Die Rezeption des Völkermordes an den Armeniern
in der Bundesrepublik (1949 bis in die Gegenwart)

Von Annette Schaefgen

Nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschte nicht nur in Deutschland, sondern weltweit der Völkermord an den Juden den politischen Erinnerungsdiskurs. Überall in der Bundesrepublik gibt es Gedenkstätten und Museen, die die begangenen Verbrechen dokumentieren und jährlich wird an Gedenktagen der Opfer und ihrer Angehörigen gedacht.
Ganz anders sieht die Situation bei dem von den Jungtürken während des Ersten Weltkrieges verübten Völkermord an den Armeniern aus: Von der Türkei wird dieser Genozid noch heute, fast 90 Jahre danach, mit großem Aufwand geleugnet und in allen anderen Staaten der Erde ist das Schicksal der Armeniern in Vergessenheit geraten bzw. gar nicht bis in das Bewußtsein vorgedrungen.
Auch in der Bundesrepublik ist der Völkermord an den Armeniern weitgehend in den Köpfen der Menschen nicht präsent. Zunächst war es, so kann man fast sagen, alleine Franz Werfels Roman “Die vierzig Tage des Musa Dagh”, der das Gedenken an das Schicksal des armenischen Volkes in Deutschland bewahrt hat. Von daher ist dieser, schon 1933 veröffentlichten Roman in meine Untersuchung mit einzubeziehen, auch wenn er nicht in den eigentlichen Untersuchungszeitraum fällt. Werfel beschreibt die Geschichte von etwa 5000 Menschen, die sich den von den Jungtürken angeordneten Deportationen im Jahr 1915 mit dem Zug auf den Musa Dagh entzogen, erfolgreich Widerstand leisteten und schließlich von einem französischen Kriegsschiff gerettet wurden. Diese Episode ist für den Verlauf der armenischen Geschichte eher untypisch, fanden doch etwa 1 Millionen Menschen durch systematische Hinrichtung, auf den als “Umsiedlungsaktion” getarnten Märschen in die syrische Wüste oder spätestens in den dortigen Konzentrationslagern den Tod. Dieses Leiden scheint für Werfel jedoch “unfaßbar” und somit nicht ausdrückbar. Er stellt daher vielmehr den Gedanken der Erlösung, von dem die gläubigen Armenier beherrscht waren, in den Vordergrund.
Im Jahr 1989, rund 50 Jahre später, widmet sich ein zweiter Roman, auch von einem Autor jüdischer Herkunft verfaßt, eben diesem Leiden und den Grausamkeiten, die das armenische Volk erdulden mußte: Edgar Hilsenraths “Das Märchen vom letzten Gedanken”. In diesem Werk ist jedoch kein Glaube an Erlösung mehr zu spüren, vielmehr Bitterkeit. Der Roman geht weit über die konkreten Ereignisse von 1915/16 hinaus und ist nicht mehr nur ein Roman über das Schicksal der Armenier. In ihm vermischen sich – bedingt durch die eigenen Erfahrungen Hilsenraths als Überlebender der Shoa - die Geschehnisse des Genozids an den Juden und des Völkermords an den Armeniern. Schnittpunkt ist der “grenzenlose Vernichtungswille” der Täter. Hilsenrath macht dies auch durch seine Sprache deutlich, indem er Anachronismen wie “Endlösung”, “armenierrein” und ähnliches verwendet.
Diese Verquickung der beiden Völkermorde spiegelt Hilsenraths Geschichtsbild wider: Für ihn ist Weltgeschichte nichts anderes als eine “Aneinanderreihung kleinerer und größerer Massenmorde vom Anbeginn der Zeit”[1] und dieser Kreislauf kann nach seinem Verständnis nur unterbrochen werden, wenn das Schweigen über dieses Thema gebrochen wird. Hiermit ist auch sogleich seine Motivation, diesen Roman zu schreiben, benannt, die ihn wiederum mit Werfel verbindet. Dessen Anliegen war es ebenso, “das unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen”[2] entreißen zu wollen.
Werfel und Hilsenrath verbindet weiterhin, daß sie als Hauptfigur ihrer Romane einen Armenier gewählt haben, der für längere Zeit im Ausland gelebt und sich dort – zumindest scheinbar - assimiliert hatte. In die Heimat zurückgekehrt, erkennen beide Figuren jedoch ihr Armeniertum. Dieser Gedanke der armenischen Identität, die immer bleibt und auch im Ausland bewahrt wird, ist beiden Autoren gemein.
Nun muß aber heute vielleicht die Frage gestellt werden, wie die Armenier, die über die ganze Erde verstreut leben, meist seit mehreren Generationen, sich in ihren gewählten Ländern tatsächlich zumindest einen Teil ihrer armenischen Identität bewahren können, zumal sie ihre Verbundenheit neben der Religion auch aus der Erinnerung an die gemeinsame Geschichte des armenischen Volkes und hierbei vor allem an die traumatischen Ereignisse von 1915/16 ziehen.
Diesen Aspekt greift Maria Laufenberg in ihrem 1998 erschienen Roman ”Als der Kranich flog” auf. Diese Autorin, die im Irak lebt und zu ihrem Werk durch die Begegnung mit zwei in Bagdad lebenden Armenierinnen motiviert wurde, stellt die Geschichte deren Mütter in den Mittelpunkt, die sich nach ihrer Deportation in einem Lager kennenlernten. Es stehen also – ebenso wie bei Werfel und Hilsenrath – Biographien im Focus – diesmal allerdings Frauen und Kinder sowie die Beobachtung, wie Überlebende des Völkermordes mit dem Erlebten weiterleben können.[3]
Auch wenn Laufenbergs Roman literarisch weit hinter Werfels und Hilsenraths Werken zurückbleibt und leider schnell an seine Grenzen stößt, da er vor allem die Charaktere allzusehr schemenhaft zeichnet, bleibt dennoch die Frage berechtigt, wie ein Weiterleben nach dem Völkermord auch für die nachkommenden Generationen möglich sein kann. Erschwert wird dies mit Sicherheit dadurch, daß das Schicksal der Armenier in den neuen Heimatländern in der Öffentlichkeit fast nicht bekannt ist bzw. nicht zur Kenntnis genommen wird.
Es ist zunächst Aufgabe der Geschichtswissenschaft, den Verlauf und die Hintergründe von Völkermord zu untersuchen. Die Historiker haben intensiv zum Völkermord an den Armeniern gearbeitet und sind heute einer Meinung: Die Tatsache des Völkermordes steht fest. Die Beschäftigung mit den historischen Ereignissen darf jedoch nicht nur eine akademischer Materie bleiben. Sie ist wichtig für die Sicherung des inneren und äußeren Friedens der Völker und ist daher auch insbesondere eine Aufgabe der Politiker.

