Genozid, Historisierung & Rezeption
Was kann die Analyse der Rezeption des Völkermordes an den Armeniern (1915) in Deutschland während der Jahre 1915-1945 zum Verständnis der Shoah beitragen?

Dominik J. Schaller

Rückblickend erscheinen dem Betrachter die Verfolgung sowie die systematische, industrielle Tötung der Juden Europas durch die Nationalsozialisten als atavistische Grausamkeit bisher unbekannten Ausmasses. Auschwitz gilt als Chiffre für den Zivilisationsbruch schlechthin. Wissenschaftliche Deutungen und Erklärungsmuster scheinen dem Gegenstand nicht angemessen, versagen. Der Zugang zum Verständnis der Shoah gleitet daher mitunter in den Bereich des Metaphysischen ab, entzieht sich dem historischen Kontext: Die Zeit des Nationalsozialismus wird als der “Einbruch des Satanischen in die Geschichte, als ein Heraustreten aus dem au fond vernünftigen, fortschrittsgesteuerten Geschichtsprozess”[1] interpretiert. Eine derartige Mystifizierung der Shoah beruht auf der Annahme, rationale Methoden würden zur Klärung der Ereignisse nicht beitragen können:

For Auschwitz and Treblinka there was no historical analogy and there was no philosophical, or for that matter theological, frame of mind that could possibly integrate them into any system of thought. The Holocaust was an absolute novum lacking accountability in any rational terms at the disposal of the generation that experienced it. [...] For the generation that lived through it, the Holocaust can only be characterized as a trauma, a wounding experience beyond the reach of intellectual conceptualization.[2]

