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Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah
The Armenian Genocide and the Shoah

Zürich: Chronos, 2002, ISBN 3-0340-0561-X, 656 Seiten, CHF 68, Euro 44.90


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Tachles. Das jüdische Wochenmagazin,
29. November 2002, S. 16.
Die Armenier galten als die «Juden des Orients». Ein neues Buch diskutiert die Zusammenhänge des Völkermords an den Armeniern und der Schoah.
Von Vivianne Berg

Mit Kontinuitäten, Parellelen und Unterschieden beschäftigt sich der neu erschienener Sammelband «Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah», der Beiträge von renommierten Wissenschaftlern wie Donald Bloxham, Hilmar Kaiser, Hamit Bozarslan undAaron Rodrigue enthält. Herausgegeben wurde der Band vom Basler Historiker Hans-Lukas Kieser und von Dominik Schaller, dem Gründer der Arbeitsgruppe für Genozidforschung.

Hans-Lukas Kieser schildert in seinem Beitrag «Dr Mehmed Reshid (1873-1919): A Political Doctor», wie Reshid an der armenischen Bevölkerung eine «Geisteskrankheit der Minderheiten» diagnostizierte. Der Arzt war einer der prominentenVertreter der sozialdarwinishschenAuffassung, auf deren Grundlage 1915/16 Hunderttausende erschlagen oder während der Deportation auf Todesmärschen in den Hungertod geschickt wurden.

Die Massaker an der armenischen Bevölkerung führten in Deutschland zu einer seltsamen «Solidarität». Anerkennend wurden «die Armenier« in Reiseberichten, die vor 1915 erschienen sind, als fleissig und besonders intelligent dargestellt. Charaktereigenschaften, die, so wurde etwa gelobt, die Armenier von der türkischen und kurdischen Bevölkerung Anatoliens abheben. Gleichzeitig aber wurde die «Verlogenheit der armenischen Rasse» konstatiert und dass den Armeniern als «Handelsjuden» nicht zu trauen sei, hätten sie doch die gesamte osmanische Wirtschaft in ihrer Hand. Gemeinhin wurde «der Armenier» als «Jude des Orients» bezeichnet. Und während einerseits von einer «Judenfrage» die Rede war, wurde zugleich überlegt, wie die «armenische Frage» zu lösen sei.

Wie die Herausgeber im Sammelband postulieren, resultierte die Vernichtungspolitik aus der sozialdarwinistisch geprägten, europäisierten jungtürkischen Elite.

Yair Auron beschreibt in seinem Beitrag «Jüdische, zionistische und israelische Reaktionen auf den Völkermord in Armenien», wie in der jüdischen Gemeinde Palästinas die Massaker und der Genozid an den Armenierinnen und den Armeniern wahrgenommen wurden. «We are a peculiar people. Yes, we!», so begann 1909 der Leitartikel von Itamar Ben Avi, dem damaligen Herausgeber der Zeitschrift «Hatzvi». Er verurteilte den Ethnozentrismus der Juden und protestierte gegen das Monopol des Leidens, das sie für sich beanspruchen würden, ohne jedoch die Existenz eines Volkes wahrzunehmen, das ebenso leide wie die Juden selbst. Darauf folgten wütende Reaktionen. Auron skizziert die Situahon der kleinen jüdischen Gemeinde in Palästina, die vom Genozid an den Armenierinnen und Armeniern wusste und befürchtete, dass die osmanischen Behörden mit ihr ähnlich verfahren würden. Tatsächlich wurde 1917 die jüdische Bevölkerung aus Yaffa vertrieben. Die zwiespältige Haltung spiegelt sich auch in den Reaktionen auf den Roman «Ara», der 1928 in Haifa erschien. In ihm beschrieb Shmuel Bass den Völkermord und das Leben der Armenierin Ara, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs in einem armenischen Flüchtlingslager in der Nähe von Haifa lebte. Bass wurde vorgeworfen, er thematisiere das Leiden eines andern Volkes, statt sich literarisch mit dem jüdischen Schicksal auseinander zu setzen. Franz Werfel wurde mit ähnlichen Argumenten für seinen Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» kritisiert, weil er vom Aufstand der Bevölkerung eines armenischen Dorfes berichtete. In jiddischer Sprache beschrieb Joseph Guttmann 1946 den Massenmord an der armenischen Bevölkerung in den «Yivo Bletern», dem Journal des Jiddischen wissenschaftlichen Instituts.

