Friedrich Naumann und die Armenische
Frage
Die deutsche Öffentlichkeit und die Verfolgung der Armenier
vor 1915
Von Hans-Walter Schmuhl
Im Jahre 1898 begleitete Friedrich Naumann,
der Gründer des Nationalsozialen Vereins, jenes linksliberalen
Intellektuellenzirkels, der meinte, Sozialreform und Weltpolitik
durch ein Bündnis von Demokratie und Monarchie
zusammenführen zu können, Wilhelm II. auf seiner Reise in
den Nahen Osten. In einem seiner “Reisebriefe” setzte
sich Naumann auch mit der Armenischen Frage auseinander, indem er das
vernichtende Urteil eines “deutschen Töpfermeisters in
Konstantinopel” über den armenischen Bevölkerungsteil
des Osmanischen Reiches kolportierte: “Der Armenier ist der
schlechteste Kerl von der Welt”.
[1]
Dieser in der von Naumann begründeten Wochenschrift “Die
Hilfe” veröffentlichte Reisebrief löste in der
deutschen wie auch in der französischen Presse ein starkes Echo
aus.
[2] Heftige Kritik kam aus
der christlichen Publizistik, vor allem von der “Christlichen
Welt”, die sich seit ihrer Gründung für die Sache der
Armenier stark gemacht hatte, und so sah sich Naumann zu einer
Verteidigung in diesem Blatt veranlaßt:
[3]
Die in seinem Reisebrief wiedergegebene Meinungsäußerung
decke sich durchaus nicht völlig mit seinem eigenen Standpunkt –
Naumann zog sich hier zunächst auf die Position eines neutralen
Journalisten zurück, der ein möglichst breites
Meinungsspektrum zu Wort kommen lassen will. Was die blutige
Verfolgung der Armenier unter Sultan Abdülhamit II. in den
1890er Jahren angehe, der – wie Naumann, auf die Schätzung
von Johannes Lepsius zurückgreifend, zugestand – 80.000
bis 100.000 Menschen zum Opfer gefallen waren, so könne es “überhaupt
nur ein Urteil geben, [...] nämlich nur eine volle,
zornige, heftige Verurteilung der Mörder und ihrer Anstifter”.
Im selben Atemzug äußerte Naumann jedoch Verständnis
für “die Notwehr des Türken”
[4]
und entwickelte seine Sicht der Armenischen Frage.
Treffend analysierte Naumann die
außenpolitischen Implikationen des Verhältnisses zwischen
Türken und Armeniern im Osmanischen Reich. Wer auch immer das
Osmanische Reich zerstören wolle, “der unterstützt zu
diesem Zweck die Griechen, Serben, Bulgaren, Mazedonier, Syrer,
Armenier. An dieser Methode, den Umsturz des Bestehenden in der
Türkei herbeizuführen, haben gelegentlich alle
Großmächte außer Deutschland teilgenommen. Das
Verfahren ist dieses: man fordert für die abhängigen
Völkerschaften Menschenrechte oder Humanität oder
Civilisation oder politische Freiheit, kurz, irgend etwas, was sie
den Türken gleichstellt.” Solche “allgemeine
moralische Forderungen” führten im osmanischen
Vielvölkerstaat, der ja in der Tat auf einem ausgeklügelten
System der politischen Ungleichheit beruhte, “zu
revolutionären Wirkungen”.
[5]
Sie förderten den Separatismus der nationalen Minderheiten und
gäben den europäischen Großmächten, die
keineswegs als “harmlose Wohltäter” anzusehen seien,
einen Hebel zur Auflösung des maroden Osmanischen Reiches an die
Hand. Die Hohe Pforte müsse zwar unter diplomatischem Druck –
wie auf dem Berliner Kongreß – den Reformplänen der
europäischen Mächte zustimmen. Aber: “Sobald die
Türkei wieder Luft genug hat zum Atmen, muß ihr
Selbsterhaltungstrieb sie veranlassen, das abgezwungene Versprechen
abzuschütteln [...]. Es war Gefahr, daß die
Türkei an der armenischen Frage zu Grunde ging. Da half sie sich
mit einem barbarischen, asiatischen Gewaltstreich: sie dezimierte die
Armenier so stark, daß sie in nächster Periode nicht
politisch auftreten konnten.”
