Ausgangssituation und Ziele
- Die Exponenten des deutschen Kulturprotestantismus bzw. der
liberalen Theologie, in besonderer Weise Martin Rade (1857–1940)
und dessen Zeitschrift “Die Christliche Welt” (ChW),
sind seit Jahren Gegenstand intensiver Forschungen (vgl. die
Arbeiten von J. Rathje, F. W Graf,
Chr. Schwöbel, A. Nagel, J. Jantsch
u. a.). Obwohl die Frage nach dem Schicksal des armenischen
Volkes und der armenischen Kirche in Rades “Christlicher
Welt” zentral ist, wird sie von den genannten Forschern mit
keinem Wort erwähnt. Eine gewisse Ausnahme bilden kurze
Hinweise von Schwöbel und Jantsch, die aber der Bedeutung des
Themas in Leben und Werk Rades nicht gerecht werden. Die
vorgelegte Untersuchung widmet sich daher diesem Desiderat, zumal
die Armenische Frage in keiner anderen deutschen Zeitschrift so
andauernd (nahezu 40 Jahre) und intensiv diskutiert wurde wie
in der ChW, der zweifellos wichtigsten Zeitschrift des
Kulturprotestantismus. Rade war es gelungen, führende
Orientalisten, Historiker, Theologen und andere Wissenschaftler,
wie z. B. Heinrich Gelzer (1847–1906), Adolf
v. Harnack (1851–1930), Friedrich Loofs (1858–1928),
Karl Marti (1855–1925), Paul Rohrbach (1869–1956),
Albert Socin (1844–1899) und andere zur Mitarbeit zum
Armenien-Thema in der ChW zu gewinnen. Rades engster Mitarbeiter
in dieser Frage war der Pfarrer und Kirchenrat der
Ev. Landeskirche Anhalt und Ehrendoktor der hallischen
Theologischen Fakultät, Ewald Stier (1864–1946), der
seit 1896 unermüdlich für die armenischen Belange
eintrat.
- Ziel meiner Arbeit “Martin Rades ‚Christliche Welt’
und Armenien’ war es: a) einen zuverlässigen
Überblick über die in der ChW und deren
Schwesterpublikationen zum Thema Armenien erschienenen Artikel und
Meldungen von 1892 bis 1940 geben; b) die ChW als wichtige
Quelle für die Geschichte der deutsch-armenischen Beziehungen
im ausgehenden 19. und ersten Drittel des 20. Jh.
erschließen und bekannt machen; c) den konkreten
Beitrag Rades und seiner Freunde im Kontext der Haltung der
Außenpolitik des kaiserlichen Deutschlands, der Haltung der
deutschen evangelischen Landeskirchen in der Armenischen Frage
sowie der allgemeinen deutschen Armenierhilfe würdigen;
d) der Frage nachgehen, ob und welche Verbindungslinien sich
zwischen Rades theologischer Orientierung, seinen Entwürfen
zu einer politischen Ethik und seinem Einsatz für das
armenische Volk nachweisen lassen.
Die Armenische Frage und Deutschland 1878–1940 im Spiegel
der ChW
- In Artikel 61 des auf dem Berliner Kongreß 1878
erarbeiteten Vertragswerkes garantierten die europäischen
Großmächte der im Osmanischen Reich lebenden
armenisch-christlichen Bevölkerung die Durchsetzung
umfassender Reformen. Konkurrierende politische, wirtschaftliche
und strategische Interessen geschickt ausnutzend, gelang es der
osmanisch-türkischen Regierung, den Druck auf die armenische
Bevölkerung stetig zu erhöhen. Unter den Augen der sich
gegenseitig neutralisierenden Großmächte begann sie in
den Jahren 1895/96 mit der systematischen Ausrottung dieses
ältesten christlichen Kulturvolkes. Bis Ende 1896 fielen den
Pogromen schätzungsweise 300 000
Armenier zum Opfer.
- Eine der Schlüsselgestalten im Umkreis Rades für die
wissenschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Wechselbeziehungen
zwischen Armenien und Deutschland war der armenische Vardapet
Karapet Ter-Mkrttschjan (1866–1915), der von 1889–1893
in Leipzig, Halle, Berlin und Tübingen evangelische Theologie
studiert hatte und in Marburg zum Lic. theol. promoviert worden
war. Ter-Mkrttschjan berichtete in mehreren, im Oktober 1894 in
der ChW abgedruckten Artikeln über die katastrophale Lage des
armenischen Volkes und der Armenischen Apostolischen Kirche unter
osmanischer Herrschaft und versuchte die den Armeniern im Berliner
Vertrag verbrieften Rechte einzuklagen.