Zur Buchvernissage gibt es eine Podiumsdiskussion mit den Herausgebern Hans-Lukas Kieser und Dominik Schaller sowie mit weiteren Historikern und Historikerinnen; unter der Gesprächsleitung von Madeleine Herren diskutieren Georg Kreis und Jakob Tanner mit den Herausgebern. Die Veranstaltung findet am Mittwoch, 4. Dezember, von 16.15 bis 18 Uhr im Hauptgebäude der Universität Zürich, Hörsaal KOL-G-204 statt.

Der Text von Vivianne Berg ist urheberrechtlich geschützt, die Multimediarechte liegen bei Pro Litteris. Jegliche Archivierung,Vervielfältigung oder Veröffentlichung ist kostenpflichtig, Genehmigungen sind einzuholen bei mail@prolitteris.ch.
 
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Tages-Anzeiger, Freitag, 6. Dezember 2002
Raub und Massenmord. Ein neues Buch zeigt Parallelen und Unterschiede zwischen den Genoziden an den Armeniern und an den Juden.
von Daniel Suter

Ist ein Titel wie «Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah» erlaubt? Die Herausgeber der so benannten Textsammlung, Hans-Lukas Kieser und Dominik J. Schaller, diskutierten darüber mit ihren Fachkollegen Georg Kreis und Jakob Tanner an der Buchvernissage am Donnerstag in der Uni Zürich. Die Historiker waren sich einig: Ja, es ist zulässig, die beiden Genozide in einem Atemzug zu nennen. Vergleichen bedeute nicht gleichsetzen, sagte Schaller. Es heisse Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten, meinte Tanner und fügte an: «Aus der Binnenperspektive der betroffenen Gruppen ist das, was sie erlebt haben, immer singulär. Aus einer Aussenperspektive aber lassen sich diese Katastrophen in unterschiedliche Bezüge zueinander setzen.» Auch für Kreis war es eine Selbstverständlichkeit, dass Vergleiche nötig sind, «sonst gibt es keine Erkenntnisse».

Der gewichtige Band vereinigt Arbeiten - mehr als die Hälfte auf Englisch oder Französisch - von 18 Autoren und einer Autorin. In ihrer Einleitung «Völkermord im historischen Raum 1895-1945» schlagen die Herausgeber die Brücke zwischen den beiden Ereignissen: So ist ihnen unter anderem gemeinsam, dass es keinen schriftlichen «Führerbefehl» von oberster Stelle zur Verfolgung und Vernichtung gab, wohl aber glaubhaft überlieferte mündliche Anweisungen.
Die Aufsätze sind in drei thematische Teile gegliedert. Der erste versammelt Einzelstudien zum Massenmord an den Armeniern von 1915/16. Donald Bloxham (Edinburgh) spricht von «einem, vielleicht dem, archetypischen nationalistischen Genozid», und als solches sei er «ein gänzlich erfolgreiches Wagnis» gewesen, da er die Präsenz der Armenier auf dem Boden der späteren Türkei aufhob. Hilmar Kaiser untersucht den Genozid am Beispiel der ostanatolischen Provinz Erzurum.

