Vorwort von/ Preface of
Die Armeniermassaker im Fin de siècle und die Vernichtung der
armenischen Gemeinschaft in Kleinasien während des Ersten Weltkrieges
waren Verbrechen, die sich tief ins Gedächtnis vieler Zeitgenossinnen
und Zeitgenossen einprägten. Eine Generation später geschah mit
der Shoah ein Massenmord, der fortan als Referenz der Unmenschlichkeit im
20. Jahrhundert galt. Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz notierte sich
kurz vor seinem Tod im Jahre 1945: «Jene Armeniergreuel erinnern mich
heute, da sie wieder vor mir aufsteigen, stark an die des Nationalsozialismus,
welche in den Tagen, wo ich dies schreibe, durch die geschehenen Enthüllungen
die Welt erschüttern. Es besteht hier ein bedeutsamer Zusammenhang.»
Das vorliegende Buch geht diesem Zusammenhang nach.
Die Epoche, der sich dieser Band widmet, begann um die Jahrhundertwende
mit den als Zäsur wahrgenommenen Armenierpogromen und mit dem Völkermord
an den Herero in Deutsch-Südwestafrika; sie dauerte mit starken Kontinuitäten
bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Erste Weltkrieg wurde zu Recht als «
die
grosse, ausschlaggebende Katastrophe»
[1]
des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Dies gilt besonders dann, wenn man den Nahen
Osten mit ins Zentrum «Allgemeiner Geschichte» rückt.
Der Völkermord in Kleinasien und die Shoah sind je die markanten Spitzen
der Menschenfeindlichkeit, die in den beiden Weltkriegen zu Tage trat.
Auschwitz wurde zum Symbol einer Industrie des Todes. Auf
Grund bedenkenswerter geopolitischer Konstellationen geriet der Völkermord
an den Christen Kleinasiens in den Jahren 1915/16 – der «Holocaust
vor dem Holocaust», wie Wiesel ihn nannte –
[2]
nicht nur in Vergessenheit, sondern wurde vom öffentlichen Gedenken
und der universitären Forschung weitgehend ausgespart. Versperrt blieben
damit Einsichten in übergreifende Zusammenhänge und den Beginn
einer umfassenden Ära von Vertreibung und Genozid in Europa und im Nahen
Osten.
Was die Türkei betrifft, hat ihre
classe politique nach geschehener
Tat so getan, als sei die Frage nach den Armeniern anachronistisch. «Die
Frage ist erledigt, es gibt keine Armenier mehr», zitierte der deutsche
Botschafter Bernstorff den Grosswesir Talat Pascha.
[3]
Seit Ende des 20. Jahrhunderts mehren sich die Stimmen türkischsprachiger
Intellektueller, die zwischen den inneren Problemen der Türkei, ihrer
«Europatauglichkeit» und der verdrängten «Sünde»
(Bernstorff) einen relevanten Zusammenhang erkennen. Der Westen seinerseits
bleibt mit der Gewissenfrage konfrontiert, weder das Mögliche zur
Verhinderung noch das Notwendige zur Anerkennung und Ächtung getan
zu haben. Die Frage stellt sich umso beharrlicher, als die Rationalität
jenes ungesühnten Mordes dank der impliziten Legitimierung im Vertrag
von Lausanne zum Paradigma gewaltsamer nationalistischer Homogenisierungspolitik
wurde.
Der vorliegende Band ist das Resultat eines Teilprojektes
des Lehr- und Forschungsauftrages von Hans-Lukas Kieser über moderne
nahöstliche Geschichte an der Universität Zürich, das verdankenswerterweise
vom Zürcher Universitätsverein finanziert wird. Das Teilprojekt
mit dem Titel «Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah»
wurde tatkräftig mitgetragen von Dominik Schaller, dem Initiator der
Arbeitsgruppe für Genozidforschung an der Universität Zürich.
[4]
Für kritische Lesungen und Rückmeldungen zu den Texten dieses umfangreichen
Bandes danken die Herausgeber herzlich Vivianne Berg, Shelley Berlowitz,
Rupen Boyadjian, Monika Bucheli, Annette Schaefgen und ganz besonders dem
aufmerksamen Vielleser Michel Glaubauf.
[1]
Vgl. Kennan, George F.,
The decline of Bismarck's European order: Franco-Russian
relations, 1875–1890, Princeton (N.J.) 1979, S. 3.
[2]
«Le crime de l'oubli», Elie Wiesels Vorwort zu Werfel, Franz,
Les 40 jours du Musa Dagh, traduit de l'allemand, Paris: Albin Michel,
1986, S. 7.
[3]
Bernstorff, Johann Heinrich,
Erinnerungen und Briefe, Zürich
1936, S. 127 und 130. Analoge Aussagen osmanischer Verantwortlicher schon
im Spätsommer 1915, siehe Lepsius, Johannes,
Deutschland und Armenien
1914–1918. Sammlung diplomatischer Aktenstücke, Potsdam 1919,
S. 142 und 146 f.
[4]
Vgl. http://www.hist.net/ag-genozid und http://www.hist.net/kieser/aghet.
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28.10.2002