Wissenschaftsgläubigkeit
Die Wissenschaftsgläubigkeit und Technikbegeisterung der
Bildungeliten seit Ende des 19. Jahrhunderts war die Voraussetzung
für einen politisch tragfähigen Rekurs auf Wissenschaft und
für Social Engineering. Die versuchte, aber
missglückte Überwindung von Religion und religiösen
Kategorien der Alterität schuf den Boden für eine inhumane
Extremsicht des Anderen in Missachtung traditioneller Ethik.
Hochgepeitschte nationalistische Leitbegriffe übertünchten
die animalische Selbstsicht, die konsequenterweise damit
zusammenhing. Die Rede vom Herrenmenschen verschüttete das
jahrtausendalte theologische Erbe Kleinasiens und Europas, das sich
im religionsübergreifenden Schlüsselbegriff vom
barmherzigen Gott, vom Menschensohn und insan-i kamil,
dem “ganz Mensch sein”, resümiert.
Der für breite Bildungseliten in Mittel- und Osteuropa sowie im
Nahen Osten entscheidende Bruch mit der Rede von, über und zu
Gott geschah im Fin de Siècle. Einflussreicher als Nietzsche
war der popularisierte Diskurs der sogenannten positiven
Wissenschaften, deren Koryphäen und Schüler Atheismus als
Zugehörigkeitsmerkmal zur Avantgarde und positivistischen
Glaubensgemeinschaft kultivierten. Mit der Kritik an der
institutionalisierten Kirche und an Religion überhaupt begann im
Europa des 18. Jahrhunderts der zuvor breit anerkannte theologische
Basisdiskurs aufzubrechen. Darunter verstehe ich ein Reden, das ganz
oder teilweise den Mythos der religiösen
Gründungsgeschichte als Metapher für seine Zeit
übernimmt und ihn für die Begründung und
Rechtfertigung politischen Tuns benutzt. Sprache und menschliches
Verstehen funktionieren notwendig mittels Metaphern, die Vielfalt mit
einem bekannten, einprägsamen Bild verbinden, Kategorien
schaffen und Komplexität reduzieren; aber sie sind nur
Stückwerk.
Auf die antitheologische “Entzauberung der Welt”, die
Herausbildung positivistischer Sozialmetaphern im Fin de
siècle und die Schaffung eines bereits ersatzreligiösen
Pantheons nationalen Heldentums folgte nach dem Ersten Weltkrieg ein
dritter Schritt: die Schaffung “säkularer Religionen”,
das heisst rigider, auf die ganze Gesellschaft angewandter
Ideologien, die im Gegensatz zum wenig kohärenten politischen
Gedankengut der vorhergehenden Phase Einheitlichkeit in Theorie und
Praxis anstrebten. Die Säkularreligionen sind der Versuch einer
Wiedergewinnung eines einheitlichen Basisdiskurses. Im
Selbstverständnis der Akteure begründen sie eine “völlig
neue Gesellschaft”. Die prägnantesten Beispiele dafür
finden wir in der Zwischenkriegszeit im bolschewistischen Russland,
im faschistischen Italien, in der kemalistischen Türkei und im
nationalsozialistischen Deutschland. Kennzeichen dieser
totalitären Ideologien waren der Mythos der “Stunde Null”,
revolutionäre Sprachreinigungsprozesse,
(pseudo-)wissenschaftliche Weltbilder und die Einrichtung von Kulten,
welche die Gründer und die Gründungsgeschichte der neuen
Epoche zelebrierten.
Offen für neue Weltorientierung und anfällig für die
oben angesprochene metaphorische Übertragung waren die Eliten
seit dem Fin de siècle, einer Epoche, die Max Weber in
Übereinstimmung mit Nietzsche als eine “gottfremde und
prophetenlose Zeit” in einer “entzauberten Welt”
diagnostizierte.[2] Diese Epoche
zeitigte, um bei der biblischen Sprache zu bleiben, viele falsche
Prophetien. Zwar trug die Wissenschaft beträchtlich zur
tabula rasa des religiös begründeten traditionellen
Weltbildes bei, aber sie lieferte auch Versatzstücke, die der
Wiederverzauberung der Welt mittels Ideologie dienten. In der
eurozentrischen Sozialwissenschaft wurde bisher zu wenig bedacht,
dass dieser Prozess nicht in einseitiger Beeinflussung, sondern in
der Interaktion von europäischen und nahöstlichen Eliten
ablief und in der Türkei früher als in Europa eine radikale
innenpolitische Umsetzung erfuhr.
