Nationsbildung, Krieg, materielle Faktoren und Vernichtungspolitik.

Überlegungen zu Parallelen zwischen dem Mord an den europäischen Juden und dem an den Armeniern

Christian Gerlach

 


1. Fragestellung

Der Mord an den Armeniern und die Vernichtung der europäischen Juden sind oft miteinander verglichen worden. Nicht selten mit politischen Hintergedanken – beide Forschungsfelder sind zwangsläufig stark politisiert. Aus diesem Grund erscheint es angebracht, zunächst offenzulegen, mit welchen Absichten hier weitere komparatistische Überlegungen in dieser Richtung angestellt werden.[1]
Wesentliche Konfliktlinien für die vergleichende Forschung zu beiden Massenverbrechen bestehen einerseits bei der Frage der “Einzigartigkeit des Holocaust”, andererseits beim Versuch nachzuweisen, daß an den Armeniern ein sozusagen gleichberechtigter Genozid verübt worden sei.[2] Dies führt im ersteren Fall oft zur Dekontextualisierung des historischen Geschehens, im letzteren wegen anhaltender Leugnung und Verniedlichung zu einer fortgesetzten (pro)armenisch-(pro)türkischen Konfrontation. Ein Vergleich beider Massenverbrechen, so läßt sich in Anlehnung an Robert Melson feststellen, sollte nicht auf die Verkleinerung oder Relativierung des einen oder die Überhöhung des anderen abzielen, sondern dazu dienen, ähnliche Bedingungen und Ereignismuster aufzufinden.[3] Jedoch sollte dieser Vergleich die neuesten Entwicklungen der Forschung berücksichtigen (und hierzu gehört im Endzustand wenigstens ein Mindestmaß an eigenen Aktenstudien). Ziel dieses Artikels ist es, einige der jüngeren Erkenntnisse der Forschung zur NS-Vernichtungspolitik und zum Mord an den europäischen Juden aufzunehmen und in diesem Vergleich einzubringen. Heute werden, um nur ein Beispiel zu nennen, weniger Historiker als noch vor einigen Jahren mit der Auffassung Helen Feins und Roger Smiths übereinstimmen, hier handele es sich um zwei “ideologische Genozide”, oder vielmehr, man könne ideologische, utilitaristische oder mit Entwicklungsplänen verbundene “Genozide” wirklich typologisch sauber unterscheiden.[4]
Daß der Autor dieses Papiers kein Spezialist für die Geschichte der Vernichtung der Armenier ist, begrenzt andererseits die Möglichkeiten und den Wert seiner vergleichenden Überlegungen. Noch mehr gilt das für die in diesem Essay niedergelegten gänzlich vorläufigen Gedanken und Hypothesen, die lediglich einen Ausblick auf noch ausstehende empirische Überprüfungen geben können. Aber auch darüber hinaus müssen Quellenstudien limitiert bleiben, aus sprachlichen und anderen Gründen. Im wesentlichen geht es also um die Übertragung von Erfahrungen aus einem verwandten Forschungsgebiet; um Anregungen und Ideen für mögliche künftige Ansätze für Untersuchungen zum Mord an den Armeniern; und um eventuelle Folgerungen, die umgekehrt für die Analyse der Ermordung der europäischen Juden und andere NS-Massenverbrechen zu ziehen wären.
Im folgenden werden zunächst einige Reflexionen zu neueren Tendenzen in der Forschung über die NS-Vernichtungspolitik vorgestellt, um dann einen vielleicht überraschend erscheinenden Vergleich nicht zum nationalsozialistischen Deutschland, sondern zwischen der türkischen Politik beim Mord an den Armeniern und der ungarischen Politik bei der Vernichtung der ungarischen Juden vorzuschlagen, ein Gedanke, der sich aus einer neueren Studie zu diesem Thema ergeben hat.[5] Hiervon ausgehend, beschäftige ich mich vorwiegend mit der osmanischen und jungtürkischen Integrationspolitik bei der Bildung eines modernen Nationalstaats vor und während des Ersten Weltkriegs, mit der Kriegssituation und mit materiellen Faktoren, die mit Kriegführung und Nationalitätenpolitik in Verbindung standen, darunter vor allem der Finanzpolitik. Es kann hier nur um einige Parallelen gehen; ein umfassender Vergleich wird nicht angestrebt.[6]

2. Neuere Tendenzen in der Forschung zur NS-Vernichtungspolitik

Folgende vier Aspekte haben die Entwicklung der Forschung zur NS-Vernichtungspolitik in den letzten Jahren geprägt:[7] in sogenannten Regionalstudien wurden Vorgänge in einzelnen Gebieten untersucht, der politische Kontext der Ermordung der Juden (die weiter eindeutig im Mittelpunkt stand) wurde einbezogen, Identität und Motive der Täter wurden in den Blick genommen, und fast alle Arbeiten unterschieden sich von früheren durch das Maß an Empirie, durch den Umfang der verarbeiteten Quellen. Dies führte zu einer Verlagerung der Einschätzung der Gewichte zwischen Peripherie und Zentrum – offenbar hatten Initiativen aus besetzten Gebieten, von mittleren Ebenen und aus Institutionen außerhalb von SS und Polizei größeren Einfluß auf die Vernichtungspolitik als früher angenommen, etwa Zivilverwaltungen, Ministerien und Wehrmacht. Die Zeit der Kontroversen zwischen Intentionalisten und Funktionalisten (Strukturalisten) ist vorbei; beide Schulen haben sich zwar als wichtig für die Fortentwicklung der Forschung, aber als zu theoretisch, absolut und zu wenig quellengebunden erwiesen.[8] Der früher postulierte Gegensatz zwischen Ideologen und Pragmatikern unter den Funktionsträgern der NS-Zeit kann als weitgehend überholt gelten; stattdessen werden Unterschiede hier oft nur noch als graduell eingeschätzt und wird der Kooperation verschiedener Instanzen mehr Gewicht als Konflikten zwischen ihnen eingeräumt. Von einer wachsenden Zahl von Historikern werden auch Ideologie und Ökonomie nunmehr als sich oft eher gegenseitig verstärkende denn widersprechende Faktoren gesehen. Dies führt letztlich zur Schlußfolgerung, daß die NS-Vernichtungspolitik als multikausal in dem Sinne zu betrachten sei, daß sich die Suche nach dem bestimmenden, prioritären Faktor erübrigt – ja als kontraproduktiv erweist, wenn gerade das Zusammenwirken verschiedener Faktoren wesentlich zur Dynamik der Vernichtung, etwa in Phasen einer Vernichtung größten Ausmaßes, beitrug.
