Ein politisches Gipfeltreffen ist zwar nicht der Ort, wo
wissenschaftliche Auseinandersetzungen geführt werden, aber
«Kopenhagen» hätte Gelegenheit geboten, zumindest
moralische Bedenken zu formulieren. Denn Ankara leugnet nach wie vor
den Völkermord, der im Verlauf der Deportationen an den Armeniern,
nicht aber an den ebenfalls vor und nach dem Ersten Weltkrieg
vertriebenen Griechen aus Kleinasien begangen wurde.
«Umvolkung» war eine gängige Praxis im Osmanischen
Reich.
Die Vertreibung der anatolischen Armenier und die damit verbundenen
Massaker in den Jahren 1915 (Vertreibungen) und 1916 (Deportationen
in Lager im heutigen Syrien und Jordanien) beeinflussen die politische
Haltung aus strategischen Gründen gegenüber Ankara leider
kaum
(so hat die US-Regierung verhindert, dass im Holocaust-Museum in
Washington ebenfalls der Armenier gedacht wird). Das Schicksal der
Armenier ist hauptsächlich Gegenstand wissenschaftlicher
Untersuchungen. In
der Schweiz setzt sich vor allem Hans Lukas Kieser, Dozent für
nahöstliche Geschichte an der Universität Zürich, seit
Jahren intensiv mit dem brisanten Thema auseinander.
Übergreifende Zusammenhänge
Nun hat Kieser, zusammen mit Dominik J. Schaller, einen Sammelband
vorgelegt, der die Armenien-Frage mit der Shoah, dem Völkermord an
den Juden im Zweiten Weltkrieg, vergleichend darstellt. Der Band
arbeitet «Einsichten in übergreifende Zusammenhänge
und den Beginn einer umfassenden Ära von Vertreibung und Genozid
in Europa und im Nahen Osten» auf, die sich mit (längst
verklungenen)Paukenschlägen Ende des 19. Jahrhunderts
ankündigten: mit Gräueln in Belgisch-Kongo, dem Massenmord an
den Herero in Deutsch-Südwestafrika, diesem
«Holocaust vor dem Holocaust».
Kein präziser Geheimplan
Entstanden ist ein beeindruckendes und Respekt heischendes Werk. In 21
Einzelbeiträgen werden die beiden Problemkomplexe
aus verschiedensten Blickwinkeln angegangen. Dabei entsteht ein
detailliertes
Bild, das vor allem die Deportationen und Massaker an den über
ganz Anatolien verstreut lebenden osmanischen Armeniern und der
nationalistischen Politik der Jungtürken um das Triumvirat von
Enver, Talaat und Cemal Pascha ausleuchtet.
Dass dabei nicht alle Autoren stets streng wissenschaftlich vorgehend im Detail am «gleichen Strick» ziehen, liegt in der Vielschichtigkeit der Problematik: gegeben durch die innenpolitische Situation im damaligen Osmanischen Reich, die Ideologie der Jungtürken, die 1908 die Macht übernommen hatten, und die Ereignisse des Ersten Weltkriegs, der ebenfalls seitens der Entente-Mächte zu Verrohungen führte. Schliesslich erschwert die Quellenlage die Forschung. Wichtige Dokumente sind offensichtlich vernichtet worden; der Zugang zu türkischen Archiven ist erschwert.
Aber so, wie der «Weg nach Auschwitz» nicht geradlinig verlief, so wurde ebenfalls der Völkermord an den Armeniern nicht nach einem geheimen Generalplan der osmanischen Führung durchgeführt. «Genozide werden nicht nach einem präzisen Plan (blueprint) durchgeführt», schreibt Donald Bloxham (Edinburgh), der in seinem Aufsatz die vorherrschende Meinung der Schuldrolle Deutschlands am Schicksal der Armenier revidiert und relativiert (Anette Schaefgen dagegen übernimmt das herkömmliche, vor allem von armenischen Autoren geprägte Schuldbild des Kaiserreichs).
