Historisches Seminar der Universität Zürich:
Forschungs-, Austausch- und Publikationsprojekt

Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah

 

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Leitgedanken und Thesen



Einleitende Bemerkungen:

Der Völkermord an den Armeniern wie auch die Shoah müssen in einer Gesamtschau, d. h. im Kontext eines spezifischen historischen Raums betrachtet werden, der räumlich Europa und den Nahen Osten umfasst und ideologisch durch eine sozialdarwinistische, rassistische Weltsicht charakterisiert wird. Es entspricht nicht der Zielsetzung des Projekts, einzig einen strukturellen Vergleich zwischen dem Völkermord an den Armeniern und der Shoah anzustellen, vielmehr sollen mittels eines historisierenden Ansatzes politische, ideologische und ökonomische Verknüpfungen und Verbindungslinien aufgezeigt werden. Der Vergleich mit Verbrechen des Bolschewismus ("Klassenmord") gehört nicht zum Projekt. Eine weitere Intention stellt die Anwendung von Fragestellungen und Methoden, welche sich in letzter Zeit bei der Erforschung des Mordes an den Juden Europas als fruchtbar erwiesen haben, auf den Völkermord an den Armeniern dar. Die These von der Einzigartigkeit der Shoah im Sinne eines geschichtlichen Bruches ist unhistorisch. Der deutsche Historikerstreit in den 1980er Jahren namentlich ist dem Völkermord an den Armeniern, der als Argument der Debatte wiederholt auftauchte, nicht gerecht geworden, indem er - germano- und eurozentrisch - diesen vorgängigen, noch nicht als Kulturschock rezipierten Zivilisationsbruch als “asiatische Grausamkeit” missverstand.

Thesen:

1. Missglückte pluralistische Gleichstellung
Die Auflösung religiös begründeter Hierarchien wie der Übergang vom Universalreich hin zum modernen Rechtsstaat erwiesen sich im osmanischen aber auch im deutschen Reich als problematisch. Ausgehend von den Prinzipien der Aufklärung verwirklichten die westeuropäischen Staaten im 19. Jahrhundert in ihrem Innern die rechtliche Gleichstellung aller, auch der Juden. Unter westlichem Druck unternahm auch das osmanische Reich in seiner Reformphase (sog. Tanzimat 1839-76) und nach der jungtürkischen Revolution 1908 entsprechende Schritte. In Europa wie in der Türkei opponierten indessen religiöskonservative Kreise, welche der ursprünglichen Gesellschaftshierarchie anhingen, und nationalistische Gruppen, welche religiöse Werturteile säkularisierten, gegen die den ethnoreligiösen Minderheiten verliehenen liberalen Rechte.

2. Die religiöse Minderheit als Rasse- und Klassenfeind
Dieser Leitgedanke thematisiert die Umwandlung alter religiöser Vorurteile in aggressive Klischees von Rassen und Klassen:
In anti-internationalistischer Umdeutung und nationalistischer Verengung nahm die jungtürkische Partei "Einheit und Fortschritt" eine Generation früher als die Nationalsozialisten sozialrevolutionäres Gedankengut in Anspruch, das sie der französischen Revolution und der kommunistischen Bewegung entlehnte. In der Tat wurden zunächst die Armenier, anschliessend die Juden zu Hauptschuldigen jener Krisen gemacht, denen das Osmanische Reich seit dem Fin de siècle und Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg ausgesetzt waren. “Politische Illoyalität”, “wirtschaftliches Schmarotzertum” und “internationale Vernetzung”, welche die Schaffung eines soliden ”Volkskörpers” behindern würden, hiessen gleichlautend die an sie adressierten Vorwürfe. Für die Ausbildung des Feindbildes spielten indes die unterschiedliche Religion und die starke gemeinschaftliche Selbstorganisation eine zentrale Rolle. Für die dem Genozid vorangehende demographische Selektion waren religiöse Kriterien massgeblich. Von daher drängt sich der Schluss auf, dass die religiöse Emanzipation des Fin de siècle keine gesellschaftliche Überwindung der Religion, sondern eine Verdrängung, Umwandlung und Verinnerlichung religiöser Kategorien zur Folge gehabt hatte. Das Denken der Alterität wurde biologisiert, industrialisiert und der Humanität beraubt. So entstand Raum für kollektive Vernichtung.