Freilich gibt es nach wie vor Defizite: von der noch in den Anfängen befindlichen Erforschung konkreter individueller und kollektiver Tätermotivation bis hin zur Vernachlässigung von, ja zum anhaltenden Desinteresse an anderen NS-Massenmorden wie der Vernichtung drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener oder der Tötung von einer bis zwei Millionen unbewaffneten europäischen Zivilisten im Zuge der deutschen Partisanenbekämpfung. Aus diesem Grund gibt es auch kaum ernsthafte Ansätze, die verschiedenen deutschen Massenverbrechen miteinander zu vergleichen oder im Zusammenhang zu untersuchen.[9]
Zwischen dem Mord an den Juden durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg und der türkischen Ermordung der Armenier sind zahlreiche Parallelen festgestellt worden: “Ein von einer Einheitspartei beherrschter Staat, dem alle zivile und militärische Gewalt zu Gebote stand, plante und betrieb im Schutz eines Weltkriegs mit Hilfe seiner Bürokratie und Technik die Vernichtung einer Gruppe, einer wehrlosen Minderheit, von der er aber behauptete, sie habe sich gegen ihn verschworen und bedrohe seine Existenz.” Gemeinsam erschienen “eine unumstößliche ideologische Überzeugung” und ansatzweise verwirklichte Pläne, auch andere Gruppen zu vernichten oder zu dezimieren (Sinti und Roma, Slawen bzw. Griechen und christliche Assyrer).[10] Zusätzlich wurden Parallelen zwischen den jüdischen und armenischen Minderheiten gesehen, die in Jahrhunderten der Ausschließung und Diskriminierung, ganz oder teilweise in der Diaspora, später mit Neid betrachtete wirtschaftliche Fertigkeiten entwickelt hätten.[11] Als Unterschiede zählt Ternon die Bedeutung des deutschen Rassismus auf, ferner hatten die “beiden Verbrecherstaaten [...] weder dasselbe kulturelle Erbe noch dieselbe Stufe wirtschaftlicher Entwicklung noch dieselben Gründe”. Er hält das türkische Vorgehen für zentralistischer, eher geplant und kurzfristiger.[12] Robert Melson interpretiert beide Vorgänge als “total domestic genocide”, was hinsichtlich NS-Deutschlands wenig überzeugt, da 95 Prozent der Opfer des Mordes an den Juden wie auch der deutschen Massenmorde überhaupt keine deutschen Einwohner waren. Zumindest problematisch, da im Grunde vornehmlich ideengeschichtlich orientiert und an die Totalitarismusthese erinnernd, ist auch seine Anwendung des Revolutionsbegriffs auf NS-Deutschland und die Türkei; beide in Frage stehenden Massenmorde hätten auf Revolutionen beruht.[13] Dagegen erscheint seine Deutung plausibel und wird auch von zahlreichen Experten geteilt, daß die Ermordung der Armenier als Teil der türkischen Nationsbildung und ethnischer Homogenisierung zu sehen sei.[14] Es ist wegen des unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsstandes und der verschiedenen Wertigkeit der Nationalitätenpolitik, daß im folgenden die Türkei der Jahre 1915/16 nicht mit Deutschland im Zweiten Weltkrieg, sondern mit dem in mancher Hinsicht ähnlicher anmutenden Ungarn des Jahres 1944 verglichen wird.[15]
Denn zu den Trends der Forschung zur Vernichtung der Juden seit den neunziger Jahren zählen auch eingehendere Untersuchungen zur Rolle der Bevölkerung mit Deutschland verbündeter oder von ihm besetzter Länder. Dabei stellt sich nicht nur, aber besonders im Hinblick auf Ungarn eine größere Eigeninitiative einheimischer Eliten und Bevölkerungsschichten heraus als erwartet. Einige Parallelen, die sich zwischen der Vernichtung der ungarischen Juden und der Armenier in der Türkei ergeben, sind offensichtlich: beide Gesellschaften, die ungarische und die türkische, waren multiethnisch, und die staatliche Führung schwankte zwischen imperialistischer Expansion und ethnischer Homogenisierung in einem Krieg, in dem die nationale Existenz auf dem Spiel zu stehen schien und den sie letztlich verloren. In beiden Fällen war das Nationalbewußtsein schon durch vorangegangene Niederlagen tief gedemütigt worden. Die Vernichtungsaktionen fielen in eine Situation der militärischen Krise oder begannen in einer solchen. In beiden Ländern herrschte breite Unterstützung für die Deportationen, von denen es keine Wiederkehr geben sollte, darunter aus religiöser Motivation – doch keineswegs ungeteilte Unterstützung, stattdessen gab es Kritik und Rettungsbemühungen von Privatpersonen und gelegentlich auch Amtsträgern aus utilitaristischen, moralischen und religiösen Motiven heraus; beide Gesellschaften waren in dieser Hinsicht, anders oder doch weit mehr als die deutsche, zerrissen. In beiden Fällen spielte die internationale Politik eine erhebliche Rolle, und beide Vernichtungsaktionen wurden zu der Zeit, als sie stattfanden, von der internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen. Beide