Die Jungtürken verstanden sich als «Retter des
Imperiums» und betrachteten die christlichen Griechen, vor allem
die Armenier, als Bedrohung, als «Feinde, tout court», wie
Aron Rodrigue (Stanford) festhält. Ob (die) Armenier und ihr
Nationalismus eine reale Bedrohung für das Osmanische Reich
darstellten oder dies von Konstantinopel propagandistisch
ausgeschlachtet wurde, bleibt kontrovers. Tatsache ist, dass das
zaristische Russland sich seit dem Krim-Krieg (1853/56) als Schutzmacht
gebärdete und mit der Besetzung von Van im Frühling 1915 die
Katastrophe mitgeholfen hatte auszulösen. An den Massenmorden von
Kurdenstämmen, Türken, vor allem aber von Mitgliedern der
Sondereinheiten «Teskilat-i Mahsusa» durchgeführt,
gibt es nichts zu deuteln: Bis zu 1,5 Millionen Armenier fanden 1915
bei den Deportationen und 1916 in den Lagern den Tod.
«Unabhängigkeit von Europa»
Das wichtigste Kriegsziel der Jungtürken war nach Christian
Gerlach (TU Berlin), die «Unabhängigkeit von Europa»
zu erreichen. Er arbeitet in seinem Beitrag die Parallelen zwischen den
Enteignungen der Armenier und jener der Juden in Ungarn und
Rumänien heraus. Die seit dem Krim-Krieg existierende
«armenische Frage»
wurde laut Gerlach als «Hebel der europäischen
Einmischungspolitik» verstanden. 90 Jahre später strebt die
Türkei nach Europa zurück.
Weshalb sie sich bis heute sträubt, den Völkermord
anzuerkennen,
ist zwar unverständlich, aber vor dem Hintergrund des Vertrages
von Lausanne (1923) nachvollziehbar, der die neue, durch
«ethnische
Säuberungen homogenisierte» türkische Republik in den
heutigen Grenzen anerkannte: «Es gab zwar gute Gründe, den
Pariser Vorortsvertrag von 1920 (Sèvres) zu revidieren. Fatal
war
jedoch, dass der Vertrag von Lausanne die Vertreibung und Ermordung von
Millionen von Menschen zugunsten einer extremen ,nationalen Erneuerung
absegnete» und zur Grundlage späterer Vertreibungspolitiken
wurde, schreiben Kieser/ Schaller in ihrer ausgezeichneten, Themen
übergreifenden
Einleitung. Sie erarbeiten bedenkenswerte Zusammenhänge und
verknüpfen
die einzelnen Buchbeiträge, die manchen unbekannten (oder
verdrängten) Aspekt beleuchten.
Schuld einst anerkannt
Dazu gehört etwa die entscheidende Übergangsphase von der
Niederlage von 1918 bis zum Vertrag von Sèvres (1920), der
Anatolien unter den Entente-Mächten aufstückelte sowie den
Kurden und den Armeniern ein Staatsgebilde zusprach. In diesen Jahren
haben sich sowohl die Übergangsregierungen in Istanbul wie auch
Kemal Pascha (später Atatürk) zur Schuld einzelner
Jungtürken am
Genozid bekannt, mit dem Hintergedanken, damit Anatolien für die
türkische
Nation retten zu können.
Mit diesem bisher wenig bekannten Aspekt befasst sich detailliert Taner Akçam (Universität Minnesota), einer der wenigen dissidenten türkischen Historiker. Kurz: Die «Schuldfrage» scheiterte an der Haltung der Entente an der Versailler Friedenskonferenz. Dagegen verpassten die Nationalisten um Kemal Pascha, sich von der schweren Hypothek hinsichtlich Menschenrechte und Kriegsverbrechen zu lösen, die Türkei hat es bis auf den heutigen Tag nicht getan, hält Kieser fest.
Der Sammelband bietet eine enorme Fülle an wichtigen
Informationen und Einordnungen sowie an ideologischen und historischen
Erörterungen, die über die Genozide an Armeniern und Juden
weit hinausgehen.Alles in allem: eine anspruchsvolle und
aufrüttelnde Lektüre auch für Laien, denen das Schicksal
der Armenier nicht gleichgültig ist.
DeutschlandRadio-Online
http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-lit-pol/702.html
Deutschlandfunk:
Politische Literatur
Manuskript vom: 13.1.2003, 19:15
Autor: Lothar Baier
Redaktion: Hermann Theißen
Die Armeniermassaker im Fin
de siècle und die Vernichtung der armenischen Gemeinschaft in
Kleinasien während des Ersten Weltkrieges waren Verbrechen, die
sich tief ins Gedächtnis vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen
einprägten. Eine Generation später geschah mit der Shoah ein
Massenmord, der fortan als Referenz der Unmenschlichkeit im 20.
Jahrhundert galt.
