Angst vor Untergang und Denken der Vernichtung.
Die Geburt von Genozid aus dem Geiste des Fin de siècle

Hans-Lukas Kieser


Der Mord an den kleinasiatischen Armeniern und derjenige an den europäischen Juden haben eine lange, zum Teil gemeinsame Vorgeschichte. In diesem Essay stelle ich die Bedeutung der Gedankenwelt des Fin de Siècle für die damals sich bildenden “Jungeliten” im Nahen Osten und in Europa heraus. Mit Fin de siècle ist das Ende des 19. Jahrhunderts gemeint. Der Begriff bedeutet aber auch die Stimmung am Ende eines Zeitalters sowie, damit assoziiert, Untergang, Dekadenz, Apokalypse - und die Erwartung einer neuen menschlichen Ordnung auf wissenschaftlicher Grundlage. Ich behandle den Zusammenhang zwischen der Angst vor Untergang, dem Denken der Vernichtung und einer der zeitgenössischen Wissenschaft entlehnten Vorstellung der Natur als göttlicher Allgewalt. Ich vertrete die These, dass Wissenschaftsbezug zu einem wesentlichen Moment jener Staatsräson wurde, die im Kontext der Weltkriege beim jungtürkischen wie beim nationalsozialistischen Einparteinregime “völkische Flurbereinigung” und Völkermord begründete. Eine weitere These dieses Essays lautet, dass das jungtürkische Weltkriegsregime historisch erstmalig eine totale innenpolitische Umsetzung solcher antihumanistischer Devisen ins Werk setzte, die dem Gedankengut des Fin de siècle entsprangen. Ein gewisses Vorbild stellten kolonialpolitische Praktiken der europäischen Mächte dar, die systematisch religiöse Grundwerte ebenso wie die universalen Menschenrechte verletzten.

Eine an die Jugend gerichtete Broschüre des türkischen Foyers in Genf, eines nationalistischen Akademikerklubs, vom Vorabend des Ersten Weltkriegs klagt das Machtgebaren Europas an, eignet sich aber zugleich mit betonter Härte gegen sich selbst die mitleidslosen Prinzipien der “Natur” (tabiat) an, nach denen der Westen sich orientiere: Brüder, heute gibt es eine repressive, blutrünstige und gefühlstote Macht, welche die Schwachen nicht als lebenswert anerkennt und sie nicht der Gerechtigkeit und des Erbarmens für wert hält: der Westen, Europa! Diese Macht gibt auf die Frage, warum und mit welchem Recht sie den Lebensraum [...] jener einnehmen muss, die vom Schauplatz des Lebenskampfes fernbleiben wollen, weil sie träge, schwach, erbärmlich, leidend oder erniedrigt sind, folgende Antwort: Die Natur spricht demjenigen, der nicht mit ihr kämpft, kein Lebensrecht zu. Wer lebt ohne zu arbeiten, usurpiert eine Wohltat ohne dafür zu bezahlen. Schmarotzer jedoch müssen vor der grossen Justiz der Natur [...] ihre Strafe empfangen und sterben... Ist dies nicht eine mit der ‚metaphysischen‘ Erhabenheit der Menschheit unvereinbare Grausamkeit, ein Undank, ein Verbrechen? Doch was masst du dich an, sie zu beschuldigen? Daran schuld ist die Natur, wenn es auch mörderisch sein mag. Die Natur besitzt kein Parlament, das von Zeit zu Zeit tagen könnte, um ihre Gesetze unseren Wünschen und Schwächen entsprechend abzumildern. Sie ist ein Alleinherrscher, der jenen nie verzeiht, die ihr nicht gehorchen, ein souveräner Richter. [...] Wir müssen wissen, dass wir, falls wir leben wollen, die harten und grausamen Gesetze der Natur zu akzeptieren haben. Es gibt sonst keine Macht und keinen Ausweg für unsere Rettung.[1] Mit der Angst im Nacken, selbst schwach und dekadent zu sein, appelliert der anonyme Autor der Broschüre an die türkische Jugend, sie solle alles unternehmen, um im Kampf der Nationen zu den Starken zu gehören. (Mit seiner martialischen Rede spornt er sie zur Hochschulausbildung in Europa an.)