Raubgedanke beflügelte die Gewalt
Der Mittelteil leistet die im Buchtitel angesprochenen Vergleiche. Hier sticht die Arbeit des NS-Forschers Christian Gerlach (Berlin) hervor, der den wirtschaftlichen Faktoren bei der Vernichtung der Armenier und beim Mord an den ungarischen Juden nachgeht: «In beiden Fällen trug der Raubgedanke wesentlich zur Gewaltbereitschaft bei. Beide Male versuchte der Staat, das geraubte Eigentum möglichst vollständig in die Hand zu bekommen und umzuverteilen, um die Lasten des Krieges für die Bevölkerung abzufedern.» Während in Ungarn sozialpolitische Überlegungen im Vordergrund standen, ging es den Jungtürken mehr um die Schaffung einer national-islamischen Bourgeoisie, welche die enteigneten Firmen und Geschäfte der Armenier übernehmen sollte. «Es war nur konsequent, wenn der türkische Staat am Ende dieses Massenraubmords durch ein Gesetz vom 31. Mai 1926 die Familien inzwischen hingerichteter oder von armenischen Attentätern getöteter ehemaliger Täter ausgerechnet mit Immobilien entschädigte, die‹von Armeniern zurückgelassen› worden waren.»

Der dritte Teil des Bandes behandelt die Rezeptionsgeschichte der beiden Genozide und konzentriert sich dabei auf Deutschland. Denn Deutschland bildet als Verbündeter der Türkei im Ersten und als Täter im Zweiten Weltkrieg eine besondere Klammer zwischen den beiden Genoziden.

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Der Bund, Samstag, 14. Dezember 2002
Eine wichtige, umfassende Publikation befasst sich mit dem Völkermord an den Armeniern und den Juden.
Am EU-Gipfel in Kopenhagen, der sich mit der Aufnahme der Türkei als Vollmitglied befasste, ist der Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg durch die damalige osmanische Regierung nicht zur Sprache gekommen.
Von Walter Lüthi

Ein politisches Gipfeltreffen ist zwar nicht der Ort, wo wissenschaftliche Auseinandersetzungen geführt werden, aber «Kopenhagen» hätte Gelegenheit geboten, zumindest moralische Bedenken zu formulieren. Denn Ankara leugnet nach wie vor den Völkermord, der im Verlauf der Deportationen an den Armeniern, nicht aber an den ebenfalls vor und nach dem Ersten Weltkrieg vertriebenen Griechen aus Kleinasien begangen wurde. «Umvolkung» war eine gängige Praxis im Osmanischen Reich.

Die Vertreibung der anatolischen Armenier und die damit verbundenen Massaker in den Jahren 1915 (Vertreibungen) und 1916 (Deportationen in Lager im heutigen Syrien und Jordanien) beeinflussen die politische Haltung aus strategischen Gründen gegenüber Ankara leider kaum (so hat die US-Regierung verhindert, dass im Holocaust-Museum in Washington ebenfalls der Armenier gedacht wird). Das Schicksal der Armenier ist hauptsächlich Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. In der Schweiz setzt sich vor allem Hans Lukas Kieser, Dozent für nahöstliche Geschichte an der Universität Zürich, seit Jahren intensiv mit dem brisanten Thema auseinander.

Übergreifende Zusammenhänge

Nun hat Kieser, zusammen mit Dominik J. Schaller, einen Sammelband vorgelegt, der die Armenien-Frage mit der Shoah, dem Völkermord an den Juden im Zweiten Weltkrieg, vergleichend darstellt. Der Band arbeitet «Einsichten in übergreifende Zusammenhänge und den Beginn einer umfassenden Ära von Vertreibung und Genozid in Europa und im Nahen Osten» auf, die sich mit (längst verklungenen)Paukenschlägen Ende des 19. Jahrhunderts ankündigten: mit Gräueln in Belgisch-Kongo, dem Massenmord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika, diesem «Holocaust vor dem Holocaust».