Male wurde die verfolgte Bevölkerungsgruppe als Verbündeter der Kriegsgegner und damit als Bedrohung wahrgenommen; im Fall der Armenier war dieses Argument allerdings noch gewichtiger. In Ungarn und in der Türkei existierte eine autochthone Ideologie, die Begründungen für die Vernichtung von erheblicher Bedeutung lieferte, deren Stellenwert und Verbreitung jedoch in NS-Deutschland noch größer war (obwohl dieser Faktor im deutschen Fall oft überschätzt oder historisch aus den Zusammenhängen gelöst wird). In der Türkei wie in Ungarn war dies mit dem Gedanken sozialer Modernisierung verknüpft. Das Eigentum der vernichteten Gruppe spielte nicht nur eine wichtige Rolle für die Regierungspolitik zur sozialen oder ethnischen Integration, sondern bedeutete zugleich eine wesentliche Grundlage für die Popularisierung der Aktionen und die Teilnahme lokaler Eliten und breiter Bevölkerungsgruppen an der Verfolgung aus eigenem Antrieb, zumal Ansätze einer Enteignungspolitik vorangegangen waren. In beiden Fällen gab es einen Zwangsarbeitsdienst für die verfolgte und vernichtete Minderheit innerhalb der Armee; die Angehörigen der Minderheit wurden aus dem Militärdienst mit der Waffe ausgeschlossen, in der Türkei allerdings weit kurzfristiger.[16] Klare Parallelen zeigen sich auch bei den von den Behörden zugelassenen Ausnahmen von den Deportationen: die armenischen Gemeinden in Istanbul und Smyrna wurden 1915 weitgehend ebenso von den Deportationen verschont wie die jüdische von Budapest im Sommer 1944 wegen der Anwesenheit ausländischer Diplomaten; in beiden Ländern wurden Inhaber einiger als nützlich erachteter Berufe (vor allem für militärische Interessen, in stärkerem Maß jedoch in Ungarn) sowie Juden bzw. Armenier, die konvertierten, verschont.[17]
Deutlich werden aber auch Unterschiede zwischen beiden Fällen: Ungarn war 1944 ein besetztes Land, seine Souveränität eingeschränkt und auch seine antisemitische Politik stark deutsch beeinflußt. Die Ermordung der ungarischen Juden übernahmen weitgehend die Deutschen. Im Gegensatz zur Türkei spielte in Ungarn Revolutionsfurcht, die Angst vor dem Bolschewismus, eine erhebliche Rolle für die Sozialpolitik der Regierung, für die Kämpfe an der Front damit und für die Politik gegen die Juden. In der Türkei fehlte auch die Angst vor Bombenangriffen, die in Ungarn mit den Juden und der antijüdischen Politik in Beziehung gesetzt wurde. Weiter waren in der Türkei die außenpolitischen Rücksichten geringer. Vom Terrorregime der Pfeilkreuzlerbanden in Budapest zwischen Oktober 1944 und Januar 1945 in Budapest abgesehen, war die Gewalt gegen die ungarischen Juden auch weit stärker öffentlich-staatlich monopolisiert und geordnet als die oft chaotisch anmutende in der Türkei gegen die Armenier. Dies spiegelt indirekt die Unterschiede im Stand der gesellschaftlichen Entwicklung wieder – Ungarn war auf dem Weg zur Industriegesellschaft und zum Nationalstaat weiter vorangeschritten.

3. Überlegungen zu Hintergründen des Mordes an den Armeniern

Untersuchungen zur Vernichtungspolitik gegenüber den Armeniern werden durch die Quellenproblematik erschwert. Für Analysen zu Tätermotivation und politischen Zielen sind türkische Partei- und Verwaltungsakten von erstrangiger Bedeutung, doch türkische Archive sind wiederholt von entsprechenden Dokumenten gesäubert worden, und der Zugang zu noch existierenden ist beschränkt. Veröffentlicht vorliegende Dokumentensammlungen stellen nur kleine und oftmals mit bestimmten Absichten zusammengestellte Ausschnitte dar. Vernehmungen und Urteile aus Strafprozessen, die 1919/20 in der Türkei geführt wurden, stellen wegen des rechtlichen Kontexts, in dem sie entstanden, problematische Materialien und keinen vollgültigen Ersatz dar.[18] Gerade in Hinblick auf die Motivation von Tätern versprechen deren Vernehmungen kaum ehrliche Auskünfte, da es strafverschärfend gewirkt hätte, Antriebskräfte wie rassistischen Haß, chauvinistische oder religiös begründete Abwertung, Habgier und sexuelle Absichten zuzugeben. Bei der Mehrzahl der vorhandenen Quellen handelt es sich entweder um Berichte mehr oder weniger außenstehender ausländischer Beobachter, die in die Frage politischer Absichten nur indirekt Einblick geben können, oder, angefangen bei der frühen Sammlung von Arnold Toynbee, um Zeugnisse überlebender Opfer.[19] Beide, vor allem Überlebendenberichte, sind unverzichtbar, um die grausame Realität der Verfolgung und Mordaktionen zu erfassen, jedoch beispielsweise hinsichtlich Opferzahlen oder Daten bestimmter Vorgänge oft ungenau, jedenfalls nach Erfahrungen aus der Forschung zur NS-Vernichtungspolitik. Diese Umstände schränken die Möglichkeiten, Abläufe und Motive zu rekonstruieren, ein.