So beginnt das Vorwort
zu dem Band "Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah - The
Armenian Genocide and the Shoah", den Hans-Lukas Kieser und Dominik J.
Schaller im Chronos Verlag, Zürich, herausgebracht haben.
Während der Holocaust bis heute diese Referenzfunktion behalten
hat und mit dem Attribut der Einzigartigkeit belegt wurde, ist der
Genozid an den Armeniern nahezu in Vergessenheit geraten. Diese
historische Amnesie verdankt sich einer Strategie, die die Herausgeber
des Bandes als "politics of uniqueness" bezeichnen, das heißt,
der Doktrin, dass absolut nichts dem Holocaust gleichkommen darf. Zu
den Verdiensten des nun vorzustellenden Bandes
zählt auch, dass seine Autoren sich über das aus der
"Einzigartigkeitsdoktrin" abgeleitete Vergleichstabu hinwegsetzen.
Bald 90 Jahre nach den Ereignissen von 1915 hat der Völkermord an den Armeniern nicht aufgehört, bei Nachkommen der Opfer wie der Täter leidenschaftliche Reaktionen auszulösen. Nachdem im Frühjahr 2002 auf einem Kino-Festival in Toronto der Spielfilm "Ararat" des kanadisch-armenischen Regisseurs Atom Egoyan uraufgeführt worden war und die Presse darüber berichtet hatte, wurden kanadische Redaktionen mit Protestschreiben von türkischer, aber auch armenischer Seite geradezu überschüttet. Während türkische Leser die Thematisierung des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs durch Egoyans Film als Beleidigung der türkischen Nation verurteilten, warfen armenische Leser dem Regisseur und Drehbuchautor vor, in seinem die Übermittlung von Erinnerungen eindrücklich problematisierenden Film nicht eindeutig genug Stellung bezogen zu haben. Die hartnäckige Leugnung des Völkermords durch türkische Regierungspropaganda einerseits und die Anstrengungen der armenischen Diaspora in aller Welt, das armenische Trauma nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, lasten bis heute auf der leidenschaftslosen Auseinandersetzung mit diesem trüben Kapitel orientalisch-europäischer Vergangenheit.
Von der Verfolgung und Ermordung der Armenier, heißt es vielfach in der einschlägigen Hitler-Literatur, habe Hitler von einem bereits 1920 in die NSDAP eingetretenen ehemaligen bayerischen Kavallerieoffizier erfahren, Erwin von Scheubner-Richter, der während des Ersten Weltkriegs als Vizekonsul in der osttürkischen Stadt Erzurum amtiert hatte. An diesem Bild bringt der Band Retuschen an. Hinter dem Nazi der ersten Stunde, der bei Hitlers Putschversuch vom 9. November 1923 in München von der Polizei erschossen wurde und deshalb später als kleiner Märtyrer der "Bewegung" gelten durfte, lässt eine Studie des Historikers Hilmar Kaiser eine politisch und moralisch schillernde, doch im herkömmlichen Sinn nicht unbedingt als reaktionär einzustufende Gestalt erkennen. Dieser Vizekonsul zählte zu den wenigen in der Türkei stationierten Diplomaten des Kaiserreichs, die sich von bündnispolitischen Rücksichten nicht daran hindern ließen, gegenüber dem Auswärtigen Amt in Berlin die vom türkischen Kriegsalliierten an der armenischen Zivilbevölkerung begangenen Verbrechen anzuprangern. Scheubner-Richter ging sogar soweit, mit Hilfe seiner kleinen militärischen Eskorte armenischen Deportierten Schutz zu gewähren und sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Einen künftigen Frühnazi würde man in dem Mann kaum vermuten.
