Dr. Taner Akçam
(Zusammengefasst von Dominik J. Schaller)
Der Artikel von Taner Akçam
thematisiert die unmittelbare Phase vor dem Entscheid des
jungtürkischen Triumvirats, einen Völkermord an den
Armeniern zu planen und auszuführen. Taner Akçam
verzichtet auf eine Analyse der Faktoren, welche zu einer solchen
Entscheidung geführt haben sowie auf die Beantwortung der
schwierigen Frage, wie die Umsetzung eines derartigen Vorhabens
möglich gewesen sei. In Anbetracht der Tatsache, dass der
türkische Staat den Genozid an den Armeniern von 1915 weiterhin
leugnet und dieses historische Ereignis in türkischen
akademischen Kreisen tabuisiert wird, erachtet es der Autor als
sinnvoll, mit seinen Ausführungen zu einem Konsens über die
historischen Tatsachen, d. h. wann sich was ereignet hat,
beizutragen. Taner Akçam legt dar, dass das Studium der bis
anhin zugänglichen türkischen Quellen den Schluss nahe
legt, bei den Ereignissen von 1915 müsse es ich um einen
Völkermord gehandelt haben. Ferner ist der Verfasser der
Meinung, besagte Quellen könnten über Organisation und
Durchführung des Genozids Aufschluss bieten. Taner Akçam
interessiert schliesslich, welche Informationen die aus den
Istanbuler Prozessen (1919-1922) resultierenden Dokumente sowie
anderes türkisch-osmanisches Quellenmaterial über die
Beziehungen und Verstrickungen des CUP (Comité Union et
Progrès) zur Spezialorganisation Teskilat-i Mahsusa und zum
osmanischen Innenministerium offenbaren. Die folgenden
Ausführungen und Schlüsse basieren auf den von Akçam
ausgewerteten Dokumenten:
Die Reorganisation der Spezialeinheiten – Teskilat-i
Mahsusa
Aus den Quellen geht hervor, an einem geheimen
Treffen des Zentralkomitees des CUP am 2. August 1914 müsse die
Bildung der Spezialeinheit beschlossen worden sein. Die Organisation
dieser Einheiten oblag in der Folge offiziell dem
Verteidigungsministerium. Innerhalb des Verteidigungsministeriums
wurde ebenfalls ein zentrales Koordinationsbüro der zu
konstituierenden Einheiten eingerichtet, welches sich indes aus
Mitgliedern des Verteidigungs- und des Innenministeriums wie auch des
CUP zusammensetzte. Diese Zentralstelle knüpfte ein Netzwerk
zwischen den verschiedenen Ministerien, den Abteilungen der Armee und
dem Zentralkomitee des CUP. Hauptaufgabe des Koordinationsbüros
war, paramilitärische Einheiten aufzustellen, welche ihre
Aktivitäten unter dem Kommando der Armee ausführen
würden. Haupteinsatzgebiet der Paramilitärs sollte
vorwiegend Ostanatolien sein. Aber auch ausserhalb des Osmanischen
Reiches sollten die Spezialeinheiten eingesetzt werden: Das
Schüren von Aufständen in Ägypten, im Kaukasus, in
Indien und im Iran gehörten ebenso zu den geplanten Aufgaben wie
das Propagieren von panturkistischen Parolen bei den umliegenden
Turkvölkern. Die Tätigkeit der Spezialeinheit im Innern
geht aus einem Schreiben des Parteisekretärs von Erzurum hervor:
die Liquidierung von unliebsamen Personen. Zu diesen zählten
hauptsächlich die Armenier.
Die Einheiten der Teskilat-i Mahsusa
Mit der Bildung von paramilitärischen
Einheiten in Ostanatolien wurde Bahaettin Sakir betraut. Die neu
formierten Paramilitärs sollten Missionen in Russland
ausführen und dieses derart zum Kriegseintritt bewegen. Ein
spezielles Hauptquartier für die Milizen der Teskilat-i Mahsusa
wurde in Erzurum errichtet. Offiziere aus der Armee und
Parteisekretäre wurden zu Führern der Einheiten bestimmt.
Obwohl die Milizen dem Oberbefehl der Armee unterstanden, wurde eine
Scheinorganisation namens “Kaukasische Revolutionäre
Vereinigung” gegründet, welcher die paramilitärischen
Einheiten angehörten, um so die Verantwortung der Armee wie auch
der Regierung für die geplanten Aktivitäten zu
verschleiern.
Die Rekrutierung der Einheiten
Mit der Bildung der Teskilat-i Mahsusa wurde
in der zweiten Augusthälfte 1914 begonnen. Die Einheiten setzten
sich hauptsächlich aus Kurden, begnadigten
Gefängnisinsassen und Immigranten aus dem Kaukasus und Balkan
zusammen. Die Gefängnisse wurden ohne rechtliche Grundlagen
zwecks Rekrutierung geleert. Dies führte innerhalb der Regierung
zu gewissen Spannungen. Erst nach der Freilassung der Häftlinge
erliess der Justizminister eine Spezialamnestie. Zuständig
für die Rekrutierung in den Provinzen waren von Istanbul dazu
ermächtigte Parteisekretäre. Im Verteidigungsministerium
wurde eine Stelle eingerichtet, welche für Ausrüstung und
Ausbildung der paramilitärischen Einheiten zuständig war.