Als ein dem Fluss der Geschichte entrissenes Ereignis gilt die Shoah zahlreichen Betrachtern als einzigartig. Steven T. Katz definiert ‚Genozid’ als Massenmord, der dadurch charakterisiert sei, dass die Täter sämtliche Mitglieder der Opfergruppe umzubringen trachten. Ferner schliesst er, dieses Charakteristikum sei einzig der Shoah eigen und nur die Ermordung der Juden Europas könne daher als ‚Genozid’ bezeichnet werden.[3] Die von Steven T. Katz vertretene These von der Einzigartigkeit der Shoah ist als unhistorisch und gegenwartspolitisch irrelevant zu bezeichnen: Das Singuläre lehrt nichts für die Zukunft, denn es ist seiner Natur nach nicht wiederholbar.[4] Einer derartigen hermeneutischen Falle versucht sich die vergleichende Genozidforschung zu entziehen. Bis anhin hat diese noch junge Forschungsrichtung hauptsächlich Vergleiche zwischen verschiedenen Fällen von Völkermord angestellt und so gemeinsame Strukturmerkmale herausgearbeitet.[5] Dieser Vorgehensweise liegt eine präventive Intention zugrunde: Die Ursachen wie der typische Verlauf von Völkermorden sollen analysiert werden, um inskünftig die Ermordung von ethnischen Minoritäten oder sonstigen von einer Mehrheitsgesellschaft stigmatisierten Gruppen zu verhindern. Die vergleichende Genozidforschung trägt so zur Errichtung von sog. Frühwarnsystemen bei.[6]
Der Strukturvergleich darf indessen nicht das einzige Desiderat der Genozidforschung darstellen. Ein historisierender Ansatz ist für das Verständnis der Shoah unentbehrlich. Der Historiker Martin Broszat brachte den Terminus ‚Historisierung’ 1985 in die Diskussion über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ein.[7] Broszat plädierte, das “Dritte Reich” nicht mehr als “Insel der deutschen Zeitgeschichte”[8] zu betrachten. Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen dürften nicht auf eine “Abnormalität” reduziert, die Zeit vor und nach Hitler keinesfalls als “heile Epochen” bezeichnet werden.[9] Vielmehr gelte es, die Zeit des Nationalsozialismus so wie auch andere Zeiträume zu erfassen. Der historisiernde Ansatz Broszats betont somit die Kontinuitätslinien des “Dritten Reiches” zur Zeit vor dem Nationalsozialismus wie zur Zeit danach. Der Mord an den Juden Europas kann nicht adäquat verstanden werden, wenn nicht nach den Kontinuitäten der deutschen, ja der europäischen Geschichte gefragt wird, welche zur Ermöglichung der Shoah hingeführt haben. Es gilt eine Antwort auf die Frage zu finden, welche gesellschaftliche und geistige Verfassung die Ermordung der Juden Europas begünstigt und zugelassen hat. Die Shoah sollte daher im Kontext eines ganz spezifischen historischen Raumes untersucht werden: der Zeit des europäischen Kolonialismus. Herausragendes Merkmal dieses Zeitalters ist eine sozialdarwinistische, rassistische Weltsicht. Die Umsiedlung oder gar Eliminierung von “kulturlosen” Völkern, welche als minderwertig, lebensunwert klassifiziert wurden, entsprach legitimen politischen Handlungsweisen. Dieses Denken führte 1904/07 zum Völkermord an den Herero und Nama, welche sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft auflehnten,[10] zum Genozid an den Armeniern Kleinasiens durch die Jungtürken 1915 und gipfelte schliesslich in der Auslöschung des osteuropäischen Judentums. In sämtliche drei Ereignisse war Deutschland verstrickt; als Täter beim Mord an den Herero/Nama sowie bei der Eliminierung der Juden Europas, als Verbündeter des jungtürkischen Regimes während des Völkermordes an den Armeniern. Werden diese drei Völkermorde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als einem gemeinsamen historischen Raum angehörig betrachtet, offenbaren sich folgende Kontinuitätslinien: Ideologisch lässt sich eine Kontinuität am Konzept des “Lebensraumes” ausmachen. Der Terminus ‚Lebensraum’ wurde 1901 erstmals vom deutschen Geopolitiker Friedrich Ratzel verwendet. Ratzel fasste Geschichte als einen “permanenten Kampf um Lebensraum” auf.[11] Der von Ratzel geprägte Begriff wurde schliesslich vom Alldeutschen Verband im Zusammenhang mit der Forderung nach einer verstärkten deutschen Kolonialpolitik aufgegriffen. Opfer des von Deutschland aggressiv betriebenen “Kampfes um Lebensraum” wurden die Herero, welche getötet, in die Wüste getrieben oder in Konzentrationslager gepfercht wurden.[12] In den 1890er Jahren wurde schliesslich Anatolien als “Lebensraum”, als ein mögliches Feld für deutsche Kolonisten entdeckt. Im Zuge des Baus der Bagdadbahn wurde heftig diskutiert, ob deutsche Siedlungen um das Streckennetz errichtet werden sollten.[13] In den Visionen deutscher Imperialisten wurden die Armenier mitunter als mögliche Mitarbeiter eingeplant[14], mal als gefährliche Konkurrenten um den “Lebensraum” in Anatolien betrachtet[15]. Obwohl das Deutsche Reich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg seine kolonialen Besitzungen verlor, herrschte in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung nach wie vor eine Kolonialbegeisterung. Insbesondere nationalkonservative Publizisten forderten die Wiederherstellung eines deutschen Kolonialreiches, welches den wilhelminischen Imperialismus indessen hinter sich lassen sollte.[16] Adolf Hitler forderte denn in “Mein Kampf” auch nicht die Restaurierung des wilhelminischen Kolonialreiches, sondern kam zur Einsicht, Deutschland müsse “Lebensraum” im Osten Europas gewinnen. Hitler war der festen Überzeugung, so könne Deutschland seinen Geburtenüberschuss laufend im Osten ansiedeln, eine autarke, auf den Binnenmarkt ausgerichtete Wirtschaft aufbauen und auf diesem Wege “blockadefest” werden.[17] Mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sollte die Idee vom “Lebensraum” ab 1941 ihre grausame Verwirklichung finden.
Eine personelle Kontinuität, welche sich durch den oben skizzierten historischen Raum zieht, könnte beispielsweise anhand des konservativen Publizisten und “ethischen Imperialisten”[18] Paul Rohrbach aufgezeigt werden. Rohrbach vertrat den Standpunkt, Deutschland müsse eine genuin deutsche Weltmachtpolitik betreiben, um die “fortschrittliche deutsche Art und den deutschen Geist”[19] in die Welt zu tragen. 1903 wurde Rohrbach als Ansiedlungskommissar und Wirtschaftssachverständiger für “Deutsch-Südwestafrika” in den Kolonialdienst berufen. Das Kriegsziel des deutschen Oberbefehlshabers für “Deutsch-Südwestafrika” von Trotha, die Herero zu vernichten, widersprach Rohrbachs Plänen, stufte er die “Erhaltung der Eingeborenen doch als notwendig für das Gedeihen der Kolonie ein”.[20] Rohrbach trat dafür ein, die “Eingeborenen” zu einer Klasse von Dienstbaren zu degradieren und ihren Besitz zu konfiszieren.[21] Ferner ging in Südwestafrika im September 1905 das Verbot der Mischehen auf Rohrbach zurück.[22] Paul Rohrbach bereiste Anatolien sowie den Kaukasus so oft wie nur die wenigsten seiner Zeitgenossen. Daher sein Interesse für die deutsche Orientpolitik. Zeitlebens bemühte sich Rohrbach, Gründungsmitglied der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, die Armenier positiv in die deutsche Türkeipolitik einzubeziehen. Die Armenier betrachtete Rohrbach als tüchtig, als das zukunftsweisende Element in der Türkei und somit als natürliche Verbündete des Deutschen Reiches.[23] Vor diesem Hintergrund ist Rohrbachs Idee zu verstehen, die Armenier im Einzugsgebiet der Bagdadbahn anzusiedeln.[24] Ohne gänzlich in das Fahrwasser der Nationalsozialisten zu geraten, stand er Teilen der NS-Ideologie durchaus nahe. So bejahte er beispielsweise die “Volksgemeinschaft”, die Untermenschenthese sowie die Ostpolitik.[25]
Die eben skizzierten Kontinuitätslinien legen exemplarisch dar, dass das “Dritte Reich” und die damit einhergehende nationalsozialistische Bevölkerungspolitik unbedingt im Kontext des übergeordneten historischen Raumes betrachtet werden müssen. Es stellt sich somit noch die Frage nach dem methodischen Instrument, welches zur Sichtbarmachung jener Kontinuitäten beiträgt. Ein rezeptionsgeschichtlicher Ansatz scheint geeignet, die gesellschaftliche und geistige Verfassung, welche im Deutschland der 20er und 30er Jahre vorherrschend war, an den Tag zu bringen. Im Hinblick auf die Frage, wie grosse Teile der deutschen Bevölkerung aktiv und vor allem auch passiv an der Vertreibung und Vernichtung der Juden Europas mitwirken konnten, mag die Reaktion der deutschen Gesellschaft auf den Mord an den Herero und Nama sowie die Vernichtung der Armenier Anatoliens durch die Jungtürken aufschlussreich sein und zum Verständnis der zeitbedingten Geisteshaltung beitragen, welche das sog. Social Engineering wie den sozialdarwinistisch inspirierten Kampf um “Lebensraum” beinhaltet hat.
Welche Aspekte sollte eine deutsche Rezeptionsgeschichte des Genozids an den Armeniern, welche sich auf die Jahre 1915-45 konzentriert, umfassen? Das Bild ‚des Armeniers’ in der deutschen Publizistik vor 1915 ist zunächst eine Betrachtung wert, zumal in diesem Zeitraum entstandene Stereotypen auch während des zu untersuchenden Zeitabschnittes eine Rolle spielen. Ferner interessiert die Frage, über welche Kenntnisse die deutsche Bevölkerung während des Krieges 1914-1918 jungtürkischen Politik gegenüber den Armeniern verfügte. Nach Kriegsende führte die Frage über eine mögliche deutsche Mitverantwortung am Mord an den Armeniern zu einer öffentlichen Auseinandersetzung. Ferner ist auf die publizistische Tätigkeit christlicher und philarmenischer Kreise einzugehen, welche sich stark für die Belange der Armenier eingesetzt haben. In Memoiren und Reiseberichten wurde oft Bezug auf die Ereignisse von 1915 in Anatolien genommen. Die Ermordung des ehemaligen jungtürkischen Innenministers Talaat 1921 in Berlin und der Prozess gegen den armenischen Attentäter Salomon Teilirian fanden beachtliches Echo in der deutschen Presse. Von Interesse ist der Umgang der deutschen Orientalisten mit dem Völkermord an den Armeniern und ihre Rezeption der “neuen” von Mustafa Kemal geschaffenen Türkei. Zahlreiche Offiziere, welche während des Ersten Weltkriegs in der Türkei gedient hatten, waren nach Kriegsende in Freikorps tätig oder fanden Aufnahme bei den Nationalsozialisten. Die Beurteilung ‚des Armeniers’ sowie des Genozids von 1915 in völkischen und nationalsozialistischen Kreisen sind daher von besonderer Relevanz. Literarisch setzte sich schliesslich der jüdische Schriftsteller Franz Werfel mit dem Schicksal der Armenier auseinander: Die vierzig Tage des Musa Dagh.
Auf die einzelnen Teilbereiche soll im folgenden kurz eingegangen werden:

Die Beurteilung der Armenier in der deutschen Publizistik vor 1915:
Mitunter wurden die Armenier in Reiseberichten als fleissiges Volk dargestellt, welches sich aufgrund dieser Charaktereigenschaft positiv von der türkischen und kurdischen Bevölkerung Anatoliens abheben würde.[26] Die hamidischen Massaker der 1890er Jahre führten in grossen Teilen der deutschen Gesellschaft zu einer Solidarität mit den verfolgten Armeniern. Gleichzeitig existierte indessen das Zerrbild des Armeniers als Händler und Krämer, dem nicht zu trauen sei, der die gesamte osmanische Wirtschaft in seiner Hand hätte.[27] Gemeinhin wurde ‚der Armenier’ als ‚Jude des Orients’ bezeichnet. Ein verbreiteter Antiarmenismus orientierte sich durchaus am in Europa grassierenden Antisemitismus.[28] Hans Barth schliesslich rief die Türken dazu auf, sich gegen eine Bevorzugung der Armenier durch die imperialistischen Grossmächte aufzulehnen.[29]

Die Kenntnisse der deutschen Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs über den Mord an den Armeniern von 1915:
Während des Ersten Weltkrieges unterlagen Veröffentlichungen über die armenische Frage offiziell einer Vorzensur.[30] In diesem Zusammenhang äusserte sich Hellmut von Gerlach wie folgt: “Die ungeheure Masse des deutschen Volkes hat nie erfahren, was sonst die ganze Welt wusste: Dass die schlimmsten Menschenschlächter unsere Bundesgenossen, die Türken, gewesen sind.”[31] Dennoch wurde die Zensurpraxis relativ locker gehandhabt. Insbesondere christliche Periodika nahmen sich der Armenierverfolgungen im Osmanischen Reich an und berichteten über das Ausmass des Mordes.[32] Hinzuweisen ist auf das Engagement von Johannes Lepsius während des Krieges. Dieser versuchte, die deutsche Regierung, die Presse wie die Landeskirchen zu mobilisieren, um das jungtürkische Regime durch den in Deutschland erzeugten Druck von seinem mörderischen Vorhaben abzubringen. In der Folge verfasste Lepsius einen “Bericht über die Lage des armenischen Volkes”[33], der im August 1916 von der Militärzensur verboten wurde. Dennoch konnten 20'000 Exemplare an evangelische Pfarrämter, die Redaktionen der grösseren deutschen Landeszeitungen sowie die Abgeordneten des Reichstages verschickt werden.[34] Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Mord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges nur wenige Zeitgenossen beschäftigt hat. Emil Daniels brachte dies in den Preussischen Jahrbüchern auf den Punkt: “Die armenische Frage findet in Deutschland geringes Interesse; nur eine Handvoll berufsmässiger Politiker und ein Häufchen Idealisten nehmen an dem Schicksal der Armenier teil.”[35]

Die zeitgenössische Auseinandersetzung über die deutsche Mitverantwortung
Die Propaganda der Entente-Mächte hatte Deutschland bereits während des Krieges bezichtigt, aktiv an der Deportation und Auslöschung der Armenier beteiligt zu sein. Die neue deutsche Regierung trat daher nach Kriegsende die Flucht nach vorn an, um diesen Verdacht vor den Friedensverhandlungen in Versailles aus der Welt zu schaffen. Johannes Lepsius wurde vom Auswärtigen Amt mit einer Aktenpublikation beauftragt, welche die These von der deutschen Mittäterschaft widerlegen sollte.[36] In der Folge wurde der Schluss von Lepsius, Deutschland könne nicht für den Völkermord von 1915 verantwortlich gemacht werden, von verschiedenen Seiten angezweifelt.[37]

Die publizistische Tätigkeit christlicher und philarmenischer Kreise
Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem die Namen von Johannes Lepsius und Armin T. Wegner. In den von Johannes Lepsius und seinen Hilfswerken herausgegebenen Zeitschriften wurde regelmässig über das Schicksal der Armenier Anatoliens, über Waisenhäuser in Syrien und Libanon sowie über die Hilfsstationen in der Türkei berichtet.[38] Armin T. Wegner fand zunächst im Jahre 1919 durch einen offenen Brief an den US-Präsidenten Wilson Beachtung, in dem er die Mächtigen der Welt aufforderte, das Schicksal Armeniens nicht zu vergessen.[39] In zahlreichen Zeitungsartikeln und in seinen literarischen Werken setzte sich Wegner überdies intensiv mit den Geschehnissen in Anatolien während des Weltkrieges auseinander.[40] Am 21. Mai 1919 wurde die Deutsch-Armenische Gesellschaft in Berlin neugegründet. Die offizielle Publikation der Gesellschaft, die Deutsch-Armenische Korrespondenz, orientierte ihre Leserschaft laufend über die aktuellen Geschehnisse in der Türkei und thematisierte in ihren Artikeln häufig die Rolle des Deutschen Reiches während des Völkermordes an den Armeniern.