Kein präziser Geheimplan

Entstanden ist ein beeindruckendes und Respekt heischendes Werk. In 21 Einzelbeiträgen werden die beiden Problemkomplexe aus verschiedensten Blickwinkeln angegangen. Dabei entsteht ein detailliertes Bild, das vor allem die Deportationen und Massaker an den über ganz Anatolien verstreut lebenden osmanischen Armeniern und der nationalistischen Politik der Jungtürken um das Triumvirat von Enver, Talaat und Cemal Pascha ausleuchtet.

Dass dabei nicht alle Autoren stets streng wissenschaftlich vorgehend im Detail am «gleichen Strick» ziehen, liegt in der Vielschichtigkeit der Problematik: gegeben durch die innenpolitische Situation im damaligen Osmanischen Reich, die Ideologie der Jungtürken, die 1908 die Macht übernommen hatten, und die Ereignisse des Ersten Weltkriegs, der ebenfalls seitens der Entente-Mächte zu Verrohungen führte. Schliesslich erschwert die Quellenlage die Forschung. Wichtige Dokumente sind offensichtlich vernichtet worden; der Zugang zu türkischen Archiven ist erschwert.

Aber so, wie der «Weg nach Auschwitz» nicht geradlinig verlief, so wurde ebenfalls der Völkermord an den Armeniern nicht nach einem geheimen Generalplan der osmanischen Führung durchgeführt. «Genozide werden nicht nach einem präzisen Plan (blueprint) durchgeführt», schreibt Donald Bloxham (Edinburgh), der in seinem Aufsatz die vorherrschende Meinung der Schuldrolle Deutschlands am Schicksal der Armenier revidiert und relativiert (Anette Schaefgen dagegen übernimmt das herkömmliche, vor allem von armenischen Autoren geprägte Schuldbild des Kaiserreichs).

Die Jungtürken verstanden sich als «Retter des Imperiums» und betrachteten die christlichen Griechen, vor allem die Armenier, als Bedrohung, als «Feinde, tout court», wie Aron Rodrigue (Stanford) festhält. Ob (die) Armenier und ihr Nationalismus eine reale Bedrohung für das Osmanische Reich darstellten oder dies von Konstantinopel propagandistisch ausgeschlachtet wurde, bleibt kontrovers. Tatsache ist, dass das zaristische Russland sich seit dem Krim-Krieg (1853/56) als Schutzmacht gebärdete und mit der Besetzung von Van im Frühling 1915 die Katastrophe mitgeholfen hatte auszulösen. An den Massenmorden von Kurdenstämmen, Türken, vor allem aber von Mitgliedern der Sondereinheiten «Teskilat-i Mahsusa» durchgeführt, gibt es nichts zu deuteln: Bis zu 1,5 Millionen Armenier fanden 1915 bei den Deportationen und 1916 in den Lagern den Tod.

«Unabhängigkeit von Europa»

Das wichtigste Kriegsziel der Jungtürken war nach Christian Gerlach (TU Berlin), die «Unabhängigkeit von Europa» zu erreichen. Er arbeitet in seinem Beitrag die Parallelen zwischen den Enteignungen der Armenier und jener der Juden in Ungarn und Rumänien heraus. Die seit dem Krim-Krieg existierende «armenische Frage» wurde laut Gerlach als «Hebel der europäischen Einmischungspolitik» verstanden. 90 Jahre später strebt die Türkei nach Europa zurück.

Weshalb sie sich bis heute sträubt, den Völkermord anzuerkennen, ist zwar unverständlich, aber vor dem Hintergrund des Vertrages von Lausanne (1923) nachvollziehbar, der die neue, durch «ethnische Säuberungen homogenisierte» türkische Republik in den heutigen Grenzen anerkannte: «Es gab zwar gute Gründe, den Pariser Vorortsvertrag von 1920 (Sèvres) zu revidieren. Fatal war jedoch, dass der Vertrag von Lausanne die Vertreibung und Ermordung von Millionen von Menschen zugunsten einer extremen ,nationalen Erneuerung absegnete» und zur Grundlage späterer Vertreibungspolitiken wurde, schreiben Kieser/ Schaller in ihrer ausgezeichneten, Themen übergreifenden Einleitung. Sie erarbeiten bedenkenswerte Zusammenhänge und verknüpfen die einzelnen Buchbeiträge, die manchen unbekannten (oder verdrängten) Aspekt beleuchten.