Kriegführende Staaten im Ersten Weltkrieg stießen generell auf ähnliche Schwierigkeiten: die unerwartete Länge und das Ausmaß des Krieges ließen seine Finanzierung zu einem enormen Problem werden. Die nie dagewesene Mobilisierung von Soldaten, Arbeitskräften und materiellen Ressourcen erforderte eine Ausweitung der Funktionen des Staatsapparates. In den Kriegsgesellschaften bedeutete Kriegführung gleichzeitig hohe soziale Belastungen und Spannungen durch Mehrarbeit, Mangel an Konsumgütern und Geldentwertung. Eine fundierte Kontextualisierung der Vernichtungspolitik in diesem Rahmen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt für eine Reihe dieser Gesichtspunkte noch nicht möglich. So war die Nahrungsmittelversorgung im Osmanischen Reich zwar problematisch genug, um in die Hände der Partei “Einheit und Fortschritt” überführt zu werden. Hunderttausende Armenier starben an Hunger und Entkräftung. Allgegenwärtig war das Bild der “verhungernden Armenier” in internationalen Hilfskampagnen aus der zweiten Kriegshälfte und Nachkriegszeit, und Überlebende berichteten, daß Armeniern zumindest zeitweilig der Zugang zu Lebensmitteln erschwert oder gar untersagt wurde.[20] Doch ob ernährungspolitische Erwägungen zu Entscheidungen für Deportation und Massenmord beitrugen oder nicht, ist gänzlich offen.
In einem bestimmten Sinn ist bereits vielfach auf Zusammenhänge zwischen dem Krieg und der Ermordung der Armenier verwiesen worden. Zwar kann keine Rede davon sein, daß die Armenier die Massenmorde an ihnen provoziert hätten. Auch verfolgte nur eine kleine Minderheit unter ihnen das Ziel politischer Unabhängigkeit. Aber es existierte eine armenische Nationalbewegung, die Emanzipation, politische Autonomie und ein Ende rechtlicher Diskriminierung innerhalb des Osmanischen Reiches anstrebte. Die Frage der Gleichbehandlung oder Autonomie der Armenier und anderer Nationalitäten diente den imperialistischen Großmächten seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer fortgesetzten Einmischung in die osmanische Innenpolitik, hinter der mehr stand als die Sorge um das Schicksal der Armenier, nämlich Pläne für die Aneignung osmanischer Territorien in die eigene Einflußsphäre. Dies förderte die Wahrnehmung der Armenier als Verbündete ausländischer Feinde. [21] Nach der Umorientierung der Regierungspartei “Einheit und Fortschritt” infolge zunehmender Gebietsverlusten auf dem Balkan in Richtung auf einen türkischen Nationalstaat, der nur nach Osten expandieren könne, erschienen die Armenier als Hindernis für beides, ein gesichertes Kernterritorium und Expansion, zumal die Türkei und ihr Verbündeter Deutschland selbst eine Politik zur Revolutionierung islamischer Völker unter britischer und französischer Herrschaft verfolgten und von deren Erfolgen überzeugt waren. Hierfür war gerade die Organisation Teskilat-i Mahsusa eingesetzt, die später einen großen Teil der Massenmorde an den Armeniern durchführte.[22] In der Krisensituation im März/April 1915, als die osmanischen Truppen an der Kaukasusfront von den Russen geschlagen waren und Truppen der Entente an den Dardanellen landeten, führte dies schrittweise zur Entscheidung für organisierte Massenmorde an armenischen Männern und die mörderische Deportation der gesamten übrigen armenischen Bevölkerung mit wenigen Ausnahmen.[23]
Es ist auch seit langem anerkannt, daß Sozialneid und Raub eine wesentliche Rolle für die Vertreibung und Ermordung der Armenier spielten.[24] Überlebende betonen noch in unserer Zeit die Bedeutung dieses Motivs.[25] In vielen Darstellungen werden die Erinnerungen des US-Botschafters Morgenthau an ein Ersuchen des osmanischen Innenministers Talaat Pascha zitiert, die amerikanischen Versicherungsgesellschaften sollten ihm eine Liste der armenischen Inhaber von Lebensversicherungen aus der Türkei aushändigen, denn diese seien praktisch alle tot, sie hätten keine lebenden Nachkommen, und so seien die Versicherungssummen an den osmanischen Staat auszuzahlen.[26] Die finanzielle Motivlage ist aber weit komplexer, als daß sie auf Habgier und Plünderung beschränkt gesehen werden sollte, wie auch diese Episode schon zeigt. Dies betrifft – so legen neue Forschungen Götz Alys zum Mord an den ungarischen Juden nahe – die Rolle des Staates, die Kriegssituation und Verbindungen zur Nationalitätenpolitik.[27]
Der osmanische Staat war seit den 1870er Jahren in wachsende finanzielle Abhängigkeit von ausländischen Mächten, insbesondere Deutschland, geraten.[28] Der Balkankrieg 1912/13 führte zu einem Zustand, der als wirtschaftlicher und finanzieller Kollaps des Osmanischen Reiches bezeichnet worden ist. Gleichzeitig waren auch Deutschlands finanzielle Möglichkeiten, Istanbul Mittel zuzuführen, 1913/14 erschöpft, so daß französisches Kapitel in erheblichem Maße eindringen konnte.[29] Hierdurch fehlten dem Staat am Bosporus unter anderem die Mittel für die Ansiedlung aus dem Balkan vertriebener Muslime im Osmanischen Reich – Ansiedlungsprojekte sind generell teuer. Not und Elend für die Flüchtlinge waren die Folge. Gleichzeitig stellten sich dem osmanischen Staat damit weitergehende Probleme, die mit der Kriegsfinanzierung verbunden waren, früher als anderen Beteiligten des Ersten Weltkrieges. In Deutschland, das hier (auch wegen der engen finanzpolitischen Kontakte zu Istanbul) zum Vergleich herangezogen soll, betrachtete man in der Anfangsphase des Krieges diese Schwierigkeiten noch weitgehend von der fiskalischen Seite (Geldbeschaffung und Verteilung), anstatt etwa die späteren Probleme bei der Warenlenkung vorauszusehen; die Inflationsgefahr, dann vor allem durch Kriegsanleihen bekämpft, wurde aber bereits nach wenigen Monaten wahrgenommen und bekämpft. Erst 1916 geriet die deutsche Kriegsfinanzierung außer Kontrolle.[30] In der Türkei war der finanzielle Spielraum für politisch-militärische Großmachtpläne schon früher eingeengt. Das betraf auch die Verteilungsmasse für die Innen- und Sozialpolitik.