Wissenschaftsgläubigkeit

Die Wissenschaftsgläubigkeit und Technikbegeisterung der Bildungeliten seit Ende des 19. Jahrhunderts war die Voraussetzung für einen politisch tragfähigen Rekurs auf Wissenschaft und für Social Engineering. Die versuchte, aber missglückte Überwindung von Religion und religiösen Kategorien der Alterität schuf den Boden für eine inhumane Extremsicht des Anderen in Missachtung traditioneller Ethik. Hochgepeitschte nationalistische Leitbegriffe übertünchten die animalische Selbstsicht, die konsequenterweise damit zusammenhing. Die Rede vom Herrenmenschen verschüttete das jahrtausendalte theologische Erbe Kleinasiens und Europas, das sich im religionsübergreifenden Schlüsselbegriff vom barmherzigen Gott, vom Menschensohn und insan-i kamil, dem “ganz Mensch sein”, resümiert.
Der für breite Bildungseliten in Mittel- und Osteuropa sowie im Nahen Osten entscheidende Bruch mit der Rede von, über und zu Gott geschah im Fin de Siècle. Einflussreicher als Nietzsche war der popularisierte Diskurs der sogenannten positiven Wissenschaften, deren Koryphäen und Schüler Atheismus als Zugehörigkeitsmerkmal zur Avantgarde und positivistischen Glaubensgemeinschaft kultivierten. Mit der Kritik an der institutionalisierten Kirche und an Religion überhaupt begann im Europa des 18. Jahrhunderts der zuvor breit anerkannte theologische Basisdiskurs aufzubrechen. Darunter verstehe ich ein Reden, das ganz oder teilweise den Mythos der religiösen Gründungsgeschichte als Metapher für seine Zeit übernimmt und ihn für die Begründung und Rechtfertigung politischen Tuns benutzt. Sprache und menschliches Verstehen funktionieren notwendig mittels Metaphern, die Vielfalt mit einem bekannten, einprägsamen Bild verbinden, Kategorien schaffen und Komplexität reduzieren; aber sie sind nur Stückwerk.
Auf die antitheologische “Entzauberung der Welt”, die Herausbildung positivistischer Sozialmetaphern im Fin de siècle und die Schaffung eines bereits ersatzreligiösen Pantheons nationalen Heldentums folgte nach dem Ersten Weltkrieg ein dritter Schritt: die Schaffung “säkularer Religionen”, das heisst rigider, auf die ganze Gesellschaft angewandter Ideologien, die im Gegensatz zum wenig kohärenten politischen Gedankengut der vorhergehenden Phase Einheitlichkeit in Theorie und Praxis anstrebten. Die Säkularreligionen sind der Versuch einer Wiedergewinnung eines einheitlichen Basisdiskurses. Im Selbstverständnis der Akteure begründen sie eine “völlig neue Gesellschaft”. Die prägnantesten Beispiele dafür finden wir in der Zwischenkriegszeit im bolschewistischen Russland, im faschistischen Italien, in der kemalistischen Türkei und im nationalsozialistischen Deutschland. Kennzeichen dieser totalitären Ideologien waren der Mythos der “Stunde Null”, revolutionäre Sprachreinigungsprozesse, (pseudo-)wissenschaftliche Weltbilder und die Einrichtung von Kulten, welche die Gründer und die Gründungsgeschichte der neuen Epoche zelebrierten.
Offen für neue Weltorientierung und anfällig für die oben angesprochene metaphorische Übertragung waren die Eliten seit dem Fin de siècle, einer Epoche, die Max Weber in Übereinstimmung mit Nietzsche als eine “gottfremde und prophetenlose Zeit” in einer “entzauberten Welt” diagnostizierte.[2] Diese Epoche zeitigte, um bei der biblischen Sprache zu bleiben, viele falsche Prophetien. Zwar trug die Wissenschaft beträchtlich zur tabula rasa des religiös begründeten traditionellen Weltbildes bei, aber sie lieferte auch Versatzstücke, die der Wiederverzauberung der Welt mittels Ideologie dienten. In der eurozentrischen Sozialwissenschaft wurde bisher zu wenig bedacht, dass dieser Prozess nicht in einseitiger Beeinflussung, sondern in der Interaktion von europäischen und nahöstlichen Eliten ablief und in der Türkei früher als in Europa eine radikale innenpolitische Umsetzung erfuhr.