Schuld einst anerkannt

Dazu gehört etwa die entscheidende Übergangsphase von der Niederlage von 1918 bis zum Vertrag von Sèvres (1920), der Anatolien unter den Entente-Mächten aufstückelte sowie den Kurden und den Armeniern ein Staatsgebilde zusprach. In diesen Jahren haben sich sowohl die Übergangsregierungen in Istanbul wie auch Kemal Pascha (später Atatürk) zur Schuld einzelner Jungtürken am Genozid bekannt, mit dem Hintergedanken, damit Anatolien für die türkische Nation retten zu können.

Mit diesem bisher wenig bekannten Aspekt befasst sich detailliert Taner Akçam (Universität Minnesota), einer der wenigen dissidenten türkischen Historiker. Kurz: Die «Schuldfrage» scheiterte an der Haltung der Entente an der Versailler Friedenskonferenz. Dagegen verpassten die Nationalisten um Kemal Pascha, sich von der schweren Hypothek hinsichtlich Menschenrechte und Kriegsverbrechen zu lösen, die Türkei hat es bis auf den heutigen Tag nicht getan, hält Kieser fest.

Der Sammelband bietet eine enorme Fülle an wichtigen Informationen und Einordnungen sowie an ideologischen und historischen Erörterungen, die über die Genozide an Armeniern und Juden weit hinausgehen.Alles in allem: eine anspruchsvolle und aufrüttelnde Lektüre auch für Laien, denen das Schicksal der Armenier nicht gleichgültig ist.

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DeutschlandRadio-Online 
http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-lit-pol/702.html

Deutschlandfunk: Politische Literatur
Manuskript vom: 13.1.2003, 19:15

Autor: Lothar Baier
Redaktion: Hermann Theißen

[picture] Die Armeniermassaker im Fin de siècle und die Vernichtung der armenischen Gemeinschaft in Kleinasien während des Ersten Weltkrieges waren Verbrechen, die sich tief ins Gedächtnis vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen einprägten. Eine Generation später geschah mit der Shoah ein Massenmord, der fortan als Referenz der Unmenschlichkeit im 20. Jahrhundert galt.

So beginnt das Vorwort zu dem Band "Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah - The Armenian Genocide and the Shoah", den Hans-Lukas Kieser und Dominik J. Schaller im Chronos Verlag, Zürich, herausgebracht haben. Während der Holocaust bis heute diese Referenzfunktion behalten hat und mit dem Attribut der Einzigartigkeit belegt wurde, ist der Genozid an den Armeniern nahezu in Vergessenheit geraten. Diese historische Amnesie verdankt sich einer Strategie, die die Herausgeber des Bandes als "politics of uniqueness" bezeichnen, das heißt, der Doktrin, dass absolut nichts dem Holocaust gleichkommen darf. Zu den Verdiensten des nun vorzustellenden Bandes zählt auch, dass seine Autoren sich über das aus der "Einzigartigkeitsdoktrin" abgeleitete Vergleichstabu hinwegsetzen.