- Erste Berichte über systematische Massaker an Armeniern,
aber auch anderen Bevölkerungsgruppen im Osmanischen Reich
finden sich Ende 1895 vorlaufend in der deutschen politischen
Presse. Auf der Grundlage umfangreichen Quellenstudiums kann nun
entgegen bisherigen Annahmen als gesichert gelten, daß zu
diesem frühen Zeitpunkt neben der amerikanischen, englischen,
französischen und schweizerischen auch die deutsche Presse um
eine objektive Berichterstattung über die Blutbäder in
den armenischen Provinzen des Osmanischen Reiches bemüht war.
Erst die scharfe Kritik armenophiler Kreise an der Politik der
europäischen Großmächte, insbesondere an der des
Kaiserlichen Deutschlands, zeitigte massiven politischen und
publizistischen Widerstand in der offiziösen deutschen Presse
und führte besonders in Deutschland zu einer Polarisierung in
dieser Frage.
- Ein ökumenischer Impuls aus Großbritannien brachte
Rade dazu, sich der Armenischen Frage stärker zuzuwenden: im
Januar 1896 hatten 20 führende Kirchenvertreter verschiedener
protestantischer Denominationen Großbritanniens einen “Gebetsaufruf
für Armenien” unterzeichnet. Rade entsprach der seitens
der Engländer persönlich an ihn herangetragenen Bitte um
Abdruck einer deutschen Übersetzung dieses Aufrufs in der
ChW. Eine aufgrund der in Deutschland außerordentlich
starken Anglophobie daraufhin einsetzende Kontroverse nötigte
Rade, aber auch andere hervorragende Persönlichkeiten zu
weiteren Stellungnahmen in der ChW. Auch druckte Rade weiterhin
Artikel der britischen Presse ab, so zahlreiche
Augenzeugenberichte des als Korrespondent für den “Daily
Telegraph” in Istanbul arbeitenden irischen Journalisten
Joseph Emile Dillon (1854–1933).
- In eigenen Stellungnahmen bezichtigte Rade die
europäischen Großmächte, namentlich das
kaiserliche Deutschland, des fortgesetzten Bruchs internationaler
Verträge sowie der Verletzung allgemein menschlicher
Grundrechte eines christlichen Brudervolkes und damit einer
direkten Mitschuld an den Massakern, die der hallische
evangelische Theologe Willybald Beyschlag (1823–1900)
bereits 1896 als “Völkermord” apostrophierte.
Rade verurteilte eine vom abwägenden Ausgleich
konkurrierender Interessen geleitete Politik. Er vertrat die
durchaus umstrittene Auffassung, daß eine Politik, die sich
aus keinem höheren Ideal speise, ihrer Aufgabe nicht
gerecht werden könne, da sie ständig in der Gefahr
stehe, zum Spielball konkurrierender Interessen oder zur
Erfüllungsgehilfin totalitärer Machtansprüche zu
werden. Dem in aller Munde geführten Schlagwort der
Realpolitik setzte er eine an christlichen und allgemein
menschlichen Erfordernissen orientierte Idealpolitik
entgegen.
- Im Februar 1896 veröffentlichten die Botschafter der
sechs europäischen Großmächte im Osmanischen Reich
in einer gemeinsamen Note eine Statistik über Opferzahlen
sowie die bis zu diesem Zeitpunkt durch die Massaker verursachten
materiellen Schäden. Der amtliche Bericht stellte erstmals
zweifelsfrei fest, daß die Massaker von der türkischen
Regierung zentral geplant, angeordnet und mit äußerster
Brutalität durchgeführt worden waren. Rade ging davon
aus, daß die Großmächte angesichts des
unbezweifelbaren Tatsachenmaterials unverzüglich
intervenieren müßten. Mit der Publikation des
Botschafterberichtes in der ChW sah Rade seine Mission
zunächst als erfüllt an.