Jungsein in Untergangsstimmung
Früher und stärker als im Europa des Fin de
siècle machte sich in der Türkei im Kontext des
dramatischen osmanischen Reichszerfalls seit den 1870er Jahren eine
apokalyptische Stimmung breit. Diese fassten die Jungtürken
ebenso säkular auf wie jene europäischen Kreise, die in der
Schlussphase des Imperialismus, am Vorabend des Ersten Weltkrieges,
den “Endkampf” mit seiner “luftreinigenden Wirkung”
im Verhältnis der Völker herbeisehnten. Das Alte sollte in
Blut und Asche untergehen, um dem Neuen Platz zu machen. Aus Angst
vor dem Untergang beschleunigten die Jungeliten ihn. Der
Generationenkonflikt zwischen den Jungtürken und Sultan
Abdulhamid (1876-1909), der für sie die untergehende Welt und
ihre Krise symbolisierte, trug zur Radikalisierung bei.
Die Wahrnehmung von Wahrheit(en) und Wirklichkeit gilt seit der
Moderne als Aufgabe der Wissenschaft. Breite Gesellschaftsschichten
verschrieben sich seit ihrer Emanzipation von Kirche, Moschee und
Synagoge im Fin de siècle einer positivistischen
Wissenschaftsgläubigkeit. Realität fand sich in den Augen
vieler Bildungsbürger im 19. Jahrhundert am dichtesten in der
wissenschaftlichen Beschreibung der Natur, die sie als Grundlage von
Weltdeutung überhaupt nahmen. Nietzsche, Comte und Haeckel
etablierten sich als Koryphäen nachchristlicher,
positivistischer oder materialistischer Welterklärung, die einen
Ersatz für den verlorengegangenen religiösen Kosmos
darstellte. Eine wichtige Basis dafür bildete das Werk von
Charles Darwin On the Origin of Species by Means of Natural
Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for
Life. Dieses Realitätsverständnis prägte die
Politik: Nur eine der wissenschaftlichen Vernunft gemässe, den “ehernen
Gesetzen” von Natur und Gesellschaft konforme Politik konnte
beanspruchen, der “Staatsräson” verpflichtete “Realpolitik”
zu sein. Da Ethik in dieser Sicht an einem Realitätsdefizit
krankte, hatte sich solche Politik nur sekundär - diplomatisch,
wahltaktisch oder werbestrategisch - an sie zu halten. Wie schon der
Titel offenbart, war Darwins Narration der Natur nicht frei von
Präjudizen. Dass der Darwinismus in seiner Übertragung als
gesellschaftliche Naturlehre in der ersten Hälfte des
zwanzigsten Jahrhunderts eine verheerende Wirkung ausübte, lag
zu einem entscheidenden Teil darin begründet, dass die
Erzählung Darwins mit Metaphern arbeitete, die dem
zeitgenössischen Sozialleben entliehen waren.
Die relativ schmalen Bildungseliten in den osmanischen Metropolen
waren im späten 19. Jahrhundert noch stärker
wissenschaftsorientiert als die industriestädtischen
Gesellschaften in Europa; ihr Bruch mit der religiösen Tradition
war schärfer und ihr Bedürfnis nach radikalen Massnahmen
zur eigenen Rettung ausgeprägter. Dies trifft besonders auf die
jungtürkische Partei “Fortschritt und Einheit” zu,
die 1889 von Studenten der militärischen Ärzteschule in
Konstantinopel gegründet wurde und die für ein halbes
Jahrhundert das politische Leben in der Türkei prägte. Als
eifrige Schüler prestigeträchtiger Lehren aus Europa waren
sie handlungsbereiter und radikaler als ihre Lehrmeister, zumal sie
in einer vor allem innenpolitisch kritischeren Situation lebten. Ihr
Staat galt als krank, ihr Machtapparat als verdorben und dekadent,
ihre multiethnische Gesellschaft als kaum mehr lebensfähig und
ihre Levantiner als degeneriert. Daher waren einschneidende “Operationen”
am sozialen “Körper” (bünye) angesagt.
Der Metapherntransfer aus der hochangesehenen Pionierdisziplin
Chirurgie oder aus der Bakteriologie in die Politik, wo auch noch
Jahrzehnte nach der Parteigründung viele Ärzte hohe
Positionen einahmen, fand sich häufig bei den
Jungtürken.
