"Translating seen into scene"

Identitätskonstruktion und Selbstrepräsentation in Eroberergeschichten über die "Neuen Welt"


Vom Andern zum Eigenen

Im Zuge der Entdeckung, Eroberung und Kolonialisierung der "Neuen Welt" etablierte sich in Europa ein Diskurs, der im Reden über das Andere zu einem wesentlichen Bestandteil europäischer Identität und Selbstwahrnehmung geworden ist. Ging es in diesem Diskurs vordergründig um Alterität und die Repräsentation des Fremden, so handeln die aus diesem Kontext hervorgegangenen Texte mindestens ebenso sehr von der Konstruktion europäischer Identität(en) und der damit verbundenen Inszenierungen des Eigenen.

Entsprechend legt das Projekt den Fokus auf die Frage nach der Repräsentation des Eigenen. Untersucht werden die Inhalte, Erzählstrategien und Emblematiken zur Herstellung einer hegemonialen, europäischen Identität in "großen" Erzählungen von Entdeckern und Eroberern der frühen Kolonialgeschichte und ihre Stellung im "Imaginaire" der Frühen Neuzeit. Gleichzeitig werden innereuropäische Differenzen und Konkurrenzen bei der Begegnung mit dem Fremden thematisiert. Damit rücken auch die komplexen Interferenzen zwischen Eigenem und Fremdem ins Blickfeld, die sich einer schematischen Zuordnung von europäischem Eigenen und nicht-europäischem Fremden entziehen: Identität ist nicht fixer Ausgangspunkt, sondern Ziel und zugleich Produkt narrativer Konstruktionen.

Die America-Serie der De Bry

Die berühmte Sammlung der Reisen ins "occidentalische Indien" oder "America" der De Bry bildet den Schwerpunkt der Untersuchung. Parallel auf Deutsch und Lateinisch publiziert, stellt die Sammlung ein wesentliches Korpus im Archiv des europäischen "Imaginaire" der Frühen Neuzeit: Der aus Lüttich emigrierte und in Frankfurt lebende Verleger und Kupferstecher Dieterich De Bry und seine Söhne haben mit einem protestantisch geprägten Blick wichtige Erzählungen und systematisierende Texte aus der frühen Kolonialgeschichte der Spanier, Engländer und Niederländer in ihre Sammlung aufgenommen, die in vierzehn Teilen zwischen 1590 und 1630 erschienen ist.

Die Herausgeber illustrierten ihre Sammlung in einem bis dahin nicht gekannten Umfang mit Kupferstichen, die Szenen aus der "Neuen Welt" zeigen und einen visuellen Rahmen für die Texte unterschiedlicher Provenienz schaffen. Sprachliche und bildliche Inszenierungen greifen ineinander und fügen sich in der Sammlung zu einem Gesamtkorpus. Gleichzeitig verweisen die einzelnen Texte und Bilder sowohl auf einen umfassenderen Diskurs als auch auf unterschiedliche historische Kontexte. Die Vielfalt der darin enthaltenen Gattungen, Darstellungsformen und Medien erlaubt einen multifaktoriellen Zugriff auf verschiedene Zeichen- und Repräsentationssysteme.

Projektziele

Durch die Interdisziplinarität des Projektes leistet Translating seen into scene einen Beitrag zur Integration historischer, literaturwissenschaftlicher, ethnologischer und kunsthistorischer Fragestellungen und Methoden und erweitert so das bisherige Methodenset der Geschichtswissenschaft in diesem Forschungsfeld. Gleichzeitig wird damit die historische Perspektive in die Diskussion um die Bedeutung und Entstehung kultureller Identitäten eingebracht - eine Diskussion, die in dem Maße an Bedeutung gewinnt, wie sich Gesellschaften ihrer Kulturenvielfalt bewusst werden.

Translating seen into scene hat verschiedene internationale Tagungen und Workshops organisiert:
  • Vom 25. bis 27. April 2002 hat an der Universität Basel die internationale Tagung "Berichten - Erzählen - Beherrschen. Formen des Kulturkontaktes in Geschichten über die 'Neue Welt'" stattgefunden.
    Der Tagungsband ist 2003 im Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt als Monograpahie und zugleich als Band 7, Heft 2/3 2003 der Zeitschrift "Zeitsprünge"erschienen .
  • Eine weitere Arbeitstagung hat am 26.März2003 zum Thema "Nul sans soucy. Die Verlegerfamilie de Bry und die America Serie" gemeinsam mit Historikern, Kunsthistorikern und Ethnologen am Historischen Seminar der Universtität Basel stattgefunden. Publikation: Inszenierte Welten / Staging New Worlds. Die west- und ostindischen Reisen der Verleger de Bry, 1590-1630 / De Bry's Illustrated Travel Reports, 1590-1630, ed.: Susanna Burghartz, Schwabe Verlag, Basel 2004

Das Projekt ist vom Schweizerischen Nationalfonds in den Jahren 2000 - 2004 finanziell unterstützt worden.

Projektleitung:
Prof. Dr. Susanna Burghartz, Historikerin

wiss. Mitarbeiterinnen:
Dr. Maike Christadler, Kunsthistorikerin
Dr. Dorothea Nolde, Historikerin