Genozid,
Historisierung & Rezeption
Was kann die Analyse der Rezeption des
Völkermordes an den Armeniern (1915) in Deutschland während
der Jahre 1915-1945 zum Verständnis der Shoah
beitragen?
Rückblickend
erscheinen dem Betrachter die Verfolgung sowie die systematische,
industrielle Tötung der Juden Europas durch die
Nationalsozialisten als atavistische Grausamkeit bisher unbekannten
Ausmasses. Auschwitz gilt als Chiffre für den Zivilisationsbruch
schlechthin. Wissenschaftliche Deutungen und Erklärungsmuster
scheinen dem Gegenstand nicht angemessen, versagen. Der Zugang zum
Verständnis der Shoah gleitet daher mitunter in den Bereich des
Metaphysischen ab, entzieht sich dem historischen Kontext: Die Zeit
des Nationalsozialismus wird als der “
Einbruch des
Satanischen in die Geschichte, als ein Heraustreten aus dem au fond
vernünftigen, fortschrittsgesteuerten Geschichtsprozess”[1]
interpretiert. Eine derartige Mystifizierung der Shoah beruht auf der
Annahme, rationale Methoden würden zur Klärung der
Ereignisse nicht beitragen können:
For Auschwitz and Treblinka there was no
historical analogy and there was no philosophical, or for that matter
theological, frame of mind that could possibly integrate them into
any system of thought. The Holocaust was an absolute novum lacking
accountability in any rational terms at the disposal of the
generation that experienced it. [...] For the generation that
lived through it, the Holocaust can only be characterized as a
trauma, a wounding experience beyond the reach of intellectual
conceptualization.[2]
Als ein dem Fluss der Geschichte entrissenes
Ereignis gilt die Shoah zahlreichen Betrachtern als einzigartig.
Steven T. Katz definiert ‚Genozid’ als Massenmord, der
dadurch charakterisiert sei, dass die Täter sämtliche
Mitglieder der Opfergruppe umzubringen trachten. Ferner schliesst er,
dieses Charakteristikum sei einzig der Shoah eigen und nur die
Ermordung der Juden Europas könne daher als ‚Genozid’
bezeichnet werden.
[3] Die von
Steven T. Katz vertretene These von der Einzigartigkeit der Shoah ist
als unhistorisch und gegenwartspolitisch irrelevant zu bezeichnen:
Das Singuläre lehrt nichts für die Zukunft, denn es ist
seiner Natur nach nicht wiederholbar.[4]
Einer derartigen hermeneutischen Falle versucht sich die
vergleichende Genozidforschung zu entziehen. Bis anhin hat diese noch
junge Forschungsrichtung hauptsächlich Vergleiche zwischen
verschiedenen Fällen von Völkermord angestellt und so
gemeinsame Strukturmerkmale herausgearbeitet.
[5]
Dieser Vorgehensweise liegt eine präventive Intention zugrunde:
Die Ursachen wie der typische Verlauf von Völkermorden sollen
analysiert werden, um inskünftig die Ermordung von ethnischen
Minoritäten oder sonstigen von einer Mehrheitsgesellschaft
stigmatisierten Gruppen zu verhindern. Die vergleichende
Genozidforschung trägt so zur Errichtung von sog.
Frühwarnsystemen bei.
[6]
Der Strukturvergleich darf indessen nicht
das einzige Desiderat der Genozidforschung darstellen. Ein
historisierender Ansatz ist für das Verständnis der Shoah
unentbehrlich. Der Historiker Martin Broszat brachte den Terminus ‚Historisierung’
1985 in die Diskussion über den Umgang mit der
nationalsozialistischen Vergangenheit ein.
[7]
Broszat plädierte, das “Dritte Reich” nicht mehr als
“
Insel der deutschen Zeitgeschichte”[8]
zu betrachten. Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen
dürften nicht auf eine “
Abnormalität”
reduziert, die Zeit vor und nach Hitler keinesfalls als “
heile
Epochen” bezeichnet werden.
[9]
Vielmehr gelte es, die Zeit des Nationalsozialismus so wie auch
andere Zeiträume zu erfassen. Der historisiernde Ansatz Broszats
betont somit die Kontinuitätslinien des “Dritten Reiches”
zur Zeit vor dem Nationalsozialismus wie zur Zeit danach. Der Mord an
den Juden Europas kann nicht adäquat verstanden werden, wenn
nicht nach den Kontinuitäten der deutschen, ja der
europäischen Geschichte gefragt wird, welche zur
Ermöglichung der Shoah hingeführt haben. Es gilt eine
Antwort auf die Frage zu finden, welche gesellschaftliche und
geistige Verfassung die Ermordung der Juden Europas begünstigt
und zugelassen hat. Die Shoah sollte daher im Kontext eines ganz
spezifischen historischen Raumes untersucht werden: der Zeit des
europäischen Kolonialismus. Herausragendes Merkmal dieses
Zeitalters ist eine sozialdarwinistische, rassistische Weltsicht. Die
Umsiedlung oder gar Eliminierung von “kulturlosen”
Völkern, welche als minderwertig, lebensunwert klassifiziert
wurden, entsprach legitimen politischen Handlungsweisen. Dieses
Denken führte 1904/07 zum Völkermord an den Herero und
Nama, welche sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft
auflehnten,
[10] zum Genozid an
den Armeniern Kleinasiens durch die Jungtürken 1915 und gipfelte
schliesslich in der Auslöschung des osteuropäischen
Judentums. In sämtliche drei Ereignisse war Deutschland
verstrickt; als Täter beim Mord an den Herero/Nama sowie bei der
Eliminierung der Juden Europas, als Verbündeter des
jungtürkischen Regimes während des Völkermordes an den
Armeniern. Werden diese drei Völkermorde der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts als einem gemeinsamen historischen Raum
angehörig betrachtet, offenbaren sich folgende
Kontinuitätslinien: Ideologisch lässt sich eine
Kontinuität am Konzept des “Lebensraumes”
ausmachen. Der Terminus ‚Lebensraum’ wurde 1901
erstmals vom deutschen Geopolitiker Friedrich Ratzel verwendet.
Ratzel fasste Geschichte als einen “permanenten Kampf um
Lebensraum” auf.