Memoiren und Reiseberichte
Soldaten und Offiziere, welche während des Weltkrieges im Rahmen der deutschen Militärmission im Osmanischen Reich stationiert waren, kamen in während der Zwischenkriegszeit veröffentlichten Memoiren mitunter auf die an den Armeniern verübten Gräuel zu sprechen.[41] Selbst die ehemaligen deutschen Generäle Ludendorff und Hindenburg sahen sich veranlasst, über ihre Eindrücke des Mordes an den Armeniern zu schreiben. Beide distanzierten sich vom blutigen Vorgehen der Jungtürken und wiesen daraufhin, sie hätten das in ihrer Macht stehende getan, um den Armenierverfolgungen Einhalt zu gebieten. Insbesondere die Schrift Hindenburgs kann als Versuch einer Rechtfertigung verstanden werden.[42] Hinzuweisen ist ferner auf die deutschsprachige Veröffentlichung der Memoiren Ahmed Djemal Paschas, welcher während der Kriegsjahre Angehöriger des jungtürkischen Triumvirats war und die fünfte osmanische Armee befehligte.[43] Djemal Pascha spricht unumwunden von Massakern, die 600'000 Armeniern das Leben gekostet hätten, weist die Schuld daran indessen Russland und den aufständischen Armeniern zu.[44] Erwähnenswert sind ebenso die publizierten Erinnerungen des Venezolaners Rafael de Nogales, der in türkischen Diensten u. a. an der Belagerung von Van teilgenommen hat.[45]

Der Prozess Talaat/Teilirian
Am 15. März 1921 erschoss der Armenier Salomon Teilirian in Berlin den ehemaligen jungtürkischen Innenminister Talaat Pascha, der sich in Deutschland versteckt hielt. Der Prozess schliesslich begann am 2. Juni desselben Jahres und dauerte zwei Tage. Im Verlaufe des Prozesses musste geklärt werden, ob Teilirian die Tat kaltblütig vollstreckt hatte oder ob er aufgrund traumatischer Erfahrungen während des Genozids im Jahre 1915 nicht mehr zurechnungsfähig sei. Um die Hintergründe des Tatherganges zu erhellen, bzw. auf die Ereignisse von 1915 in der Türkei einzugehen, wurden Johannes Lepsius und Liman von Sanders als Sachverständige vorgeladen. Die Gutachter des Gerichts hielten fest, die Zurechnungsfähigkeit des Täters sei während des Anschlags eingeschränkt gewesen, der Prozess endete mit einem Freispruch für den Attentäter. Armin T. Wegner notierte dazu:

In einer merkwürdigen Umkehrung der Verhältnisse geschieht es, dass der Angeklagte, ohne in diesem Sinne selber ein Wort zu äussern, ein leidendes und verschwiegenes Opfer, allein durch die Wucht der hinter ihm stehenden Tatsachen, zum Ankläger wird, und dass nicht mehr Salomon Teilirian auf der Anklagebank steht, sondern der blutbefleckte Schatten eines Toten, in einer tiefen Bewahrheitung jenes geheimnisvollen Satzes: ‚Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig’.[46]

Über den überraschenden Ausgang des Prozesses wie die pompös anmutende Bestattung Talaats in Berlin wurde in den deutschen Medien ausführlich berichtet. Die Analyse der diesbezüglichen Medienberichterstattung ist ein Desiderat einer Rezeptionsgeschichte des Völkermordes an den Armeniern in Deutschland. Der Leichnam Talaats wurde 1943 nach Ankara überführt und in Anwesenheit des deutschen Botschafters beigesetzt. Es würde daher interessieren, welche Beurteilung dem ehemaligen jungtürkischen Innenminister in der deutschen Presse der 40er Jahre widerfahren ist.

Die deutschen Orientalisten und der Völkermord an den Armeniern
Hinsichtlich der Reaktion der deutschen Orientalisten auf den Völkermord an den Armeniern hätten laut Peter Nagel drei Verhaltensmuster ausgemacht werden können: Schweigen, konsequentes Eintreten für die Armenier oder Verharmlosung und Rechtfertigung der Massaker. [47] Die “neue” nationale, laizistische, von Mustafa Kemal geschaffene Türkei fand indessen die Anerkennung zahlreicher Orientalisten. Dagobert von Mikusch äusserte sich denn auch bewundernd über den charismatischen Atatürk, der sich bei der Schaffung der Türkei über sämtliche Widerstände hinweggesetzt hätte.[48] Die Auslöschung der Armenier sei unumgänglich gewesen: “Sieht man von der menschlichen Seite ab, so war die Ausstossung der Armenier aus ihrem Staatskörper für die neue Türkei eine kaum minder zwingende Notwendigkeit als die Ausrottung der Indianer für den neuen Staat der Weissen in Amerika.”[49] Auch der Geograph Ewald Banse war der Meinung, die christlichen Minderheiten der Türkei würden die Entwicklung der islamischen Mehrheitsgesellschaft hemmen und befürwortete daher das Vorgehen der Jungtürken.[50]

