Martin Rades “Christliche Welt” und Armenien.

Bausteine für eine internationale politische Ethik des Protestantismus.

Thesen von Axel Meißner


Ausgangssituation und Ziele

  1. Die Exponenten des deutschen Kulturprotestantismus bzw. der liberalen Theologie, in besonderer Weise Martin Rade (1857–1940) und dessen Zeitschrift “Die Christliche Welt” (ChW), sind seit Jahren Gegenstand intensiver Forschungen (vgl. die Arbeiten von J. Rathje, F. W Graf, Chr. Schwöbel, A. Nagel, J. Jantsch u. a.). Obwohl die Frage nach dem Schicksal des armenischen Volkes und der armenischen Kirche in Rades “Christlicher Welt” zentral ist, wird sie von den genannten Forschern mit keinem Wort erwähnt. Eine gewisse Ausnahme bilden kurze Hinweise von Schwöbel und Jantsch, die aber der Bedeutung des Themas in Leben und Werk Rades nicht gerecht werden. Die vorgelegte Untersuchung widmet sich daher diesem Desiderat, zumal die Armenische Frage in keiner anderen deutschen Zeitschrift so andauernd (nahezu 40 Jahre) und intensiv diskutiert wurde wie in der ChW, der zweifellos wichtigsten Zeitschrift des Kulturprotestantismus. Rade war es gelungen, führende Orientalisten, Historiker, Theologen und andere Wissenschaftler, wie z. B. Heinrich Gelzer (1847–1906), Adolf v. Harnack (1851–1930), Friedrich Loofs (1858–1928), Karl Marti (1855–1925), Paul Rohrbach (1869–1956), Albert Socin (1844–1899) und andere zur Mitarbeit zum Armenien-Thema in der ChW zu gewinnen. Rades engster Mitarbeiter in dieser Frage war der Pfarrer und Kirchenrat der Ev. Landeskirche Anhalt und Ehrendoktor der hallischen Theologischen Fakultät, Ewald Stier (1864–1946), der seit 1896 unermüdlich für die armenischen Belange eintrat.
  2. Ziel meiner Arbeit “Martin Rades ‚Christliche Welt’ und Armenien’ war es: a) einen zuverlässigen Überblick über die in der ChW und deren Schwesterpublikationen zum Thema Armenien erschienenen Artikel und Meldungen von 1892 bis 1940 geben; b) die ChW als wichtige Quelle für die Geschichte der deutsch-armenischen Beziehungen im ausgehenden 19. und ersten Drittel des 20. Jh. erschließen und bekannt machen; c) den konkreten Beitrag Rades und seiner Freunde im Kontext der Haltung der Außenpolitik des kaiserlichen Deutschlands, der Haltung der deutschen evangelischen Landeskirchen in der Armenischen Frage sowie der allgemeinen deutschen Armenierhilfe würdigen; d) der Frage nachgehen, ob und welche Verbindungslinien sich zwischen Rades theologischer Orientierung, seinen Entwürfen zu einer politischen Ethik und seinem Einsatz für das armenische Volk nachweisen lassen.