[11] Der
von Ratzel geprägte Begriff wurde schliesslich vom Alldeutschen
Verband im Zusammenhang mit der Forderung nach einer verstärkten
deutschen Kolonialpolitik aufgegriffen. Opfer des von Deutschland
aggressiv betriebenen “Kampfes um Lebensraum” wurden die
Herero, welche getötet, in die Wüste getrieben oder in
Konzentrationslager gepfercht wurden.
[12]
In den 1890er Jahren wurde schliesslich Anatolien als “Lebensraum”,
als ein mögliches Feld für deutsche Kolonisten entdeckt. Im
Zuge des Baus der Bagdadbahn wurde heftig diskutiert, ob deutsche
Siedlungen um das Streckennetz errichtet werden sollten.
[13]
In den Visionen deutscher Imperialisten wurden die Armenier mitunter
als mögliche Mitarbeiter eingeplant
[14],
mal als gefährliche Konkurrenten um den “Lebensraum”
in Anatolien betrachtet
[15].
Obwohl das Deutsche Reich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg seine
kolonialen Besitzungen verlor, herrschte in weiten Teilen der
deutschen Bevölkerung nach wie vor eine Kolonialbegeisterung.
Insbesondere nationalkonservative Publizisten forderten die
Wiederherstellung eines deutschen Kolonialreiches, welches den
wilhelminischen Imperialismus indessen hinter sich lassen
sollte.
[16] Adolf Hitler
forderte denn in “
Mein Kampf” auch nicht die
Restaurierung des wilhelminischen Kolonialreiches, sondern kam zur
Einsicht, Deutschland müsse “Lebensraum” im Osten
Europas gewinnen. Hitler war der festen Überzeugung, so
könne Deutschland seinen Geburtenüberschuss laufend im
Osten ansiedeln, eine autarke, auf den Binnenmarkt ausgerichtete
Wirtschaft aufbauen und auf diesem Wege
“blockadefest”
werden.
[17] Mit dem
Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sollte die Idee vom “Lebensraum”
ab 1941 ihre grausame Verwirklichung finden.
Eine personelle Kontinuität, welche
sich durch den oben skizzierten historischen Raum zieht, könnte
beispielsweise anhand des konservativen Publizisten und “ethischen
Imperialisten”
[18] Paul
Rohrbach aufgezeigt werden. Rohrbach vertrat den Standpunkt,
Deutschland müsse eine genuin deutsche Weltmachtpolitik
betreiben, um die
“fortschrittliche deutsche Art und den
deutschen Geist”[19]
in die Welt zu tragen. 1903 wurde Rohrbach als Ansiedlungskommissar
und Wirtschaftssachverständiger für “Deutsch-Südwestafrika”
in den Kolonialdienst berufen. Das Kriegsziel des deutschen
Oberbefehlshabers für “Deutsch-Südwestafrika”
von Trotha, die Herero zu vernichten, widersprach Rohrbachs
Plänen, stufte er die “Erhaltung der Eingeborenen doch als
notwendig für das Gedeihen der Kolonie ein”.
[20]
Rohrbach trat dafür ein, die “Eingeborenen” zu einer
Klasse von Dienstbaren zu degradieren und ihren Besitz zu
konfiszieren.
[21] Ferner ging
in Südwestafrika im September 1905 das Verbot der Mischehen auf
Rohrbach zurück.
[22] Paul
Rohrbach bereiste Anatolien sowie den Kaukasus so oft wie nur die
wenigsten seiner Zeitgenossen. Daher sein Interesse für die
deutsche Orientpolitik. Zeitlebens bemühte sich Rohrbach,
Gründungsmitglied der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, die
Armenier positiv in die deutsche Türkeipolitik einzubeziehen.
Die Armenier betrachtete Rohrbach als tüchtig, als das
zukunftsweisende Element in der Türkei und somit als
natürliche Verbündete des Deutschen Reiches.
[23]
Vor diesem Hintergrund ist Rohrbachs Idee zu verstehen, die Armenier
im Einzugsgebiet der Bagdadbahn anzusiedeln.
[24]
Ohne gänzlich in das Fahrwasser der Nationalsozialisten zu
geraten, stand er Teilen der NS-Ideologie durchaus nahe. So bejahte
er beispielsweise die “Volksgemeinschaft”, die
Untermenschenthese sowie die Ostpolitik.
[25]
Die eben skizzierten Kontinuitätslinien
legen exemplarisch dar, dass das “Dritte Reich” und die
damit einhergehende nationalsozialistische Bevölkerungspolitik
unbedingt im Kontext des übergeordneten historischen Raumes
betrachtet werden müssen. Es stellt sich somit noch die Frage
nach dem methodischen Instrument, welches zur Sichtbarmachung jener
Kontinuitäten beiträgt. Ein rezeptionsgeschichtlicher
Ansatz scheint geeignet, die gesellschaftliche und geistige
Verfassung, welche im Deutschland der 20er und 30er Jahre
vorherrschend war, an den Tag zu bringen. Im Hinblick auf die Frage,
wie grosse Teile der deutschen Bevölkerung aktiv und vor allem
auch passiv an der Vertreibung und Vernichtung der Juden Europas
mitwirken konnten, mag die Reaktion der deutschen Gesellschaft auf
den Mord an den Herero und Nama sowie die Vernichtung der Armenier
Anatoliens durch die Jungtürken aufschlussreich sein und zum
Verständnis der zeitbedingten Geisteshaltung beitragen, welche
das sog. Social Engineering wie den sozialdarwinistisch
inspirierten Kampf um “Lebensraum” beinhaltet hat.
Welche Aspekte sollte eine deutsche
Rezeptionsgeschichte des Genozids an den Armeniern, welche sich auf
die Jahre 1915-45 konzentriert, umfassen? Das Bild ‚des
Armeniers’ in der deutschen Publizistik vor 1915 ist
zunächst eine Betrachtung wert, zumal in diesem Zeitraum
entstandene Stereotypen auch während des zu untersuchenden
Zeitabschnittes eine Rolle spielen. Ferner interessiert die Frage,
über welche Kenntnisse die deutsche Bevölkerung
während des Krieges 1914-1918 jungtürkischen Politik
gegenüber den Armeniern verfügte. Nach Kriegsende
führte die Frage über eine mögliche deutsche
Mitverantwortung am Mord an den Armeniern zu einer
öffentlichen Auseinandersetzung. Ferner ist auf die
publizistische Tätigkeit christlicher und philarmenischer
Kreise einzugehen, welche sich stark für die Belange der
Armenier eingesetzt haben. In Memoiren und Reiseberichten
wurde oft Bezug auf die Ereignisse von 1915 in Anatolien genommen.