Völkische und nationalsozialistische Kreise über den Völkermord an den Armeniern
In zeitgenössischen Darstellungen wird Adolf Hitler zuweilen als Experte des Völkermords an den Armeniern dargestellt. Da dem jungtürkischen Vorhaben, die armenische Frage gewaltsam zu lösen, Erfolg beschieden war und die Westmächte 1923 in Lausanne die durch Mustafa Kemal geschaffene Tatsache eines türkischen Nationalstaates akzeptieren mussten, soll sich Hitler in seinem Bemühen um eine “Lösung der Judenfrage” bestärkt gefühlt haben.[51] Die Authentizität der Worte Hitlers “Wer spricht denn heute noch von der Vernichtung der Armenier!” anlässlich einer Ansprache am 22. August 1939 vor Führern der Wehrmacht ist nicht unumstritten.[52] Falls Hitler sich derart geäussert haben soll, so war dies auf den bevorstehenden Krieg gegen Polen bezogen und nicht etwa auf eine “Endlösung der Judenfrage”, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschlossen war.[53] Dennoch scheint Hitler über die Ereignisse von 1915 in der Türkei unterrichtet gewesen zu sein. In einem Interview, das er 1931 mit Richard Breitling, dem Chefredakteur der Leipziger Neueste Nachrichten, führte, schnitt er den Genozid an den Armeniern sowie den Bevölkerungsaustausch, der zwischen Griechenland und der Türkei stattgefunden hatte, an, um seine Idee einer “völkischen Flurbereinigung” darzulegen.[54] Einer Delegation aus Ankara gegenüber äusserte sich Hitler 1939, dass die Türkei Deutschland als Modell gedient hätte, da die Türkei als erste Nation die Beschlüsse der Versailler/Pariser Friedensordnung durchbrochen habe.[55]
Zudem dürfte Hitler von den Armenierverfolgungen im Osmanischen Reich persönlich durch Max Erwin von Scheubner Richter, den ehemaligen Vizekonsul in Erzurum, informiert worden sein. Scheubner Richter engagierte sich seit 1920 in der NSDAP und galt bis zu seinem Tode im Jahre 1923 als enger Mitarbeiter Hitlers.[56] Weitgehend unerforscht ist die Tätigkeit deutscher Türkei-Veteranen in den Freikorps oder innerhalb der NSDAP, welche Augenzeugen von Massakern an Armeniern geworden sind oder aus erster Hand von ihnen erfahren haben. Hier drängt sich die Frage auf, welchen Eindruck die Armenierverfolgungen auf die Veteranen gemacht haben und inwieweit sich diese auf ihr künftiges Denken und Handeln ausgewirkt haben.[57] Eine weiteres Feld, welches in diesem rezeptionsgeschichtlichen Rahmen genauer untersucht werden müsste, ist die Stellung ‚des Armeniers’ im rassistischen Weltbild der Nationalsozialisten. Mehrere Rassenforscher vertraten in den 20er und 30er Jahren die These, die Armenier seien den Juden verwandt.[58] Auf die Behauptung Martin Staemmlers 1933, die Armenier seien ähnlich den Juden von einem “Krämergeist” beseelt und würden ihre “Wirtsvölker” ausnützen[59], reagierten philarmenische Kreise mit Interventionen beim Innenministerium. Paul Rohrbach, dem Vorsitzenden der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, gelang es schliesslich, das Innenministerium am 29. 9. 1933 zu einer offiziellen Verlautbarung zu bewegen, wonach die Armenier als “Arier” gelten würden.[60] Trotz der Verlautbarung durch das Innenministerium publizierte die Deutsch-Armenische Gesellschaft 1934 eine Aufsatzsammlung mit dem Titel “Armeniertum-Ariertum”, welche Beiträge von zehn verschiedenen Autoren enthielt. Sämtliche Zweifel an der arischen Abstammung der Armenier sollten aus der Welt geschafft werden.[61] Johannes von Leers schrieb deshalb in seinem Beitrag:

Nirgends wäre übertriebene Konsequenzmacherei sinnloser als in der Rassenfrage, die noch vielfach so wenig aufgehellt ist; es muss genügen, wenn ein Volk keine irgendwie jüdischen Bestandteile in sich aufgenommen hat, kein Negerblut hat (schon bei der “gelben” Rasse wird man sehr vorsichtig sein müssen) und eine erkennbare blutsmässige Linie zur nordischen Rasse besitzt, um es als arisch zu bezeichnen. Das aber trifft nicht nur bei dem armenischen Volk zu, sondern dieses ist erweislich ein Teil des europäischen Zweiges der indogermanischen Völkerfamilie, spricht eine solche Sprache und hat heute noch klar erkennbare nordische Rassebestandteile. Die Armenier sind also ein arisches Volk.[62]

Franz Werfels “Die vierzig Tage des Musa Dagh”
Auf bemerkenswerte Art und Weise rezipierte der jüdische Schriftsteller Franz Werfel den Genozid an den Armeniern in seinem literarischen Schaffen. “Die vierzig Tage des Musa Dagh” thematisiert den erfolgreichen Widerstand der armenischen Bevölkerung einiger Dörfer um den Berg Musa Dagh gegen die anstehende Deportation durch die Türken. Für die Entstehungsgeschichte des Romans ist vor allem das Kapitel “Zwischenspiel der Götter” bedeutsam, welches ein Treffen zwischen Lepsius und dem jungtürkischen Kriegsminister Enver Pascha schildert, welches 1915 in Istanbul tatsächlich stattgefunden hat. Für die literarische Umsetzung dieses Ereignisses stützte sich Werfel hauptsächlich auf das von Lepsius verfasste Gesprächsprotokoll.[63] Als Werfels Roman 1933 erschien, waren die Nationalsozialisten bereits an der Macht. Bald nach der Veröffentlichung wurde der Roman verboten und fiel inszenierten Bücherverbrennungen zum Opfer. Werfels Werk verkörpert somit eine Schnittstelle zwischen armenischem und jüdischem Schicksal.[64]







