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Laufzeit

2005-2009

Leitung

Träger

Historisches Seminar der Universität Basel, Lehrstuhl Prof. Heiko Haumann, mit Unterstützung des Rektorates der Universität Basel und der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (Basel).

Thema

Der Forschungsbericht gliedert sich in drei Teile:

Der erste Teil untersucht zwei weitgehend getrennt verlaufene Entwicklungen innerhalb der Geschichtswissenschaft, einerseits die elektronische Datenverarbeitung, die seit den 1960er Jahren zur Anwendung gekommen ist, und andererseits die Computervernetzung, die seit den 1980er Jahren zu ersten Veränderungen in der historischen Arbeitsweise geführt hat.

Es konnte dabei gezeigt werden, wie sich diese beiden Entwicklungen gegenseitig befruchtet haben, als in den 1990er Jahren das World Wide Web weitreichende Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche der Geschichtswissenschaft zeitigte.

Dazu wurden in einem ersten Schritt die Diskussionen vornehmlich in den 1960er und 1970er Jahren analysiert, in denen mit Hilfe der Datenverarbeitung neue, quantitative Methoden der Geschichtswissenschaft erprobt und gleichzeitig bereits unter der Bezeichnung „nichtnumerische Datenverarbeitung“ neue Möglichkeiten des Informationsnachweisens und der Wissensorganisation diskutiert wurden.

Mit den Möglichkeiten der Vernetzung von Computern wurden in den 1980er Jahren völlig neue Szenarien der Kooperation und der Arbeitsteilung möglich. Nach einem Exkurs zur Geschichte des Internet, in welchem diejenigen technischen Grundlagen vorgestellt werden, die zum Verständnis der in der Geschichtswissenschaft seit den 1990er Jahren zu beobachtenden Dynamiken unabdingbar sind, werden in einem zweiten Schritt die Nutzungen und die Potentiale des World Wide Web in der Geschichtswissenschaft dargestellt. Im Zentrum steht dabei der deutschsprachige Raum, ergänzt aber durch zahlreiche Beispiele aus dem angelsächsischen Kontext.

Ein zweiter Exkurs behandelt schliesslich die für die hier diskutierten Fragestellungen relevanten Aspekte der Unterscheidung von analog und digital.

Im zweiten Teil geht es um den Wandel in den Ordnungssystemen des historischen Wissens und um die Frage, wieweit die Medien des Wissens den Umgang mit diesem Wissen prägen. Es wird die These aufgestellt, dass eine phantasmatische Vorstellung von der Möglichkeit, alles Wissen der Welt versammeln und ordnen zu können, sich als roter Faden durch die Geschichte verfolgen lässt, und dass dieses Phantasma mit dem Aufkommen digitaler Wissensmedien an Wirkungsmacht gewonnen hat.

Nach einer definitorischen Einleitung und einem Verweis auf die neuen ‚Ordnungen der Ordnung’ im digitalen Zeitalter werden einzelne Ordnungen des Wissens auf ihre mediale und phantasmatische Bedeutung hin untersucht. Dabei interessieren insbesondere Überlagerungseffekte im Übergang von analogen zu digitalen Systemen des Wissens, da sich hier die Zäsuren und die dadurch ausgelösten Verunsicherungen zeigen lassen.

Zur Sprache kommt in diesem zweiten Teil auch das Archiv, dessen Bedeutung als Gedächtnis und Speicher geschichtlichen Wissens sich im digitalen Kontext stark gewandelt hat. Der veränderte Umgang mit Wissen und Nicht-Wissen, mit Ordnung und Un-Ordnung wird mit dem Begriff Google-Syndrom umschrieben und nicht zuletzt im Hinblick auf das Allwissenheitsphantasma untersucht.

Schliesslich geht es in diesem Teil um das Phänomen Wikipedia, das als kollektiv erstellter Wissensspeicher in den letzten Jahren ein Nachdenken über die Zukunft auch des historischen Wissens bewirkt hat.

Im dritten und abschliessenden Teil geht es um die Veränderungen in der Praxis des historiographischen Arbeitsprozesses. Die Struktur dieses Teiles orientiert sich an den Arbeitsabläufen der geschichtswissenschaftlichen Arbeitsweisen und beginnt entsprechend bei der Frage nach den Veränderungen beim Suchen. Anknüpfend an die (Un-)Ordnungen des Wissens werden die neuen historischen Informationsräume diskutiert. Daran anknüpfend wird die Bedeutung einer neuen Quellenkritik des Digitalen herausgearbeitet und als eine neue Schlüsselkompetenz für die Geschichtswissenschaft beschrieben.

Das zweite Kapitel widmet sich dem Schreiben und stellt neue Textsorten des historischen Schreibens wie zum Beispiel Weblogs vor. Thematisiert werden auch die Auswirkungen der Nichtlinearität des World Wide Web auf historische Narrative. Schliesslich geht es in diesem Kapitel um die Möglichkeiten und die Grenzen des gemeinschaftlichen Schreibens.