Die Ermordung des ehemaligen jungtürkischen Innenministers
Talaat 1921 in Berlin und der Prozess gegen den armenischen
Attentäter Salomon Teilirian fanden beachtliches Echo in der
deutschen Presse. Von Interesse ist der Umgang der deutschen
Orientalisten mit dem Völkermord an den Armeniern und ihre
Rezeption der “neuen” von Mustafa Kemal geschaffenen
Türkei. Zahlreiche Offiziere, welche während des Ersten
Weltkriegs in der Türkei gedient hatten, waren nach Kriegsende
in Freikorps tätig oder fanden Aufnahme bei den
Nationalsozialisten. Die Beurteilung ‚des Armeniers’
sowie des Genozids von 1915 in völkischen und
nationalsozialistischen Kreisen sind daher von besonderer
Relevanz. Literarisch setzte sich schliesslich der jüdische
Schriftsteller Franz Werfel mit dem Schicksal der Armenier
auseinander: Die vierzig Tage des Musa Dagh.
Auf die einzelnen Teilbereiche soll im
folgenden kurz eingegangen werden:
Die Beurteilung der Armenier in der
deutschen Publizistik vor 1915:
Mitunter wurden die Armenier in
Reiseberichten als fleissiges Volk dargestellt, welches sich aufgrund
dieser Charaktereigenschaft positiv von der türkischen und
kurdischen Bevölkerung Anatoliens abheben würde.
[26]
Die hamidischen Massaker der 1890er Jahre führten in grossen
Teilen der deutschen Gesellschaft zu einer Solidarität mit den
verfolgten Armeniern. Gleichzeitig existierte indessen das Zerrbild
des Armeniers als Händler und Krämer, dem nicht zu trauen
sei, der die gesamte osmanische Wirtschaft in seiner Hand
hätte.
[27] Gemeinhin
wurde ‚der Armenier’ als ‚Jude des Orients’
bezeichnet. Ein verbreiteter Antiarmenismus orientierte sich durchaus
am in Europa grassierenden Antisemitismus.
[28]
Hans Barth schliesslich rief die Türken dazu auf, sich gegen
eine Bevorzugung der Armenier durch die imperialistischen
Grossmächte aufzulehnen.
[29]
Die Kenntnisse der deutschen
Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs über den
Mord an den Armeniern von 1915:
Während des Ersten Weltkrieges
unterlagen Veröffentlichungen über die armenische Frage
offiziell einer Vorzensur.
[30]
In diesem Zusammenhang äusserte sich Hellmut von Gerlach wie
folgt:
“Die ungeheure Masse des deutschen Volkes hat nie
erfahren, was sonst die ganze Welt wusste: Dass die schlimmsten
Menschenschlächter unsere Bundesgenossen, die Türken,
gewesen sind.”[31]
Dennoch wurde die Zensurpraxis relativ locker gehandhabt.
Insbesondere christliche Periodika nahmen sich der
Armenierverfolgungen im Osmanischen Reich an und berichteten
über das Ausmass des Mordes.
[32]
Hinzuweisen ist auf das Engagement von Johannes Lepsius während
des Krieges. Dieser versuchte, die deutsche Regierung, die Presse wie
die Landeskirchen zu mobilisieren, um das jungtürkische Regime
durch den in Deutschland erzeugten Druck von seinem mörderischen
Vorhaben abzubringen. In der Folge verfasste Lepsius einen
“Bericht
über die Lage des armenischen Volkes”[33],
der im August 1916 von der Militärzensur verboten wurde. Dennoch
konnten 20'000 Exemplare an evangelische Pfarrämter, die
Redaktionen der grösseren deutschen Landeszeitungen sowie die
Abgeordneten des Reichstages verschickt werden.
[34]
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Mord an den Armeniern
während des Ersten Weltkrieges nur wenige Zeitgenossen
beschäftigt hat. Emil Daniels brachte dies in den Preussischen
Jahrbüchern auf den Punkt:
“Die armenische Frage findet
in Deutschland geringes Interesse; nur eine Handvoll
berufsmässiger Politiker und ein Häufchen Idealisten nehmen
an dem Schicksal der Armenier teil.”[35]
Die zeitgenössische
Auseinandersetzung über die deutsche Mitverantwortung
Die Propaganda der Entente-Mächte hatte
Deutschland bereits während des Krieges bezichtigt, aktiv an der
Deportation und Auslöschung der Armenier beteiligt zu sein. Die
neue deutsche Regierung trat daher nach Kriegsende die Flucht nach
vorn an, um diesen Verdacht vor den Friedensverhandlungen in
Versailles aus der Welt zu schaffen. Johannes Lepsius wurde vom
Auswärtigen Amt mit einer Aktenpublikation beauftragt, welche
die These von der deutschen Mittäterschaft widerlegen
sollte.
[36] In der Folge wurde
der Schluss von Lepsius, Deutschland könne nicht für den
Völkermord von 1915 verantwortlich gemacht werden, von
verschiedenen Seiten angezweifelt.
[37]
Die publizistische Tätigkeit
christlicher und philarmenischer Kreise
Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor
allem die Namen von Johannes Lepsius und Armin T. Wegner. In den von
Johannes Lepsius und seinen Hilfswerken herausgegebenen Zeitschriften
wurde regelmässig über das Schicksal der Armenier
Anatoliens, über Waisenhäuser in Syrien und Libanon sowie
über die Hilfsstationen in der Türkei berichtet.
[38]
Armin T. Wegner fand zunächst im Jahre 1919 durch einen offenen
Brief an den US-Präsidenten Wilson Beachtung, in dem er die
Mächtigen der Welt aufforderte, das Schicksal Armeniens nicht zu
vergessen.
[39] In zahlreichen
Zeitungsartikeln und in seinen literarischen Werken setzte sich
Wegner überdies intensiv mit den Geschehnissen in Anatolien
während des Weltkrieges auseinander.