[1] Schulze, Hagen: Die “Deutsche Katastrophe” erklären. Vom Nutzen und Nachteil historischer Erklärungsmodelle, in: Diner, Dan (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit, Frankfurt a. M. , 1987, S. 89-101, hier: S. 89.
[2] Katz, Jacob: Was the Holocaust Predictable?, in: Bauer, Yehuda u. Rosenstreich, Nathan (Hg.): The Holocaust as Historical Experience, New York, 1981, S. 3.
[3] Katz, Steven T. : The Holocaust in Historical Context, Bd. 1 : The Holocaust and Mass Death before the Modern Age, New York, 1994, S. 131. Daniel Jonah Goldhagen schliesst sich dieser Meinung an und propagiert, die Shoah würde sich vom Mord an den Armeniern darin unterscheiden, “dass die Türken [...] viele armenische Kinder am Leben liessen, wenn sie jung genug waren, ihre Herkunft zu vergessen, und man sie ohne Risiko als Türken und Muslime aufziehen konnte.” Vgl. Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin, 1996, S. 484, 489.
[4] Schulze [op. cit. ], S. 90.
[5] Als durchaus gelungenes Beispiel eines solchen Unterfangens kann Robert F. Melsons Studie gelten, welche den Untergang von Reichen, revolutionäre Ideologien und Krieg als Voraussetzungen sowohl für den Völkermord an den Armeniern wie die Shoah ausmacht. Vgl. Melson, Robert F. : Revolution and Genocide. On the Origins of the Armenian Genocide and the Holocaust, Chicago, 1993.
[6] Das wohl ambitionierteste Early Warning System ist dasjenige des Sozialwissenschaftlers Ted Gurr. Siehe im Internet: http://www.bsos.umd.edu/didcm/mar/
[7] Broszat, Martin: Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus, in: Merkur 39 (1985), S. 373-385.
[8] Ders. : Eine Insel in der Geschichte? Der Historiker in der Spannung zwischen Verstehen und Bewerten der Hitler-Zeit, in: Ders. : Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte, München, 1986, S. 114-120.
[9] Broszat: Nach Hitler [op. cit. ], S. 173.
[10] Henning Melber vertritt die These, “die Methoden des Genozids” seien 1904/07 in “Deutsch-Südwestafrika” zum ersten Mal angewandt worden. Vgl. Melber, Henning: Kontinuitäten totaler Herrschaft: Völkermord und Apartheid in “Deutsch-Südwestafrika”. Zur kolonialen Herrschaftspraxis im Deutschen Kaiserreich, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 1 (1992), S. 91-114. Verschiedentlich vertreten Autoren die Ansicht, der Mord an den Herero und Nama könnte nicht als Genozid, sondern lediglich als Kolonialkrieg verstanden werden. Vgl. Spraul, Günther: Der “Völkermord” an den Herero. Untersuchungen zu einer neuen Kontinuitätsthese, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 12 (1988), S. 713-739.
[11] Vgl. Ratzel, Friedrich: Der Lebensraum, München, 1901.
[12] Die miserablen Bedingungen in den Konzentrationslagern “Deutsch-Südwestafrikas” führten unweigerlich zum Tode der meisten Insassen. Zu den Konzentrationslagern vgl. Zeller, Joachim: “Wie Vieh wurden hunderte zu Tode getrieben und wie Vieh begraben.”. Fotodokumente aus dem deutschen Konzentrationslager in Swakopmund/Namibia 1904-1908, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 3 (2001), S. 226-243.
[13] Einen kurzen Überblick zu den Anfängen der wilhelminischen Türkeipolitik bietet Saupp, Norbert: Das deutsche Reich und die armenische Frage 1878-1914, Dissertation, Köln, 1990, S. 33-81. Zeitgenössische Darstellungen, welche einen Eindruck von der Diskussion um die deutsche Kolonisierung Anatoliens vermitteln, sind beispielsweise: Kärger, Karl: Kleinasien, ein deutsches Kolonisationsfeld. Kolonialwirthschaftliche Studie, Berlin, 1892. ; Menz, Reinhold: Deutsche Arbeit in Kleinasien. Reiseskizze und Wirthschaftsstudie, Berlin, 1893.
[14] So zum Beispiel bei Müller-Simonis, Paul: Vom Kaukasus zum persischen Meerbusen, Mainz, 1897, S. 168.
[15] Vgl. Körte, Alfred: Anatolische Skizzen, Berlin, 1896, S. 53ff. ; Kärger [op. cit. ] , S. 68ff.
[16] So beispielsweise Ernst Jünger 1925: “Den Drang ins Weite und Grenzenlose, wir tragen ihn als unser germanisches Erbteil im Blut, und wir hoffen, dass es sich dereinst zu einem Imperialismus gestalten wird, der sich nicht wie jener kümmerliche von gestern auf einige Vorrechte, Grenzprovinzen und Südseeinseln richtet, sondern der wirklich aufs Ganze geht.” Zitiert nach Wette, Wolfram: Ideologien, Propaganda und Innenpolitik als Voraussetzungen der Kriegspolitik des Dritten Reiches, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 1, Stuttgart, 1989, S. 44ff.
[17] Vgl. Weinberg, Gerhard L. (Hg.): Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, Stuttgart, 1961, S. 163. ; Lange, Karl: Der Terminus “Lebensraum” in Hitlers “Mein Kamp”, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 13 (1965), S. 426-437.
[18] So der Rohrbach-Biograph Mogk. Vgl. Mogk, Walter: Paul Rohrbach und das ‚Grössere Deutschland’, München, 1972.
[19] Rohrbach, Paul: Das ‚Grössere Deutschland’ in Moral und Politik, zitiert nach: Anker, Josef: Artikel ‚Paul Rohrbach’, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, http://www.bautz.de/bbkl/r/rohrbach_p_c_a.shtml