Es gab bisher nur wenige, meist von Menschenrechtsorganisationen wie der Gesellschaft für bedrohte Völker, kirchlichen Kreisen oder einzelnen Journalisten angeregte Ereignisse, die die deutschen Politiker forderten, sich intensiv mit dem Völkermord von 1915/16 auseinanderzusetzen. Hier sollen nur kurz drei Ereignisse genannt werden, die auch von den Medien aufgegriffen wurden und so eine große Öffentlichkeit erreichten:

a) Im April 1985: Die Bremer Konferenz “Genozid und Holocaust” anläßlich des 70. Jahrestages des Völkermordes an den Armeniern: Der Bremer Bildungssenator Franke griff auf Druck des Türkischen Generalkonsulats und des Auswärtigen Amtes in Bonn, die beide die Veranstaltung als türkenfeindlich bewerteten, massiv in die Gestaltung der Konferenz ein, verbot dem Mitorganisator und Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung Frank Boldt die Teilnahme an der Pressekonferenz und zog eine von der Landeszentrale herausgegebene Broschüre, in der Artikel türkischsprachiger Zeitungen über Armenier und andere Minderheiten in der Türkei übersetzt wurden, ein. Franke mußte sich scharfer Kritik sowohl von der Opposition als auch aus den eigenen Reihen anhören und sich für sein Verhalten vor dem Bremer Landtag rechtfertigen.

b) Im April 1987: Die Diskussion um einen Gedenkstein für die armenischen Opfer des Genozids von 1915 auf einem Stuttgarter Friedhof:
Die Inschrift des Gedenksteines auf dem Friedhof, auf dem 300 Armenier begraben liegen, gab Anstoß zur Auseinandersetzung. Die Armenier wollten das Datum des 24. April 1915 eingraviert haben, die Stuttgarter Stadtverwaltung genehmigte jedoch nur die allgemeine Formulierung in deutscher und armenischer Sprache mit dem Inhalt: “Zum Gedenken an die Opfer des armenischen Volkes”, welche eine eindeutige Auslegung auf die Ereignisse von 1915 nicht zuläßt. Doch auch diese undatierte Inschrift stieß auf den Widerstand des türkischen Generalkonsulats in Stuttgart, da sie nach türkischer Auffassung das Wort “Völkermord” enthalte. Nach Einbeziehung eidlich geprüfter Dolmetscher, die die türkische Übersetzung des Wortes “Jeghern” nicht bestätigten, durfte der Stein bestehen bleiben. Der Stuttgarter Oberbürgermeisters erklärte zu der Ablehnung des armenischen Wunsches, “es werde so verfahren, weil es sich im Zusammenhang mit den Geschehnissen von 1915/16 nicht um Deutsche handle, sowohl was die Opfer als auch was die Täter betreffe, und daß sich fremdes Unrecht nicht auf deutschen Friedhöfen manifestieren könne. Denn sonst könne ja auch zum Beispiel, der Untergang der nordamerikanischen Indianer auf bundesdeutschen Friedhöfen beklagt werden.”[4]