3. Angst vor Untergang und Denken der Vernichtung
Die Diskrepanz zwischen historisch gefärbten Weltmachtphantasien und dem Trauma von Verlust und Niederlage prägte die jungtürkischen Eliten des Fin de Siècle ebenso wie - eine knappe Generation später - die alldeutschen Vetreter der Erste Weltkriegs-Generation in Deutschland. Angesichts der Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit wurde für sie die Rettung von Reich und Vaterland zur Obsession. Unter Rettung verstanden sie politische Machterhaltung, Durchsetzung oder Wahrung der eigenen gesellschaftlichen Vormachtstellung sowie die Eindämmung “nichtnationalen” (“undeutschen” bzw. nichtmuslimischen und nichttürkischen) Einflusses im Innern und von Aussen. Entsprechend ihrer Interpretation der eigenen historischen Naherfahrung galt ihnen Gewalt als notwendiges Mittel zum Zweck, nämlich der Neuauflage imperialer Grösse in modernem, “fortschrittlichem” Gewand. Gewalt umfasste eine weites Spektrum, das von Krieg und Beseitigung von politischen Gegnern oder “Verrätern” in den eigenen Reihen bis zu wirtschaftlichem Boykott der Minderheiten, deren Plünderung und Ermordung reichte.

4. Fortschritts- und Darwinismusgläubigkeit
Das Verhältnis zur Gewalt wurde entscheidend von sozialdarwinistischen Vorstellungen geleitet. Dies galt für die Eliten in Europa ebenso wie für diejenigen im Nahen Osten, die ihre Ausbildung entweder in Europa oder von westlichen Ideen dominierten Institutionen der Levante absolvierten. Für das Überleben der eigenen “Nation” oder “Rasse” einen Kampf auf Leben und Tod auszufechten galt nicht nur als legitim, sondern als Pflicht. Die Ausbildung eines sozialtechnologisch-biologistischen Diskurses mit politischer Wirkkraft war das Ergebnis von Interaktion, nicht eines einseitigen Transfers aus Europa in die Türkei. Dieser Diskurs wurde zur Zeit der jungtürkischen Einparteiendiktatur (1913-18) innenpolitisch operabel. Sie betrieb im Ersten Weltkrieg die Vertreibung und Ausrottung der Armenier als Teil einer umfassenden ethnischen Homogenisierungspolitik. Damit sollte Kleinasien als "nationales" (muslimisches und türkisches) Gebiet "bereinigt" und die Grundlage für einen "modernen", unitären Staat gelegt werden. Im Deutschland der Zwischenkriegszeit schritt die Biologisierung des Denkens weiter fort und erfasste während der nationalsozialistischen Herrschaft - im Unterschied zur Türkei vor 1918 - breite Kreise.

5. Der Zusammenhang von ideologischem Einparteienregime, Weltkrieg und Genozid
Der enge Zusammenhang von Einparteienregime, “Staatsräson”, Weltkrieg und Genozid verbindet den Völkermord an den Armeniern mit der Shoah. Rationale Faktoren spielten eine wichtige Rolle im Weltbild der Täter, die Krieg und Genozid als legitime ultima ratio der Politik betrachteten. Der eigentliche Völkermord wurde im engen Kaderkreis einer totalitär herrschenden Partei (jungtürkische Partei "Einheit und Fortschritt" bzw. NSDAP) konzipiert. Er begann in beiden Fällen nach einer missglückten, weltanschaulich motivierten Offensive gegen Russland bzw. die Sowjetunion, und zwar mit der Liquidation von mutmasslichen armenischen beziehungsweise jüdischen Partisanen in russischen Diensten. Die Präsenz von Kaukasusarmeniern respektive von jüdischen Politkommissaren in der russischen Armee legte den Trugschluss der kollektiven “fünften Kolonne” nahe. In beiden Fällen hatte die vorgängige Propaganda dafür gesorgt, nahtlos den Schritt zur “Endlösung” - ein Begriff, den schon Zeitzeugen des armenischen Völkermordes gebrauchten - zu tun.