In dieser Situation dürfte das materielle Vermögen der Armenier, die acht bis zehn Prozent der Bevölkerung darstellten und mehr als ein Zehntel des osmanischen Nationalvermögens innegehabt haben dürften, neben allen anderen Ursachen einen nicht zu unterschätzenden Anreiz für ihre Vertreibung, Deportation und Ermordung dargestellt haben. Zwar liegt keine Quellengrundlage für die Schätzung ihrer Vermögenswerte vor, doch wurden sie in einem der Pariser Friedenskonferenz 1919/20 vorliegenden Bericht auf 7,9 Mrd. französische Francs (dem Währungsstand von 1919 nach) veranschlagt.[31] Ebenfalls seit den 1870er Jahren – also seit der Zeit, als sich die Finanzprobleme des Staates zuspitzten – hatte sich im Osmanischen Reich eine Nationalwirtschaftslehre entwickelt, der zufolge sich tragende Wirtschaftssektoren in “ausländischer” oder nichtmuslimischer Hand befänden, so daß eine islamische Bourgeoisie geschaffen und die Rolle des Staates im Wirtschaftsprozeß gestärkt werden müsse. So waren einigen Angaben zufolge in Istanbul nur 25 Prozent des Einzelhandels, 15 Prozent des Großhandels und drei Prozent der Transportfirmen in mohammedanischem Besitz.[32] Die tatkräftige Beteiligung vorwiegend armenischer (und griechischer) Osmanen an der Schaffung und Erweiterung moderner Wachstumsbranchen in Handel und Industrie wurde auf türkischer Seite schnell als wirtschaftliche und politische Bedrohung registriert und, zunächst mit wenig Erfolg, bekämpft.[33] Seit Ende des 19. Jahrhunderts kam es nicht nur fortgesetzt zu Überfällen von Türken und Kurden auf Armenier, sondern begann auch die schleichende Expropriation armenischen Landbesitzes. Verstärkt geschah dies bereits seit 1913 nach dem Balkankrieg.[34] Bei Kriegsbeginn 1914 lauteten die jungtürkischen Forderungen dementsprechend, die Funktionen des Staates in Außenhandel, im Banken- und Finanzwesen müßten stark ausgeweitet werden.[35]
In der Kriegssituation von 1915 richtete sich die türkische Enteignungspolitik mit verschiedenen Zielen gegen zwei Gruppen: zum einen die relativ viele wohlhabende Familien zählenden städtischen Gemeinden – die laut Schätzungen ungefähr ein Fünftel der armenischen Bevölkerung ausmachten, aber rund 40 Prozent des armenischen Vermögens besaßen –, zum anderen eine große Mehrheit von 75 bis 80 Prozent Bauern und Pächtern mit hohem Eigenversorgungsanteil, besonders in Ostanatolien.[36] Während die einen eine hinderliche Konkurrenz für aufstrebende türkische Kaufleute und Handwerker darstellten, konnten die Bauernhöfe der anderen für die Ansiedlung von Balkanflüchtlingen und Kurden, also für ethnisch, sicherheits- und sozialpolitisch begründete Umsiedlungen dienen und taten dies vielfach auch.[37] Die Parallele zur Umsiedlung der sogenannten Volksdeutschen aus Osteuropa durch den NS-Staat und ihren Auswirkungen auf die Vernichtungspolitik fällt ins Auge.[38] Besonders eine Schicht städtischer Bourgeoisie in Anatolien, die Teile ihres Reichtums enteignetem armenischem Eigentum verdankten, zählte bei Kriegsende zu den stärksten Unterstützern der Jungtürken, mit deren Wohl und Wehe ihr Schicksal eng verbunden schien.[39]
Im Falle Ungarns im Zweiten Weltkrieg (und in anderen besetzten oder mit Deutschland verbündeten Ländern Europas) diente die Beschlagnahme jüdischen Eigentums mehreren Funktionen: Erstens konnte es den kriegsbedingten Mangel an Konsumgütern mildern, Schwarzmarktaktivitäten und Unzufriedenheit vermindern, zweitens wurde durch den Verkauf überschüssige private Kaufkraft abgeschöpft, und drittens flossen die Erlöse unmittelbar in den Staatshaushalt und halfen diesen zu stabilisieren. Sie dienten also auch als antiinflationäre Maßnahme. Im Fall der Türkei 1915/16 zeigen sich deutliche Parallelen (was allerdings noch eingehenderer empirischer Überprüfung bedarf). Denn auch das armenische Eigentum sollte den Vorschriften gemäß zunächst dem Staat zufallen und wurde dann von ihm offensichtlich zum großen Teil nicht einfach verschenkt, sondern verkauft. Eine entsprechende Verwaltungsanordnung erfolgte unmittelbar nach dem umfassenden Deportationsbeschluß vom Mai 1915. Eine Ausnahme bildete die Verteilung von Immobilien an die Balkanflüchtlinge; dies ersetzte aber die Finanzierung teurer Ansiedlungsmaßnahmen. Die Tatsache, daß die Verkaufserlöse teils im Namen der armenischen Deportierten hinterlegt wurden,[40] spielte fiskalisch insofern eine zweitrangige Rolle, als dies bei der Zentralbank geschah und die Summen damit trotzdem in den osmanischen Staatshaushalt eingestellt werden konnten.