Eine solch offen
pro-armenische Haltung war im deutschen Kaiserreich eher
ungewöhnlich. Mochten die Armenier auch eine christliche
Minorität bilden in einem muslimisch dominierten osmanischen
Reich, reichstreuen Deutschen erschienen sie dennoch als unsichere
Kantonisten, denen die Türken zu Recht misstrauten. Als im Gefolge
der Berliner Konferenz frischgebackene Kolonialmacht
begann das Deutsche Reich sich im späten 19. Jahrhundert mit
anderen
Kolonialreichen zu identifizieren und, wie die brutale Niederschlagung
des Hereroaufstands im Süden Afrikas zeigt, sich am harten
Vorgehen
anderer gegen ethnische oder religiöse Minderheiten ein Beispiel
zu nehmen. Die noch von Sultan Abdulhamid II zu verantwortenden
Schlächtereien, denen 1895 und 1896 schätzungsweise 100.000
Armenier zum Opfer fielen, lösten in Deutschland keine
übermäßige Empörung aus. Besonders aufschlussreich
in diesem Zusammenhang liest sich in
dem Band die Studie, die Hans-Walter Schmuhl dem Liberalen Friedrich
Naumann gewidmet hat, einem ausgewiesenen Orient- und
Türkeikenner, der zu den Begleitern Wilhelms des Zweiten auf
dessen Nahostreise 1898 zählte. In einem seiner Reisebriefe
zitierte Naumann durchaus zustimmend die Meinung eines deutschen
Töpfermeisters aus Konstantinopel:
Ich bin ein Christ
und halte die Nächstenliebe für das erste Gebot, und ich
sage, die Türken haben Recht getan, als sie die Armenier
totschlugen. Anders kann sich der Türke vor dem Armenier nicht
schützen, von dem seine Noblesse, Trägheit und
Oberflächlichkeit auf das Unverantwortlichste ausgenützt
wird. Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt.
In späteren Jahren hat der von Max Weber geistig stark beeinflusste Naumann seine an Karl Mays Aversion erinnernde schroffe Ablehnung der Armenier und ihrer Interessen nuanciert, dem armenischen Volk sogar die Fähigkeit zur Staatsbildung zuerkannt, doch ließ sich der bis heute als Säulenheiliger des deutschen Liberalismus verehrte Friedrich Naumann selbst von den noch frischen Nachrichten über den Völkermord an den Armeniern von 1915 und 1916 im April 1917 nicht davon abhalten, bei der Grundsteinlegung für ein deutsch-türkisches Freundschaftshaus in Konstantinopel die Festrede zu halten. Deren Titel "Einheit und Fortschritt, unsere gemeinsame Losung" bezog sich ausgerechnet auf den Namen "Komitee Einheit und Fortschritt", den sich die 1913 durch einen Putsch an die Macht geratene jungtürkische Junta gegeben hatte. Aus deren Reihen rekrutierten sich die Anstifter und die Befehlsgeber des im April 1915 angelaufenen Genozids.
Mehrere Aufsätze des Bandes gehen der Genesis des Plans der Auslöschung armenischen Lebens in Anatolien nach. Von einer ausgearbeiteten, ethno-nationalistischen, gar nazi-ähnlichen Ideologie, die in letzter Konsequenz auf die physische Eliminierung nichtmuslimischer und nichttürkischer osmanischer Völker hinauslief, kann demnach auch bei den im Komitee "Einheit und Fortschritt" geheimbundartig organisierten Jungtürken keine Rede sein. Deren harter Kern, erläutert der Herausgeber Hans-Lukas Kieser in seinem minutiös dokumentierten monographischen Beitrag über den türkischen Mediziner Mehmed Reshid, entstammte der medizinischen Akademie der Armee, die naturwissenschaftlich ausgerichtet und deren Unterrichtssprache lange Zeit hindurch, der Tradition der Aufklärung folgend, Französisch war. Der Autor weist überzeugend nach, dass eben die in der Ausbildung vermittelte, moderne positivistische Konzeption von Gesellschaft und Natur die Absolventen der osmanischen Ärzteschule sehr empfänglich machte für die Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa umlaufenden Ideen einer heilbringenden sozialen und nationalen Hygiene. Als das Osmanische Reich sich unübersehbar zu zersetzen begann und der Erste Weltkrieg auch das anatolische Kernland zu erreichen drohte, wurde aus dem bis dahin mit der Bekämpfung der Syphilis befassten Volkshygieniker Dr. Mehmed Reshid ein Säuberer der Nation von als gefährlich eingeschätzten ethnischen Keimen.
1915 von der
jungtürkischen Junta zum "Vali", zum Gouverneur der
ostanatolischen Stadt Diarbakir, ernannt, mauserte sich der Arzt Dr.
Reshid im Handumdrehen zum Organisator des Massenmords. 120.000
armenische Bewohner dieser Provinz wurden unter dem Oberbefehl des
Mediziners abgeschlachtet oder in Richtung mesopotamische Wüste
deportiert, was in den meisten Fällen bedeutete, dem Hungertod
preisgegeben. Selbst der deutsche Botschafter in Konstantinopel zeigte
sich von dem brutalen Vorgehen des türkischen Gouverneurs
derart überrascht, dass er glaubte, Reichskanzler Bethmann-Hollweg
im Juli 1915 davon in Kenntnis setzen zu müssen:
Seit Anfang dieses
Monats hat der Vali von Diarbakir, Reshid Bey, mit der systematischen
Ausrottung der christlichen Bevölkerung seines Bezirks begonnen,
ohne zwischen Rasse und Herkunft zu unterscheiden.