[40]
Am 21. Mai 1919 wurde die Deutsch-Armenische Gesellschaft in Berlin
neugegründet. Die offizielle Publikation der Gesellschaft, die
Deutsch-Armenische Korrespondenz, orientierte ihre Leserschaft
laufend über die aktuellen Geschehnisse in der Türkei und
thematisierte in ihren Artikeln häufig die Rolle des Deutschen
Reiches während des Völkermordes an den Armeniern.
Memoiren und Reiseberichte
Soldaten und Offiziere, welche während
des Weltkrieges im Rahmen der deutschen Militärmission im
Osmanischen Reich stationiert waren, kamen in während der
Zwischenkriegszeit veröffentlichten Memoiren mitunter auf die an
den Armeniern verübten Gräuel zu sprechen.
[41]
Selbst die ehemaligen deutschen Generäle Ludendorff und
Hindenburg sahen sich veranlasst, über ihre Eindrücke des
Mordes an den Armeniern zu schreiben. Beide distanzierten sich vom
blutigen Vorgehen der Jungtürken und wiesen daraufhin, sie
hätten das in ihrer Macht stehende getan, um den
Armenierverfolgungen Einhalt zu gebieten. Insbesondere die Schrift
Hindenburgs kann als Versuch einer Rechtfertigung verstanden
werden.
[42] Hinzuweisen ist
ferner auf die deutschsprachige Veröffentlichung der Memoiren
Ahmed Djemal Paschas, welcher während der Kriegsjahre
Angehöriger des jungtürkischen Triumvirats war und die
fünfte osmanische Armee befehligte.
[43]
Djemal Pascha spricht unumwunden von Massakern, die 600'000 Armeniern
das Leben gekostet hätten, weist die Schuld daran indessen
Russland und den aufständischen Armeniern zu.
[44]
Erwähnenswert sind ebenso die publizierten Erinnerungen des
Venezolaners Rafael de Nogales, der in türkischen Diensten u. a.
an der Belagerung von Van teilgenommen hat.
[45]
Der Prozess Talaat/Teilirian
Am 15. März 1921 erschoss der Armenier
Salomon Teilirian in Berlin den ehemaligen jungtürkischen
Innenminister Talaat Pascha, der sich in Deutschland versteckt hielt.
Der Prozess schliesslich begann am 2. Juni desselben Jahres und
dauerte zwei Tage. Im Verlaufe des Prozesses musste geklärt
werden, ob Teilirian die Tat kaltblütig vollstreckt hatte oder
ob er aufgrund traumatischer Erfahrungen während des Genozids im
Jahre 1915 nicht mehr zurechnungsfähig sei. Um die
Hintergründe des Tatherganges zu erhellen, bzw. auf die
Ereignisse von 1915 in der Türkei einzugehen, wurden Johannes
Lepsius und Liman von Sanders als Sachverständige vorgeladen.
Die Gutachter des Gerichts hielten fest, die
Zurechnungsfähigkeit des Täters sei während des
Anschlags eingeschränkt gewesen, der Prozess endete mit einem
Freispruch für den Attentäter. Armin T. Wegner notierte
dazu:
In einer merkwürdigen Umkehrung der
Verhältnisse geschieht es, dass der Angeklagte, ohne in diesem
Sinne selber ein Wort zu äussern, ein leidendes und
verschwiegenes Opfer, allein durch die Wucht der hinter ihm stehenden
Tatsachen, zum Ankläger wird, und dass nicht mehr Salomon
Teilirian auf der Anklagebank steht, sondern der blutbefleckte
Schatten eines Toten, in einer tiefen Bewahrheitung jenes
geheimnisvollen Satzes: ‚Nicht der Mörder, der Ermordete
ist schuldig’.[46]
Über den überraschenden Ausgang
des Prozesses wie die pompös anmutende Bestattung Talaats in
Berlin wurde in den deutschen Medien ausführlich berichtet. Die
Analyse der diesbezüglichen Medienberichterstattung ist ein
Desiderat einer Rezeptionsgeschichte des Völkermordes an den
Armeniern in Deutschland. Der Leichnam Talaats wurde 1943 nach Ankara
überführt und in Anwesenheit des deutschen Botschafters
beigesetzt. Es würde daher interessieren, welche Beurteilung dem
ehemaligen jungtürkischen Innenminister in der deutschen Presse
der 40er Jahre widerfahren ist.
Die deutschen Orientalisten und der
Völkermord an den Armeniern
Hinsichtlich der Reaktion der deutschen
Orientalisten auf den Völkermord an den Armeniern hätten
laut Peter Nagel drei Verhaltensmuster ausgemacht werden können:
Schweigen, konsequentes Eintreten für die Armenier oder
Verharmlosung und Rechtfertigung der Massaker.
[47]
Die “neue” nationale, laizistische, von Mustafa Kemal
geschaffene Türkei fand indessen die Anerkennung zahlreicher
Orientalisten. Dagobert von Mikusch äusserte sich denn auch
bewundernd über den charismatischen Atatürk, der sich bei
der Schaffung der Türkei über sämtliche
Widerstände hinweggesetzt hätte.
[48]
Die Auslöschung der Armenier sei unumgänglich gewesen:
“Sieht
man von der menschlichen Seite ab, so war die Ausstossung der
Armenier aus ihrem Staatskörper für die neue Türkei
eine kaum minder zwingende Notwendigkeit als die Ausrottung der
Indianer für den neuen Staat der Weissen in Amerika.”[49]
Auch der Geograph Ewald Banse war der Meinung, die christlichen
Minderheiten der Türkei würden die Entwicklung der
islamischen Mehrheitsgesellschaft hemmen und befürwortete daher
das Vorgehen der Jungtürken.
[50]
Völkische und nationalsozialistische
Kreise über den Völkermord an den Armeniern
In zeitgenössischen Darstellungen wird
Adolf Hitler zuweilen als Experte des Völkermords an den
Armeniern dargestellt. Da dem jungtürkischen Vorhaben, die
armenische Frage gewaltsam zu lösen, Erfolg beschieden war und
die Westmächte 1923 in Lausanne die durch Mustafa Kemal
geschaffene Tatsache eines türkischen Nationalstaates
akzeptieren mussten, soll sich Hitler in seinem Bemühen um eine “Lösung
der Judenfrage” bestärkt gefühlt haben.
[51]
Die Authentizität der Worte Hitlers
“Wer spricht denn
heute noch von der Vernichtung der Armenier!”
anlässlich einer Ansprache am 22. August 1939 vor Führern
der Wehrmacht ist nicht unumstritten.
