SGMOIK/SSMOCI
(Schweizerische Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen/ Société Suisse Moyen Orient et Civilisation Islamique) and Basel University, Department of Islamic Studies, Europainstitut  and Department of History


Turkey: towards post-nationalism? / Türkei – Emanzipation vom Nationalismus?

Conference in Basel 14-16 October 2004

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Forum: preliminary short papers


Der Massenmord an den Armeniern von 1915/16 im Spiegel der türkischen Presse

Seyhan Bayraktar
Universität Konstanz


Im Vordergrund des Papiers steht die problematische Beziehung der Türkei zu ihrer Geschichte der Jahre 1915/16. In dieser Zeit kamen in Folge der in der Türkei noch heute so genannten kriegsbedingten ‚Zwangsumsiedelungspolitik’ (tehcir
) des jungtürkischen Regimes hundert Tausende von Armeniern ums Leben. Nicht-Thematisierung und Schweigen haben dabei zunächst die öffentliche Auseinandersetzung der Türkei mit ihrer Geschichte maßgeblich beherrscht. Allerdings sind von Zeit zu Zeit auch scharfe öffentliche Abwehrreaktionen zu beobachten, etwa wenn sich die Türkei mit der in der westlichen Literatur und Politik vorherrschenden Meinung konfrontiert sah, dass es sich bei den Ereignissen von 1915/16 um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts gehandelt habe.[1] Die spezifische Form und der Verlauf des öffentlichen Umgangs mit dem Massenmord an den osmanischen Armeniern – Nicht-Thematisierung, Verschleierung oder ideologische Umdeutung – sind bislang in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung aber kaum systematisch untersucht worden.[2]

Das Papier setzt hier an. Anhand eines spektakulären Vorfalls in Los Angeles im Jahre 1973, als ein 77-jähriger armenischer Überlebender der Massendeportationen zwei türkische Diplomaten erschoss, wird die Rezeption des Attentats in führenden türkischen Tageszeitungen, namentlich in der Hürriyet (Freiheit), Cumhuriyet (Die Republik) und Milliyet (Nationalität), untersucht. Der Anschlag löste die erste größere öffentliche Auseinandersetzung in der Türkei mit der nationalen Vergangenheit seit den 1920er Jahren aus und beherrschte zeitweise die Medienagenda des Landes.

Die zentrale Fragestellung der Untersuchung lautet:

  • welche diskursiven Deutungsmuster lassen sich im Kontext des aktuellen Attentats in den ausgewählten Printmedien abbilden?
  • auf welche Vorstellungen der nationalen Vergangenheit lassen sie schließen?


Die Methodik basiert auf einer inhaltsanalytischen Auswertung relevanter Artikel, die zwischen dem 29. Januar und dem 4. Februar 1973 in den erwähnten Tageszeitungen erschienen, wobei eine deduktiv-induktive Verfahrensweise ausgewählt wurde.
[3]

Der theoretische Rahmen der Arbeit, auf dessen Grundlage die Hauptkategorien für die Analyse der Presseberichterstattung gewonnen wurden, geht auf Arbeiten zum Phänomen des kollektiven Gedächtnisses zurück. Diese geben Aufschluss über den Zusammenhang von Erinnerung und kollektiver Identität sowie die Rolle, die Kommunikation und moderne Medien dabei spielen.[4] Neben gedächtnistheoretischen Arbeiten wurde in der Untersuchung auf Ansätze aus der Sozialpsychologie über die Entstehung sozialer Identitäten gegriffen, die Aussagen über die motivationalen und kognitiven Mechanismen bei der Entstehung kollektiver Identitäten machen.[5] Anhand dieser beiden Theoriestränge wurde ein zweidimensionales Kategorienschema entwickelt, das im Laufe der Auswertung der Pressetexte ausdifferenziert und verfeinert wurde. Bei den aus der Theorie gewonnen zwei Diskursdimensionen handelt es sich um “Erinnern oder Vergessen?” und “Wir – Sie Gegensatz”.

Im Hinblick auf die Bedeutung der Diskursdimension “Erinnern oder Vergessen?” wurden die Pressetexte in erster Linie hinsichtlich der Frage untersucht, wie auf den realhistorischen Hintergrund des Attentats eingegangen wurde und welche Vorstellungen der nationalen Vergangenheit in Form von Mythen vermittelt wurden. Die Auswertung zeigte, dass der Diskurs in den Medien zum einen Versuche der Verschleierung und Rechtfertigung des Vorgehens gegen die Armenier widerspiegelte. Zum anderen deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass die Schattenseiten der gemeinsamen Geschichte von Armeniern und Türken als ein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit interpretiert und insofern für ein Vergessen der Geschichte plädiert wurde.

Hinsichtlich der Diskursdimension “Wir-Sie Gegensatz” wurde zunächst untersucht, welche Darstellungsmuster bei der Beschreibung der jeweiligen als In- oder als Out-group perzipierten Gruppe und ihrer Mitglieder dominierten. Insgesamt wurde dabei eine scharfe positiv-negativ-Kontrastierung deutlich, die sich in dem Täter-Opfer Gegensatz einerseits und der Diaspora Armenier und Armeniern in der Türkei Unterscheidung andererseits widerspiegelte.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind als Ausgangspunkt für weitere systematische Analysen des öffentlichen Umgangs mit dem Massenmord an den Armeniern von 1915/16 gedacht. Dabei wird zu untersuchen sein, wie sich die Deutungsmuster der “Ersten Stunde” der türkischen Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der nationalen Vergangenheit bis in die 1990er Jahre entwickelt haben und welche Varianzen dabei sowohl im Zeitverlauf als auch zwischen den verschiedenen Medienorganen festzustellen sind. Nicht zuletzt spielt die türkische Art der “Vergangenheitsbewältigung” auch in Bezug auf die Frage eines EU-Beitritts der Türkei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Denn eine fortgesetzte abweisende Haltung gegenüber jeglichen Deutungen, die der eigenen türkischen Interpretation entgegenstehen, könnte sich durchaus in Friktionen niederschlagen, die eine Annäherung zwischen der Türkei und der europäischen Staatengemeinschaft behindern könnten.



