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Peter Haber: Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter
München 2011 (Oldenbourg), 184 Seiten, ca. € 29,80 [D].
«Pflichtlektüre für alle, die sich für die digitale Geschichtswissenschaft in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interessieren.»
Mills Kelly, Assoziierter Direktor des Center for History and New Media an der George Mason University
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Projektlaufzeit
2005-2009
Leitung
Träger
Historisches Seminar der Universität Basel, Lehrstuhl Prof. Heiko Haumann, mit Unterstützung des Rektorates der Universität Basel und der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (Basel).
Thema
Das Forschungsprojekt gliederte sich in drei Teile:
Der erste Teil untersuchte zwei weitgehend getrennt verlaufene Entwicklungen innerhalb der Geschichtswissenschaft, einerseits die elektronische Datenverarbeitung, die seit den 1960er Jahren zur Anwendung gekommen war, und andererseits die Computervernetzung, die seit den 1980er Jahren zu ersten Veränderungen in der historischen Arbeitsweise geführt hatte.
Es konnte dabei gezeigt werden, wie sich diese beiden Entwicklungen gegenseitig befruchtet haben, als in den 1990er Jahren das World Wide Web weitreichende Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche der Geschichtswissenschaft zeitigte.
Dazu wurden in einem ersten Schritt die Diskussionen vornehmlich in den 1960er und 1970er Jahren analysiert, in denen mit Hilfe der Datenverarbeitung neue, quantitative Methoden der Geschichtswissenschaft erprobt und gleichzeitig bereits unter der Bezeichnung „nichtnumerische Datenverarbeitung“ neue Möglichkeiten des Informationsnachweisens und der Wissensorganisation diskutiert worden waren.
Mit den Möglichkeiten der Vernetzung von Computern wurden in den 1980er Jahren völlig neue Szenarien der Kooperation und der Arbeitsteilung möglich. Nach einem Exkurs zur Geschichte des Internet, in welchem diejenigen technischen Grundlagen vorgestellt wurden, die zum Verständnis der in der Geschichtswissenschaft seit den 1990er Jahren zu beobachtenden Dynamiken unabdingbar sind, wurden in einem zweiten Schritt die Nutzungen und die Potentiale des World Wide Web in der Geschichtswissenschaft dargestellt. Im Zentrum stand dabei der deutschsprachige Raum, ergänzt aber durch zahlreiche Beispiele aus dem angelsächsischen Kontext.
Ein zweiter Exkurs behandelte schliesslich die für die hier diskutierten Fragestellungen relevanten Aspekte der Unterscheidung von analog und digital.
Im zweiten Teil ging es um den Wandel in den Ordnungssystemen des historischen Wissens und um die Frage, wieweit die Medien des Wissens den Umgang mit diesem Wissen prägen. Es wurde die These aufgestellt, dass eine phantasmatische Vorstellung von der Möglichkeit, alles Wissen der Welt versammeln und ordnen zu können, sich als roter Faden durch die Geschichte verfolgen lässt, und dass dieses Phantasma mit dem Aufkommen digitaler Wissensmedien an Wirkungsmacht gewonnen hat.
Nach einer definitorischen Einleitung und einem Verweis auf die neuen ‚Ordnungen der Ordnung’ im digitalen Zeitalter wurden einzelne Ordnungen des Wissens auf ihre mediale und phantasmatische Bedeutung hin untersucht. Dabei interessieren insbesondere Überlagerungseffekte im Übergang von analogen zu digitalen Systemen des Wissens, da sich hier die Zäsuren und die dadurch ausgelösten Verunsicherungen zeigen lassen.
Zur Sprache kam in diesem zweiten Teil auch das Archiv, dessen Bedeutung als Gedächtnis und Speicher geschichtlichen Wissens sich im digitalen Kontext stark gewandelt hatte. Der veränderte Umgang mit Wissen und Nicht-Wissen, mit Ordnung und Un-Ordnung wurde mit dem Begriff Google-Syndrom umschrieben und nicht zuletzt im Hinblick auf das Allwissenheitsphantasma untersucht.
Schliesslich ging es in diesem Teil um das Phänomen Wikipedia, das als kollektiv erstellter Wissensspeicher in den letzten Jahren ein Nachdenken über die Zukunft auch des historischen Wissens bewirkt hatte.
Im dritten und abschliessenden Teil ging es um die Veränderungen in der Praxis des historiographischen Arbeitsprozesses. Die Struktur dieses Teiles orientierte sich an den Arbeitsabläufen der geschichtswissenschaftlichen Arbeitsweisen und begann entsprechend bei der Frage nach den Veränderungen beim Suchen. Anknüpfend an die (Un-)Ordnungen des Wissens wurden die neuen historischen Informationsräume diskutiert. Daran anknüpfend wurde die Bedeutung einer neuen Quellenkritik des Digitalen herausgearbeitet und als eine neue Schlüsselkompetenz für die Geschichtswissenschaft beschrieben.
Das zweite Kapitel widmete sich dem Schreiben und stellte neue Textsorten des historischen Schreibens wie zum Beispiel Weblogs vor. Thematisiert wurden auch die Auswirkungen der Nichtlinearität des World Wide Web auf historische Narrative. Schliesslich ging es in diesem Kapitel um die Möglichkeiten und die Grenzen des gemeinschaftlichen Schreibens.
Das dritte Kapitel widmete sich der Öffentlichkeit der Geschichte und fragte nach der Bedeutung der Medien der Geschichtsschreibung und Geschichtsvermittlung. Dabei interessierten sowohl Veränderungen in der Wechselbeziehung zwischen Fachöffentlichkeit und interessierter Öffentlichkeit, als auch ein Wandel innerhalb der Fachöffentlichkeit, der im Zuge neuer medialer Rahmenbedingungen der Geschichtswissenschaft zu beobachten ist.
Die drei Kapitel dieses Teiles wurden durch zwei Exkurse ergänzt. Der erste Exkurs skizzierte am Beispiel eines digitalen historischen Lexikons für die Schweiz Möglichkeiten und Potentiale eines gemeinschaftlich produzierten komplexen Informationsmediums. Der zweite und letzte Exkurs beschrieb die im digitalen Kontext veränderte Funktionsweise von Rezensionen als Leitsystem für das nach wie vor als Leitmedium des geschichtswissenschaftlichen Informationsraums fungierende Buch.
Der Forschungsbericht wurde als Habilitationsschrift an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel eingereicht und bildete die Grundlage für das Buch «Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter», das im September 2011 im Oldebourg Verlag in München erschienen ist.
Kontakt
PD Dr. Peter Haber
Historisches Seminar der Universität Basel
Hirschgässlein 21
CH - 4051 Basel
M: peter.haber at unibas.ch