In Wirklichkeit ergab sich jedoch – wie in Ungarn 1944 – ein Kampf um die Kontrolle über die enteigneten Güter und Gelder zwischen der osmanischen Zentralregierung, örtlichen Eliten und der Bevölkerung. Dies scheint auch die Ursache für detaillierte weitere rechtliche Festlegungen wie ein zweites Dekret von September 1915 gewesen zu sein. Lokale Verwaltungs- und Polizeibeamte sowie Angehörige der Geheimorganisation Teskilat-i Mahsusa bereicherten sich und schanzten ihren Freunden und Verwandten Werte zu.[41] In manchen Gegenden wie Kharpurt und Kayseri war es den Armeniern verboten, selbst irgendetwas von ihrer Habe zu verkaufen. Talaat Pascha stellte es in einer Rechtfertigungsschrift als eines seiner wesentlichsten Versäumnisse dar, individuelle Plünderungen nicht strenger zugunsten staatlicher Kontrolle der enteigneten Güter bestraft und verhindert zu haben.[42] Die Konkurrenz um das armenische Eigentum führte immer wieder zu Überfällen und Erpressungen der armenischen Deportierten; anders ausgedrückt, zu einer nahezu unaufhörlichen Kette von Gewalt. Symbolisch für zahlreiche dies betreffende Überlebendenberichte mag hier ein Vorfall stehen, bei dem sich deportierte, unbekleidete Frauen und Kinder aus Kharpurt nach mehr als sieben Wochen Marsch an einem Brunnen der Forderung seitens der sie vorantreibenden Gendarmen konfrontiert sahen, für jede Tasse Wasser drei Lira zu bezahlen.[43]
Die Übernahme des Eigentums führte auch dazu, daß große Teile der Bevölkerung hofften, die Armenier würden nie zurückkehren. Zwar kam es im Gefolge der Enteignungen auch zu Plünderungen, Vandalismus, Wert- und Korruptionsverlusten einschließlich der Zerstörung von Häusern und Kirchen. Zumeist aber fielen insbesondere Immobilien, Landbesitz und Bankvermögen weitgehend unversehrt in die Hände des osmanischen Staates. Es war nur konsequent, wenn der türkische Staat am Ende dieses Massenraubmords durch ein Gesetz vom 31. Mai 1926 die Familien inzwischen hingerichteter oder von armenischen Attentätern getöteter ehemaliger Täter ausgerechnet mit Immobilien entschädigte, die “von Armeniern zurückgelassen” worden waren. Kurz darauf, 1927, wurden die Enteignung der ermordeten oder vertriebenen Armenier endgültig rechtlich besiegelt.[44]
Der ungarischen wie der türkischen Regierung diente der enteignete Besitz der in den Tod Deportierten zur Abfederung der Lasten des Krieges. Wo es jedoch der ungarischen Regierung vor allem um die Zufriedenstellung bestimmter sozialer Gruppen ging (besonders kleinbürgerlicher Schichten sowie ländlicher und städtischer Proletarier, um ihre Unterstützung für die Kriegsanstrengungen sicherzustellen und sie gegen die kommunistische Idee zu immunisieren, unter klarer Bevorzugung der Magyaren), zielte die jungtürkische Führung in erster Linie auf die Integration ethnischer Gruppen sowie von Vertriebenen aus dem Balkan und der russischen Kaukasusregion in die zu bildende türkische Nation ab. Dabei spielten die Kurden eine besondere Rolle, die hier noch kurz skizziert werden soll. Das Konzept der Jungtürken sah offensichtlich mehr vor, als lediglich eine Minderheit der anderen an die Kehle zu setzen.[45] Örtliche kurdische Machtinhaber hatten die Armenier seit langer Zeit, gelegentlich durch Drohungen und Überfälle unterstützt, zu Abgaben gezwungen. Von den armenischen Gleichstellungsbemühungen fühlten sich solche kurdischen Anführer in ihrer komfortablen Vormachtstellung bedroht. Toynbee bezeichnete Armenier und Kurden nicht nur als verschiedene Nationalitäten, sondern wegen der Gegensätze zwischen bewaffneten nomadischen Viehzüchtern und ansässigen Kleinbauern als antagonistische wirtschaftliche Klassen. Bereits in den Massakern an den Armeniern von 1895/96, denen zwischen 100.000 und 200.000 Menschen zum Opfer fielen, hatten sich Kurden in irregulären bewaffneten Einheiten (Hamidiye) hervorgetan, überdies Land vertriebener oder ermordeter Armenier angeeignet und sich später geweigert, es wieder herzugeben. Wenn Armenier bewaffnete Milizen bildeten, dann hauptsächlich gegen kurdische Überfälle. Zahlreiche Überfälle auf Marschkolonnen armenischer Männer, Frauen und Kinder und Morde wurden 1915 von Kurden verübt, die auch viele Mitglieder in den Teskilat-i Mahsusa stellten. 1918 und 1920 waren sie wiederum an Massenmorden gegen Armenier beteiligt.[46]
Doch waren die Kurden selbst eine von den Jungtürken (und ihren Vorgängerregierungen) mit Mißtrauen beobachtete Minderheit. Im Ersten Weltkrieg wurden schließlich auch 300.000 von ihnen zwangsweise umgesiedelt, freilich unter ganz anderen Umständen als die Armenier, jedoch wegen der Winterkälte ebenfalls unter nicht geringen Opfern.[47] Im Gegensatz zu Griechen und vor allem Armeniern galten die wie letztere in Ostanatolien, das als türkisches Kerngebiet betrachtet wurde, konzentriert lebenden Kurden jedoch als integrierbar. Sie sollten – auch dies in der Tradition althergebrachter osmanischer Politik ethnischer Umsiedlungen zur Herrschaftssicherung – aus unruhigen Gegenden entfernt werden und, auf große Gebiete verstreut, in der türkischen Mehrheitsbevölkerung aufgehen[48]: ein bei den millionenfachen Zwangsumsiedlungen seit den 1990er Jahren wiederum in großem Maßstab verfolgtes Ziel. Die Saturierung mit Eigentum deportierter Armenier konnte 1915 dazu dienen, Kurden zu pazifieren, Land und Häuser konnten noch nomadisierende Gruppen seßhaft machen helfen. Auch auf diese Weise sollte die Ermordung der Armenier vermutlich zur Homogenisierung des Landes und damit zur Bildung einer modernen türkischen Nation genutzt werden. Inmitten des andauernden Krieges wurde dies von der jungtürkischen Führung allerdings nicht als langfristiges, visionäres Fernziel betrachtet, nicht als utopischer Luxus, sondern als für das Bestehen eines türkischen Rumpfstaates in einer überaus bedrohlichen Krise unmittelbar dringend und unerläßlich. Dies um so mehr, als im Fall eines Verlusts der Westküste ein nationaler Widerstandskampf von Anatolien seinen Ausgang nehmen sollte[49] – wie dies Anfang der zwanziger Jahre unter Mustafa Kemal durch die türkische Nationalbewegung auch tatsächlich geschah.