[6]
Vor diesem Hintergrund, so fuhr der
frühere Pfarrer Naumann fort, könne “man auch als
Christ schwankend werden, wie man stehen soll”. Es seien “Sympathiekundgebungen
für Armenier” gewesen, “die zur indirekten
Todesursache geworden sind”. Das war ein an sich
bedenkenswertes Argument, das nicht zuletzt an das christliche
Deutschland gerichtet war – tatsächlich war ja die
entschiedene Parteinahme der Deutschen Orientmission für die
Armenier ein durchaus zweischneidiges Schwert, konnte sie doch von
der Hohen Pforte als Destabilisierung des
status quo
verstanden werden, was die ohnehin schon prekäre Situation der
Armenier weiter gefährdete. Naumann indessen meinte etwas
anderes: Indem deutsche Christen aktiv für die Autonomie der
Armenier im Osmanischen Reich einträten, konterkarierten sie die
Politik der deutschen Regierung: “Unsere Politik im Orient ist
auf lange hinaus festgelegt, wir gehören zur Gruppe der
Protektoren der Türkei”. Naumann lieferte auch gleich eine
Erklärung für diese politische Linie. Deutschland
könne “in seinem jetzigen Kräftebestand noch keine
Politik nach Art der Engländer treiben. Sie können
revolutionieren, denn sie sind imstande zu occupieren. Wir brauchen
Zeit zum Wachsen und Werden. Diese unsere Zeit zu erkennen und
abzuwarten, ist in seiner Art auch ein Stück, den Willen Gottes
zu erfüllen”.
[7]
Es waren mithin durch und durch
realpolitische Motive, aus denen heraus Naumann seine Position in der
Armenischen Frage formulierte. “Freiheit, Fortschritt,
Gerechtigkeit in Armenien”
[8]
betrachtete er – ebenso zynisch wie die Regierungen in London,
Moskau, Paris, Wien oder Berlin – ausschließlich unter
dem Gesichtspunkt ihrer Instrumentalisierung durch die deutsche
Außenpolitik. Er plädierte für Zurückhaltung in
der Armenischen Frage, weil das Deutsche Reich zum gegenwärtigen
Zeitpunkt diplomatisch, militärisch und wirtschaftlich zu
schwach war, um eine offensive Politik in der Türkei zu
verfolgen. Dabei war es ihm nicht etwa darum zu tun, die Armenier
gegen Repressalien des Sultans wirksam zu schützen, vielmehr
ging es ihm darum, die Armenische Frage in der Schwebe zu halten, bis
das Deutsche Reich eine kraftvolle Weltpolitik entfaltet haben
würde, so daß es sich sein Stück vom großen
Kuchen sichern könnte, wenn es zur Auflösung des
Osmanischen Reiches käme. Naumann schloß also ein
deutsches Engagement zugunsten der Armenier für die Zukunft
keineswegs aus – allerdings nach englischem Vorbild als Hebel
einer imperialistischen Interventionspolitik. Die Armenische Frage
war also bei Friedrich Naumann eingebunden in ein krudes
Machtkalkül. Mehr noch: Indem er erklärte, diese Haltung
entspreche dem Willen Gottes, gab er dieser Form der Realpolitik eine
quasireligiöse Überhöhung.
In der Buchausgabe seines Reiseberichts
ging Naumann noch einen Schritt weiter und fügte eine scharfe
Kritik am christlichen Deutschland an. Niemand werde es den eifrigen
Christen verwehren wollen, die Opfer unter dem Rad zu verbinden. “Nur
ist zu verlangen, daß die Liebestaten niemals zu politischen
Handlungen werden, die unsere deutsche Staatspolitik durchkreuzen.
Wir sind der festen Überzeugung, daß unser Volk auch dem
Christentum am besten dient, wenn es sich selber im Völkerkampfe
stark erhält.” Wer international sei, der solle die
englische Politik unterstützen und den Armeniern helfen, wer
national sei, “der muß in äußerer Politik auf
Bismarcks Pfaden bleiben.”