In sozialpsychologischer Hinsicht liegt der Fall des Mediziners Reshid nahe an den späteren Fällen der Nazi-Mediziner und akademisch ausgebildeten Chefs der SS-Einsatzgruppen. Solche Formähnlichkeiten machen aus den jungtürkischen Tätern - wie dem Hauptverantwortlichen, dem 1921 in Berlin von einem armenischen Studenten erschossenen ehemaligen Innenminister Talaat - jedoch noch keine Proto-Nazis. In dem vorliegenden Band ziehen mehrere Autoren Parallelen nicht zwischen dem armenischen Völkermord und der nationalsozialistischen "Endlösung", sondern zwischen Armeniermord und der aktiven Teilnahme von Ländern wie Ungarn und Rumänien während des Zweiten Weltkriegs an der Vernichtung der Juden. Der Vergleich ist deshalb interessant, weil er die rein ideologischen oder auch pathologischen Motive wie im deutschen Fall zurücktreten lässt hinter außenpolitischem Opportunismus und ökonomischem Kalkül. In seinem "Nationsbildung im Krieg" überschriebenen Beitrag definiert der deutsche Historiker Christian Gerlach die Ausrottung der Armenier als "Massenraubmord", weil er aufgrund seiner profunden Quellenkenntnis nachweisen kann, dass es den jungtürkischen Tätern und den sie stützenden bourgeoisen Schichten vor allem auch darum ging, die lästige Konkurrenz zahlloser markterfahrener armenischer Kleinhändler loszuwerden und sich gleichzeitig deren Besitz anzueignen.
Ein ganz besonders trübes, in diesem Band ausführlich dokumentiertes Kapitel betrifft das Verhalten der Großmächte, und zwar nicht nur des Deutschen Reichs. Die französische Kriegsmarine hat durchaus, wie Franz Werfel in seinem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" wahrheitsgemäß berichtet, 1915 im Golf von Alexandrette armenische Überlebende in Sicherheit gebracht, doch nach Ende des Krieges änderte sich schleichend die Haltung der ehemaligen Kriegsgegner der Türkei. Bei der Konferenz von Lausanne 1923, auf der die ethnische Säuberung des neuen Nationalstaats Türkei international abgesegnet wurde, kam der Mord an den Armeniern nicht zur Sprache. Auf Druck der kemalistischen türkischen Regierung säuberte später der US-amerikanische Verleger Werfels aus dem ursprünglich 1933 in Wien bei Zsolnay erschienenen Roman alle als anti-türkisch gebrandmarkten Passagen hinaus.
Seit der Kalte Krieg nach 1947 aus der Türkei den Sperriegel zwischen Ost und West gemacht hat, verschlechterte sich die Erinnerungslage weiter: Niemand wollte, kaum 50 Jahre nach den Ereignissen, mehr erwähnen, dass diese als Bastion gegen den sowjetischen Freiheitsfeind aufgebaute NATO-Türkei den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts organisiert hatte. In Zusammenhang mit dem politisch motivierten Verschweigen steht die Serie von Attentaten, die in den siebziger Jahren von armenischen Terrorgruppen gegen türkische Diplomaten in aller Welt verübt wurde. Das dadurch geschaffene Aufsehen hielt jedoch nicht lange an. Die beiden Herausgeber Kieser und Schaller heben in ihrem ausgezeichneten Einleitungsaufsatz "Völkermord im historischen Raum" hervor, dass heute die strategischen Interessen der USA die türkisch-armenische Erinnerungspolitik mehr als jemals zuvor bestimmen. Selbst in die Konzeption des von aller Welt bewunderten Holocaust-Museums in Washington haben sie Eingang gefunden - eine von Professor Kevork Bardakjan, University of Michigan, erarbeitete ständige Ausstellung über den Armeniermord wurde auf Druck der federführenden und natürlich turkophilen Kongressmehrheit aus dem Konzept entfernt. Perverserweise folgt auch der Staat Israel, militärstrategisch mit der Türkei verbandelt, der selben opportunistischen Linie.