[1] Für Hinweise, die für das Zustandekommen dieses Diskussionspapiers wichtig waren, möchte ich Madeline Zilfi, Hans Safrian und besonders Dominik Schaller danken.
[2] Der Terminus “Genozid” bildet keine Diskussionsgrundlage für dieses Papier, nicht nur weil es sich genuin um einen politischen Kampfbegriff handelt, sondern vor allem weil die fortgesetzte Verwendung als solcher – abgesehen vom inflationären und willkürlichen Gebrauch in der Öffentlichkeit – nach meinem Eindruck zu einander völlig widersprechenden und analytisch unklaren Definitionen auch in der Wissenschaft geführt hat. Zu den bekanntesten Genozidbegriffen Yves Ternon, Der verbrecherische Staat. Völkermord im 20. Jahrhundert, Hamburg 1996, S. 51-102, und Frank Chalk/Kurt Jonassohn, Introduction, in: dies. (Hg.), The History and Sociology of Genocide, New Haven und London 1990, S. 3-51.
[3] Robert Melson, Revolution and Genocide. On the Origins of the Armenian Genocide and the Holocaust, Chicago und London 1992, S. 2. Einen kontroversen Schlagabtausch bietet Alan S. Rosenbaum (Hg.), Is the Holocaust Unique? Perspectives on Comparative Genocide, Boulder 1996.
[4] Vgl. die Zusammenfassung in Chalk/Jonassohn, Introduction, S. 15 und 22.
[5] Siehe Christian Gerlach/Götz Aly, Das letzte Kapitel. Realpolitik, Ideologie und der Mord an den ungarischen Juden (im Erscheinen).
[6] Ebensowenig wird die Rolle der Deutschen beim Mord an den Armeniern angesprochen oder werden hier etwaige Verbindungen zwischen der Genese beider staatlicher Massenverbrechen diskutiert.
[7] Siehe einen detaillierteren Überblick als den folgenden sehr kursorischen Abriß, mit manchen anderen Betonungen, in Ulrich Herbert, Vernichtungspolitik. Neue Antworten und Fragen zur Geschichte des Holocaust, in: ders. (Hg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt am Main 1998, S. 9-66.
[8] Den Intentionalisten zufolge beruhte die Ermordung der Juden auf der Ideologie, den politischen Absichten und Entscheidungen Hitlers, auf hierarchischen und zentralistischen Strukturen und von langer Hand lancierten geheimen Plänen. Nach den Funktionalisten ergab sich die Vernichtungspolitik aus den polykratischen Strukturen des Regimes, d.h. der Rivalität konkurrierender Institutionen und Organisationen, überlappenden Zuständigkeiten und Improvisation unter wechselnden politischen Umständen.
[9] Ansätze hierzu in Christian Gerlach, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941-1944, Hamburg 1999.
[10] Ternon, Staat, S. 154; vgl. Richard G. Hovannisian, The Historical Dimensions of the Armenian Question, 1878-1923, in: Chalk/Jonassohn, History, S. 250-266, hier S. 261, der zusätzlich vor allem die Geheimhaltung betont; Vahakn N. Dadrian, The Convergent Aspects of the Armenian and Jewish Cases of Genocide. A Reinterpretation of the Concept of Holocaust, in: Holocaust and Genocide Studies 3 (1988), Nr. 2, S. 151-168, hier S. 158, der auf die Irreligiösität der jeweiligen Führungsgruppen, bei gleichzeitiger williger Mitwirkung stärker religiös geprägter Funtionäre vor Ort, verweist; siehe auch Melson, Revolution and Genocide.
[11] Dadrian, Convergent Aspects, S. 154.
[12] Ternon, Staat, S. 154-156.
[13] Melson, Revolution and Genocide, etwa S. 2 ff., 31-33. Zum Teil ähnliche Tendenzen bei Ternon, Staat, S. 55 f., 61 f. und 66.
[14] Robert Melson, Provocation or Nationalism: A Critical Inquiry into the Armenian Genocide of 1915, in: Chalk/Jonassohn, History, S. 266-289, hier S. 267 und 278. Siehe etwa auch Taner Akcam, Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung, Hamburg 1996.
[15] Siehe außer Gerlach/Aly, Das letzte Kapitel, auch die massive, überaus detaillierte Gesamtdarstellung von Randolph L. Braham, The Politics of Genocide. The Holocaust in Hungary, 2. erw. Auflage New York 1994.
[16] Hierzu Donald E. Miller/Lorna Touryan Miller, Survivors. An Oral History of the Armenian Genocide, Berkeley u.a. 1999 (zuerst 1993), S. 40; Erik Jan Zürchers Internet-Artikel für dieses Projekt, Ottoman labour battalions in World War I; und Randolph Braham, The Hungarian Labor Service System, New York 1977.
[17] Miller/Miller, Survivors, S. 42. In Ungarn wurden jedoch die Mitglieder der meisten Arbeitsdienst-Kompanien Ende 1944 in Richtung Österreich getrieben und gerieten in deutsche Gewalt.
[18] Den einzigen juristischen Weg der osmanischen Führung, die vor allem zur Verbesserung ihrer internationalen Position politisch erwünschten Prozesse durchzuführen, stellte ein Militärgericht dar. Hierzu mußte die Anklage argumentieren, daß die Beschuldigten nicht als Minister oder Beamte, sondern als Angehörige einer geheimen nichtstaatlichen Organisation und innerhalb einer Verschwörung gehandelt hätten. Von diesem rechtlichen Problem abgesehen, wäre politisch eine Argumentation in der türkischen Öffentlichkeit nicht durchsetzbar gewesen, die sich direkt gegen Aktionen des Staates gerichtet hätte. Dies führte zu Verzerrungen in der Interpretation der Gerichte und ihrer Prozeßführung. Siehe Akcam, Armenien, S. 97-137 und 153 ff.