[9]
Nun waren Bismarcks Pfade in der
Orientpolitik bei genauerem Hinsehen durchaus verschlungen. Anfangs
hatte er das Osmanische Reich lediglich als bündnispolitische
Manövriermasse für Kompensationen zwischen den
europäischen Großmächten betrachtet. Doch schon im
Kissinger Diktat aus dem Jahre 1877 wurde das existentielle Interesse
des Deutschen Reiches am Erhalt des
status quo im Osmanischen
Reich deutlich, drohte sonst doch das hier skizzierte kunstvoll
arrangierte System der Interessengegensätze zwischen den
europäischen Mächten auf dem Balkan, an den Meerengen und
in Ägypten, mit dem Bismarck hoffte, den
cauchemar des
coalitions zu bannen, zusammenzubrechen.
[10]
Mehr und mehr sah sich Bismarck gezwungen, das marode Regime
Abdülhamits gegen alle Interventionen der konkurrierenden
europäischen Mächte zu stützen, zumal in der Endphase
seiner Regierungszeit das Engagement der deutschen Wirtschaft in der
Türkei zusehends stärker wurde und damit auch handfeste
ökonomische Interessen ins Spiel kamen. Aus dieser Leitlinie der
Orientpolitik ergab sich die Haltung Bismarcks in der Armenischen
Frage. Er wies seine Diplomaten an, sie dilatorisch zu behandeln, um
das Sultansregime nicht zu destabilisieren. Für die auf dem
Berliner Kongreß ausgehandelten Reformen in den armenischen
Provinzen hatte Bismarck nur Verachtung übrig: Es handele sich
um “ideale und theoretische Bestrebungen, welche in dem
ornamentalen Theil der Congreß-Verhandlungen eine schickliche
Stelle behufs parlamentarischer Verwertung erhalten haben”.
[11]
Am Ende der Amtszeit Bismarcks hatte die
deutsche Orientpolitik so gut wie keinen Spielraum mehr – es
gab für die Reichsleitung keine Alternative zu einer Politik der
unbedingten Erhaltung der staatlichen Integrität des Osmanischen
Reiches. Bismarcks Nachfolger konnten von dieser Linie umso weniger
abweichen, als das wirtschaftliche Engagement Deutschlands in der
Türkei sprunghaft zunahm. Die Türkei wurde zu einem der
Brennpunkte deutscher Weltpolitik, das Bagdadbahnprojekt zu einem
Prestigeobjekt, das man ohne empfindlichen Gesichtsverlust nicht
wieder aufgeben konnte. 1899 stellte der deutsche Botschafter in
Konstantinopel, Adolf Frhr. Marschall v. Bieberstein, in einem
Memorandum an den Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe
Schillingsfürst mit trockenem Humor fest, daß Bismarcks
berühmtes Zitat, “‘daß der ganze Orient nicht
die Knochen eines pommerschen Grenadiers für uns werth sei‘,
eine interessante historische Reminiszenz, aber keine historische
Wahrheit mehr bildet.”
[12]
Die Politik des informellen Imperialismus bestimmte auch die Haltung
der Reichsleitung angesichts der Pogrome gegen die Armenier in den
1890er Jahren. Alfons Frhr. Mumm v. Schwarzenstein, Vortragender Rat
im Auswärtigen Amt, brachte es 1896 auf den Punkt: Es könne
“nicht die Aufgabe der deutschen Politik sein, sich um die
Christen in der ganzen Welt zu kümmern und einen
europäischen Kreuzzug gegen den Halbmond ins Leben zu rufen”.
Forciere man die Armenische Frage, würde zudem “die noch
unbeantwortete Frage, wie sich die Zukunft der Türkei gestalten
soll, in der einen oder anderen Weise eine gewaltsame Lösung
finden müssen. Im Vergleich mit diesen Schwierigkeiten erscheint
das bisherige Blutvergießen in Armenien, so beklagenswert es
auch ist, doch immerhin noch als das geringere Übel. Dazu kommt,
daß von allen europäischen Staaten gerade Deutschland am
wenigsten eine Auflösung des türkischen Reiches
wünschen kann [...] Alles weist uns somit darauf hin,
daß wir in dieser Frage eine lediglich beobachtende Haltung
einnehmen und alles vermeiden müssen, was den Stein ins Rollen
bringen könnte.”
[13]
Man sieht, daß Friedrich Naumann bei
seiner Analyse der Armenischen Frage der Regierungslinie genau folgte
(und daß es von daher kein Zufall war, daß er von der
Regierungspresse Beifall bekam). Er gibt sich hier als “liberaler
Imperialist”
[14] unter
dem Einfluß von Max Weber zu erkennen, der schon in seiner
Freiburger Antrittsvorlesung von 1895 den Schwenk eines Teils des
liberalen Lagers zum Imperialismus eingeläutet hatte: “Wir
müssen begreifen, daß die Einigung Deutschlands ein
Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und
seiner Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte, wenn sie
der Abschluß und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen
Weltmachtpolitik sein sollte.”