Die Armenische Frage und Deutschland 1878–1940 im Spiegel der ChW

  1. In Artikel 61 des auf dem Berliner Kongreß 1878 erarbeiteten Vertragswerkes garantierten die europäischen Großmächte der im Osmanischen Reich lebenden armenisch-christlichen Bevölkerung die Durchsetzung umfassender Reformen. Konkurrierende politische, wirtschaftliche und strategische Interessen geschickt ausnutzend, gelang es der osmanisch-türkischen Regierung, den Druck auf die armenische Bevölkerung stetig zu erhöhen. Unter den Augen der sich gegenseitig neutralisierenden Großmächte begann sie in den Jahren 1895/96 mit der systematischen Ausrottung dieses ältesten christlichen Kulturvolkes. Bis Ende 1896 fielen den Pogromen schätzungsweise 300 000 Armenier zum Opfer.
  2. Eine der Schlüsselgestalten im Umkreis Rades für die wissenschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Wechselbeziehungen zwischen Armenien und Deutschland war der armenische Vardapet Karapet Ter-Mkrttschjan (1866–1915), der von 1889–1893 in Leipzig, Halle, Berlin und Tübingen evangelische Theologie studiert hatte und in Marburg zum Lic. theol. promoviert worden war. Ter-Mkrttschjan berichtete in mehreren, im Oktober 1894 in der ChW abgedruckten Artikeln über die katastrophale Lage des armenischen Volkes und der Armenischen Apostolischen Kirche unter osmanischer Herrschaft und versuchte die den Armeniern im Berliner Vertrag verbrieften Rechte einzuklagen.
  3. Erste Berichte über systematische Massaker an Armeniern, aber auch anderen Bevölkerungsgruppen im Osmanischen Reich finden sich Ende 1895 vorlaufend in der deutschen politischen Presse. Auf der Grundlage umfangreichen Quellenstudiums kann nun entgegen bisherigen Annahmen als gesichert gelten, daß zu diesem frühen Zeitpunkt neben der amerikanischen, englischen, französischen und schweizerischen auch die deutsche Presse um eine objektive Berichterstattung über die Blutbäder in den armenischen Provinzen des Osmanischen Reiches bemüht war. Erst die scharfe Kritik armenophiler Kreise an der Politik der europäischen Großmächte, insbesondere an der des Kaiserlichen Deutschlands, zeitigte massiven politischen und publizistischen Widerstand in der offiziösen deutschen Presse und führte besonders in Deutschland zu einer Polarisierung in dieser Frage.
  4. Ein ökumenischer Impuls aus Großbritannien brachte Rade dazu, sich der Armenischen Frage stärker zuzuwenden: im Januar 1896 hatten 20 führende Kirchenvertreter verschiedener protestantischer Denominationen Großbritanniens einen “Gebetsaufruf für Armenien” unterzeichnet. Rade entsprach der seitens der Engländer persönlich an ihn herangetragenen Bitte um Abdruck einer deutschen Übersetzung dieses Aufrufs in der ChW. Eine aufgrund der in Deutschland außerordentlich starken Anglophobie daraufhin einsetzende Kontroverse nötigte Rade, aber auch andere hervorragende Persönlichkeiten zu weiteren Stellungnahmen in der ChW. Auch druckte Rade weiterhin Artikel der britischen Presse ab, so zahlreiche Augenzeugenberichte des als Korrespondent für den “Daily Telegraph” in Istanbul arbeitenden irischen Journalisten Joseph Emile Dillon (1854–1933).
  5. In eigenen Stellungnahmen bezichtigte Rade die europäischen Großmächte, namentlich das kaiserliche Deutschland, des fortgesetzten Bruchs internationaler Verträge sowie der Verletzung allgemein menschlicher Grundrechte eines christlichen Brudervolkes und damit einer direkten Mitschuld an den Massakern, die der hallische evangelische Theologe Willybald Beyschlag (1823–1900) bereits 1896 als “Völkermord” apostrophierte. Rade verurteilte eine vom abwägenden Ausgleich konkurrierender Interessen geleitete Politik. Er vertrat die durchaus umstrittene Auffassung, daß eine Politik, die sich aus keinem höheren Ideal speise, ihrer Aufgabe nicht gerecht werden könne, da sie ständig in der Gefahr stehe, zum Spielball konkurrierender Interessen oder zur Erfüllungsgehilfin totalitärer Machtansprüche zu werden. Dem in aller Munde geführten Schlagwort der Realpolitik setzte er eine an christlichen und allgemein menschlichen Erfordernissen orientierte Idealpolitik entgegen.
  6. Im Februar 1896 veröffentlichten die Botschafter der sechs europäischen Großmächte im Osmanischen Reich in einer gemeinsamen Note eine Statistik über Opferzahlen sowie die bis zu diesem Zeitpunkt durch die Massaker verursachten materiellen Schäden. Der amtliche Bericht stellte erstmals zweifelsfrei fest, daß die Massaker von der türkischen Regierung zentral geplant, angeordnet und mit äußerster Brutalität durchgeführt worden waren. Rade ging davon aus, daß die Großmächte angesichts des unbezweifelbaren Tatsachenmaterials unverzüglich intervenieren müßten. Mit der Publikation des Botschafterberichtes in der ChW sah Rade seine Mission zunächst als erfüllt an.