[19] Ausgesprochene oral history-Projekte zum Thema sind jedoch selten durchgeführt und vor allem selten systematisch ausgewertet worden: hierzu Miller/Miller, Survivors, S. 27.
[20] Akcam, Armenien, S. 149; Hovannisian, Historical Dimensions, S. 262; Miller/Miller, Survivors, S. 84-87, 117 und 185.
[21] Ternon, Staat, S. 22 f., 140-142; Hovannisian, Historical Dimensions, S. 252-259; differenzierte Zurückweisung der Provokationsthese bei Melson, Provocation. Das vordergründige Interesse der Westmächte an den Armeniern erweist sich auch daran, wie diese später in veränderter politischer Lage nach dem Massenmord 1920 bis 1923 fallengelassen wurden.
[22] Fritz Fischer, hier nach: Germany’s Aims in the First World War, London 1967, S. 121-124; Martin Kröger, Revolution als Programm. Ziele und Realität deutscher Orientpolitik im Ersten Weltkrieg, in: Wolfgang Michalka (Hg.), Der Erste Weltkrieg, München/Zürich 1994, S. 366-391, besonders S. 368 ff. und 384; Akcam, Armenien, S. 54 ff.
[23] Diese Entwicklung kann an dieser Stelle nur sehr kurz skizziert werden. Vgl. Akcam, Armenien, S. 19-74;
[24] Siehe bereits Joseph Guttmann, The Beginnings of Genocide. A Brief Account of the Armenian Massacres in World War I, New York 1948, S. 4 und 12 f.; Dadrian, Convergent Aspects, S. 158.
[25] Miller/Miller, Survivors, S. 176.
[26] Etwa in Melson, Provocation, S. 283.
[27] Siehe Alys Ausführungen in Gerlach/Aly, Das letzte Kapitel, S. 187-240 (im Erscheinen).
[28] Hovannisian, Historical Dimensions, S. 252; Kröger, Revolution, S. 368 f. Hovannisian führt dies vor allem auf die Verschwendung durch staatliche Eliten trotz eines repressiven Steuersystems zurück. Es wäre zu untersuchen, ob nicht eher ineffiziente Besteuerungsmethoden und damit wenig intensiver staatlicher Zugriff zu den Ursachen zählten.
[29] Fischer, Germany’s Aims, S. 45-48; Kröger, Revolution, S. 372. Fischer sah hierin einen bedeutsamen Faktor dafür, daß Berlin seine Weltmachtpolitik nicht mehr auf dem alten Wege weiterbetreiben konnte, sich vom politischen Ruin bedroht sah und auf eine große militärische Auseinandersetzung zusteuerte.
[30] Manfred Zeidler, Die deutsche Kriegsfinanzierung 1914 bis 1918 und ihre Folgen, in: Wolfgang Michalka (Hg.), Der Erste Weltkrieg, München und Zürich 1993, S. 415-433, besonders S. 421, 424 und 426.
[31] Dickran Kouymjian, La confiscation des biens et la destruction des monuments historiques comme manifestations du processus génocidaire, in: L’actualité du génocide des arméniens, Paris 1999, S. 219-230, hier S. 221 f.
[32] Fikret Adanir, Le génocide arménien? Une réévaluation, in: L’actualité..., S. 403-418, hier S. 405 und 410; Miller/Miller, Survivors, S. 48.
[33] Melson, Provocation, S. 277 und 284 f.; Miller/Miller, Survivors, S. 36 und 218, Anm. 19.
[34] Akcam, Armenien, S. 399, Anm. 248.
[35] Adanir, Génocide, S. 412.
[36] Vahakn N. Dadrian, The Historical and Legal Interconnections Between the Armenian Genocide and the Jewish Holocaust: From Impunity to Retributive Justice, in: The Yale Journal of International Law 23 (1998), Nr. 2, S. 504-559, hier S. 518; Kouymjian, Confiscation, S. 222; Hovannisian, Historical Dimensions, S. 251; Miller/Miller, Survivors, S. 48 und 57.
[37] Dies betont insbesondere Hilmar Kaiser nachdrücklich, siehe seinen Internet-Artikel für dieses Projekt “The Ottoman Government and the End of the Ottoman Social Formation, 1915-1917”. Siehe auch Kouymjian, Confiscations, S. 223.
[38] Grundlegend Götz Aly, “Endlösung”. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt am Main 1995.
[39] Akcam, Armenien, S. 129-131.
[40] Kouymjian, Confiscations, S. 223; Guttmann, Beginnings, S. 14.
[41] Kouymjian, Confiscations, S. 223.
[42] Miller/Miller, Survivors, S. 69 und 90 f.
[43] Ebd., S. 20.
[44] Zitiert nach Akcam, Armenien, S. 137; vgl. Kouymjian, Confiscation, S. 224.
[45] So Toynbee mit Bezug auf Sultan Abdul-Hamid: Miller/Miller, Survivors, S. 37. Zur Kaukasusregion Melson, Provocation, S. 287, Anm. 8.
[46] Ebd., S. 269 und 274 f.; Akcam, Armenien, S. 56; Miller/Miller, Survivors, S. 21, 35 f., 38, 217 f., Anm. 16 bis 18, 223, Anm. 63, und 226, Anm. 1
[47] Ebd., S. 221, Anm. 40.
[48] Siehe auch hierzu die Thesen von Kaiser, Ottoman Government.
[49] Zu diesem Punkt Akcam, Armenien, S. 50. Eine Umsetzung dieser Pläne wurde Anfang März 1915, kurz vor Beginn der Deportation der Armenier, unter dem Eindruck der Landung der Ententemächte an den Dardanellen eingeleitet.

 

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November 2001