Es ist offenkundig, dass die Organisation und Rekrutierung der
Teskilat-i Mahsusa hauptsächlich von Istanbul ausging und dort
auch die Entscheidungen getroffen wurden, wo welche Einheiten wie zum
Einsatz kommen sollten.
Erste Aktionen der Einheiten
Bereits im August nach der Formation der
Einheiten wurden militärische Aktionen in russisches Gebiet
hereingetragen. Indes wurden nicht bloss russische Truppen
attackiert. Armenische Dörfer auf russischer Seite wie auch in
Ostanatolien selbst wurden überfallen und geplündert.
Armenische Intellektuelle, politische und religiöse
Persönlichkeiten wurden vermehrt zu Zielscheiben von Angriffen
der Teskilat-i Mahsusa. Es bestanden gar Pläne, die Führer
der Dashnak-Partei schon vor Ausbruch des eigentlichen Krieges zu
liquidieren. Übergriffe der Milizen auf muslimische Dörfer
und damit einhergehende Plünderungen trübten das
Verhältnis zur Armee. Doch solange die Teskilat-i Mahsusa
militärisch erfolgreich waren, Ardahan wurde von ihnen besetzt
und bis nach Batun vorgestossen, wurden die Differenzen
überspielt.
Die Entscheidung zugunsten eines Genozids
an den Armeniern
Wie der militärische Vorstoss der
osmanischen Armee und der Teskilat-i Mahsusa im Kaukasus ins Stocken
geriet und in Sarikamis in einem grossen Fiasko endete, sich die
panturanischen Träume der Jungtürken als Illusion
herausstellten, wurde der Status der paramilitärischen Einheiten
in Frage gestellt, zumal die Armeeführung das oft
undisziplinierte Vorgehen der Milizen gegenüber der muslimischen
Bevölkerung Ostanatoliens anprangerte. Es wurde diskutiert, ob
die Einheiten ganz aufgelöst oder in reguläre
Armeeeinheiten umgewandelt werden sollten. Bahaettin Sakir konnte die
Entscheidungsträger in Istanbul während eines Treffens im
März 1915 davon überzeugen, dass armenische
Unterstützung den russischen Vorstoss massiv begünstigt
hätte und die “armenische Gefahr” im Innern
liquidiert werden müsste. Taner Akçam hält es
für höchstwahrscheinlich, dass die Entscheidung zugunsten
eines Genozids an den Armeniern während einer Reihe von Treffen
Bahaettin Sakirs mit den Mitgliedern des Zentralkomitees des CUP Ende
März 1915 in Istanbul getroffen worden sei. Es wurde
beschlossen, die Teskilat-i Mahsusa sollten inskünftig nicht
mehr gegen äussere Feinde eingesetzt werden, sondern sich
vielmehr der “inneren Feinde” annehmen. Im Kontext dieser
Überlegungen wurden zwei Beschlüsse gefällt: Der eine
sollte die Deportation der Armenier verfügen, der andere ihre
Liquidierung. Die Deportationen letztlich sollten so angelegt werden,
dass sie zwangsläufig in den Tod der Armenier führen
müssten. Taner Akçam belegt diesen Sachverhalt u. a. mit
dem folgenden Zitat eines Gendarmeriekommandanten: “Transport
means destruction”. Die Einheiten der Teskilat-i Mahsusa
wurden dem Oberbefehl der Armee entzogen und ausschliesslich den
Funktionären des CUP unterstellt.
Zur Organisation des
Völkermords
Das Zentralkomitee des CUP erliess
gleichzeitig einen Beschluss zur Deportation der Armenier wie einen
zu ihrer Eliminierung. Das Innenministerium entwarf einen offiziellen
Deportationsplan, der über die Kanäle dieses Instituts in
die betreffenden Regionen gelangte. Die geheime Direktive zur
Tötung der Armenier hingegen wurde den Provinzvorstehern von
Parteisekretären persönlich überbracht. Gouverneure,
welche sich diesem Beschluss widersetzten, wurden von den aus
Istanbul stammenden Parteisekretären abgesetzt oder gar selbst
liquidiert. Die Provinzgouverneure hatten die Verantwortung für
die Deportationen zu übernehmen, welche der jungtürkische
Innenminister von Istanbul aus systematisch via Telegramm steuerte.
Parteisekretäre schliesslich standen den Teskilat-i Mahsusa
Einheiten vor und organisierten die Umsetzung des Genozid-Beschlusses
auf lokaler Ebene. Bei der Konfiszierung von armenischen Gütern
taten sie sich ebenfalls hervor.
Bein den Istanbuler Prozessen (1919-1922)
vorgelegte Telegramme von Talaat Pascha an die Provinzgouverneure
legen eindrücklich dar, dass es sich beim jungtürkischen
Innenminister um den eigentlichen Koordinator und zentralen
Organisator des Mordes an den Armeniern im Osmanischen Reich
gehandelt hat.