Sozialdarwinismus
Die Träger der jungtürkischen wie der
nationalsozialistischen Parteidiktatur waren in ihrer Weltsicht von
einem Sozialdarwinismus geprägt, der die Eliminierung
desjenigen, der als individueller oder kollektiver Konkurrent galt,
als Bedingung des eigenen Überlebens begriff. Während sich
humanistisch und religiös inspirierte Kreise gegen einen
solchen, zum Denkzwang gewordenen Metapherntransfer aus einer
biologischen Theorie auf die menschliche Gesellschaft wehrten, waren
vom Fin de siècle an weite Teile der Bildungseliten in West
und Ost der Überzeugung, dass der tödliche
Überlebenskampf eine von Darwin oder seinen Epigonen bewiesene
Naturnotwendigkeit auch für Individuen, Nationen, Rassen oder
Klassen darstelle. Als bedrohte oder “zu spät Gekommene”
fühlten sich die Eliten in der Türkei und in Deutschland im
Zeitalter des Imperialismus in dieser Weltanschauung besonders
bestärkt. Deren Wahrheit schien ihnen durch die
unverhüllte, erfolgreiche Anwendung sozialdarwinistischer
Prinzipien in der Aussenpolitik durch politische Gegner oder
Konkurrenten wie Grossbritannien und Russland hieb- und stichfest
bewiesen zu werden.
Von der betont religiösen Selbstdefinition Abdulhamids als
Sultan und Kalif setzten sich die Jungtürken antithetisch durch
Anleihen aus der Anthropologie, Rassenkunde und der Soziologie ab.
Der Prozess ihrer Selbstfindung führte sie zur dürftig
säkularisierten Identität des “Türken” als
Kern nationaler Integration. Damit waren de facto, und entsprechend
altem europäischen Sprachgebrauch, die Muslime türkischer
Sprache gemeint. Diese Definition ermöglichte eine selektive
Durchlässigkeit von den alten zu den neuen Machtträgern.
Sie bestimmte den Wirkkreis der “Rettung” von Heimat
(memleket, vatan) und Staat (devlet), um die es den
Jungtürken ging. Zugleich schloss die unitäre
Gleichstellung Nichtmuslime und Nichttürken als solche aus, denn
es gab nicht mehr wie im alten System die Kategorie der “Schutzbefohlenen”
einer ethnisch-religiös unterschiedlichen Gemeinschaft mit
Anspruch auf eigenen Lebensraum (nicht aber auf Gleichberechtigung).
Nur Vollassimilierte sollten an der Macht und den Ressourcen des
modernen, unitären Staates partizipieren können. De facto
blieb indes auch an ihnen das Stigma der “anderen”, nicht
genuin türkisch-muslimischen Herkunft hängen, selbst wenn
sie einen türkischen Namen und die muslimische Religion
angenommen hatten.
In anti-internationalistischer Umdeutung und nationalistischer
Verengung nahmen die unionistischen Jungtürken eine Generation
früher als die Nationalsozialisten sozialrevolutionäres
Gedankengut in Anspruch, das sie der französischen Revolution
und der kommunistischen Bewegung entlehnten. Wehe dem Klassen- und
Rassefeind, dem Armenier in Kleinasien und dem Juden in Europa, dem
der doppelte Bann galt. In der Tat wurden diese beiden Völker zu
Hauptschuldigen jener Krisen gemacht, denen das Osmanische Reich seit
dem Fin de siècle und Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg
ausgesetzt waren. Politische Illoyalität, wirtschaftliches
Schmarotzertum und internationale Vernetzung, welche die Schaffung
eines soliden “Volkskörpers” behinderten, hiessen
gleichlautend die an sie adressierten Vorwürfe. Für die
Ausbildung des Feindbildes spielten indes die unterschiedliche
Religion und die starke gemeinschaftliche Selbstorganisation eine
zentrale Rolle. Für die dem Genozid vorangehende demographische
Selektion waren religiöse Kriterien wie Beschneidung und
Gemeinschaftsregister massgeblich. Von daher drängt sich der
Schluss auf, dass die religiöse Emanzipation des Fin de
siècle keine gesellschaftliche Überwindung der Religion,
sondern eine Verdrängung, Umwandlung und Verinnerlichung
religiöser Kategorien zur Folge gehabt hatte. Das Denken der
Alterität wurde biologisiert, industrialisiert und der
Humanität, die im Gebot der Nächstenliebe verankert ist,
beraubt. So entstand Raum für kollektive Vernichtung.