[15]
Im Denken der liberalen Imperialisten waren Imperialismus und
Gesellschaftsreform eng verzahnt: Die Expansion nach Übersee
sollte die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine
ambitionierte Sozialpolitik schaffen, um die Masse der Arbeiterschaft
an den Nationalstaat zu binden; umgekehrt schien eine groß
angelegte Weltpolitik ohne Massenbasis, nur gestützt auf die
traditionellen Eliten, nicht mehr möglich. Friedrich Naumann
glaubte damals noch, in Wilhelm II. den Garanten für eine
Verbindung von konstitutioneller Monarchie und Demokratisierung,
Weltpolitik und Sozialreform gefunden zu haben. Vor diesem
Hintergrund ist seine Analyse der Armenischen Frage zu verstehen: “Wir
treiben nicht Machtpolitik, nur damit etliche Ausfuhrgesellschaften
mehr Dividende zahlen. Auch im Orient ringen wir um Brot und Leben
der deutschen Millionen [...] Nur in diesem Sinne ist eine
groß angelegte deutsche Zukunftspolitik sittlich und praktisch
berechtigt. [...] Hinter dem weißleuchtenden
Gebäude der Deutschen Botschaft in Konstantinopel muß die
Sehnsucht der deutschen Menge stehen: leben wollen wir, arbeiten und
leben!”
[16]
Naumanns Betrachtungen zur Armenischen
Frage waren Teil eines
Diskurses, einer institutionalisierten
Redeweise, die in diesem Fall aufs engste mit der politischen Macht
verknüpft war.
[17] Dieser
Diskurs entwickelte sich in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts,
mächtig vorangetrieben durch die Flut von Publikationen im
Gefolge der Orientreise Wilhelms II. im Jahre 1898. Getragen wurde
dieser Diskurs von den Propagandisten einer deutschen Weltpolitik im
Osmanischen Reich wie Ernst Jäckh (“Türken-Jäckh”),
die sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges mit der
Deutsch-Türkischen Vereinigung eine institutionelle Plattform
schufen, auf der sie mit der deutschen Regierung, dem Militär
und den im Osmanischen Reich engagierten Industrieunternehmen und
Banken kooperieren konnten. Was war nun das Besondere an diesem
Diskurs, dieser besonderen Redeweise über die Armenische Frage?
Es war seine rassistische Konnotierung. Die Armenier wurden mehr und
mehr zu einer “Rasse” umdefiniert. Es wurde ein
Rassenstereotyp mit einem negativen Rassencharakter (die Armenier als
“geborenes Verbrechervolk”), mit einer spezifischen –
ästhetisch abstoßenden – Physiognomie und mit einem
Erklärungsmodell (die Armenier als “entwurzeltes
Schurkenvolk”) konstruiert, das die westliche Idee des Orients
wie in einem Brennspiegel verdichtet, von den muslimischen
Türken (teilweise) ablöst und auf die christliche
Minderheit der Armenier projiziert. Das Rassenstereotyp ist dabei in
ein Wortfeld – eingegrenzt durch Schlüsselbegriffe wie
Raubvogel, Schmarotzer, Parasit, Pest – eingebettet, das der
Dehumanisierung der Armenier massiv Vorschub leistet und damit
eine unausgesprochene, durch die Textoberfläche vermittelte
Legitimierung des Pogroms liefert. Solche Tendenzen sind auch in
Naumanns Texten unterschwellig angelegt. Offen zutage treten sie etwa
bei Karl May, der Naumanns Textpassage mit der angeblichen Aussage
des deutschen Handwerksmeisters schon kurz nach ihrem Erscheinen
wörtlich in seinen Roman “Im Reiche des silbernen
Löwen” übernahm. In Karl Mays Werken, die ihrer
ungeheuren Breitenwirkung wegen von besonderer Bedeutung sind, ist
das antiarmenische Stereotyp auf die Spitze getrieben, wird der
Massenmord an den Armeniern in den 1890er Jahren nahezu
unverhüllt gerechtfertigt.