Jungsein in Untergangsstimmung

Früher und stärker als im Europa des Fin de siècle machte sich in der Türkei im Kontext des dramatischen osmanischen Reichszerfalls seit den 1870er Jahren eine apokalyptische Stimmung breit. Diese fassten die Jungtürken ebenso säkular auf wie jene europäischen Kreise, die in der Schlussphase des Imperialismus, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, den “Endkampf” mit seiner “luftreinigenden Wirkung” im Verhältnis der Völker herbeisehnten. Das Alte sollte in Blut und Asche untergehen, um dem Neuen Platz zu machen. Aus Angst vor dem Untergang beschleunigten die Jungeliten ihn. Der Generationenkonflikt zwischen den Jungtürken und Sultan Abdulhamid (1876-1909), der für sie die untergehende Welt und ihre Krise symbolisierte, trug zur Radikalisierung bei.
Die Wahrnehmung von Wahrheit(en) und Wirklichkeit gilt seit der Moderne als Aufgabe der Wissenschaft. Breite Gesellschaftsschichten verschrieben sich seit ihrer Emanzipation von Kirche, Moschee und Synagoge im Fin de siècle einer positivistischen Wissenschaftsgläubigkeit. Realität fand sich in den Augen vieler Bildungsbürger im 19. Jahrhundert am dichtesten in der wissenschaftlichen Beschreibung der Natur, die sie als Grundlage von Weltdeutung überhaupt nahmen. Nietzsche, Comte und Haeckel etablierten sich als Koryphäen nachchristlicher, positivistischer oder materialistischer Welterklärung, die einen Ersatz für den verlorengegangenen religiösen Kosmos darstellte. Eine wichtige Basis dafür bildete das Werk von Charles Darwin On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. Dieses Realitätsverständnis prägte die Politik: Nur eine der wissenschaftlichen Vernunft gemässe, den “ehernen Gesetzen” von Natur und Gesellschaft konforme Politik konnte beanspruchen, der “Staatsräson” verpflichtete “Realpolitik” zu sein. Da Ethik in dieser Sicht an einem Realitätsdefizit krankte, hatte sich solche Politik nur sekundär - diplomatisch, wahltaktisch oder werbestrategisch - an sie zu halten. Wie schon der Titel offenbart, war Darwins Narration der Natur nicht frei von Präjudizen. Dass der Darwinismus in seiner Übertragung als gesellschaftliche Naturlehre in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eine verheerende Wirkung ausübte, lag zu einem entscheidenden Teil darin begründet, dass die Erzählung Darwins mit Metaphern arbeitete, die dem zeitgenössischen Sozialleben entliehen waren.
Die relativ schmalen Bildungseliten in den osmanischen Metropolen waren im späten 19. Jahrhundert noch stärker wissenschaftsorientiert als die industriestädtischen Gesellschaften in Europa; ihr Bruch mit der religiösen Tradition war schärfer und ihr Bedürfnis nach radikalen Massnahmen zur eigenen Rettung ausgeprägter. Dies trifft besonders auf die jungtürkische Partei “Fortschritt und Einheit” zu, die 1889 von Studenten der militärischen Ärzteschule in Konstantinopel gegründet wurde und die für ein halbes Jahrhundert das politische Leben in der Türkei prägte. Als eifrige Schüler prestigeträchtiger Lehren aus Europa waren sie handlungsbereiter und radikaler als ihre Lehrmeister, zumal sie in einer vor allem innenpolitisch kritischeren Situation lebten. Ihr Staat galt als krank, ihr Machtapparat als verdorben und dekadent, ihre multiethnische Gesellschaft als kaum mehr lebensfähig und ihre Levantiner als degeneriert. Daher waren einschneidende “Operationen” am sozialen “Körper” (bünye) angesagt. Der Metapherntransfer aus der hochangesehenen Pionierdisziplin Chirurgie oder aus der Bakteriologie in die Politik, wo auch noch Jahrzehnte nach der Parteigründung viele Ärzte hohe Positionen einahmen, fand sich häufig bei den Jungtürken.