Mit der jungtürkischen Bewegung erlangten neue Diskurse
politische Wirkkraft. Ihnen lagen metaphorische Übertragungen
zugrunde, welche dem Bedeutungsverlust der osmanisch-islamischen
Symbolik mit neuen Sinngebungen zu begegnen suchten. Gleichzeitig mit
den Übertragung aus der wissenschaftlichen Sprache fanden im Fin
de siècle solche aus dem französischen Revolutionsmythos
und aus dem zerbrochenen religiösen Universums auf die
politische Sprache der spätosmanischen Gegenwart statt. Die
Schüler und Abgänger der militärischen
Ärzteschule in Konstantinopel, die zur Avantgarde politischer
Umgestaltung wurden eigneten sich an der Wende zum 20. Jahrhundert
Schlüsselbegriffe wie Rasse, Nation, Daseinskampf,
Bevölkerungszuwachs, Abwehr von Vernichtung, Rettung des Staates
und Herrenvolk (millet-i hakime) an. Diese Wörter
charakterisierten den jungelitären Zeitgeist in der Türkei,
teilweise aber bereits auch in Deutschland. Beiderorts glitt die
idée fixe vom Herrenvolk, die der religiös
begründeten politischen Trägerschaft des alten Reiches
entsprang, in eine biologistische Begrifflichkeit. Apokalyptisches
Denken wurde säkularisiert, und der anstehende Abschied vom
Reich beziehungsweise das ungeklärte Verhältnis zur
Reichsidee drückte sich in aggressiver Untergangsangst aus. In
ihrer Fixierung auf Staat und Macht deutete die junge männliche
Elite im osmanischen Fin de siècle die grundlegenden Probleme
der eigenen Generation vor allem politisch.
Wiege der Partei "Einheit und Fortschritt": die militärische
Ärzteschule
Das türkischsprachige muslimische Milieu der
militärischen Ärzteschule befand sich damals im
Schnittpunkt von positiver Wissenschaftgläubigkeit, politischer
Konspiration und militärischer Institution: drei Elemente
mithin, welche die Machtgrundlage, das Organisationsprinzip und die
idelologische Ausrichtung der elitären türkisch-nationalen
Bewegung der folgenden Jahrzehnte bestimmten. Der Betrieb der
Internatschule war militärisch geregelt. An allen osmanischen
Eliteschulen in Konstantinopel unterrichteten zahlreiche deutsche und
französische Dozenten. Nicht wenige Studierende gingen, unter
Abdulhamid oft aus politischen Gründen, zum Studium nach Europa.
Auguste Comte, Charles Darwin, Ludwig Büchner, Ernst Haeckel und
Friedrich Nietzsche waren Namen, die bis in die osmanischen
Ostprovinzen hinein vor allem der männlichen Bildungsjugend
imponierten und als Garanten wissenschaftlicher Weltdeutung galten.
Das Buch Kraft und Stoff des deutschen Arztes und Philosophen
Ludwig Büchner, eines radikalen Materialisten und Darwinisten,
trug 1888/89 in seiner französischen Übersetzung Force
et matière ganz wesentlich dazu bei, dass der
Mitbegründer der unionistischen Partei Abdullah Cevdet sich in
seinem ersten Jahr an der militärischen Ärzteschule von
seiner bisherigen intensiven religiös-poetischen Innenwelt
völlig lossagte.
Während die heterogene unionistische Partei bis zur
Jahrhundertwende von starken Intellektuellen wie Ahmed Riza, Dr.
Abdullah Cevdet oder Mizanci Murad geprägt war, wurde sie ab
1906 von Pragmatikern der Macht wie Dr. Nazim, Bahaeddin Schakir und
Mehmed Talat organisiert und beherrscht, die mit vielen jüngeren
Offizieren zusammenspannten. Die wenig differenzierte Weltanschauung
dieser neuen Führungsclique konzentrierte sich auf einen - wie
Mehmed Schükrü Hanioglu überzeugend dargelegt hat -
schon früh verinnerlichten radikalen Türkismus, wobei die
Akteure nach Massgabe machtpolitischer Erfordernisse opportunistisch
auf eine panislamistische oder osmanistische Rhetorik
zurückgriffen.[3] Die
Führungsgruppe von 1906 ergriff 1908 die Macht im Reich und
gelangte 1913 in den Besitz diktatorischer Vollmachten. Sie hatte von
Beginn an ein gebrochenes Verhältnis zur ethnischen Kohabitation
und zur pluralistischen Partizipation. Sie war wie die unionistischen
Vordenker der Religion entfremdet. Handlungswirksam beziehungsweise
handlungslegitimierend waren für sie Diskurse, die Leitbegriffe
zeitgenössischer Sozialwissenschaft in Verbindung mit
nationalen, ethnischen oder rassischen Kategorien aufgriffen.