[18]
Welche andere Redeweise über die
Armenische Frage soll durch den machtgestützten rassistischen
Diskurs unmöglich gemacht werden? Hier gerät ein
Gegendiskurs in den Blick, der bereits in der
Pressekontroverse um Naumanns Reisebrief sichtbar geworden ist. Er
wurde getragen von der Armeniermission – der Deutschen
Orient-Mission unter Pastor Johannes Lepsius in Berlin und dem
Deutschen Hülfsbund für christliches Liebeswerk unter
Pastor Ernst Lohmann in Frankfurt.
[19]
Die Armenienhilfe war Teil der am Ende des 19. Jahrhunderts
mächtig anschwellenden Missionsbewegung und ging von
Gemeinschaftskreisen aus, die ihre theologischen Wurzeln im Pietismus
und der Erweckungsbewegung hatten. Besonders Johannes Lepsius
schaffte es mit seinem vielbeachteten Werk “Armenien und Europa”
(1896),
[20] eine breite
Öffentlichkeit zu erreichen. Was diesen Gegendiskurs
auszeichnete, war die Charakterisierung der Armenier als verfolgte
Christengemeinschaft und – in abgeschwächter Form –
als altes “Kulturvolk”, das – und hier kommt die
okzidentale Idee des Orients wieder ins Spiel – den “barbarischen”
Türken gegenübergestellt wird.
Es führt leicht in die Irre, wollte
man diesen Gegendiskurs als
widerständig kennzeichnen,
denn er ordnet sich durchaus in den imperialistischen Kontext ein.
Ganz deutlich wurde dies auf der Jahrestagung des
Evangelisch-Sozialen Kongresses im Jahre 1900, wo es zu einer
scharfen Kontroverse zwischen Lepsius und Naumann kam.
[21]
Thema des Kongresses war die deutsche Weltpolitik. Lepsius ging in
seinem Referat auf die Grundsatzfrage des Verhältnisses zwischen
Politik und Christentum ein und unternahm den Versuch einer
christlichen Fundierung deutscher Weltpolitik. Er forderte eine
Revision der kirchlichen Reichgotteslehre, interpretierte die
Weltgeschichte der letzten neunzehn Jahrhunderte als Geschichte der
Herrschaft Christi auf Erden und brachte so Weltmachtstreben und
Ausbreitung des Christentums in einen engen Zusammenhang. Deutschland
als dem Land der Reformation schrieb Lepsius eine Vorreiterrolle zu:
Die historische Tatsache, daß die Deutschen die “erstberufenen
Träger des Evangeliums in der gegenwärtigen Kulturwelt”
[22]
gewesen seien, begründe den Anspruch Deutschlands auf Weltmacht.
In dieser Perspektive erscheint die Orientmission geradezu als
Kernelement eines deutschen
Kulturimperialismus.
Friedrich Naumann äußerte
vehemente Kritik an diesem Versuch, Geschichtsphilosophie und
Reichgotteslehre zu verknüpfen. Die Asienreise markierte einen
tiefen Einschnitt in Naumanns Denken: Hatte er bis dahin versucht,
aus der biblischen Botschaft eine Norm für politisches Handeln
in der Moderne abzuleiten, so kam es vor Ort, aus dem unmittelbaren
Erlebnis der biblischen Stätten, zu einer tiefen
Ernüchterung – fortab glaubte Naumann nicht mehr an die
Möglichkeit einer Amalgamierung von Christentum und Politik. So
erklärt sich die scharfe Wendung gegen Lepsius: Weil der
Machtgedanke sich nun einmal nicht durch das Neue Testament
rechtfertigen lasse, forderte er unter Berufung auf die lutherische
Tradition eine möglichst scharfe Trennung beider Bereiche. Er
halte es für “protestantischer, ehrlicher und einfacher”,
[23]
das Ringen um Weltmacht offen als Kampf der Staaten gegeneinander zu
bezeichnen, statt unter dem Deckmantel von Humanität oder
Zivilisation zu operieren und als treibendes Prinzip gar die
Errichtung der Gottesherrschaft auf Erden anzugeben. Der Wandel
Naumanns vom Theologen zum reinen Machtpolitiker, der sich seit Mitte
der 1890er Jahre angebahnt hatte, war damit perfekt, wie mancher
Teilnehmer des Kongresses mit Verwunderung zur Kenntnis nahm.