Das dritte Kapitel widmet sich der Öffentlichkeit der Geschichte und fragt nach der Bedeutung der Medien der Geschichtsschreibung und Geschichtsvermittlung. Dabei interessieren sowohl Veränderungen in der Wechselbeziehung zwischen Fachöffentlichkeit und interessierter Öffentlichkeit, als auch ein Wandel innerhalb der Fachöffentlichkeit, der im Zuge neuer medialer Rahmenbedingungen der Geschichtswissenschaft zu beobachten ist.

Die drei Kapitel dieses Teiles werden durch zwei Exkurse ergänzt. Der erste Exkurs skizziert am Beispiel eines digitalen historischen Lexikons für die Schweiz Möglichkeiten und Potentiale eines gemeinschaftlich produzierten komplexen Informationsmediums. Der zweite und letzte Exkurs beschreibt die im digitalen Kontext veränderte Funktionsweise von Rezensionen als Leitsystem für das nach wie vor als Leitmedium des geschichtswissenschaftlichen Informationsraums fungierende Buch.

Publikationen aus dem Forschungsprojekt

Haber, Peter: Die Leitmedien der Geschichtsschreibung, in: Gendolla, Peter / Ligensa, Annemone / Müller, Daniel (Hrsg.): Leitmedien. Konzepte - Relevanz - Geschichte, Bielefeld 2009 [im Druck].

Haber, Peter: Ordnug und Unordnung im digitalen Zeitaler, in: Becker, Melitta / Kovács, László: Archiv am Netz, Innsbruck 2006 (= Lesen am Netz; 2), S. 33-40.

Haber, Peter: E-Learning in den Geschichtswissenschaften. Ein kurzer Blick zurück und nach vorne, in: Dittler, Ullrich / Krameritsch, Jakob et al.: E-Learning: Eine Zwischenbilanz. Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs, Münster 2009 (= Medien in der Wissenschaft; 50), S. 219-231.

Haber, Peter: Die Vision eines e-HLS der Zukunft, in: Jorio, Marco / Eggs, Cindy (Hrsg.): Am Anfang ist das Wort. Lexika in der Schweiz, Baden 2008, S. 135-147.

Haber, Peter: Anmerkungen zur Narrativität und zur Medialität von Geschichte im digitalen Zeitalter, in: Danker, Uwe / Schwabe, Astrid (Hrsg.): Historisches Lernen im Internet, Schwalbach 2008, S. 196-204.

Haber, Peter: Archäologie des Buchdruckes, in: Haase, Frank (Hrsg.): Architexturen einer Grenzregion. Medien und Kommunikation am Oberrhein, München 2008, S. 31-39.

Haber, Peter / Hodel, Jan: Das kollaborative Schreiben von Geschichte als Lernprozess. Eigenheiten und Potential von Wiki-Systemen und Wikipedia, in: Merkt, Marianne / Mayrberger, Kerstin u.a. (Hrsg.): Studieren neu erfinden – Hochschule neu denken, Hamburg 2007 (= Medien in der Wissenschaft; 44), S. 43-53.

Haber, Peter: Weltbibliothek oder Diderots Erben? Traditionslinien von Wikipedia, in: Koschke, Rainer / Herzog, Otthein / Rödiger, Karl-Heinz / et al. (Hrsg.): Informatik 2007. Informatik trifft Logistik. Band 2. Beiträge der 37. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) 24.-27. September 2007 in Bremen, Bonn 2007 (= Lecture Notes in Informatics; 110), S. 497-502.

Haber, Peter / Hodel, Jan: Historische Fachkommunikation im Wandel. Analysen und Trends, in: Ball, Raphael (Hrsg.): WissKom 2007. Wissenschaftskommunikation der Zukunft. 4. Konferenz der Zentralbibliothek Forschungszentrum Jülich (6. - 8. November 2007), Jülich 2007 (= Schriften des Forschungszentrums Jülich. Reihe Bibliothek; 18), S. 71-79.

Haber, Peter: Collaboratories. Das Schreiben der Geschichte im vernetzten Zeitalter, in: Burckhardt, Daniel / Hohls, Rüdiger / Prins, Claudia (Hrsg.): Geschichte im Netz. Praxis, Chancen, Visionen. Beiträge der Tagung .hist 2006, Berlin 2007 (= Historisches Forum; 10/2), S. 315-318.

Haber, Peter: Gegenwart dokumentieren – eine Annäherung aus historischer Sicht / Archiving the present – a historical perspective, in: Reddeker, Lioba (Hrsg.): Archiving the Present. Gegenwart dokumentieren, Wien 2007, S. 17-35.

Haber, Peter: Historisches Lexikon der Schweiz, in: Traverse, 2007, 40, S. 127-133.

Haber, Peter: Geschichtswissenschaften im digitalen Zeitalter. Eine Zwischenbilanz, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 56 (2006), 2, S. 168-183.

Kontakt

Dr. Peter Haber
Historisches Seminar der Universität Basel
Hirschgässlein 21
CH - 4051 Basel
M: peter.haber at unibas.ch