- Die fortgesetzte Untätigkeit der deutschen Regierung
unter Führung des deutschen Kaisers Wilhelm II., der als
persönlicher Freund des “roten” (i. e. “blutigen”)
Sultans Abd-ul Hamid II. galt, veranlaßte Rade jedoch
zu weiteren Stellungnahmen. Rade wertete die Haltung des Kaisers,
aber auch der anderen deutschen Fürsten als eine den Anspruch
auf das Amt des Summepiskopus in Frage stellende Verletzung
der Amtspflicht. Er postulierte, daß Religion und Ethik
sowie der christliche Glaube und das daraus resultierende
sittliche Handeln untrennbar miteinander verbunden sind. Rades
Einsatz in der armenischen Frage ist ein sehr früher
praktischer Ausdruck dieser Einsicht.
- Mehr noch als das ethische Versagen der Politiker kritisierte
der Pfarrer und Theologe Rade die unentschlossene Haltung der
evangelischen Landeskirchen angesichts eines von der Vernichtung
bedrohten christlichen Volkes. Während in anderen
Ländern die Kirchen ihre Stimme wider die Verfehlungen der
eigenen Regierungen erhoben, erwiesen sich die deutschen
evangelischen Landeskirchen, wie in anderen drängenden Fragen
auch, als treue Erfüllungsgehilfen der Politik ihrer Herren.
Rade geißelte die evangelischen Landeskirchen folgerichtig
als “verklärte Polizeianstalten”, die ihre
christlichen und allgemein menschlichen Ideale leichtfertig auf
dem Altar der Staatsräson zu opfern bereit waren.
- Jenseits politisch-taktischer Abwägungen forderte Rade
das kompromißlose Engagement des Einzelnen wie der
Gesellschaft für die Opfer von Gewalt und Willkür.
Evangelische Hilfsaktionen in solchen Situationen dürfen nach
Rades Ermessen allein das Kriterium der Bedürftigkeit
kennen. Die im Zusammenhang mit dem negativen Armenierbild in
Deutschland immer wieder aufgeworfene Frage, ob die Opfer der
Hilfe auch würdig sind, brandmarkte er folgerichtig
als “unevangelisch”. Rade appellierte wiederholt an
das “allgemeine menschliche Gewissen” seiner Leser.
Ethnische, religiöse bzw. konfessionelle Kriterien waren in
dieser Frage irrelevant. Das Gleichnis vom “barmherzigen
Samariter” (Lk 10,30–37) begründete die
ethische Verpflichtung zur Hilfe an dem “unter die
Räuber Gefallenen” armenischen Volk
biblisch-theologisch.
- Auf Drängen Rades entschloß sich Johannes Lepsius
(1858–1926) im August 1896 im “Reichsboten” die
Artikelreihe “Die Wahrheit über Armenien” bzw. im
September 1896 das Buch ”Armenien und Europa: Eine
Anklageschrift wider die christlichen Großmächte
Europas und ein Aufruf an das christliche Deutschland” zu
publizieren. Das Spektrum der Reaktionen auf die
Veröffentlichung dieses Tatsachenmaterials zu den
Armenierpogromen reichte von begeisterter Zustimmung (so Gelzer,
Socin, Rade, Beyschlag u. a.) bis zu Haßtiraden gegen
Lepsius und die deutschen Armenierfreunde in der
national-konservativen Presse (so Walter Siehe, Alfred Körte,
Hans Barth u. a.). Letztere forderte, den Pastoren, “die
es für ihre Aufgabe betrachten, die diesseitige Kirchlichkeit
für die armenischen terroristischen Mörderbanden
einzusetzen”, von Staats wegen das Handwerk zu legen. Die
ChW avancierte zur Plattform der philarmenischen Bewegung in
Deutschland.
- Obgleich das Thema Armenien in den Jahren 1898–1914 in
der ChW nicht mehr den Umfang wie in den Jahren 1896/97
beanspruchen konnte, blieb es präsent, so z. B. aufgrund
der kritischen Kommentare zur Orientreise des deutschen Kaisers
Wilhelm II. im Jahre 1898. Wie tief die evangelische
Christenheit in der Armenischen Frage gespalten war, wurde durch
die von Friedrich Naumann (1860–1919) in seinem Buch “Asia”
aufgeführten Zitate in Istanbul tätiger Deutscher zur
Rechtfertigung der armenischen Massaker evident. In der sich daran
anschließenden, hauptsächlich in der ChW ausgetragenen
Kontroverse prallten Naumanns Forderung nach einer auf die
deutschen Interessen im Orient ausgerichteten nationalen “Machtpolitik”
und das Ringen Rades und seiner Freunde um eine internationale
politische Ethik aufeinander. Die Frage nach den Pflichten der
deutschen Christenheit angesichts des blutigen Schicksals der
Armenier mündete im Juni 1900 in eine innerdeutsche
theologische Kontroverse zwischen Naumann und Lepsius auf dem
Evangelisch-Sozialen Kongreß in Karlsruhe, wo auf dem
Hintergrund der Armenischen Frage die Schlagworte “National-Sozial”
und “Evangelisch-Sozial” die Antithese bildeten.