  7. Die fortgesetzte Untätigkeit der deutschen Regierung unter Führung des deutschen Kaisers Wilhelm II., der als persönlicher Freund des “roten” (i. e. “blutigen”) Sultans Abd-ul Hamid II. galt, veranlaßte Rade jedoch zu weiteren Stellungnahmen. Rade wertete die Haltung des Kaisers, aber auch der anderen deutschen Fürsten als eine den Anspruch auf das Amt des Summepiskopus in Frage stellende Verletzung der Amtspflicht. Er postulierte, daß Religion und Ethik sowie der christliche Glaube und das daraus resultierende sittliche Handeln untrennbar miteinander verbunden sind. Rades Einsatz in der armenischen Frage ist ein sehr früher praktischer Ausdruck dieser Einsicht.
  8. Mehr noch als das ethische Versagen der Politiker kritisierte der Pfarrer und Theologe Rade die unentschlossene Haltung der evangelischen Landeskirchen angesichts eines von der Vernichtung bedrohten christlichen Volkes. Während in anderen Ländern die Kirchen ihre Stimme wider die Verfehlungen der eigenen Regierungen erhoben, erwiesen sich die deutschen evangelischen Landeskirchen, wie in anderen drängenden Fragen auch, als treue Erfüllungsgehilfen der Politik ihrer Herren. Rade geißelte die evangelischen Landeskirchen folgerichtig als “verklärte Polizeianstalten”, die ihre christlichen und allgemein menschlichen Ideale leichtfertig auf dem Altar der Staatsräson zu opfern bereit waren.
  9. Jenseits politisch-taktischer Abwägungen forderte Rade das kompromißlose Engagement des Einzelnen wie der Gesellschaft für die Opfer von Gewalt und Willkür. Evangelische Hilfsaktionen in solchen Situationen dürfen nach Rades Ermessen allein das Kriterium der Bedürftigkeit kennen. Die im Zusammenhang mit dem negativen Armenierbild in Deutschland immer wieder aufgeworfene Frage, ob die Opfer der Hilfe auch würdig sind, brandmarkte er folgerichtig als “unevangelisch”. Rade appellierte wiederholt an das “allgemeine menschliche Gewissen” seiner Leser. Ethnische, religiöse bzw. konfessionelle Kriterien waren in dieser Frage irrelevant. Das Gleichnis vom “barmherzigen Samariter” (Lk 10,30–37) begründete die ethische Verpflichtung zur Hilfe an dem “unter die Räuber Gefallenen” armenischen Volk biblisch-theologisch.
  10. Auf Drängen Rades entschloß sich Johannes Lepsius (1858–1926) im August 1896 im “Reichsboten” die Artikelreihe “Die Wahrheit über Armenien” bzw. im September 1896 das Buch ”Armenien und Europa: Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte Europas und ein Aufruf an das christliche Deutschland” zu publizieren. Das Spektrum der Reaktionen auf die Veröffentlichung dieses Tatsachenmaterials zu den Armenierpogromen reichte von begeisterter Zustimmung (so Gelzer, Socin, Rade, Beyschlag u. a.) bis zu Haßtiraden gegen Lepsius und die deutschen Armenierfreunde in der national-konservativen Presse (so Walter Siehe, Alfred Körte, Hans Barth u. a.). Letztere forderte, den Pastoren, “die es für ihre Aufgabe betrachten, die diesseitige Kirchlichkeit für die armenischen terroristischen Mörderbanden einzusetzen”, von Staats wegen das Handwerk zu legen. Die ChW avancierte zur Plattform der philarmenischen Bewegung in Deutschland.
  11. Obgleich das Thema Armenien in den Jahren 1898–1914 in der ChW nicht mehr den Umfang wie in den Jahren 1896/97 beanspruchen konnte, blieb es präsent, so z. B. aufgrund der kritischen Kommentare zur Orientreise des deutschen Kaisers Wilhelm II. im Jahre 1898. Wie tief die evangelische Christenheit in der Armenischen Frage gespalten war, wurde durch die von Friedrich Naumann (1860–1919) in seinem Buch “Asia” aufgeführten Zitate in Istanbul tätiger Deutscher zur Rechtfertigung der armenischen Massaker evident. In der sich daran anschließenden, hauptsächlich in der ChW ausgetragenen Kontroverse prallten Naumanns Forderung nach einer auf die deutschen Interessen im Orient ausgerichteten nationalen “Machtpolitik” und das Ringen Rades und seiner Freunde um eine internationale politische Ethik aufeinander. Die Frage nach den Pflichten der deutschen Christenheit angesichts des blutigen Schicksals der Armenier mündete im Juni 1900 in eine innerdeutsche theologische Kontroverse zwischen Naumann und Lepsius auf dem Evangelisch-Sozialen Kongreß in Karlsruhe, wo auf dem Hintergrund der Armenischen Frage die Schlagworte “National-Sozial” und “Evangelisch-Sozial” die Antithese bildeten.