Wissenschaftsorientierte Umvolkungspolitik
Rezeption und Gebrauch von Wissenschaft durch die unionistischen
Jungtürken beschränkten sich daher nicht auf die in den
vorstehenden Seiten ausgeführte mentalitätsgeschichtliche
Dimension. Der Wissenschaftsbezug äusserte sich auch in einem
praxisorientierten Rationalismus, der die Verdrängung ethischer
Bindungen mit der Referenz auf Expertenwissen
verknüpfte.[4] Die
schwerwiegendste und nachhaltigste Tat der Jungtürken war die
Bevölkerungspolitik der Jahre 1914-18, die sich auf
wissenschaftliche Untersuchungen, die das Regime kurzfristig in
Auftrag gegeben hatte, abstützte. Bis zu jenem Zeitpunkt gab es
keinen Staat, der in seinem Innern eine so grossflächige
gewaltsame ethnische Umgestaltung nach “soziologischen
Prinzipien” je verwirklicht hatte. Die staatlichen Akteure
setzten bewusst westliches Gedankengut in Politik um mit dem
Anspruch, eine von aller bisherigen völlig unterschiedliche
Bevölkerungspolitik zu bewerkstelligen.[5]
Ein türkischer Sozialwissenschaftler hat kürzlich die “Leistungen”
des unionistischen Weltkriegsregimes in folgenden Worten
gewürdigt (sic!): “Innerhalb der kurzen Zeit von fünf
Jahren [1913-18] war es äusserst erfolgreich in der
Türkisierung Anatoliens. [...] Trotz schwierigster
Zeitumstände verwirklichte es seine Bevölkerungs- und
Siedlungspolitik. [...] Zum Zwecke der Türkisierung
Anatoliens mussten prioritär die Nichtmuslime entfernt, zugleich
aber auch die nichttürkischen Muslime assimiliert werden”[6]
Die Assimilierung sollte als ein “wissenschaftlich
untermauerter Prozess” mittels massiver Umsiedlungen namentlich
der Kurden in mehrheitlich türkische Gebiete und der Ansiedlung
regimetreuer türkischsprachiger Balkan- oder
Kaukasusflüchtlinge in mehrheitlich kurdischen Gebieten
erfolgen. Während diese Assimilierung trotz analoger
Zwangsmassnahmen durch den Staat auch in den folgenden Jahrzehnten
insgesamt misslang, erfolgte damals die Vernichtung
armenisch-christlicher Existenz in Kleinasien bis auf wenige
Ausnahmen. Die Entfernung der kleinasiatischen Griechen durch die
kemalistischen Jungtürken nach 1918 fand teilweise mittels
ethnischer Säuberungen während des türkischnationalen
Befreiungskrieges (1919-22), teilweise durch vertraglichen
Bevölkerungsaustausch danach statt.
Wissenschaft, Verwaltung und Parteispitze kooperierten eng für
dieses grosse innere Unterfangen während des Weltkriegs. Die
Untersuchungen von Parteimitgliedern, ausländische
Forschungsunterlagen und die Statistiken einer seit den Tanzimat und
verstärkt seit Sultan Abdulhamid zentralisierten und
systematisierten Verwaltung sollten die nötigen Daten über
Verteilung, Loyalität und Assimilierbarkeit der verschiedenen
ethnischen Gruppen liefern. Ziel war es, Kleinasien ethnisch zu “bereinigen”,
um den Staat auf “gesunder” Grundlage neu aufzubauen.