[20] Vgl. Scheulen, Peter: Die “Eingeborenen” Deutsch-Südwestafrikas. Ihr Bild in deutschen Kolonialzeitschriften von 1884 bis 1918, Köln, 1998, S. 109, 116ff.
[21] Vgl. Anker [op. cit]
[22] Rohrbach begründete dies folgendermassen: “Unter dem Einfluss der farbigen Konkubinen gehen den Ansiedlern jedes Gefühl für Sitte, Kultur, gesellschaftliche Ordnung und nationale Würde verloren.” Zitiert nach Scheulen [op. cit. ] , S. 138f.
[23] Vgl. Feigel, Uwe: Das evangelische Deutschland und Armenien. Die Armenierhilfe deutscher evangelischer Christen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der deutsch-türkischen Beziehungen, Göttingen, 1989, S. 99ff.
[24] Vgl. dazu den folgenden Aufsatz Rohrbachs: Die Armenier als politischer und kultureller Faktor im Orient, in: Deutsch-Armenische Gesellschaft (Hg.): Mesrop, Berlin, 1914, S. 1-11.
[25] Vgl. Anker [op. cit. ]
[26] So beispielsweise bei Müller-Simonis [op. cit. ]
[27] Zur Stereotypisierung der Armenier durch Deutsche siehe: Kaiser, Hilmar: Imperialism, Racism, and Development Theories. The Construction of a Dominant Paradigm on Ottoman Armenians, Ann Arbor, Michigan, 1997, S. 9-32.
[28] Dies wird an folgender Beschreibung eines Armeniers durch Karl May offenkundig: “Er war ein langer, hagerer, aber starkknochiger Mann, der sich wie lauschend vornübergebeugt hielt. Er trug als Kopfbedeckung nur einen Fez, der so weit zurückgeschoben war, dass man die schmale, sehr niedrige Stirn vollständig sehen konnte. Ein sehr dünner, fast ruppiger Bart hing über seinen blutleeren Lippen herab; darüber ragte eine stark gebogene, breitflügelige Habichtsnase, zu deren beiden Enden zwei kleine, listige Augen unter den weit und vorsichtig herabfallenden Lidern nur halb zu sehen waren, die stark entwickelten Kauwerkzeuge und das breit vortretende Kinn liessen auf Egoismus, Rücksichtslosigkeit und überwiegend tierische Affekte schliessen, während die obere Hälfte des Gesichts eine bedeutende, absichtlich verborgene Verschlagenheit verriet. Wenn dieser Mann nicht ein Armenier war, so gab es überhaupt keine Armenier! Ein Jude überlistet zehn Christen; ein Yankee betrügt fünfzig Juden, ein Armenier aber ist hundert Yankees gewachsen; so sagt man, und ich habe gefunden, dass dies zwar übertrieben ausgedrückt ist, aber doch auf Wahrheit beruht. Man bereise den Orient mit offenen Augen, so wird man mir recht geben. Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtsnase eines Armeniers im Spiel. [...]” May, Karl: Der Händler von Serdescht, in: Ders. : Auf fremden Pfaden, Bamberg, 1952, S. 199.
[29] Barth, Hans: Türke, wehre dich, Leipzig, 1898.
[30] Vgl. Fischer, Heinz-Dietrich: Pressekonzentration und Zensurpraxis im Ersten Weltkrieg, Berlin, 1973, S. 266.
[31] Von Gerlach, Hellmut: Die grosse Zeit der Lügen, Charlottenburg, 1926, S. 82.
[32] So hiess es beispielsweise im Christlichen Orient Nr. 17 vom Jahre 1916 auf Seite 1: “Höchstens ein Drittel derBevölkerung [der Armenier] mag durch Flucht, Islamisierung oder durch Belassung in ihren Wohnsitzen der Verschickung entgangen sein.” Zitiert nach Feigel [op. cit. ] , S. 233.
[33] Lepsius, Johannes: Bericht über die Lage des armenischen Volkes, Potsdam, 1916.
[34] Vgl. Feigel [op. cit. ] , S. 218ff.
[35] Zitiert nach Feigel [op. cit. ], S. 249.
[36] Lepsius, Johannes: Deutschland und Armenien 1914-1918, Potsdam, 1919.
[37] So beispielsweise von Heinrich Vierbücher oder Joseph Marquart. Vgl. Marquart, Joseph: Die Entstehung und Wiederherstellung der armenischen Nation, Berlin, 1919, S. 45ff. ; Vierbücher, Heinrich: Was die kaiserliche Regierung den deutschen Untertanen verschwiegen hat. Armenien 1915. Die Abschlachtung eines Kulturvolkes durch die Türken, Hamburg, 1930, S. 74f.
[38] Einen Überblick zu den von Lepsius herausgegebenen Zeitschriften findet sich in: Goltz, Hermann u. Meissner, Axel (Hg.): Deutschland, Armenien und die Türkei 1895-1925. Dokumente und Zeitschriften aus dem Dr. Johannes-Lepsius-Archiv an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Begleitband zu Teil 2: Mikrofiche-Edition, München, 1999, S. 9-12.
[39] Der Brief Wegners an Wilson wurde am 23. 2. 1919 im Berliner Tagblatt abgedruckt. Ein Nachdruck findet sich in Pogrom, Zeitschrift für bedrohte Völker 72/3 (1980), S. 58-61.
[40] Zur Vita Wegners siehe Rooney, Martin: Leben und Werk Armin T. Wegners im Kontext der sozio-politischen und kulturellen Entwicklung in Deutschland, Frankfurt, 1984 ; Tamcke, Martin: Armin T. Wegner und die Armenier. Anspruch und Wirklichkeit eines Augenzeugen, Hamburg, 1996 (2. Auflage). ; Wernicke-Rothmayer, Johanna: Armin T. Wegner, Frankfurt a. M. , 1982.
[41] Z. B. Liman von Sanders, Otto: Fünf Jahre Türkei, Berlin, 1920, S. 200ff. ; Kiessling, Hans von: Mit Generalfeldmarschall von der Goltz Pascha in Mesopotamien und Persien, Leipzig, 1920, S. 28. , Gleich, Gerold von: Vom Balkan nach Bagdad, Berlin, 1921, S. 91ff.
[42] Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen, Berlin, 1919, S. 136, 500. ; Hindenburg, Paul von: Aus meinem Leben, Leipzig, 1920. Hindenburg stellte die Vorfälle in Anatolien als Bürgerkrieg dar, in dem beide Seiten, d. h. Armenier und Türken, schwere Gräuel begangen hätten. S. 209.