Bei dem Konflikt zwischen Lepsius und
Naumann ging es im Kern um die Frage nach dem Verhältnis von
Moral und Machtpolitik. Eine religiös fundierte, an den
Maßstäben christlicher Moral ausgerichtete Politik der “humanitären
Intervention” lehnte Naumann strikt ab. Deutsche Weltpolitik
sollte in einer moralfreien Sphäre, streng ausgerichtet am
nationalen Interesse, formuliert werden. Gleichwohl galt sie Naumann
keineswegs als
amoralisch, vielmehr sprach er “der
deutschen Weltpolitik eo ipso moralische Qualität zu”.
[24]
Schon auf dem Vertretertag des Nationalsozialen Vereins im Oktober
1899 hatte Naumann sich im Zusammenhang mit der Armenischen Frage
gegen die Auffassung gewandt, es handele sich hierbei um einen
Konflikt zwischen Moral und Machtpolitik. Das hieße,
Machtpolitik als unmoralisch und unchristlich zu diffamieren. Indem
er das deutsche Volk zum wichtigsten Träger
abendländisch-christlicher Kultur stilisierte, konnte Naumann
deutsche Weltpolitik als einer höheren Moral folgend
rechtfertigen. Die Armenische Frage wurde so zu einem simplen Fall
von Güterabwägung: “Indem wir des deutschen Volkes
Macht vertreten, und damit die Verteidigung und Erhaltung
großer sittlicher und christlicher Güter übernehmen,
entscheidet für uns die Thatsache, daß der
ungeschwächte Bestand des Deutschthums in der Welt ungleich
wichtiger ist, als die gesamte armenische Frage. Wer so denkt und
handelt, leistet damit zugleich der sittlichen Entwicklung der
Menschheit die besten und größten Dienste. Denn wir alle
leben doch der frohen Überzeugung, daß in unserem
deutschen Volkstum ein Kapital von wahrhaft sittlicher Kraft liegt,
an dem noch einmal die Welt genesen soll.”
[25]
Naumann lehnte eine dezidiert religiöse Fundierung deutscher
Weltpolitik im Sinne des Kulturimperialismus, wie sie Lepsius
vorschwebte, ab, holte aber die Religion gleichsam durch die
Hintertür wieder herein, indem er die Nation und das nationale
Interesse quasireligiös überhöhte.
“Metaphysik, Du bist die Dirne der
Gewalt geworden.”
[26]
Mit diesen Worten kritisierte der Pazifist Heinrich Vierbücher
rückschauend die Position Friedrich Naumanns in der Armenischen
Frage. Und in der Tat: Bei der Grundsteinlegung des von der
Türkisch-Deutschen Vereinigung getragenen “Hauses der
Freundschaft” (
Dostluk Yurdu) am 28. April 1917 hielt
Naumann im Festsaal des Galatasaray-Lyzeums in Pera einen Festvortrag
zu dem Thema “Einheit und Fortschritt, unsere gemeinsame Losung”.
[27]
Auf den ersten Blick erscheint dies nicht besonders bemerkenswert:
Ein deutscher Politiker demonstrierte mitten im Krieg seine
Solidarität mit den türkischen Waffenbrüdern. Auf den
zweiten Blick betrachtet, stellt sich das öffentliche Auftreten
Naumanns in Konstantinopel als ein ungeheuerlicher Vorgang dar: Einer
der bedeutendsten Repräsentanten sowohl des deutschen
Linksliberalismus als auch des deutschen Kulturprotestantismus
vollzog genau dort, wo zwei Jahre zuvor der Völkermord an den
Armeniern begonnen hatte, ostentativ den Schulterschluß mit den
Mördern: dem Komitee für Einheit und Fortschritt
(
Ittihad ve Terakki Cemiyet), der für den millionenfachen
Massenmord verantwortlichen Partei der Jungtürken.
[1] Friedrich
Naumann, Hinter Konstantinopel, in: Die Hilfe 4. Jg., Nr. 45,
6.11.1898, S. 7.
[2]
Vgl. die Presseübersicht in: Die Hilfe Iv. Jg., Nr. 48,
27.11.1898, S. 7.