Sozialdarwinismus

Die Träger der jungtürkischen wie der nationalsozialistischen Parteidiktatur waren in ihrer Weltsicht von einem Sozialdarwinismus geprägt, der die Eliminierung desjenigen, der als individueller oder kollektiver Konkurrent galt, als Bedingung des eigenen Überlebens begriff. Während sich humanistisch und religiös inspirierte Kreise gegen einen solchen, zum Denkzwang gewordenen Metapherntransfer aus einer biologischen Theorie auf die menschliche Gesellschaft wehrten, waren vom Fin de siècle an weite Teile der Bildungseliten in West und Ost der Überzeugung, dass der tödliche Überlebenskampf eine von Darwin oder seinen Epigonen bewiesene Naturnotwendigkeit auch für Individuen, Nationen, Rassen oder Klassen darstelle. Als bedrohte oder “zu spät Gekommene” fühlten sich die Eliten in der Türkei und in Deutschland im Zeitalter des Imperialismus in dieser Weltanschauung besonders bestärkt. Deren Wahrheit schien ihnen durch die unverhüllte, erfolgreiche Anwendung sozialdarwinistischer Prinzipien in der Aussenpolitik durch politische Gegner oder Konkurrenten wie Grossbritannien und Russland hieb- und stichfest bewiesen zu werden.
Von der betont religiösen Selbstdefinition Abdulhamids als Sultan und Kalif setzten sich die Jungtürken antithetisch durch Anleihen aus der Anthropologie, Rassenkunde und der Soziologie ab. Der Prozess ihrer Selbstfindung führte sie zur dürftig säkularisierten Identität des “Türken” als Kern nationaler Integration. Damit waren de facto, und entsprechend altem europäischen Sprachgebrauch, die Muslime türkischer Sprache gemeint. Diese Definition ermöglichte eine selektive Durchlässigkeit von den alten zu den neuen Machtträgern. Sie bestimmte den Wirkkreis der “Rettung” von Heimat (memleket, vatan) und Staat (devlet), um die es den Jungtürken ging. Zugleich schloss die unitäre Gleichstellung Nichtmuslime und Nichttürken als solche aus, denn es gab nicht mehr wie im alten System die Kategorie der “Schutzbefohlenen” einer ethnisch-religiös unterschiedlichen Gemeinschaft mit Anspruch auf eigenen Lebensraum (nicht aber auf Gleichberechtigung). Nur Vollassimilierte sollten an der Macht und den Ressourcen des modernen, unitären Staates partizipieren können. De facto blieb indes auch an ihnen das Stigma der “anderen”, nicht genuin türkisch-muslimischen Herkunft hängen, selbst wenn sie einen türkischen Namen und die muslimische Religion angenommen hatten.
In anti-internationalistischer Umdeutung und nationalistischer Verengung nahmen die unionistischen Jungtürken eine Generation früher als die Nationalsozialisten sozialrevolutionäres Gedankengut in Anspruch, das sie der französischen Revolution und der kommunistischen Bewegung entlehnten. Wehe dem Klassen- und Rassefeind, dem Armenier in Kleinasien und dem Juden in Europa, dem der doppelte Bann galt. In der Tat wurden diese beiden Völker zu Hauptschuldigen jener Krisen gemacht, denen das Osmanische Reich seit dem Fin de siècle und Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg ausgesetzt waren. Politische Illoyalität, wirtschaftliches Schmarotzertum und internationale Vernetzung, welche die Schaffung eines soliden “Volkskörpers” behinderten, hiessen gleichlautend die an sie adressierten Vorwürfe. Für die Ausbildung des Feindbildes spielten indes die unterschiedliche Religion und die starke gemeinschaftliche Selbstorganisation eine zentrale Rolle. Für die dem Genozid vorangehende demographische Selektion waren religiöse Kriterien wie Beschneidung und Gemeinschaftsregister massgeblich. Von daher drängt sich der Schluss auf, dass die religiöse Emanzipation des Fin de siècle keine gesellschaftliche Überwindung der Religion, sondern eine Verdrängung, Umwandlung und Verinnerlichung religiöser Kategorien zur Folge gehabt hatte. Das Denken der Alterität wurde biologisiert, industrialisiert und der Humanität, die im Gebot der Nächstenliebe verankert ist, beraubt. So entstand Raum für kollektive Vernichtung.
Mit der jungtürkischen Bewegung erlangten neue Diskurse politische Wirkkraft. Ihnen lagen metaphorische Übertragungen zugrunde, welche dem Bedeutungsverlust der osmanisch-islamischen Symbolik mit neuen Sinngebungen zu begegnen suchten. Gleichzeitig mit den Übertragung aus der wissenschaftlichen Sprache fanden im Fin de siècle solche aus dem französischen Revolutionsmythos und aus dem zerbrochenen religiösen Universums auf die politische Sprache der spätosmanischen Gegenwart statt. Die Schüler und Abgänger der militärischen Ärzteschule in Konstantinopel, die zur Avantgarde politischer Umgestaltung wurden eigneten sich an der Wende zum 20. Jahrhundert Schlüsselbegriffe wie Rasse, Nation, Daseinskampf, Bevölkerungszuwachs, Abwehr von Vernichtung, Rettung des Staates und Herrenvolk (millet-i hakime) an. Diese Wörter charakterisierten den jungelitären Zeitgeist in der Türkei, teilweise aber bereits auch in Deutschland. Beiderorts glitt die idée fixe vom Herrenvolk, die der religiös begründeten politischen Trägerschaft des alten Reiches entsprang, in eine biologistische Begrifflichkeit. Apokalyptisches Denken wurde säkularisiert, und der anstehende Abschied vom Reich beziehungsweise das ungeklärte Verhältnis zur Reichsidee drückte sich in aggressiver Untergangsangst aus. In ihrer Fixierung auf Staat und Macht deutete die junge männliche Elite im osmanischen Fin de siècle die grundlegenden Probleme der eigenen Generation vor allem politisch.


