Vorwort von/ Preface of

Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah
The Armenian Genocide and the Shoah

Zürich: Chronos, 2002


Bestellung/Order  - Buch/Book - Inhaltsverzeichnis/Contents - Besprechungen/Reviews - Projektseite/Project page


Die Armeniermassaker im Fin de siècle und die Vernichtung der armenischen Gemeinschaft in Kleinasien während des Ersten Weltkrieges waren Verbrechen, die sich tief ins Gedächtnis vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen einprägten. Eine Generation später geschah mit der Shoah ein Massenmord, der fortan als Referenz der Unmenschlichkeit im 20. Jahrhundert galt. Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz notierte sich kurz vor seinem Tod im Jahre 1945: «Jene Armeniergreuel erinnern mich heute, da sie wieder vor mir aufsteigen, stark an die des Nationalsozialismus, welche in den Tagen, wo ich dies schreibe, durch die geschehenen Enthüllungen die Welt erschüttern. Es besteht hier ein bedeutsamer Zusammenhang.» Das vorliegende Buch geht diesem Zusammenhang nach.

Die Epoche, der sich dieser Band widmet, begann um die Jahrhundertwende mit den als Zäsur wahrgenommenen Armenierpogromen und mit dem Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika; sie dauerte mit starken Kontinuitäten bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Erste Weltkrieg wurde zu Recht als «die grosse, ausschlaggebende Katastrophe»[1] des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Dies gilt besonders dann, wenn man den Nahen Osten mit ins Zentrum «Allgemeiner Geschichte» rückt. Der Völkermord in Kleinasien und die Shoah sind je die markanten Spitzen der Menschenfeindlichkeit, die in den beiden Weltkriegen zu Tage trat.

Auschwitz wurde zum Symbol einer Industrie des Todes. Auf Grund bedenkenswerter geopolitischer Konstellationen geriet der Völkermord an den Christen Kleinasiens in den Jahren 1915/16 – der «Holocaust vor dem Holocaust», wie Wiesel ihn nannte –[2] nicht nur in Vergessenheit, sondern wurde vom öffentlichen Gedenken und der universitären Forschung weitgehend ausgespart. Versperrt blieben damit Einsichten in übergreifende Zusammenhänge und den Beginn einer umfassenden Ära von Vertreibung und Genozid in Europa und im Nahen Osten.

Was die Türkei betrifft, hat ihre classe politique nach geschehener Tat so getan, als sei die Frage nach den Armeniern anachronistisch. «Die Frage ist erledigt, es gibt keine Armenier mehr», zitierte der deutsche Botschafter Bernstorff den Grosswesir Talat Pascha.[3] Seit Ende des 20. Jahrhunderts mehren sich die Stimmen türkischsprachiger Intellektueller, die zwischen den inneren Problemen der Türkei, ihrer «Europatauglichkeit» und der verdrängten «Sünde» (Bernstorff) einen relevanten Zusammenhang erkennen. Der Westen seinerseits bleibt mit der Gewissenfrage konfrontiert, weder das Mögliche zur Verhinderung noch das Notwendige zur Anerkennung und Ächtung getan zu haben. Die Frage stellt sich umso beharrlicher, als die Rationalität jenes ungesühnten Mordes dank der impliziten Legitimierung im Vertrag von Lausanne zum Paradigma gewaltsamer nationalistischer Homogenisierungspolitik wurde.

Der vorliegende Band ist das Resultat eines Teilprojektes des Lehr- und Forschungsauftrages von Hans-Lukas Kieser über moderne nahöstliche Geschichte an der Universität Zürich, das verdankenswerterweise vom Zürcher Universitätsverein finanziert wird. Das Teilprojekt mit dem Titel «Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah» wurde tatkräftig mitgetragen von Dominik Schaller, dem Initiator der Arbeitsgruppe für Genozidforschung an der Universität Zürich.[4] Für kritische Lesungen und Rückmeldungen zu den Texten dieses umfangreichen Bandes danken die Herausgeber herzlich Vivianne Berg, Shelley Berlowitz, Rupen Boyadjian, Monika Bucheli, Annette Schaefgen und ganz besonders dem aufmerksamen Vielleser Michel Glaubauf.


[1] Vgl. Kennan, George F., The decline of Bismarck's European order: Franco-Russian relations, 1875–1890, Princeton (N.J.) 1979, S. 3.
[2] «Le crime de l'oubli», Elie Wiesels Vorwort zu Werfel, Franz, Les 40 jours du Musa Dagh, traduit de l'allemand, Paris: Albin Michel, 1986, S. 7.
[3] Bernstorff, Johann Heinrich, Erinnerungen und Briefe, Zürich 1936, S. 127 und 130. Analoge Aussagen osmanischer Verantwortlicher schon im Spätsommer 1915, siehe Lepsius, Johannes, Deutschland und Armenien 1914–1918. Sammlung diplomatischer Aktenstücke, Potsdam 1919, S. 142 und 146 f.
[4] Vgl. http://www.hist.net/ag-genozid und http://www.hist.net/kieser/aghet.


© 1998-2002 webmaster@hist.net
28.10.2002