  12. Sichtbare und verdeckte Fäden verbinden Rades Eintreten für die armenischen Christen in den Jahren 1895–1898 mit seinem späteren Engagement im Burenkrieg (1899–1902), während der Armenier- und Judenpogrome in Rußland (1903–1905), im Kampf für die Rechte der polnischen und dänischen Minderheit in Deutschland oder der von den Belgiern im Kongo versklavten Bevölkerung. Aufgrund der “Jungtürkischen Revolution” (1908), der Armenierpogrome in den Vilajets Adana und Aleppo mit ca. 30 000 armenischen Opfern (1909) sowie der Balkankriege (1912/13) rückte auch die Armenierproblematik wieder verstärkt ins Gesichtsfeld der ChW. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits Ewald Stier, stellvertretend für Rade, die Pflege der intensiven Beziehungen zwischen den Freunden der ChW und Armenien übernommen.
  13. Besonders hoch schätzten armenische Persönlichkeiten an den führenden deutschen Armenierfreunden deren lebhaftes Interesse an der politischen Wiedergeburt und Autonomie bzw. Unabhängigkeit des armenischen Volkes. Dieses Ziel verfolgte auch die 1914 von Rade maßgeblich mitgeförderte Gründung der “Deutsch-Armenischen Gesellschaft” (DAG). Der mit Armeniern und Deutschen paritätisch besetzte Vorstand der DAG sowie die zweisprachig herausgegebene Zeitschrift “Mesrop” waren sichtbarer Ausdruck einer neuen Konzeption. Durch den Ersten Weltkrieg wurden all diese Bemühungen fast völlig zum Erliegen gebracht. Das Crimen magnum des Ersten Weltkriegs, der Völkermord an den Armeniern, verübt durch den Bundesgenossen des Deutschen Reichs, die osmanische Türkei, riß zwischen dem armenischen und dem deutschen Volk Gräben auf, die bis zum heutigen Tage nicht beseitigt sind.
  14. Einen neuen Höhepunkt erreichten die Aktivitäten während des von jungtürkisch-nationalistischen Fanatikern geplanten und durchgeführten ersten Völkermordes im 20. Jh., der in den Jahren 1914/1915 etwa 1,5 Million Armeniern, aber auch einem großen Teil der syrisch-aramäischen Christenheit im Osmanischen Reich das Leben kostete. Als im Frühjahr 1915 die ersten Nachrichten über flächendeckende armenische Deportationen und Massenmorde Deutschland erreichten – Rade wurde von Lepsius in vertraulichen Briefen informiert –, zögerte Rade nicht, die bekannten Fakten in der ChW abzudrucken. Dieses Engagement trug der ChW, die immerhin Rades materielle Lebensgrundlage darstellte, die Vorzensur unter Androhung des Verbotes ein. Dennoch gelang es auf konspirativem Wege – mittels vertraulicher Mitteilungen und Flugblätter – die Freunde über die wahren Vorgänge zu orientieren. Rade und Stier unterstützten Lepsius bei der Drucklegung und Verbreitung seines “Berichtes über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei”. Es gelang Stier, Rade und Rohrbach während des Ersten Weltkrieges, Sonderregelungen für armenische Studierende und Kriegsgefangene zu erwirken. Eine geplante Hilfsexpedition der deutschen proarmenischen Kreise und die ChW zur Rettung der Überlebenden des Genozids scheiterte am Widerstand des jungtürkischen Triumvirats.
  15. Nach dem Weltkrieg versuchten Lepsius, Stier, Rohrbach u. a. mittels der auf Anregung von Lepsius und dessen dänischer Mitarbeiterin Karen Jeppe (1876–1935) gegründeten Philarmenischen Liga und den Völkerbund in der Armenischen Frage Einfluß auf den Verlauf der Pariser Friedensverhandlungen (1919) und der Friedenskonferenz von Lausanne (1923) zu nehmen. Politisch isoliert und materiell ruiniert, erwarben sich die deutschen Armenierfreunde durch die sorgfältige Dokumentation der zurückliegenden Ereignisse dennoch ein bleibendes Verdienst. Aktuelle Berichte wurden in von der DAG herausgegebenen Informationsblättern abgedruckt. Auf Initiative der DAG zelebrierten Mitglieder der Wiener armenischen Mechitharisten-Congregation 1919 in der Berliner St. Hedwigskirche einen armenischen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer von Völkermord und Vertreibung. Internationales Aufsehen erregte das spektakuläre Urteil im Prozeß Talaat-Teilirian in Berlin 1921, der unter Mitwirkung des DAG-Vorsitzenden J. Lepsius als Sachverständigem mit einem Freispruch für den armenischen Mörder des für den Völkermord mitverantwortlichen osmanisch-türkischen Innenministers und Groß-Wesirs Talaat endete. 1939 mußte die DAG ihre Arbeit aufgeben. Erst im Jahre 1972 konstituierte sich die “Deutsch-Armenische Gesellschaft” in der Bundesrepublik Deutschland neu.