Wiege der Partei "Einheit und Fortschritt": die militärische Ärzteschule

Das türkischsprachige muslimische Milieu der militärischen Ärzteschule befand sich damals im Schnittpunkt von positiver Wissenschaftgläubigkeit, politischer Konspiration und militärischer Institution: drei Elemente mithin, welche die Machtgrundlage, das Organisationsprinzip und die idelologische Ausrichtung der elitären türkisch-nationalen Bewegung der folgenden Jahrzehnte bestimmten. Der Betrieb der Internatschule war militärisch geregelt. An allen osmanischen Eliteschulen in Konstantinopel unterrichteten zahlreiche deutsche und französische Dozenten. Nicht wenige Studierende gingen, unter Abdulhamid oft aus politischen Gründen, zum Studium nach Europa. Auguste Comte, Charles Darwin, Ludwig Büchner, Ernst Haeckel und Friedrich Nietzsche waren Namen, die bis in die osmanischen Ostprovinzen hinein vor allem der männlichen Bildungsjugend imponierten und als Garanten wissenschaftlicher Weltdeutung galten. Das Buch Kraft und Stoff des deutschen Arztes und Philosophen Ludwig Büchner, eines radikalen Materialisten und Darwinisten, trug 1888/89 in seiner französischen Übersetzung Force et matière ganz wesentlich dazu bei, dass der Mitbegründer der unionistischen Partei Abdullah Cevdet sich in seinem ersten Jahr an der militärischen Ärzteschule von seiner bisherigen intensiven religiös-poetischen Innenwelt völlig lossagte.
Während die heterogene unionistische Partei bis zur Jahrhundertwende von starken Intellektuellen wie Ahmed Riza, Dr. Abdullah Cevdet oder Mizanci Murad geprägt war, wurde sie ab 1906 von Pragmatikern der Macht wie Dr. Nazim, Bahaeddin Schakir und Mehmed Talat organisiert und beherrscht, die mit vielen jüngeren Offizieren zusammenspannten. Die wenig differenzierte Weltanschauung dieser neuen Führungsclique konzentrierte sich auf einen - wie Mehmed Schükrü Hanioglu überzeugend dargelegt hat - schon früh verinnerlichten radikalen Türkismus, wobei die Akteure nach Massgabe machtpolitischer Erfordernisse opportunistisch auf eine panislamistische oder osmanistische Rhetorik zurückgriffen.[3] Die Führungsgruppe von 1906 ergriff 1908 die Macht im Reich und gelangte 1913 in den Besitz diktatorischer Vollmachten. Sie hatte von Beginn an ein gebrochenes Verhältnis zur ethnischen Kohabitation und zur pluralistischen Partizipation. Sie war wie die unionistischen Vordenker der Religion entfremdet. Handlungswirksam beziehungsweise handlungslegitimierend waren für sie Diskurse, die Leitbegriffe zeitgenössischer Sozialwissenschaft in Verbindung mit nationalen, ethnischen oder rassischen Kategorien aufgriffen.