6. Paradigma und Verknüpfungslinien
Gemeinsam und direkt vergleichbar ist der entmenschlichte sozialtechnologische Hintergrund, auf dem der Mord an den Armeniern und der Mord an den Juden vorangetrieben wurde. Die erfolgreiche und nachhaltige völkische Umgestaltung Kleinasiens 1915-1923 bildete für mitteleuropäische Eliten ein beeindruckendes Paradigma der Beseitigung ethnischer Probleme, das von ehemaligen “Asienkämpfern” innerhalb der NSDAP verinnerlicht und “heimgetragen” worden war. Es muss zusammen gesehen werden mit genuin europäischen und deutschen Entwicklungslinien, z. B. der Euthanasie- und Lebensraumdiskussion sowie Umsiedlungsplänen aus dem Ersten Weltkrieg im polnischen Grenzgebiet. Zu betonen ist im weiteren das Modell, das der Vertrag von Lausanne (1923) nicht nur für mitteleuropäische Nationalisten, sondern 1945 auch für Churchill und Roosevelt als internationale Regelung von Bevölkerungstransfers darstellte. In der Realität bedeutete dies immer auch die nachträgliche Gutheissung von mörderischen Vetreibungen.

7. Raubzug
Eine wichtige Motivation der Täterinnen und Täter im Rahmen der Shoah wie des armenischen Völkermords war die materielle Bereicherung im weitesten Sinn: für lokale Täter zählte individuelles Raubgut, für den Staat, den Hauptnutzniesser, der Gewinn für die “Nationalwirtschaft”, welche die Auszuschliessenden enteignete. Sie wertete dagegen die Machtträgerschaft - Arier bzw, muslimische Türken - auf, indem diesen systematisches “verlassenes Gut”, insbesondere Grundbesitz, Geschäfte, Fabriken und Häuser übertragen wurden. Vor seiner Vertreibung oder Ermordung galt es, den Auszustossenden auszurauben und, selektiv, seine Arbeitskraft auszubeuten.

8. Die Nachgeschichte und die Rezeption im 20. Jahrhundert
Während an der Faktizität der Shoah nicht gezweifelt wird, leugnet die offizielle Türkei den Völkermord an den Armeniern nach wie vor. Nur wenige Nationalparlamente haben die Auslöschung der Armenier Anatoliens als Genozid anerkannt, zu gross ist die Furcht der westlichen Staatenwelt, den wichtigen Wirtschafts- und Bündnispartner Türkei mit den schwarzen Flecken seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Auch die israelische Regierung scheut davor zurück, den Völkermord an den Armeniern als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bezeichnen. Einerseits ist die Türkei Israels strategischer Verbündeter in der Region, mit dem Wasser- und Waffengeschäfte getätigt werden, andererseits soll derart an der These von der Einzigartigkeit der Shoah festgehalten werden, welche sich in moralisches und politisches Kapital transformieren lässt. Anders als die Shoah hat der Völkermord an den Armeniern nicht Eingang in den Schulunterricht gefunden. Die internationale Türkei- und Nahostwissenschaft hat ihn bis Ende des 20. Jahrhunderts tabuisiert.

9. Epochenbegründung
Die anhaltende Auseinandersetzung mit dem ungeheuren Verbrechen von Auschwitz hat in Europa Kräfte der Neubesinnung freigelegt und, nach einem Jahrhundertdrittel europäischer Selbstzerfleischung 1912-45, zum innovativen gemeineuropäischen Weg beigetragen. Der Zweite Weltkrieg mit der Shoah in seinem Zentrum wurde zur Begründung einer neuen Epoche, deren “Passionsgeschichte” Europa mit einer aktiven Erinnerungsarbeit im Bewusstsein behält. Notwendigerweise gehört dazu die sorfältige Aufarbeitung grosser und kleiner Untaten im Kontext der Shoah. Im Widerspruch dazu verdrängt die westliche Welt aus politischem Opportunismus den Völkermord an den Armeniern, der eine Generation vor der Shoah eine Ära von Vertreibung und Genozid einläutete und Europas ethisches Scheitern drastisch offenbarte (die europäischen Grossmächte hatten seit 1878 wiederholt offiziell Verantwortung in der Armenierfrage übernommen, und Deutschland war Bündnispartner des für das Verbrechen verantwortlichen Regimes). Dieser Ethno- und Eurozentrismus widerspricht den universalen Werten, auf die sich Europa nach Auschwitz neu besonnen hat. Der kategorische Imperativ, Völkermord und Vertreibung aufzuarbeiten und zu ächten, gilt auch für den Nahen Osten.

 

 

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30. 10. 2001