[1]      Exemplarisch zu erwähnen ist in diesen Zusammenhang die harsche Reaktion der Türkei auf die Resolution der Französischen Nationalversammlung Anfang 2001, in der die Massendeportationen offiziell als Genozid anerkannt wurden. Die türkische Regierung zog den Botschafter aus Paris zurück und der amtierende Ministerpräsident Bülent Ecevit wechselte symbolisch seinen Dienstwagen der Marke Renault. Vgl. “Ankara ruft Botschafter zurück”, in: Süddeutsche Zeitung, 19.01.2001; “Rollender Protest”, in: Süddeutsche Zeitung, 13.2.2001.

[2]      Der Massenmord an den Armeniern ist vor allem in der (vergleichenden) Genozidforschung und im Rahmen historischer Studien untersucht worden. Vgl. einschlägig H. Fein, “A Formula for Genocide: Comparison of the Turkish Genocide (1915) and the German Holocaust (1939-1945)”, in: Comparative Studies in Sociology 1 (1978), S. 271-293; R. Melson, Revolution and Genocide: On the Causes of the Armenian Genocide and the Holocaust, Chicago 1992; R. G. Suny, Looking toward the Ararat: Armenia in Modern History, Bloomington 1993; V. Dadrian, The History of the Armenian Genocide: Ethnic Conflict from the Balkans to Anatolia to the Caucasus, Oxford 1995; R. G. Hovannisian (Hg.), Remembrance and Denial. The Case of the Armenian Genocide, Detroit 1999; H.-K. Kieser/D. Schaller, Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah, Zürich 2002; Allerdings setzt sich keine dieser Studien systematisch mit der spezifisch türkischen Art der Vergangenheitsbewältigung auseinander, obwohl die meisten die Bedeutung der türkischen Haltung zu den historischen Ereignissen betonen. Diese Forschungslücke wird im Rahmen eines Forschungsprojektes am Lehrstuhl für Innenpolitik und Öffentliche Verwaltung an der Universität Konstanz bearbeitet. In dem Projekt steht die öffentliche Auseinandersetzung der Türkei mit der Geschichte der Jahre 1915/16 aus der Perspektive der Annäherung der Türkei und der Europäischen Union im Vordergrund. Die Völkermordfrage war bereits 1987 Gegenstand einer Resolution des Europäischen Parlaments, in dem angeregt wurde, einen möglichen Beitritt der Türkei in die EWG bzw. EG von der Anerkennung des Völkermords an den Armeniern abhängig zu machen. Vgl. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften – C 190 vom 20.7.1987.

[3] Das methodische Vorgehen erfolgte nach den Vorgaben der Grounded Theory nach Glaser und Strauss in B. G. Glaser/L. A. Strauss, The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. New York 1967. P. Mayring, Einführung in die qualitative Sozialforschung, München 1990; K. Merten, Inhaltsanalyse. Eine Einführung in die Theorie, Methode und Praxis, Opladen 1993; W. Früh, Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis, München 1991. M. Schwab-Trap, "Methodische Aspekte der Diskursanalyse. Probleme der Analyse diskursiver Auseinandersetzungen am Beispiel der deutschen Diskussion über den Kosovokrieg" in R. Keller et al (Hrsg.), Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse, Opladen 2003, S. 169-195.

[4]      Vgl. einschlägig M. Halbwachs, Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Frankfurt/M. 1985; ders., Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt/M. 1991. A. Assmann, “Funktionsgedächtnis und Speichergedächtnis – Zwei Modi der Erinnerung”, in: K. Platt/M. Dabag (Hg.), Generation und Gedächtnis. Erinnerungen und kollektive Identitäten, Opladen 1995, S. 169-185. A. Assmann/J. Assmann, “Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis”, in: K. Mertens et al (Hg.), Die Wirklichkeit der Medien, Opladen, 1994, S. 114-140. B. Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London 1991.

[5] Vgl. u.a. H. Tajfel (Hg.), Differentiation between Social Groups. Studies in Social Psychology of Intergroup Relations, London 1978; M.A. Hogg/D. Abrams, “Social Motivation, self-esteem and social identity”, in: D. Abrams/M.A. Hogg (Hg.), Social Identity Theory: Constructive and Critical Advances, Hempstead 1990, S. 28-47; D. Capozza/R. Brown (Hg.), Social Identity Processes. Trends in Theory and Research, Sage 2000. P. J. Oakes/S. A. Haslam/J.C. Turner, Stereotyping and Social Reality, Oxford 1994. B. Giesen, Kollektive Identität. Die Intellektuellen und die Nation, Band II, Frankfurt/M. 1991; derselbe “Voraussetzung und Konstruktion. Überlegungen zum Begriff der kollektiven Identität”, in: C. Bohn/A. Hahn (Hg.), Sinngeneratoren: Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive, Konstanz 2001, S. 91-110.


  7.10.04