- Sichtbare und verdeckte Fäden verbinden Rades Eintreten
für die armenischen Christen in den Jahren 1895–1898
mit seinem späteren Engagement im Burenkrieg (1899–1902),
während der Armenier- und Judenpogrome in Rußland (1903–1905),
im Kampf für die Rechte der polnischen und dänischen
Minderheit in Deutschland oder der von den Belgiern im Kongo
versklavten Bevölkerung. Aufgrund der “Jungtürkischen
Revolution” (1908), der Armenierpogrome in den Vilajets
Adana und Aleppo mit ca. 30 000
armenischen Opfern (1909) sowie der Balkankriege (1912/13)
rückte auch die Armenierproblematik wieder verstärkt ins
Gesichtsfeld der ChW. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits Ewald
Stier, stellvertretend für Rade, die Pflege der intensiven
Beziehungen zwischen den Freunden der ChW und Armenien
übernommen.
- Besonders hoch schätzten armenische Persönlichkeiten
an den führenden deutschen Armenierfreunden deren lebhaftes
Interesse an der politischen Wiedergeburt und Autonomie
bzw. Unabhängigkeit des armenischen Volkes. Dieses Ziel
verfolgte auch die 1914 von Rade maßgeblich
mitgeförderte Gründung der “Deutsch-Armenischen
Gesellschaft” (DAG). Der mit Armeniern und Deutschen
paritätisch besetzte Vorstand der DAG sowie die zweisprachig
herausgegebene Zeitschrift “Mesrop” waren sichtbarer
Ausdruck einer neuen Konzeption. Durch den Ersten Weltkrieg wurden
all diese Bemühungen fast völlig zum Erliegen gebracht.
Das Crimen magnum des Ersten Weltkriegs, der Völkermord an
den Armeniern, verübt durch den Bundesgenossen des Deutschen
Reichs, die osmanische Türkei, riß zwischen dem
armenischen und dem deutschen Volk Gräben auf, die bis zum
heutigen Tage nicht beseitigt sind.
- Einen neuen Höhepunkt erreichten die Aktivitäten
während des von jungtürkisch-nationalistischen
Fanatikern geplanten und durchgeführten ersten
Völkermordes im 20. Jh., der in den Jahren 1914/1915
etwa 1,5 Million Armeniern, aber auch einem großen Teil
der syrisch-aramäischen Christenheit im Osmanischen Reich das
Leben kostete. Als im Frühjahr 1915 die ersten Nachrichten
über flächendeckende armenische Deportationen und
Massenmorde Deutschland erreichten – Rade wurde von Lepsius
in vertraulichen Briefen informiert –, zögerte Rade
nicht, die bekannten Fakten in der ChW abzudrucken. Dieses
Engagement trug der ChW, die immerhin Rades materielle
Lebensgrundlage darstellte, die Vorzensur unter Androhung des
Verbotes ein. Dennoch gelang es auf konspirativem Wege –
mittels vertraulicher Mitteilungen und Flugblätter –
die Freunde über die wahren Vorgänge zu orientieren.
Rade und Stier unterstützten Lepsius bei der Drucklegung und
Verbreitung seines “Berichtes über die Lage des
armenischen Volkes in der Türkei”. Es gelang Stier,
Rade und Rohrbach während des Ersten Weltkrieges,
Sonderregelungen für armenische Studierende und
Kriegsgefangene zu erwirken. Eine geplante Hilfsexpedition der
deutschen proarmenischen Kreise und die ChW zur Rettung der
Überlebenden des Genozids scheiterte am Widerstand des
jungtürkischen Triumvirats.