Die deutsche Armenierhilfe 1896–1942 im Spiegel der ChW

  1. Rade forderte bereits Ende 1895 den Aufbau eines deutschen Armenierhilfswerkes zur Koordinierung der zahlreichen, vor allem von pietistischen Kreisen in Deutschland spontan initiierten Einzelaktionen zur Rettung der Überlebenden der Hamidischen Massaker. Bei der Gründung des “Deutschen Hilfsbundes für Armenien” 1895/96 kommt der ChW eine Schlüsselstellung zu. Die ersten Geldsammlungen in Deutschland zugunsten der überlebenden armenischen Opfer erfolgten durch die ChW. Rade und die Freunde der ChW unterstützten von 1896–1914 die Aktivitäten der beiden bekanntesten Wortführer der deutschen Armenierhilfe, Ernst Lohmann und Johannes Lepsius, aber auch die Einrichtungen in anderer Trägerschaft. Die Abwehr fortwährender verbaler Angriffe auf die armenischen Hilfswerke, besonders auf das von Lepsius, sowie die Berichterstattung über den Stand der Arbeiten nahm in der ChW breiten Raum ein.
  2. Den Aktivitäten der von Lepsius gegründeten “Deutschen Orient-Mission” mit dem Ziel der Islam-Mission standen die Freunde der ChW eher kritisch gegenüber. Ihnen schien deutsche Kulturarbeit im Orient z. B. Gründung von Schulen und Universitäten und Krankenhäusern der erfolgversprechendere Weg zur Entwicklung des Orients zu sein. Den Armeniern war von deutscher Seite die Rolle der Initiatoren und Katalysatoren dieses Prozesses zu gegenseitigem Nutzen zugedacht.

Das Notwendige Liebeswerk (1892–1920)