[3]
Friedrich Naumann, Zur Armenierfrage, in: Christliche Welt, 12. Jg.,
Nr. 50, 15.12.1898, Sp. 1185-1188. Naumann hat diesen Artikel
wörtlich in seinen gedruckten Reisebericht übernommen:
Friedrich Naumann, Asia, Athen, Konstantinopel, Baalbek, Damaskus,
Nazaret, Jerusalem, Kairo, Neapel, 6. Aufl., Berlin-Schöneberg
1907, S. 135-140.
[4]
Naumann, Asia, S. 137.
[10]
Bismarcks Kissinger Diktat vom 15. Juni 1877 ist abgedruckt in: Die
Große Politik der Europäischen Kabinette 1871 –
1914. Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes,
Bd. 2, S. 153-154.
[11]
Bismarck an Münster, 17.5.1883, zit. nach: Norbert Saupp, das
Deutsche Reich und die Armenische Frage 1878 – 1914, Diss.
Köln 1990, S. 30.
[12]
Marschall v. Bieberstein an Hohenlohe Schillingsfürst, 3.1.1899,
zit. nach Gregor Schöllgen, Imperialismus und Gleichgewicht.
Deutschland, England und die orientalische Frage 1871 – 1914,
München 1984, S. 452.
[13]
Memorandum Mumms v. Schwarzenstein v. 26.11.1896, zit. nach Saupp, S.
112.
[14]
Vgl. Wolfgang J. Mommsen, Wandlungen der liberalen Idee im Zeitalter
des Imperialismus, in: Karl Holl u. Günther List (hg.),
Liberalismus und imperialistischer Staat. Der Imperialismus als
Problem liberaler Parteien in Deutschland 1890 – 1914,
Göttingen1975, S. 109-147.
[15]
Max Weber, Gesammelte Politische Schriften, hg. v. Johannes
Winckelmann, 3. Aufl., Tübingen 1958, S. 23.
[16]
Naumann, Asia, S. 165.
[17]
Zum Begriff des Diskurses vgl. z.B. Peter Schöttler,
Mentalitäten, Ideologien, Diskurse. Zur sozialgeschichtlichen
Thematisierung der “dritten Ebene”, in: Alf Lüdtke
(Hg.), Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen
und Lebensweisen, Frankfurt 1989, S. 85-136.
[18]
Dominik Melzig, Die Orientalisierung des Osmanischen Reiches.
Stereotypen bei Karl May, in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts
und der öffentlichen Meinung des Kaiserreichs, Magisterarbeit
Bielefeld 1999, bes. S. 38-44, 86-92. Dadurch überholt sind die
apologetischen Darstellungen bei: Rainer Jeglin, Karl May und die
Armenier, in: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft 1970/6, S.
20-24, 1971/7, S. S. 22-25; Johannes Brand, Anmerkungen zum Thema:
Karl May und die Armenier, in: ebd. 1977/34, S. 17-20; Eckehardt
Koch, “Was haltet ihr von der orientalischen Frage?” Zum
zeitgeschichtlichen Hintergrund von Mays Orientzyklus, in: Dieter
Sudhoff u. Hartmut Vollmer (hg.), Karl Mays Orientzyklus, Paderborn
1991, S. 64-82.
[19]
Vgl. Uwe Feigel, Das evangelische Deutschland und Armenien. Die
Armenierhilfe deutscher evangelischer Christen seit dem Ende des 19.
jahrhunderts im Kontext der deutsch-türkischen Beziehungen,
Göttingen 1989.
[20]
Johannes Lepsius, Armenien und Europa, Berlin 1896.
[21]
Vgl. Walter Mogk, Paul Rohrbach und das “größere
Deutschland”München 1972, S. 83-85.
[22]
Verhandlungen des 11. Evangelisch-Sozialen Kongresses, 1900, S.
151.
[25]
Protokoll über die Verhandlungen des National-Sozialen Vereins,
3. Vertretertag, S. 33-34.
[26]
Heinrich Vierbücher, Was die kaiserliche Regierung den deutschen
Untertanen verschwiegen hat. Armenien 1915. Die Abschlachtung eines
Kulturvolkes durch die Türken, Hamburg 1930, S. 38.
[27]
Mustafa Gencer, Nationale Bildungspolitik, Modernsiierung und
kulturelle Interaktion in den Beziehungen zwischen den
Jungtürken und dem Deutschen Reich (1908 – 1918), Diss.
Bochum 2001, S. 190-191.
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