[52]
Falls Hitler sich derart geäussert haben soll, so war dies auf
den bevorstehenden Krieg gegen Polen bezogen und nicht etwa auf eine “Endlösung
der Judenfrage”, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschlossen
war.
[53] Dennoch scheint
Hitler über die Ereignisse von 1915 in der Türkei
unterrichtet gewesen zu sein. In einem Interview, das er 1931 mit
Richard Breitling, dem Chefredakteur der Leipziger Neueste
Nachrichten, führte, schnitt er den Genozid an den Armeniern
sowie den Bevölkerungsaustausch, der zwischen Griechenland und
der Türkei stattgefunden hatte, an, um seine Idee einer “völkischen
Flurbereinigung” darzulegen.
[54]
Einer Delegation aus Ankara gegenüber äusserte sich Hitler
1939, dass die Türkei Deutschland als Modell gedient hätte,
da die Türkei als erste Nation die Beschlüsse der
Versailler/Pariser Friedensordnung durchbrochen habe.
[55]
Zudem dürfte Hitler von den
Armenierverfolgungen im Osmanischen Reich persönlich durch Max
Erwin von Scheubner Richter, den ehemaligen Vizekonsul in Erzurum,
informiert worden sein. Scheubner Richter engagierte sich seit 1920
in der NSDAP und galt bis zu seinem Tode im Jahre 1923 als enger
Mitarbeiter Hitlers.
[56]
Weitgehend unerforscht ist die Tätigkeit deutscher
Türkei-Veteranen in den Freikorps oder innerhalb der NSDAP,
welche Augenzeugen von Massakern an Armeniern geworden sind oder aus
erster Hand von ihnen erfahren haben. Hier drängt sich die Frage
auf, welchen Eindruck die Armenierverfolgungen auf die Veteranen
gemacht haben und inwieweit sich diese auf ihr künftiges Denken
und Handeln ausgewirkt haben.
[57]
Eine weiteres Feld, welches in diesem rezeptionsgeschichtlichen
Rahmen genauer untersucht werden müsste, ist die Stellung ‚des
Armeniers’ im rassistischen Weltbild der Nationalsozialisten.
Mehrere Rassenforscher vertraten in den 20er und 30er Jahren die
These, die Armenier seien den Juden verwandt.
[58]
Auf die Behauptung Martin Staemmlers 1933, die Armenier seien
ähnlich den Juden von einem
“Krämergeist”
beseelt und würden ihre
“Wirtsvölker”
ausnützen
[59],
reagierten philarmenische Kreise mit Interventionen beim
Innenministerium. Paul Rohrbach, dem Vorsitzenden der
Deutsch-Armenischen Gesellschaft, gelang es schliesslich, das
Innenministerium am 29. 9. 1933 zu einer offiziellen Verlautbarung zu
bewegen, wonach die Armenier als “Arier” gelten
würden.
[60] Trotz der
Verlautbarung durch das Innenministerium publizierte die
Deutsch-Armenische Gesellschaft 1934 eine Aufsatzsammlung mit dem
Titel
“Armeniertum-Ariertum”, welche Beiträge
von zehn verschiedenen Autoren enthielt. Sämtliche Zweifel an
der arischen Abstammung der Armenier sollten aus der Welt geschafft
werden.
[61] Johannes von Leers
schrieb deshalb in seinem Beitrag:
Nirgends wäre übertriebene
Konsequenzmacherei sinnloser als in der Rassenfrage, die noch
vielfach so wenig aufgehellt ist; es muss genügen, wenn ein Volk
keine irgendwie jüdischen Bestandteile in sich aufgenommen hat,
kein Negerblut hat (schon bei der “gelben” Rasse wird man
sehr vorsichtig sein müssen) und eine erkennbare
blutsmässige Linie zur nordischen Rasse besitzt, um es als
arisch zu bezeichnen. Das aber trifft nicht nur bei dem armenischen
Volk zu, sondern dieses ist erweislich ein Teil des europäischen
Zweiges der indogermanischen Völkerfamilie, spricht eine solche
Sprache und hat heute noch klar erkennbare nordische
Rassebestandteile. Die Armenier sind also ein arisches
Volk.[62]
Franz Werfels “Die vierzig Tage des
Musa Dagh”
Auf bemerkenswerte Art und Weise rezipierte
der jüdische Schriftsteller Franz Werfel den Genozid an den
Armeniern in seinem literarischen Schaffen.
“Die vierzig
Tage des Musa Dagh” thematisiert den erfolgreichen
Widerstand der armenischen Bevölkerung einiger Dörfer um
den Berg Musa Dagh gegen die anstehende Deportation durch die
Türken. Für die Entstehungsgeschichte des Romans ist vor
allem das Kapitel
“Zwischenspiel der Götter”
bedeutsam, welches ein Treffen zwischen Lepsius und dem
jungtürkischen Kriegsminister Enver Pascha schildert, welches
1915 in Istanbul tatsächlich stattgefunden hat. Für die
literarische Umsetzung dieses Ereignisses stützte sich Werfel
hauptsächlich auf das von Lepsius verfasste
Gesprächsprotokoll.
[63]
Als Werfels Roman 1933 erschien, waren die Nationalsozialisten
bereits an der Macht. Bald nach der Veröffentlichung wurde der
Roman verboten und fiel inszenierten Bücherverbrennungen zum
Opfer. Werfels Werk verkörpert somit eine Schnittstelle zwischen
armenischem und jüdischem Schicksal.
[64]
[1] Schulze,
Hagen: Die “Deutsche Katastrophe” erklären. Vom
Nutzen und Nachteil historischer Erklärungsmodelle, in: Diner,
Dan (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung
und Historikerstreit, Frankfurt a. M. , 1987, S. 89-101, hier: S.
89.
[2]
Katz, Jacob: Was the Holocaust Predictable?, in: Bauer, Yehuda u.
Rosenstreich, Nathan (Hg.): The Holocaust as Historical Experience,
New York, 1981, S. 3.
[3]
Katz, Steven T. : The Holocaust in Historical Context, Bd. 1 : The
Holocaust and Mass Death before the Modern Age, New York, 1994, S.