Bald 90 Jahre nach den Ereignissen von 1915 hat der Völkermord an den Armeniern nicht aufgehört, bei Nachkommen der Opfer wie der Täter leidenschaftliche Reaktionen auszulösen. Nachdem im Frühjahr 2002 auf einem Kino-Festival in Toronto der Spielfilm "Ararat" des kanadisch-armenischen Regisseurs Atom Egoyan uraufgeführt worden war und die Presse darüber berichtet hatte, wurden kanadische Redaktionen mit Protestschreiben von türkischer, aber auch armenischer Seite geradezu überschüttet. Während türkische Leser die Thematisierung des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs durch Egoyans Film als Beleidigung der türkischen Nation verurteilten, warfen armenische Leser dem Regisseur und Drehbuchautor vor, in seinem die Übermittlung von Erinnerungen eindrücklich problematisierenden Film nicht eindeutig genug Stellung bezogen zu haben. Die hartnäckige Leugnung des Völkermords durch türkische Regierungspropaganda einerseits und die Anstrengungen der armenischen Diaspora in aller Welt, das armenische Trauma nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, lasten bis heute auf der leidenschaftslosen Auseinandersetzung mit diesem trüben Kapitel orientalisch-europäischer Vergangenheit.

Von der Verfolgung und Ermordung der Armenier, heißt es vielfach in der einschlägigen Hitler-Literatur, habe Hitler von einem bereits 1920 in die NSDAP eingetretenen ehemaligen bayerischen Kavallerieoffizier erfahren, Erwin von Scheubner-Richter, der während des Ersten Weltkriegs als Vizekonsul in der osttürkischen Stadt Erzurum amtiert hatte. An diesem Bild bringt der Band Retuschen an. Hinter dem Nazi der ersten Stunde, der bei Hitlers Putschversuch vom 9. November 1923 in München von der Polizei erschossen wurde und deshalb später als kleiner Märtyrer der "Bewegung" gelten durfte, lässt eine Studie des Historikers Hilmar Kaiser eine politisch und moralisch schillernde, doch im herkömmlichen Sinn nicht unbedingt als reaktionär einzustufende Gestalt erkennen. Dieser Vizekonsul zählte zu den wenigen in der Türkei stationierten Diplomaten des Kaiserreichs, die sich von bündnispolitischen Rücksichten nicht daran hindern ließen, gegenüber dem Auswärtigen Amt in Berlin die vom türkischen Kriegsalliierten an der armenischen Zivilbevölkerung begangenen Verbrechen anzuprangern. Scheubner-Richter ging sogar soweit, mit Hilfe seiner kleinen militärischen Eskorte armenischen Deportierten Schutz zu gewähren und sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Einen künftigen Frühnazi würde man in dem Mann kaum vermuten.

Eine solch offen pro-armenische Haltung war im deutschen Kaiserreich eher ungewöhnlich. Mochten die Armenier auch eine christliche Minorität bilden in einem muslimisch dominierten osmanischen Reich, reichstreuen Deutschen erschienen sie dennoch als unsichere Kantonisten, denen die Türken zu Recht misstrauten. Als im Gefolge der Berliner Konferenz frischgebackene Kolonialmacht begann das Deutsche Reich sich im späten 19. Jahrhundert mit anderen Kolonialreichen zu identifizieren und, wie die brutale Niederschlagung des Hereroaufstands im Süden Afrikas zeigt, sich am harten Vorgehen anderer gegen ethnische oder religiöse Minderheiten ein Beispiel zu nehmen. Die noch von Sultan Abdulhamid II zu verantwortenden Schlächtereien, denen 1895 und 1896 schätzungsweise 100.000 Armenier zum Opfer fielen, lösten in Deutschland keine übermäßige Empörung aus. Besonders aufschlussreich in diesem Zusammenhang liest sich in dem Band die Studie, die Hans-Walter Schmuhl dem Liberalen Friedrich Naumann gewidmet hat, einem ausgewiesenen Orient- und Türkeikenner, der zu den Begleitern Wilhelms des Zweiten auf dessen Nahostreise 1898 zählte. In einem seiner Reisebriefe zitierte Naumann durchaus zustimmend die Meinung eines deutschen Töpfermeisters aus Konstantinopel:

Ich bin ein Christ und halte die Nächstenliebe für das erste Gebot, und ich sage, die Türken haben Recht getan, als sie die Armenier totschlugen. Anders kann sich der Türke vor dem Armenier nicht schützen, von dem seine Noblesse, Trägheit und Oberflächlichkeit auf das Unverantwortlichste ausgenützt wird. Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt.