c) Im April 2000: Der Petitionsantrag an den Bundestag zur offiziellen Anerkennung des Völkermords:
In der von der “Arbeitsgruppe Anerkennung” initiierten Petition, die im April beim Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages eingegangen ist, werden die Abgeordneten des Deutschen Bundestages aufgefordert

  1. die Tatsache des Völkermordes an den Armeniern anzuerkennen, wie es bereits zahlreiche internationale und nationale Gremien getan haben
  2. die Regierung und den Gesetzgeber der Republik Türkei aufzufordern, die historische Tatsache des Völkermordes anzuerkennen.

Außerdem wurde auf das Militärbündnis zwischen der osmanischen Türkei und dem Deutschen Kaiserreich während des Ersten Weltkrieges sowie darauf, daß die deutsche Regierung durch ihre Vertreter vor Ort genaustens über die Geschehnisse informiert, diese aber aus bündnisstrategischen Gründen billigend in Kauf genommen hätte, hingewiesen.
Die Petition wurde im April 2001 an das Auswärtige Amt weitergeleitet, das nun bis Oktober darüber zu entscheiden hat.

Diese Beispiele zeigen deutlich die Bereiche, die für den Umgang mit diesem Thema zu untersuchen sind und die Erinnerung erschweren und zum Teil behindern: Die Türkeipolitik der Bundesrepublik, die Rücksichtnahme auf den EU-Beitrittskandidaten und NATO-Partner Türkei zur Wahrung ihrer bündnisstrategischen und wirtschaftlichen Interessen, die besondere Bevölkerungssituation in der Bundesrepublik mit den Türken als der größten Volksgruppe. Hieraus erklärt sich sicherlich auch zum Teil das unterschiedliche Verhalten der deutschen Politiker im Vergleich zu ihren französischen oder amerikanischen Kollegen.
Allerdings wäre es ein Zeichen von Verantwortungsbewußtsein der Politiker gegenüber geschichtlicher Erkenntnis, wenn sie vor diesem Thema nicht die Augen verschließen würden. Deutschland muß sich hierbei seiner doppelten Verantwortung bewußt sein: Zum einen ist die Beschäftigung mit dem Völkermord an den Armeniern zugleich die Aufarbeitung eines Teils der deutschen Geschichte, da das Deutsche Kaiserreich als ehemaliger Verbündeter des Osmanischen Reiches das Wissen über die Geschehnisse bewußt militärischen und bündnisstrategischen Überlegungen nachgeordnet hatte. Zum anderen ist Deutschland durch seine eigene kollektive Erfahrung mit belasteter Vergangenheit geradezu prädestiniert, eine klare Position zu beziehen, auf die Wichtigkeit von kritischer Vergangenheitsbewältigung hinzuweisen sowie seiner erzieherischen Pflicht zur Aufklärung nachzukommen.
Es muß also leider festgestellt werden, daß es bisher fast ausnahmslos die Literaten waren, die die Erinnerung an den Völkermord wachgehalten haben. Sie alleine haben – wie es einmal genannt wurde – “Denkmale” gegen das Vergessen[5] geschaffen.


[1] Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken, München 1989, S. 423.
[2] Franz Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, Frankfurt a. M. 1990, Vorwort.
[3] Dieser Gedanke findet sich auch in weiteren in die Untersuchung hinzuzuziehenden Romanen, wie etwa Peter Balakian, Die Hunde vom Ararat, Wien 2001, Jochen Mangelsen, Ophelias lange Reise nach Berlin, Bremen 2000..
[4] Zitiert nach Ralph Giordano, Kleines Volk mit großem Erbe, S. 24.
[5] Eke, Norbert Otto, Zwei Versuche über das Unfaßbare des Völkermordes: Franz Werfels Die vierzig Tage des Musa Dagh (1933) und Edgar Hilsenraths Das Märchen vom letzten Gedanken (1989), in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 71^(1997) Heft 4, S. 701-723, hier S. 723.

 

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14.9.2001