Wissenschaftsorientierte Umvolkungspolitik

Rezeption und Gebrauch von Wissenschaft durch die unionistischen Jungtürken beschränkten sich daher nicht auf die in den vorstehenden Seiten ausgeführte mentalitätsgeschichtliche Dimension. Der Wissenschaftsbezug äusserte sich auch in einem praxisorientierten Rationalismus, der die Verdrängung ethischer Bindungen mit der Referenz auf Expertenwissen verknüpfte.[4] Die schwerwiegendste und nachhaltigste Tat der Jungtürken war die Bevölkerungspolitik der Jahre 1914-18, die sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, die das Regime kurzfristig in Auftrag gegeben hatte, abstützte. Bis zu jenem Zeitpunkt gab es keinen Staat, der in seinem Innern eine so grossflächige gewaltsame ethnische Umgestaltung nach “soziologischen Prinzipien” je verwirklicht hatte. Die staatlichen Akteure setzten bewusst westliches Gedankengut in Politik um mit dem Anspruch, eine von aller bisherigen völlig unterschiedliche Bevölkerungspolitik zu bewerkstelligen.[5]
Ein türkischer Sozialwissenschaftler hat kürzlich die “Leistungen” des unionistischen Weltkriegsregimes in folgenden Worten gewürdigt (sic!): “Innerhalb der kurzen Zeit von fünf Jahren [1913-18] war es äusserst erfolgreich in der Türkisierung Anatoliens. [...] Trotz schwierigster Zeitumstände verwirklichte es seine Bevölkerungs- und Siedlungspolitik. [...] Zum Zwecke der Türkisierung Anatoliens mussten prioritär die Nichtmuslime entfernt, zugleich aber auch die nichttürkischen Muslime assimiliert werden”[6] Die Assimilierung sollte als ein “wissenschaftlich untermauerter Prozess” mittels massiver Umsiedlungen namentlich der Kurden in mehrheitlich türkische Gebiete und der Ansiedlung regimetreuer türkischsprachiger Balkan- oder Kaukasusflüchtlinge in mehrheitlich kurdischen Gebieten erfolgen. Während diese Assimilierung trotz analoger Zwangsmassnahmen durch den Staat auch in den folgenden Jahrzehnten insgesamt misslang, erfolgte damals die Vernichtung armenisch-christlicher Existenz in Kleinasien bis auf wenige Ausnahmen. Die Entfernung der kleinasiatischen Griechen durch die kemalistischen Jungtürken nach 1918 fand teilweise mittels ethnischer Säuberungen während des türkischnationalen Befreiungskrieges (1919-22), teilweise durch vertraglichen Bevölkerungsaustausch danach statt.
Wissenschaft, Verwaltung und Parteispitze kooperierten eng für dieses grosse innere Unterfangen während des Weltkriegs. Die Untersuchungen von Parteimitgliedern, ausländische Forschungsunterlagen und die Statistiken einer seit den Tanzimat und verstärkt seit Sultan Abdulhamid zentralisierten und systematisierten Verwaltung sollten die nötigen Daten über Verteilung, Loyalität und Assimilierbarkeit der verschiedenen ethnischen Gruppen liefern. Ziel war es, Kleinasien ethnisch zu “bereinigen”, um den Staat auf “gesunder” Grundlage neu aufzubauen. Besonders gefragt waren das Amt für die Bevölkerungsregistrierung (Sicil-i Nüfus ‹daresi) und die Zentraldirektion für die Ansiedlung von Nomaden und Flüchtlingen (Iskân-i Ashayir ve Muhacirin Müdüriyet-i Umumiyesi). Mitten im Genozid, am 20. Juli 1915, verlangte der osmanische Innenminister Talat Pascha von seinen Provinzverwaltungen Angaben über die “ethnischen Wurzeln der Einwohnerschaft” je Dorf und Landkreis, die im Sinne einer Standortbestimmung den “aktuellen und den vorherigen” Zustand erfassen sollten.