131. Daniel Jonah Goldhagen schliesst sich dieser Meinung an und
propagiert, die Shoah würde sich vom Mord an den Armeniern darin
unterscheiden, “dass
die Türken [...] viele
armenische Kinder am Leben liessen, wenn sie jung genug waren, ihre
Herkunft zu vergessen, und man sie ohne Risiko als Türken und
Muslime aufziehen konnte.” Vgl. Goldhagen, Daniel Jonah:
Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der
Holocaust, Berlin, 1996, S. 484, 489.
[4]
Schulze [op. cit. ], S. 90.
[5] Als
durchaus gelungenes Beispiel eines solchen Unterfangens kann Robert
F. Melsons Studie gelten, welche den Untergang von Reichen,
revolutionäre Ideologien und Krieg als Voraussetzungen sowohl
für den Völkermord an den Armeniern wie die Shoah ausmacht.
Vgl. Melson, Robert F. : Revolution and Genocide. On the Origins of
the Armenian Genocide and the Holocaust, Chicago, 1993.
[6] Das
wohl ambitionierteste
Early Warning System ist dasjenige des
Sozialwissenschaftlers Ted Gurr. Siehe im Internet:
http://www.bsos.umd.edu/didcm/mar/
[7]
Broszat, Martin: Plädoyer für eine Historisierung des
Nationalsozialismus, in: Merkur 39 (1985), S. 373-385.
[8]
Ders. : Eine Insel in der Geschichte? Der Historiker in der Spannung
zwischen Verstehen und Bewerten der Hitler-Zeit, in: Ders. : Nach
Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte, München,
1986, S. 114-120.
[9]
Broszat: Nach Hitler [op. cit. ], S. 173.
[10]
Henning Melber vertritt die These, “
die Methoden des
Genozids” seien 1904/07 in “Deutsch-Südwestafrika”
zum ersten Mal angewandt worden. Vgl. Melber, Henning:
Kontinuitäten totaler Herrschaft: Völkermord und Apartheid
in “Deutsch-Südwestafrika”. Zur kolonialen
Herrschaftspraxis im Deutschen Kaiserreich, in: Jahrbuch für
Antisemitismusforschung 1 (1992), S. 91-114. Verschiedentlich
vertreten Autoren die Ansicht, der Mord an den Herero und Nama
könnte nicht als Genozid, sondern lediglich als Kolonialkrieg
verstanden werden. Vgl. Spraul, Günther: Der “Völkermord”
an den Herero. Untersuchungen zu einer neuen Kontinuitätsthese,
in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 12 (1988), S.
713-739.
[11]
Vgl. Ratzel, Friedrich: Der Lebensraum, München, 1901.
[12]
Die miserablen Bedingungen in den Konzentrationslagern “Deutsch-Südwestafrikas”
führten unweigerlich zum Tode der meisten Insassen. Zu den
Konzentrationslagern vgl. Zeller, Joachim: “Wie Vieh wurden
hunderte zu Tode getrieben und wie Vieh begraben.”.
Fotodokumente aus dem deutschen Konzentrationslager in
Swakopmund/Namibia 1904-1908, in: Zeitschrift für
Geschichtswissenschaft 3 (2001), S. 226-243.
[13]
Einen kurzen Überblick zu den Anfängen der wilhelminischen
Türkeipolitik bietet Saupp, Norbert: Das deutsche Reich und die
armenische Frage 1878-1914, Dissertation, Köln, 1990, S. 33-81.
Zeitgenössische Darstellungen, welche einen Eindruck von der
Diskussion um die deutsche Kolonisierung Anatoliens vermitteln, sind
beispielsweise: Kärger, Karl: Kleinasien, ein deutsches
Kolonisationsfeld. Kolonialwirthschaftliche Studie, Berlin, 1892. ;
Menz, Reinhold: Deutsche Arbeit in Kleinasien. Reiseskizze und
Wirthschaftsstudie, Berlin, 1893.
[14]
So zum Beispiel bei Müller-Simonis, Paul: Vom Kaukasus zum
persischen Meerbusen, Mainz, 1897, S. 168.
[15]
Vgl. Körte, Alfred: Anatolische Skizzen, Berlin, 1896, S. 53ff.
; Kärger [op. cit. ] , S. 68ff.
[16]
So beispielsweise Ernst Jünger 1925:
“Den Drang ins
Weite und Grenzenlose, wir tragen ihn als unser germanisches Erbteil
im Blut, und wir hoffen, dass es sich dereinst zu einem Imperialismus
gestalten wird, der sich nicht wie jener kümmerliche von gestern
auf einige Vorrechte, Grenzprovinzen und Südseeinseln richtet,
sondern der wirklich aufs Ganze geht.” Zitiert nach Wette,
Wolfram: Ideologien, Propaganda und Innenpolitik als Voraussetzungen
der Kriegspolitik des Dritten Reiches, in:
Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Das Deutsche Reich
und der Zweite Weltkrieg, Bd. 1, Stuttgart, 1989, S. 44ff.
[17]
Vgl. Weinberg, Gerhard L. (Hg.): Hitlers zweites Buch. Ein Dokument
aus dem Jahr 1928, Stuttgart, 1961, S. 163. ; Lange, Karl: Der
Terminus “Lebensraum” in Hitlers “Mein Kamp”,
in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 13 (1965), S.
426-437.
[18]
So der Rohrbach-Biograph Mogk. Vgl. Mogk, Walter: Paul Rohrbach und
das ‚Grössere Deutschland’, München, 1972.
[19]
Rohrbach, Paul: Das ‚Grössere Deutschland’ in Moral
und Politik, zitiert nach: Anker, Josef: Artikel ‚Paul Rohrbach’,
in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon,
http://www.bautz.de/bbkl/r/rohrbach_p_c_a.shtml
[20]
Vgl. Scheulen, Peter: Die “Eingeborenen”
Deutsch-Südwestafrikas. Ihr Bild in deutschen
Kolonialzeitschriften von 1884 bis 1918, Köln, 1998, S. 109,
116ff.
[21]
Vgl. Anker [op. cit]
[22]
Rohrbach begründete dies folgendermassen:
“Unter dem
Einfluss der farbigen Konkubinen gehen den Ansiedlern jedes
Gefühl für Sitte, Kultur, gesellschaftliche Ordnung und
nationale Würde verloren.” Zitiert nach Scheulen
[op. cit. ] , S. 138f.