[43] Djemal Pascha, Ahmed: Erinnerungen eines türkischen Staatsmannes, München, 1922.
[44] Ebd. S. 354ff.
[45] Nogales, Rafael de: Vier Jahre unter dem Halbmond. Erinnerungen aus dem Weltkriege, Berlin, 1925.
[46] Zitiert nach Hofmann, Tessa (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern vor Gericht. Der Prozess Talaat Pascha, Göttingen, 1980, Vorwort, S. VII. Armin T. Wegner veröffentlichte ebenfalls eine stenographische Abschrift des Prozessverlaufs. Wegner, Armin T. (Hg.): Der Prozess Talaat Pascha. Stenographischer Bericht. Mit einem Vorwort des Herausgebers, Berlin, 1921.
[47] Vgl. Nagel, Peter: Reaktionen deutscher Orientalisten auf das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich, in: Goltz, Hermann (Hg.): Akten des internationalen Dr. Johannes-Lepsius-Symposiums, Halle (Saale), 1987, S. 105-115, hier: S. 107.
[48] Mikusch, Dagobert von: Gasi Mustafa Kemal Pascha, Leipzig, 1935.
[49] Ebd. S. 81.
[50] “Sie [die türkische Regierung] erkannte früh, dass einzig rücksichtslose Unterdrückung dieser lauten Minderheit dem Wohle des Staates und seiner islamischen Untertanenmehrheit nützen würde, und sie gab das Zeichen zu einer langen, vom Standpunkt der Menschlichkeit bedauerlichen Reihe schikanöser Unterdrückungen durch die Beamten, rücksichtslosen Vorgehens durch das Militär und blutiger Räubereien durch die Kurden. Für sie gab es nur den einen und angesichts der Verhältnisse leider nicht unberechtigten Grundsatz, um die armenische Frage aus der Welt zu schaffen, muss man eben die Armenier aus der Welt schaffen.” Banse, Ewald: Die Türken und wir, Weimar, 1917, S. S. 197f.
[51] Vgl. Dadrian, Vahakn: The History of the Armenian Genocide, Providence, 1995, S. 401ff.
[52] Vgl. hierzu: Baumgart, W. : Zur Ansprache Hitlers vor den Führern der Wehrmacht am 22. August 1939, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 16 (1968) , S. 127ff. ; Bardakjian, K. B. : Hitler and the Armenian Genocide, Cambridge MA, 1985. ; Ternon, Yves: La qualité de la preuve. A propos des documents Andonian et la petite phrase d’Hitler, in: Comité de Défense de la Cause Arménienne (Hg.): L’actualité du Génocide des Arméniens, Paris, 1998, S. 138-140.
[53] Ternon [op. cit. ] , S. 140.
[54] Calic, Edouard: Unmasked, London, 1971, S. 11. Es existieren weitere Belege, wonach Hitler auf den Mord an den Armeniern verwiesen hat. Siehe Dadrian [op. cit. ], S. 402ff.
[55] Siehe Jäschke, Gotthard: Die Türkei in den Jahren 1935-1941. Geschichtskalender, Leipzig, 1943, S. 73.
[56] Vgl. Dadrian [op. cit. ] , S. 410-412. Siehe überdies die 1938 erschienene Biographie Scheubner Richters, welche Paul Leverkuehn verfasst hat. Ders: Posten auf Ewiger Wache. Aus dem abenteuerlichen Leben des Max von Scheubner-Richter, Essen, 1938.
[57] Rudolf Höss, der spätere Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, diente als Soldat in der Türkei. In seinen Memoiren, welche er vor seinem Tod in einem polnischen Gefängnis schrieb, kommt er indessen nicht auf den Mord an den Armeniern zu sprechen. Vgl. Höss, Rudolf: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen, München, 1963.
[58] Exemplarisch für die rassische Klassifikation des “armenoiden Typs” ist folgende Passage aus Albert Drexlers Grundriss der Rassenkunde: “[...] Die starke händlerische und kaufmännische, bemerkenswerterweise auch schauspielerische Begabung gibt ja die bekannte Erklärung für bestimmte Eigenschaften des jüdischen (Misch-)Typus, in welchem das armenoide Element die eine grosse Komponente bildet, neben der anderen grossen orientalischen Komponente (und einem gelegentlichen deutlichen negerischen Einschlag).” Drexler, Albert: Grundriss der Rassenkunde, Freiburg (Schweiz), 1941, S. 81f.
[59] Staemmler, Martin: Rassenpflege im völkischen Staat, München, 1933. Staemmler stützte sich dabei auf die Ausführungen des berüchtigten Antisemiten und Wagner-Schwiegersohnes Houston Stewart Chamberlain, der meinte, die Armenier seien so sehr Arier wie die “Neger” der USA Angelsachsen. Hingegen wären die Armenier laut Chamberlain den Juden verwandt. Vgl. Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, München, 1903, S. 357f.
[60] Siehe die entsprechenden Passagen in Rohrbachs Autobiographie: Rohrbach, Paul: Um des Teufels Handschrift, Hamburg, 1953, S. 470.
[61] Deutsch-Armenische Gesellschaft (Hg.): Armeniertum-Ariertum, Potsdam, 1934.
[62] Ebd. S. 11.
[63] Siehe Goltz, Hermann: Dr. Johannes Lepsius (1858-1926). Zu Leben und Werk des Potsdamer Anwalts der Armenier, in: Förderverein Lepsius-Haus Potsdam e. V. (Hg.): Dr. Johannes Lepsius (1858-1926). Der Potsdamer Helfer und Anwalt des armenischen Volkes, Potsdam 2000, Seite 18 (insbesondere Anmerkung 3).
[64] Zur Rezeption von Werfels Roman in jüdischen Kreisen siehe: Auron, Yaïr: The Forty Days of Musa Dagh. Its Impact on Jewish Youth in Palestine and Europe, in: Hovannisian, Richard G. (Hg.): Remembrance and Denial. The Case of the Armenian Genocide, Detroit, 1998, S. 147-167.

 

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August 2001