In späteren Jahren hat der von Max Weber geistig stark beeinflusste Naumann seine an Karl Mays Aversion erinnernde schroffe Ablehnung der Armenier und ihrer Interessen nuanciert, dem armenischen Volk sogar die Fähigkeit zur Staatsbildung zuerkannt, doch ließ sich der bis heute als Säulenheiliger des deutschen Liberalismus verehrte Friedrich Naumann selbst von den noch frischen Nachrichten über den Völkermord an den Armeniern von 1915 und 1916 im April 1917 nicht davon abhalten, bei der Grundsteinlegung für ein deutsch-türkisches Freundschaftshaus in Konstantinopel die Festrede zu halten. Deren Titel "Einheit und Fortschritt, unsere gemeinsame Losung" bezog sich ausgerechnet auf den Namen "Komitee Einheit und Fortschritt", den sich die 1913 durch einen Putsch an die Macht geratene jungtürkische Junta gegeben hatte. Aus deren Reihen rekrutierten sich die Anstifter und die Befehlsgeber des im April 1915 angelaufenen Genozids.

Mehrere Aufsätze des Bandes gehen der Genesis des Plans der Auslöschung armenischen Lebens in Anatolien nach. Von einer ausgearbeiteten, ethno-nationalistischen, gar nazi-ähnlichen Ideologie, die in letzter Konsequenz auf die physische Eliminierung nichtmuslimischer und nichttürkischer osmanischer Völker hinauslief, kann demnach auch bei den im Komitee "Einheit und Fortschritt" geheimbundartig organisierten Jungtürken keine Rede sein. Deren harter Kern, erläutert der Herausgeber Hans-Lukas Kieser in seinem minutiös dokumentierten monographischen Beitrag über den türkischen Mediziner Mehmed Reshid, entstammte der medizinischen Akademie der Armee, die naturwissenschaftlich ausgerichtet und deren Unterrichtssprache lange Zeit hindurch, der Tradition der Aufklärung folgend, Französisch war. Der Autor weist überzeugend nach, dass eben die in der Ausbildung vermittelte, moderne positivistische Konzeption von Gesellschaft und Natur die Absolventen der osmanischen Ärzteschule sehr empfänglich machte für die Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa umlaufenden Ideen einer heilbringenden sozialen und nationalen Hygiene. Als das Osmanische Reich sich unübersehbar zu zersetzen begann und der Erste Weltkrieg auch das anatolische Kernland zu erreichen drohte, wurde aus dem bis dahin mit der Bekämpfung der Syphilis befassten Volkshygieniker Dr. Mehmed Reshid ein Säuberer der Nation von als gefährlich eingeschätzten ethnischen Keimen.

1915 von der jungtürkischen Junta zum "Vali", zum Gouverneur der ostanatolischen Stadt Diarbakir, ernannt, mauserte sich der Arzt Dr. Reshid im Handumdrehen zum Organisator des Massenmords. 120.000 armenische Bewohner dieser Provinz wurden unter dem Oberbefehl des Mediziners abgeschlachtet oder in Richtung mesopotamische Wüste deportiert, was in den meisten Fällen bedeutete, dem Hungertod preisgegeben. Selbst der deutsche Botschafter in Konstantinopel zeigte sich von dem brutalen Vorgehen des türkischen Gouverneurs derart überrascht, dass er glaubte, Reichskanzler Bethmann-Hollweg im Juli 1915 davon in Kenntnis setzen zu müssen:

Seit Anfang dieses Monats hat der Vali von Diarbakir, Reshid Bey, mit der systematischen Ausrottung der christlichen Bevölkerung seines Bezirks begonnen, ohne zwischen Rasse und Herkunft zu unterscheiden.