[23]
Vgl. Feigel, Uwe: Das evangelische Deutschland und Armenien. Die
Armenierhilfe deutscher evangelischer Christen seit dem Ende des 19.
Jahrhunderts im Kontext der deutsch-türkischen Beziehungen,
Göttingen, 1989, S. 99ff.
[24]
Vgl. dazu den folgenden Aufsatz Rohrbachs: Die Armenier als
politischer und kultureller Faktor im Orient, in: Deutsch-Armenische
Gesellschaft (Hg.): Mesrop, Berlin, 1914, S. 1-11.
[25]
Vgl. Anker [op. cit. ]
[26]
So beispielsweise bei Müller-Simonis [op. cit. ]
[27]
Zur Stereotypisierung der Armenier durch Deutsche siehe: Kaiser,
Hilmar: Imperialism, Racism, and Development Theories. The
Construction of a Dominant Paradigm on Ottoman Armenians, Ann Arbor,
Michigan, 1997, S. 9-32.
[28]
Dies wird an folgender Beschreibung eines Armeniers durch Karl May
offenkundig:
“Er war ein langer, hagerer, aber
starkknochiger Mann, der sich wie lauschend vornübergebeugt
hielt. Er trug als Kopfbedeckung nur einen Fez, der so weit
zurückgeschoben war, dass man die schmale, sehr niedrige Stirn
vollständig sehen konnte. Ein sehr dünner, fast ruppiger
Bart hing über seinen blutleeren Lippen herab; darüber
ragte eine stark gebogene, breitflügelige Habichtsnase, zu deren
beiden Enden zwei kleine, listige Augen unter den weit und vorsichtig
herabfallenden Lidern nur halb zu sehen waren, die stark entwickelten
Kauwerkzeuge und das breit vortretende Kinn liessen auf Egoismus,
Rücksichtslosigkeit und überwiegend tierische Affekte
schliessen, während die obere Hälfte des Gesichts eine
bedeutende, absichtlich verborgene Verschlagenheit verriet. Wenn
dieser Mann nicht ein Armenier war, so gab es überhaupt keine
Armenier! Ein Jude überlistet zehn Christen; ein Yankee
betrügt fünfzig Juden, ein Armenier aber ist hundert
Yankees gewachsen; so sagt man, und ich habe gefunden, dass dies zwar
übertrieben ausgedrückt ist, aber doch auf Wahrheit beruht.
Man bereise den Orient mit offenen Augen, so wird man mir recht
geben. Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant
wird, da ist sicher die Habichtsnase eines Armeniers im Spiel. [...]”
May, Karl: Der Händler von Serdescht, in: Ders. : Auf fremden
Pfaden, Bamberg, 1952, S. 199.
[29]
Barth, Hans: Türke, wehre dich, Leipzig, 1898.
[30]
Vgl. Fischer, Heinz-Dietrich: Pressekonzentration und Zensurpraxis im
Ersten Weltkrieg, Berlin, 1973, S. 266.
[31]
Von Gerlach, Hellmut: Die grosse Zeit der Lügen, Charlottenburg,
1926, S. 82.
[32]
So hiess es beispielsweise im Christlichen Orient Nr. 17 vom Jahre
1916 auf Seite 1:
“Höchstens ein Drittel
derBevölkerung [der Armenier] mag durch Flucht,
Islamisierung oder durch Belassung in ihren Wohnsitzen der
Verschickung entgangen sein.” Zitiert nach Feigel [op.
cit. ] , S. 233.
[33]
Lepsius, Johannes: Bericht über die Lage des armenischen Volkes,
Potsdam, 1916.
[34]
Vgl. Feigel [op. cit. ] , S. 218ff.
[35]
Zitiert nach Feigel [op. cit. ], S. 249.
[36]
Lepsius, Johannes: Deutschland und Armenien 1914-1918, Potsdam,
1919.
[37]
So beispielsweise von Heinrich Vierbücher oder Joseph Marquart.
Vgl. Marquart, Joseph: Die Entstehung und Wiederherstellung der
armenischen Nation, Berlin, 1919, S. 45ff. ; Vierbücher,
Heinrich: Was die kaiserliche Regierung den deutschen Untertanen
verschwiegen hat. Armenien 1915. Die Abschlachtung eines Kulturvolkes
durch die Türken, Hamburg, 1930, S. 74f.
[38]
Einen Überblick zu den von Lepsius herausgegebenen Zeitschriften
findet sich in: Goltz, Hermann u. Meissner, Axel (Hg.): Deutschland,
Armenien und die Türkei 1895-1925. Dokumente und Zeitschriften
aus dem Dr. Johannes-Lepsius-Archiv an der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Begleitband zu Teil
2: Mikrofiche-Edition, München, 1999, S. 9-12.
[39]
Der Brief Wegners an Wilson wurde am 23. 2. 1919 im Berliner Tagblatt
abgedruckt. Ein Nachdruck findet sich in Pogrom, Zeitschrift für
bedrohte Völker 72/3 (1980), S. 58-61.
[40]
Zur Vita Wegners siehe Rooney, Martin: Leben und Werk Armin T.
Wegners im Kontext der sozio-politischen und kulturellen Entwicklung
in Deutschland, Frankfurt, 1984 ; Tamcke, Martin: Armin T. Wegner und
die Armenier. Anspruch und Wirklichkeit eines Augenzeugen, Hamburg,
1996 (2. Auflage). ; Wernicke-Rothmayer, Johanna: Armin T. Wegner,
Frankfurt a. M. , 1982.
[41]
Z. B. Liman von Sanders, Otto: Fünf Jahre Türkei, Berlin,
1920, S. 200ff. ; Kiessling, Hans von: Mit Generalfeldmarschall von
der Goltz Pascha in Mesopotamien und Persien, Leipzig, 1920, S. 28. ,
Gleich, Gerold von: Vom Balkan nach Bagdad, Berlin, 1921, S.
91ff.
[42]
Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen, Berlin, 1919, S. 136,
500. ; Hindenburg, Paul von: Aus meinem Leben, Leipzig, 1920.
Hindenburg stellte die Vorfälle in Anatolien als
Bürgerkrieg dar, in dem beide Seiten, d. h. Armenier und
Türken, schwere Gräuel begangen hätten. S. 209.
[43]
Djemal Pascha, Ahmed: Erinnerungen eines türkischen
Staatsmannes, München, 1922.