- Nach dem Weltkrieg versuchten Lepsius, Stier, Rohrbach
u. a. mittels der auf Anregung von Lepsius und dessen
dänischer Mitarbeiterin Karen Jeppe (1876–1935)
gegründeten Philarmenischen Liga und den Völkerbund in
der Armenischen Frage Einfluß auf den Verlauf der Pariser
Friedensverhandlungen (1919) und der Friedenskonferenz von
Lausanne (1923) zu nehmen. Politisch isoliert und materiell
ruiniert, erwarben sich die deutschen Armenierfreunde durch die
sorgfältige Dokumentation der zurückliegenden Ereignisse
dennoch ein bleibendes Verdienst. Aktuelle Berichte wurden in von
der DAG herausgegebenen Informationsblättern abgedruckt. Auf
Initiative der DAG zelebrierten Mitglieder der Wiener armenischen
Mechitharisten-Congregation 1919 in der Berliner
St. Hedwigskirche einen armenischen
Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer von Völkermord und
Vertreibung. Internationales Aufsehen erregte das
spektakuläre Urteil im Prozeß Talaat-Teilirian in
Berlin 1921, der unter Mitwirkung des DAG-Vorsitzenden
J. Lepsius als Sachverständigem mit einem Freispruch
für den armenischen Mörder des für den
Völkermord mitverantwortlichen osmanisch-türkischen
Innenministers und Groß-Wesirs Talaat endete. 1939
mußte die DAG ihre Arbeit aufgeben. Erst im Jahre 1972
konstituierte sich die “Deutsch-Armenische Gesellschaft”
in der Bundesrepublik Deutschland neu.
Die deutsche Armenierhilfe 1896–1942 im Spiegel der
ChW
- Rade forderte bereits Ende 1895 den Aufbau eines deutschen
Armenierhilfswerkes zur Koordinierung der zahlreichen, vor allem
von pietistischen Kreisen in Deutschland spontan initiierten
Einzelaktionen zur Rettung der Überlebenden der Hamidischen
Massaker. Bei der Gründung des “Deutschen Hilfsbundes
für Armenien” 1895/96 kommt der ChW eine
Schlüsselstellung zu. Die ersten Geldsammlungen in
Deutschland zugunsten der überlebenden armenischen Opfer
erfolgten durch die ChW. Rade und die Freunde der ChW
unterstützten von 1896–1914 die Aktivitäten der
beiden bekanntesten Wortführer der deutschen Armenierhilfe,
Ernst Lohmann und Johannes Lepsius, aber auch die Einrichtungen in
anderer Trägerschaft. Die Abwehr fortwährender verbaler
Angriffe auf die armenischen Hilfswerke, besonders auf das von
Lepsius, sowie die Berichterstattung über den Stand der
Arbeiten nahm in der ChW breiten Raum ein.
- Den Aktivitäten der von Lepsius gegründeten “Deutschen
Orient-Mission” mit dem Ziel der Islam-Mission standen die
Freunde der ChW eher kritisch gegenüber. Ihnen schien
deutsche Kulturarbeit im Orient z. B. Gründung von
Schulen und Universitäten und Krankenhäusern der
erfolgversprechendere Weg zur Entwicklung des Orients zu sein. Den
Armeniern war von deutscher Seite die Rolle der Initiatoren und
Katalysatoren dieses Prozesses zu gegenseitigem Nutzen
zugedacht.
Das Notwendige Liebeswerk (1892–1920)
- Zur ureigenen Aufgabe machte sich der um die ChW gescharte
Freundeskreis die Unterstützung armenischer Theologen, die an
deutschsprachigen Universitäten evangelische Theologie
studierten. Bereits 1892 war von Friedrich Loofs (Halle) in
Verbindung mit dem armenischen Theologen Karapet Ter-Mkrttschjan
der Plan eines Fonds zur Unterstützung armenischer Studenten
in Deutschland gefaßt worden. Es wurde erwogen, dem gesamten
jüngeren höheren Klerus der Armenischen Apostolischen
Kirche eine Hochschulausbildung angedeihen zu lassen. Die
Absolventen sollten nach ihrer Ausbildung in exponierten
Positionen der Armenischen Apostolischen Kirche eine umfassende
kirchliche Reform ins Werk setzen. Die Gründung des
Studienfonds unter dem Tarnnamen “Das Notwendige Liebeswerk”
erfolgte im Jahre 1898 unter maßgeblicher Beteiligung des
Harnack-Schülers Paul Rohrbach, der die persönlichen
Kontakte ins kirchliche Zentrum der Armenier, Etschmiadzin,
herstellte und unterhielt. Nach dem Ersten Weltkrieg ging das “Notwendige
Liebeswerk” in der “Deutsch-Armenischen Gesellschaft”
auf.