  1. Zur ureigenen Aufgabe machte sich der um die ChW gescharte Freundeskreis die Unterstützung armenischer Theologen, die an deutschsprachigen Universitäten evangelische Theologie studierten. Bereits 1892 war von Friedrich Loofs (Halle) in Verbindung mit dem armenischen Theologen Karapet Ter-Mkrttschjan der Plan eines Fonds zur Unterstützung armenischer Studenten in Deutschland gefaßt worden. Es wurde erwogen, dem gesamten jüngeren höheren Klerus der Armenischen Apostolischen Kirche eine Hochschulausbildung angedeihen zu lassen. Die Absolventen sollten nach ihrer Ausbildung in exponierten Positionen der Armenischen Apostolischen Kirche eine umfassende kirchliche Reform ins Werk setzen. Die Gründung des Studienfonds unter dem Tarnnamen “Das Notwendige Liebeswerk” erfolgte im Jahre 1898 unter maßgeblicher Beteiligung des Harnack-Schülers Paul Rohrbach, der die persönlichen Kontakte ins kirchliche Zentrum der Armenier, Etschmiadzin, herstellte und unterhielt. Nach dem Ersten Weltkrieg ging das “Notwendige Liebeswerk” in der “Deutsch-Armenischen Gesellschaft” auf.
  2. In den 22 Jahren des Bestehens dieses Stipendien-Fonds wurde folgenden 5 armenischen Theologen ein Studium an deutschsprachigen Universitäten sowie Praktika in evangelischen Gemeinden ermöglicht: Hagob Thopdschian aus Türkisch-Kilikien [1898–1904/Halle, Marburg]; Artasches Abeghian aus Russisch-Armenien [1900–1904/Marburg, Leipzig, Berlin]; Misak Khostikian aus Russisch-Armenien [1904–1908/Marburg, Straßburg, Bern]; Galust Ter-Grigorian Iskenderian aus Russisch-Armenien [1908–1914/Marburg, Halle, Leipzig]; Diran Meschtudschian aus Plovdiv/Bulgarien [1915 bis zu seinem Tod 1919 in Halle]. Alle Absolventen schlossen ihr Studium mit der Promotion ab und erbrachten als Lehrer, Schriftsteller und Publizisten hervorragende Leistungen. Die Reformbestrebungen kamen jedoch nicht zum Ziel. Keiner der mit Hilfe des “Notwendigen Liebeswerkes” ausgebildeten Theologen bekleidete nach seinem Aufenthalt in Deutschland ein höheres geistliches Amt. Die politischen Verhältnisse in den russisch und osmanisch-türkisch beherrschten Gebieten Armeniens, die blutigen Verfolgungen auf der einen und innerkirchliche Widerstände auf der anderen Seite standen umfassenden Reformen in der ältesten Nationalkirche der Christenheit im Wege. In einer Zeit, da sich der amerikanische Protestantismus noch zur ‚Evangelisation der Welt in dieser Generation‘ (John Raleigh Mott) berufen fühlte, erkannten kritische Geister wie Rade, Loofs und Lepsius, daß die altorientalischen orthodoxen Kirchen als ein die weltweite Christenheit bereicherndes Element zu achten und zu stärken sind. Sie waren überzeugt, daß diese Kirchen auch in ihrer traditionellen Gestalt genügend Reformpotential besitzen, um den Herausforderungen der Moderne angemessen begegnen zu können. Die Förderer der armenischen Zöglinge verstanden sich zu keinem Zeitpunkt als deren ‚Lehrmeister‘. Sie waren vielmehr an einem gleichberechtigten Dialog zu beiderseitigem Nutzen interessiert. Die in der ULB Halle aufbewahrten kritischen Briefe des hervorragenden armenischen Theologen Karapet Ter-Mkrttschjan an seinen Lehrer Friedrich Loofs sind ein eindrückliches Beispiel gegenseitigen Gebens und Nehmens zwischen östlicher und westlicher christlicher Theologie.

Fazit

Nach Auswertung sämtlicher in der ChW und deren Schwesterpublikationen zum Thema Armenien erschienenen Artikel und Meldungen im Zeitraum von 1892 bis 1940 sowie umfangreichen unpublizierten Materials im Rade-Archiv (Marburg) und Lepsius-Archiv (Halle) müssen Rade und dessen “Freunde der ‚Christlichen Welt‘ ” zu den Exponenten und hervorragenden Förderern der vielgestaltigen deutsch-armenischen Beziehungen im ausgehenden 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gezählt werden. Zwischen Rades theologischer Orientierung, seiner politischen Ethik und seinem Einsatz für das armenische Volk lassen sich wichtige Verbindungslinien nachweisen. Die theologisch-ethisch motivierte Kritik Rades an der Außenpolitik des Deutschen Reichs gegenüber dem Osmanisch-Türkischen Reich und dem armenischen Volk entwickelte sich zu einem deutlichen Exempel für die internationale politische Ethik des Protestantismus, das allerdings durch die Politik der Großmächte im 19. und 20. Jh. weitgehend verdrängt wurde. Gerade auf diesem Hintergrund der Verdrängung eignet diesem wiederentdeckten Beitrag Rades und der Freunde der ChW eine bemerkenswerte Aktualität. Sollten in Zukunft bei der Erforschung des Beziehungsgeflechts zwischen Deutschland, Armenien und der Türkei auch die Namen von Martin Rade, Ewald Stier, Friedrich Loofs, Heinrich Gelzer, Albert Socin, Adolf v. Harnack, Paul Rohrbach und weitere erinnert werden, ist das Ziel des hier vorgelegten speziellen Beitrages zur Erforschung des deutschen Kulturprotestantismus erreicht.

 

© 1998-2001 webmaster@hist.net
17. 9. 2001