In sozialpsychologischer Hinsicht liegt der Fall des Mediziners Reshid nahe an den späteren Fällen der Nazi-Mediziner und akademisch ausgebildeten Chefs der SS-Einsatzgruppen. Solche Formähnlichkeiten machen aus den jungtürkischen Tätern - wie dem Hauptverantwortlichen, dem 1921 in Berlin von einem armenischen Studenten erschossenen ehemaligen Innenminister Talaat - jedoch noch keine Proto-Nazis. In dem vorliegenden Band ziehen mehrere Autoren Parallelen nicht zwischen dem armenischen Völkermord und der nationalsozialistischen "Endlösung", sondern zwischen Armeniermord und der aktiven Teilnahme von Ländern wie Ungarn und Rumänien während des Zweiten Weltkriegs an der Vernichtung der Juden. Der Vergleich ist deshalb interessant, weil er die rein ideologischen oder auch pathologischen Motive wie im deutschen Fall zurücktreten lässt hinter außenpolitischem Opportunismus und ökonomischem Kalkül. In seinem "Nationsbildung im Krieg" überschriebenen Beitrag definiert der deutsche Historiker Christian Gerlach die Ausrottung der Armenier als "Massenraubmord", weil er aufgrund seiner profunden Quellenkenntnis nachweisen kann, dass es den jungtürkischen Tätern und den sie stützenden bourgeoisen Schichten vor allem auch darum ging, die lästige Konkurrenz zahlloser markterfahrener armenischer Kleinhändler loszuwerden und sich gleichzeitig deren Besitz anzueignen.

Ein ganz besonders trübes, in diesem Band ausführlich dokumentiertes Kapitel betrifft das Verhalten der Großmächte, und zwar nicht nur des Deutschen Reichs. Die französische Kriegsmarine hat durchaus, wie Franz Werfel in seinem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" wahrheitsgemäß berichtet, 1915 im Golf von Alexandrette armenische Überlebende in Sicherheit gebracht, doch nach Ende des Krieges änderte sich schleichend die Haltung der ehemaligen Kriegsgegner der Türkei. Bei der Konferenz von Lausanne 1923, auf der die ethnische Säuberung des neuen Nationalstaats Türkei international abgesegnet wurde, kam der Mord an den Armeniern nicht zur Sprache. Auf Druck der kemalistischen türkischen Regierung säuberte später der US-amerikanische Verleger Werfels aus dem ursprünglich 1933 in Wien bei Zsolnay erschienenen Roman alle als anti-türkisch gebrandmarkten Passagen hinaus.

Seit der Kalte Krieg nach 1947 aus der Türkei den Sperriegel zwischen Ost und West gemacht hat, verschlechterte sich die Erinnerungslage weiter: Niemand wollte, kaum 50 Jahre nach den Ereignissen, mehr erwähnen, dass diese als Bastion gegen den sowjetischen Freiheitsfeind aufgebaute NATO-Türkei den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts organisiert hatte. In Zusammenhang mit dem politisch motivierten Verschweigen steht die Serie von Attentaten, die in den siebziger Jahren von armenischen Terrorgruppen gegen türkische Diplomaten in aller Welt verübt wurde. Das dadurch geschaffene Aufsehen hielt jedoch nicht lange an. Die beiden Herausgeber Kieser und Schaller heben in ihrem ausgezeichneten Einleitungsaufsatz "Völkermord im historischen Raum" hervor, dass heute die strategischen Interessen der USA die türkisch-armenische Erinnerungspolitik mehr als jemals zuvor bestimmen. Selbst in die Konzeption des von aller Welt bewunderten Holocaust-Museums in Washington haben sie Eingang gefunden - eine von Professor Kevork Bardakjan, University of Michigan, erarbeitete ständige Ausstellung über den Armeniermord wurde auf Druck der federführenden und natürlich turkophilen Kongressmehrheit aus dem Konzept entfernt. Perverserweise folgt auch der Staat Israel, militärstrategisch mit der Türkei verbandelt, der selben opportunistischen Linie.


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01.07.2003