[7] Während über analoge bevölkerungspolitische Vorgehensweisen autoritärer Regime im Europa der Zwischenkriegszeit und im nationalsozialistischen Reich substantielle Forschungsarbeiten vorliegen, steckt die Aufarbeitung der systematischen jungtürkischen “Umvolkungspolitik”, die diesen vorausging, noch in den Anfängen. Das "Heim-ins-Reich" der türkischsprachigen Muslime aus dem Balkan und Kaukasus, die Vertreibung der kleinasiatischen Christen und die radikale Armenierpolitik waren sich wechselseitig bedingende Vorgänge, wie sie es 25 Jahre später bei der Heimführung der Volksdeutschen, der Vertreibung der Polen und und der Judenpolitik waren.[8]
Ein Teil der im Staatsauftrag 1913-18 erarbeiteten Untersuchungen wurde veröffentlicht, zum Teil bezeichnenderweise mit der fälschlichen Angabe, es handle sich um die Übersetzung von Arbeiten deutscher Wissenschaftler. Im Falle der Armenier und der Kurden erfolgte die entsprechende ethnische Untersuchung im nachhinein, nach dem Völkermord beziehungsweise den Zwangsumsiedlungen. Esat Uras, der 1917 Material über die Armenier sammelte, wurde später als Mitglied der staatlichen Türkischen Historischen Gesellschaft zum bedeutendsten Apologeten der jungtürkischen Kriegsinnenpolitik.[9] Überhaupt bildeten all diese Schriften in erster Linie ein Instrument der Legitimierung und Propaganda. Sie waren im übrigen auch die Grundlage für die publizistischen Kampagnen in Europa, welche die türkischen Foyers in Kooperation mit ihrer diplomatischen Gesandtschaft während und nach dem Ersten Weltkrieg namentlich von der Schweiz aus organisierten.
In den Schriften des unionistischen Parteimitbegründers und Abgängers der militärischen Ärzteschule Dr. Mehmed Reschid, der 1915 Wali der Provinz Diyarbakir war, wird die Verbindung von Verlusttrauma, Selbstsicht als Opfer und Angst vor eigenem Untergang mit dem Denken und der Praxis von Völkermord besonders deutlich. Seine Schriften sprechen eine unverblümt klare Sprache, zumal er nicht wie manche anderen unionistischen Kaderleute später die Gelegenheit hatte, seine Vergangenheit dank einer angesehenen Position im kemalistischen Staat in vertuschender und beschönigender Weise zu rechtfertigen.[10] Dr. Reschid und viele seiner Parteigenossen hatten aus der Logik der auf den osmanischen Staat angewandten Krankheitsmetapher die sprachliche und politische Konsequenz gezogen, eine ethnisch-religiöse Minderheit qua Schmarotzer, Blutsauger und verderbliche Mikroben (mikroplar) zu töten, da sie aus ihrer Sicht den Staatskörper von innen gefährdeten.