Besonders gefragt waren das Amt für die
Bevölkerungsregistrierung (Sicil-i Nüfus ‹daresi)
und die Zentraldirektion für die Ansiedlung von Nomaden und
Flüchtlingen (Iskân-i Ashayir ve Muhacirin
Müdüriyet-i Umumiyesi). Mitten im Genozid, am 20. Juli
1915, verlangte der osmanische Innenminister Talat Pascha von seinen
Provinzverwaltungen Angaben über die “ethnischen Wurzeln
der Einwohnerschaft” je Dorf und Landkreis, die im Sinne einer
Standortbestimmung den “aktuellen und den vorherigen”
Zustand erfassen sollten.[7]
Während über analoge bevölkerungspolitische
Vorgehensweisen autoritärer Regime im Europa der
Zwischenkriegszeit und im nationalsozialistischen Reich substantielle
Forschungsarbeiten vorliegen, steckt die Aufarbeitung der
systematischen jungtürkischen “Umvolkungspolitik”,
die diesen vorausging, noch in den Anfängen. Das
"Heim-ins-Reich" der türkischsprachigen Muslime aus dem Balkan
und Kaukasus, die Vertreibung der kleinasiatischen Christen und die
radikale Armenierpolitik waren sich wechselseitig bedingende
Vorgänge, wie sie es 25 Jahre später bei der
Heimführung der Volksdeutschen, der Vertreibung der Polen und
und der Judenpolitik waren.[8]
Ein Teil der im Staatsauftrag 1913-18 erarbeiteten Untersuchungen
wurde veröffentlicht, zum Teil bezeichnenderweise mit der
fälschlichen Angabe, es handle sich um die Übersetzung von
Arbeiten deutscher Wissenschaftler. Im Falle der Armenier und der
Kurden erfolgte die entsprechende ethnische Untersuchung im
nachhinein, nach dem Völkermord beziehungsweise den
Zwangsumsiedlungen. Esat Uras, der 1917 Material über die
Armenier sammelte, wurde später als Mitglied der staatlichen
Türkischen Historischen Gesellschaft zum bedeutendsten
Apologeten der jungtürkischen Kriegsinnenpolitik.[9]
Überhaupt bildeten all diese Schriften in erster Linie ein
Instrument der Legitimierung und Propaganda. Sie waren im
übrigen auch die Grundlage für die publizistischen
Kampagnen in Europa, welche die türkischen Foyers in Kooperation
mit ihrer diplomatischen Gesandtschaft während und nach dem
Ersten Weltkrieg namentlich von der Schweiz aus organisierten.
In den Schriften des unionistischen Parteimitbegründers und
Abgängers der militärischen Ärzteschule Dr. Mehmed
Reschid, der 1915 Wali der Provinz Diyarbakir war, wird die
Verbindung von Verlusttrauma, Selbstsicht als Opfer und Angst vor
eigenem Untergang mit dem Denken und der Praxis von Völkermord
besonders deutlich. Seine Schriften sprechen eine unverblümt
klare Sprache, zumal er nicht wie manche anderen unionistischen
Kaderleute später die Gelegenheit hatte, seine Vergangenheit
dank einer angesehenen Position im kemalistischen Staat in
vertuschender und beschönigender Weise zu
rechtfertigen.[10] Dr. Reschid
und viele seiner Parteigenossen hatten aus der Logik der auf den
osmanischen Staat angewandten Krankheitsmetapher die sprachliche und
politische Konsequenz gezogen, eine ethnisch-religiöse
Minderheit qua Schmarotzer, Blutsauger und verderbliche Mikroben
(mikroplar) zu töten, da sie aus ihrer Sicht den
Staatskörper von innen gefährdeten.
Zum Schluss
Man wird in manchen nationalistischen Diskursen des 20.
Jahrhunderts ähnliche Elemente finden wie im Text, den ich
eingangs zitiert habe. Aber nirgendwo stand ein radikalisiertes
Einparteienregime am Vorabend des Ersten Weltkrieges an der Spitze
eines so grossen und zentralisierten Machtapparates wie im
osmanischen Vielvölkerreich. Die dem Geist des Fin de
siècle entspringenden metaphorischen Denkzwänge waren
eine wichtige Bedingung der Möglichkeit von Völkermord. In
der kleinasiatischen Türkei konnten sie in der politischen
Konjunktur des Jahres 1915 erstmals umfassend operabel werden.
Ironisch-tragischerweise ist im Zitat mit den Begriffen “schwach”,
“erniedrigt”, “passiv” und “hilfsbedürftig”
auch das eigene Türkesein angesprochen - allerdings mit dem
Erwartungsdruck, möglichst radikal dieser abgewerteten humanen
Kategorie zu entrinnen. Das unionistische Kriegsregime wandte sie in
der Tat erstmalig so konsequent auf “den andern” im
eigenen Staat an. Eine Generation bevor der Nationalsozialismus die
unheilbar Kranken als lebensunwert und den “ewigen Juden”
zum “jüdischen Bazillus” abstempelte,[11]
vernichtete das Regime der jungtürkischen Partei Einheit und
Fortschritt den armenischen gavur (“Ungläubigen”)
als vermeintlichen “Schädling” von Staat und
Nation.
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