- In den 22 Jahren des Bestehens dieses Stipendien-Fonds
wurde folgenden 5 armenischen Theologen ein Studium an
deutschsprachigen Universitäten sowie Praktika in
evangelischen Gemeinden ermöglicht: Hagob Thopdschian aus
Türkisch-Kilikien [1898–1904/Halle, Marburg];
Artasches Abeghian aus Russisch-Armenien [1900–1904/Marburg,
Leipzig, Berlin]; Misak Khostikian aus Russisch-Armenien
[1904–1908/Marburg, Straßburg, Bern]; Galust
Ter-Grigorian Iskenderian aus Russisch-Armenien [1908–1914/Marburg,
Halle, Leipzig]; Diran Meschtudschian aus Plovdiv/Bulgarien
[1915 bis zu seinem Tod 1919 in Halle]. Alle Absolventen
schlossen ihr Studium mit der Promotion ab und erbrachten als
Lehrer, Schriftsteller und Publizisten hervorragende Leistungen.
Die Reformbestrebungen kamen jedoch nicht zum Ziel. Keiner der mit
Hilfe des “Notwendigen Liebeswerkes” ausgebildeten
Theologen bekleidete nach seinem Aufenthalt in Deutschland ein
höheres geistliches Amt. Die politischen Verhältnisse in
den russisch und osmanisch-türkisch beherrschten Gebieten
Armeniens, die blutigen Verfolgungen auf der einen und
innerkirchliche Widerstände auf der anderen Seite standen
umfassenden Reformen in der ältesten Nationalkirche der
Christenheit im Wege. In einer Zeit, da sich der amerikanische
Protestantismus noch zur ‚Evangelisation der Welt in dieser
Generation‘ (John Raleigh Mott) berufen fühlte,
erkannten kritische Geister wie Rade, Loofs und Lepsius, daß
die altorientalischen orthodoxen Kirchen als ein die weltweite
Christenheit bereicherndes Element zu achten und zu stärken
sind. Sie waren überzeugt, daß diese Kirchen auch in
ihrer traditionellen Gestalt genügend Reformpotential
besitzen, um den Herausforderungen der Moderne angemessen begegnen
zu können. Die Förderer der armenischen Zöglinge
verstanden sich zu keinem Zeitpunkt als deren ‚Lehrmeister‘.
Sie waren vielmehr an einem gleichberechtigten Dialog zu
beiderseitigem Nutzen interessiert. Die in der ULB Halle
aufbewahrten kritischen Briefe des hervorragenden armenischen
Theologen Karapet Ter-Mkrttschjan an seinen Lehrer Friedrich Loofs
sind ein eindrückliches Beispiel gegenseitigen Gebens und
Nehmens zwischen östlicher und westlicher christlicher
Theologie.
Fazit
Nach Auswertung sämtlicher in der ChW und deren
Schwesterpublikationen zum Thema Armenien erschienenen Artikel und
Meldungen im Zeitraum von 1892 bis 1940 sowie umfangreichen
unpublizierten Materials im Rade-Archiv (Marburg) und Lepsius-Archiv
(Halle) müssen Rade und dessen “Freunde der ‚Christlichen
Welt‘ ” zu den Exponenten und hervorragenden
Förderern der vielgestaltigen deutsch-armenischen Beziehungen im
ausgehenden 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
gezählt werden. Zwischen Rades theologischer Orientierung,
seiner politischen Ethik und seinem Einsatz für das armenische
Volk lassen sich wichtige Verbindungslinien nachweisen. Die
theologisch-ethisch motivierte Kritik Rades an der Außenpolitik
des Deutschen Reichs gegenüber dem Osmanisch-Türkischen
Reich und dem armenischen Volk entwickelte sich zu einem deutlichen
Exempel für die internationale politische Ethik des
Protestantismus, das allerdings durch die Politik der
Großmächte im 19. und 20. Jh. weitgehend
verdrängt wurde. Gerade auf diesem Hintergrund der
Verdrängung eignet diesem wiederentdeckten Beitrag Rades und der
Freunde der ChW eine bemerkenswerte Aktualität. Sollten in
Zukunft bei der Erforschung des Beziehungsgeflechts zwischen
Deutschland, Armenien und der Türkei auch die Namen von Martin
Rade, Ewald Stier, Friedrich Loofs, Heinrich Gelzer, Albert Socin,
Adolf v. Harnack, Paul Rohrbach und weitere erinnert werden, ist
das Ziel des hier vorgelegten speziellen Beitrages zur Erforschung
des deutschen Kulturprotestantismus erreicht.
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17. 9. 2001