Zum Schluss

Man wird in manchen nationalistischen Diskursen des 20. Jahrhunderts ähnliche Elemente finden wie im Text, den ich eingangs zitiert habe. Aber nirgendwo stand ein radikalisiertes Einparteienregime am Vorabend des Ersten Weltkrieges an der Spitze eines so grossen und zentralisierten Machtapparates wie im osmanischen Vielvölkerreich. Die dem Geist des Fin de siècle entspringenden metaphorischen Denkzwänge waren eine wichtige Bedingung der Möglichkeit von Völkermord. In der kleinasiatischen Türkei konnten sie in der politischen Konjunktur des Jahres 1915 erstmals umfassend operabel werden. Ironisch-tragischerweise ist im Zitat mit den Begriffen “schwach”, “erniedrigt”, “passiv” und “hilfsbedürftig” auch das eigene Türkesein angesprochen - allerdings mit dem Erwartungsdruck, möglichst radikal dieser abgewerteten humanen Kategorie zu entrinnen. Das unionistische Kriegsregime wandte sie in der Tat erstmalig so konsequent auf “den andern” im eigenen Staat an. Eine Generation bevor der Nationalsozialismus die unheilbar Kranken als lebensunwert und den “ewigen Juden” zum “jüdischen Bazillus” abstempelte,[11] vernichtete das Regime der jungtürkischen Partei Einheit und Fortschritt den armenischen gavur (“Ungläubigen”) als vermeintlichen “Schädling” von Staat und Nation.


[1] Cenevre’de tahsil [Ausbildung in Genf], Istanbul: Mezîyet-i iktisâdiye matbaası, 1328, S. 4-6. Den Hinweis auf diese Broschüre verdanke ich Klaus Kreiser, Bamberg.
[2] Zitate nach Peukert, Detlev J. K., Max Webers Diagnose der Moderne, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1989, S. 7.
[3] Vgl. Hanioglu, Mehmed Sükrü, Preparation For a Revolution : the Young Turks, 1902-1908, New York : Oxford University Press, 2001, S. 295-305.
[4] Vgl. Aly, Götz und Heim, Susanne, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt a. M., 1997.
[5] Vgl. Dündar, Fuat, “Ittihat ve Terakki’nin Etnisite Arastirmalari”, in: Toplumsal Tarih, Juli 2001, S. 45. Vgl. auch, über die deutsche “Ostforschung”, Haar, Ingo, “Die Genesis der ‚Endlösung‘ aus dem Geiste der Wissenschaften: Volksgeschichte und Bevölkerungspolitik im Nationalsozialismus”, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 1, 2001, S. 13-31.
[6] Dündar, Etnisite, S. 43.
[7] BOA DH.SFR 54A, 51, zitiert nach Dündar, Etnisite, S. 44.
[8] Vgl. Aly, Götz, «'Judenumsiedlung'. Überlegungen zur politischen Vorgeschichte des Holocaust», in: Herbert, Ulrich, Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945, Frankfurt: Fischer, 1998, S. 80. Vgl. unter den neueren Publikationen zur Bevölkerungspolitik in Osteuropa Esch, Michael, “Gesunde Verhältnisse”. Deutsche und polnische Bevölkerungspolitik in Ostmitteleuropa 1939-1950, Marburg: Verlag Herder-Institut, 1998, und Haar, Ingo, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der “Volkstumkampf” im Osten, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2000. Immerhin gibt es über die unionistische Bevölkerungspolitik seit kurzem Fuat Dündars veröffentlichte Magisterarbeit: Ittihat ve Terakki'nin Müslümanlari Iskan Politikasi (1913-18), Istanbul: Iletisim, 2001.
[9] Siehe sein Werk The Armenians in History and the Armenian Question, Istanbul: Documentary Publications, 1988, türkische Erstausgabe 1951.
[10] Siehe Mehmed Resid [Sahingiray], Hayatı ve Hâtıraları, hg. von N. Bilgi, Izmir: Akademi Kitabevi, 1997.
[11] Vgl. Peukert, Detlev, “Die Genesis der ‚Endlösung‘ aus dem Geist der Wissenschaft”, in: ders., Max Webers Diagnose der Moderne, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1989, S. 116.

 

© 1998-2001 webmaster@hist.net
20.9.2001