und assimilationswilligen Kreisen enorme Spannungen. Im Februar 1869 kam es dann schliesslich zum Zerwürfnis der beiden zerstrittenen Lager: 48 orthodoxe und 22 gemässigt konservative Delegierte verliessen den Kongress. Den Ausschlag dazu gab die Tatsache, dass die Orthodoxen den Schulchan Aruch nicht als Grundlage für die weiteren Beschlüsse durchsetzen konnten. Damit entstand in Ungarn die einmalige Situation, dass das Judentum sich in drei Richtungen aufteilte: die Neologen, die Orthodoxen und die status quo ante-Fraktion. (4) Die letzte Etappe auf dem Weg der Integration in die ungarische Gesellschaft war schliesslich 1896 die konfessionelle Gleichstellung der jüdischen Glaubensgemeinschaften mit den christlichen.

So wandelte sich die Stellung der Jüdinnen und Juden in Ungarn innerhalb weniger Generationen von Grund auf. Gleichzeitig fand ein grosser demographischer Wandel statt. Ein wichtiger Faktor war weiterhin die sprachliche Assimilation. Bei der Volkszählung 1890 gaben 63,8 Prozent der Jüdinnen und Juden Ungarns an, ungarischer Muttersprache zu sein. In Budapest betrug dieser Anteil 74,2 Prozent. Die ungarischen Juden waren um die Jahrhundertwende zu einem tragenden Element der ungarischen Gesellschaft, insbesondere des städtischen Mittelstandes geworden: Bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa 4,5 Prozent waren zum Beispiel mehr als vierzig Prozent aller Ärzte oder Rechtsanwälte jüdisch. Auch viele Publizisten und Schriftsteller waren damals jüdisch oder jüdischer Abstammung. Die meisten jüdischen Intellektuellen dieser Zeit fühlten sich als Juden und standen auch zu ihrem Judentum. Ihr Judesein war aber nur noch eine Frage des Glaubens, keine Frage der alltäglichen Lebenswelt mehr. Mit ihren Vorfahren, die einige Generationen früher nach Budapest gekommen waren und zumeist in bescheidensten Verhältnissen gelebt hatten, verband sie nur noch die Konfession. Das Judentum des Schtetl, das den gesamten Alltag und alle sozialen Kontakte geprägt hatte, war ihnen fremd.

Das Forschungsprojekt stützt sich auf die ursprünglich von Viktor Karady aufgestellte These, dass Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen den Magyaren und den ungarischen Juden ein stillschweigender Assimilationsvertrag geschlossen wurde, der für beide Seiten sowohl Nutzen als auch Aufwand versprach: Die Juden erlangten dank diesem Vertrag die rasche und extensive Integration in einen Teil der magyarischen Gesellschaft. In der Terminologie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu könnte man sagen: Die ungarischen Juden investierten ihr kulturelles Kapital und durften es in soziales und ökonomisches Kapital konvertieren. Mit kulturellem Kapital bezeichnet Bourdieu die Bildung eines einzelnen oder einer Gruppe und vor allem auch die Bereitschaft, sich zu bilden. Das soziale Kapital hingegen meint «die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen [...] verbunden sind; [...] oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.» (Bourdieu 1983:190 f.). Aus der Perspektive liberaler ungarischer Kreise, die den Assimilationsprozess der Juden forciert hatten, bedeutete dieser unausgesprochene Vertrag eine Hilfe bei der ?Modernisierung? einer als rückständig wahrgenommenen ungarischen Gesellschaftsstruktur. Gleichzeitig boten die assimilierten – das heisst magyarisierten – Juden die Gewähr dafür, dass die magyarische Vormachtstellung im Vielvölkerstaat Ungarn gestärkt wurde. Dies wiederum verlangte von den Juden mehr als nur eine sprachliche Anpassung an die Magyaren: Es musste mindestens für den Zeithorizont dessen, was Jan Assmann das kommunikative Gedächtnis genannt hatte (Assmann 1997:43), eine Neubewertung der gemeinsamen Vergangenheit vorgenommen werden – oder mit anderen Worten: eine neue Heimat konstruiert werden. Das Judentum als Glaubens- und Volksgemeinschaft musste zu einer Gemeinschaft umfunktioniert werden, die sich ausschliesslich über den Glauben definierte. Als in Folge von mehreren Pogromwellen zahlreiche Juden aus Polen, Galizien und Rumänien Richtung Ungarn flohen, durfte aus jüdisch-assimilierter Sicht die Hilfe nur humanitär, nicht aber politisch motiviert erfolgen. Nur so konnte die neue Wertehierarchie, die den ungarischen Patriotismus über die Zugehörigkeit zum Judentum stellte, gewahrt werden.

Das Forschungsprojekt untersucht unterschiedliche Assimilationsstrategien ungarischer Juden. Es leistet damit einen Beitrag zur alltagsgeschichtlichen Erforschung jüdischer Lebenswelten in Mitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen die Lebenswelten der ungarischen Juden nach der Emanzipation. Für das Forschungsvorhaben bedeutet dies im Konkreten, dass aufbauend auf den strukturgeschichtlichen und soziologischen Fakten, wie sie Viktor Karady in exzellenter Art und Weise aufgearbeitet hat, die «soziale Wirklichkeit» der ungarischen Juden zu beschreiben ist. Damit betritt das Projekt im Bereich der ungarisch-jüdischen Historiographie Neuland. Als Quellenbasis dienen einerseits die seit einigen Jahren im Magyar Zsidó Levéltár (Ungarisches Jüdisches Archiv) zugänglichen Quellen (Frojimovics 1996), andererseits Nachlässe ungarischer Juden, die in unterschiedlichen Archiven und Bibliotheken vorhanden sind; im Mittelpunkt stehen dabei die Handschriftenabteilung der Országos Széchenyi Könyvtár (Ungarische Nationalbibliothek), die Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die ungarische Parlamentsbibliothek, das städtische Archiv von Budapest sowie verschiedene Sammlungen in Wien und eventuell Pressburg. Mit diesem Zugang soll es möglich werden, der in der kulturgeschichtlich orientierten Historiographie seit einigen Jahren zu beobachtenden «Wiederkehr des Individuellen» gerecht zu werden (Hardtwig 1994:21).

  • Assmann, Jan: Das Kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1997 (2. Auflage).
  • Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Kreckel, Reinhard (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983 (= Soziale Welt; Sonderband 2), S. 183198.
  • Frojimovics, Kinga: Jüdisches Archiv in Ungarn, in: Blazovich, László / Müller, Veronika (Hrsg.): Die Archive in Ungarn, Budapest und Szeged 1996, S. 191192.
  • Hardtwig, Wolfgang: Alltagsgeschichte heute. Eine kritische Bilanz, in: Schulze, Winfried (Hrsg.): Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, Göttingen 1994, S. 1932.

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