[45]
Nogales, Rafael de: Vier Jahre unter dem Halbmond. Erinnerungen aus
dem Weltkriege, Berlin, 1925.
[46]
Zitiert nach Hofmann, Tessa (Hg.): Der Völkermord an den
Armeniern vor Gericht. Der Prozess Talaat Pascha, Göttingen,
1980, Vorwort, S. VII. Armin T. Wegner veröffentlichte ebenfalls
eine stenographische Abschrift des Prozessverlaufs. Wegner, Armin T.
(Hg.): Der Prozess Talaat Pascha. Stenographischer Bericht. Mit einem
Vorwort des Herausgebers, Berlin, 1921.
[47]
Vgl. Nagel, Peter: Reaktionen deutscher Orientalisten auf das
Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich, in: Goltz, Hermann
(Hg.): Akten des internationalen Dr. Johannes-Lepsius-Symposiums,
Halle (Saale), 1987, S. 105-115, hier: S. 107.
[48]
Mikusch, Dagobert von: Gasi Mustafa Kemal Pascha, Leipzig, 1935.
[50]
“Sie [die türkische Regierung] erkannte
früh, dass einzig rücksichtslose Unterdrückung dieser
lauten Minderheit dem Wohle des Staates und seiner islamischen
Untertanenmehrheit nützen würde, und sie gab das Zeichen zu
einer langen, vom Standpunkt der Menschlichkeit bedauerlichen Reihe
schikanöser Unterdrückungen durch die Beamten,
rücksichtslosen Vorgehens durch das Militär und blutiger
Räubereien durch die Kurden. Für sie gab es nur den einen
und angesichts der Verhältnisse leider nicht unberechtigten
Grundsatz, um die armenische Frage aus der Welt zu schaffen, muss man
eben die Armenier aus der Welt schaffen.” Banse, Ewald: Die
Türken und wir, Weimar, 1917, S. S. 197f.
[51]
Vgl. Dadrian, Vahakn: The History of the Armenian Genocide,
Providence, 1995, S. 401ff.
[52]
Vgl. hierzu: Baumgart, W. : Zur Ansprache Hitlers vor den
Führern der Wehrmacht am 22. August 1939, in: Vierteljahreshefte
für Zeitgeschichte 16 (1968) , S. 127ff. ; Bardakjian, K. B. :
Hitler and the Armenian Genocide, Cambridge MA, 1985. ; Ternon, Yves:
La qualité de la preuve. A propos des documents Andonian et la
petite phrase d’Hitler, in: Comité de Défense de
la Cause Arménienne (Hg.): L’actualité du
Génocide des Arméniens, Paris, 1998, S. 138-140.
[53]
Ternon [op. cit. ] , S. 140.
[54]
Calic, Edouard: Unmasked, London, 1971, S. 11. Es existieren weitere
Belege, wonach Hitler auf den Mord an den Armeniern verwiesen hat.
Siehe Dadrian [op. cit. ], S. 402ff.
[55]
Siehe Jäschke, Gotthard: Die Türkei in den Jahren
1935-1941. Geschichtskalender, Leipzig, 1943, S. 73.
[56]
Vgl. Dadrian [op. cit. ] , S. 410-412. Siehe überdies
die 1938 erschienene Biographie Scheubner Richters, welche Paul
Leverkuehn verfasst hat. Ders: Posten auf Ewiger Wache. Aus dem
abenteuerlichen Leben des Max von Scheubner-Richter, Essen, 1938.
[57]
Rudolf Höss, der spätere Kommandant des Vernichtungslagers
Auschwitz-Birkenau, diente als Soldat in der Türkei. In seinen
Memoiren, welche er vor seinem Tod in einem polnischen Gefängnis
schrieb, kommt er indessen nicht auf den Mord an den Armeniern zu
sprechen. Vgl. Höss, Rudolf: Kommandant in Auschwitz.
Autobiographische Aufzeichnungen, München, 1963.
[58]
Exemplarisch für die rassische Klassifikation des “armenoiden
Typs” ist folgende Passage aus Albert Drexlers Grundriss der
Rassenkunde:
“[...] Die starke händlerische und
kaufmännische, bemerkenswerterweise auch schauspielerische
Begabung gibt ja die bekannte Erklärung für bestimmte
Eigenschaften des jüdischen (Misch-)Typus, in welchem das
armenoide Element die eine grosse Komponente bildet, neben der
anderen grossen orientalischen Komponente (und einem gelegentlichen
deutlichen negerischen Einschlag).” Drexler, Albert:
Grundriss der Rassenkunde, Freiburg (Schweiz), 1941, S. 81f.
[59]
Staemmler, Martin: Rassenpflege im völkischen Staat,
München, 1933. Staemmler stützte sich dabei auf die
Ausführungen des berüchtigten Antisemiten und
Wagner-Schwiegersohnes Houston Stewart Chamberlain, der meinte, die
Armenier seien so sehr Arier wie die “Neger” der USA
Angelsachsen. Hingegen wären die Armenier laut Chamberlain den
Juden verwandt. Vgl. Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des
19. Jahrhunderts, I. Hälfte, München, 1903, S. 357f.
[60]
Siehe die entsprechenden Passagen in Rohrbachs Autobiographie:
Rohrbach, Paul: Um des Teufels Handschrift, Hamburg, 1953, S.
470.
[61]
Deutsch-Armenische Gesellschaft (Hg.): Armeniertum-Ariertum, Potsdam,
1934.
[63]
Siehe Goltz, Hermann: Dr. Johannes Lepsius (1858-1926). Zu Leben und
Werk des Potsdamer Anwalts der Armenier, in: Förderverein
Lepsius-Haus Potsdam e. V. (Hg.): Dr. Johannes Lepsius (1858-1926).
Der Potsdamer Helfer und Anwalt des armenischen Volkes, Potsdam 2000,
Seite 18 (insbesondere Anmerkung 3).
[64]
Zur Rezeption von Werfels Roman in jüdischen Kreisen siehe:
Auron, Yaïr: The Forty Days of Musa Dagh. Its Impact on Jewish
Youth in Palestine and Europe, in: Hovannisian, Richard G. (Hg.):
Remembrance and Denial. The Case of the Armenian Genocide, Detroit,
1998, S. 147-167.
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August 2001