Neue Zürcher Zeitung, 03.06.2004, Nr. 126, S. 9
Ausland
it van Gent A.
Der Fall Leyla Zana als Lackmusprobe der Türkei
Demokratische Reformen auf dem Papier - wenig Wirkung in der Praxis
Die türkische Regierung treibt in atemberaubendem Tempo Reformen
voran, damit die Beitrittsverhandlungen mit der EU noch diesen Dezember beginnen
können. Doch die Reformen stossen auf zähen Widerstand, wie der
Fall der kurdischen Abgeordneten Leyla Zana zeigt. Sie werden, wenn überhaupt,
im Schneckentempo umgesetzt.
it. Ankara, Ende Mai
Die türkische Öffentlichkeit ist sich noch immer nicht darüber
einig, ob die Reformen der Regierung unter dem gemässigten Islamistenchef
Erdogan darauf abzielen, dieses Land am Rande Europas und der islamischen
Welt grundlegend zu verändern, oder ob sie nur kosmetische Änderungen
sind, um einen baldigen Beginn von Beitrittsverhandlungen mit der EU zu erreichen.
Kürzlich hat Präsident Sezer ein Paket von zehn Verfassungsreformen
gutgeheissen, die schon fast revolutionär scheinen.
Langer Schatten der Militärherrschaft
Zu diesem Paket gehört der Artikel 10, welcher die Gleichheit von Mann
und Frau garantiert. Die Todesstrafe wird aus dem Grundgesetz gestrichen,
und das Recht der türkischen Generäle, Vertreter der Armeeführung
im Rat der Hochschulen sowie in der Aufsicht der staatlichen Radio- und Fernsehanstalt
einzusetzen, fällt weg. Zudem werden die Sondergerichte abgeschafft.
"Die umstrittenen Staatssicherheitsgerichte sind endlich Vergangenheit",
begrüsste die konservative Tageszeitung "Hürriyet" die Verfassungsänderung.
Die liberale "Milliyet" teilte diese Begeisterung aber nicht: "Nur der Name
ändert sich, die Sondergerichte bestehen weiter", schrieb die Zeitung.
Laut dieser Darstellung werden Sondergerichte auch in Zukunft politische
Fälle behandeln. Weil den Staatssicherheitsgerichten ein allzu schlechter
Ruf anhaftet, sollen die neuen Gerichte künftig "erweiterte Strafgerichtskammern
für schwere Verbrechen" oder ähnlich heissen. Aussenminister Gül
versprach, bei der Gründung der neuen Gerichte die Prinzipien der EU
zu berücksichtigen, ging aber nicht auf Details ein. Reformen als Papiertiger
also?
Die Abschaffung der Staatssicherheitsgerichte stellt für manche Bürger
eine lang ersehnte Rückkehr zum Grundprinzip des Rechtes dar. Erstmals
1973 unter dem Militärregime errichtet, hatten diese Gerichte die Aufgabe,
die politische Opposition zu bestrafen. Tausende von Personen wurden damals
verurteilt, bevor die Sondergerichte 1976 als verfassungswidrig aufgelöst
wurden. Aber nach dem Militärputsch von 1980 führten die Generäle
die Gerichte wieder ein, zunächst in der Form von Militärtribunalen,
dann als Staatssicherheitsgerichte. Sie liessen deren Aufgaben und Kompetenzen
in der Verfassung von 1982 festschreiben. Gemäss Artikel 143 sollten
diese Gerichte Straftaten ahnden, die "gegen die unteilbare Einheit von Staatsgebiet
und Staatsvolk" gerichtet sind oder die "innere und äussere Sicherheit
des Staates betreffen". Es ist unklar, wie viele Personen seit 1982 vor den
insgesamt acht Staatssicherheitsgerichten des Landes erscheinen mussten.
Menschenrechtsorganisationen schätzen ihre Zahl auf weit über eine
halbe Million. Unter ihnen befanden sich prominente Intellektuelle wie der
türkische Schriftsteller Yasar Kemal oder der amerikanische Linguist
Noam Chomsky und ebenso populäre Politiker wie der heutige Regierungschef
Erdogan.
Unbeweglichkeit in der Kurdenfrage
Die sogenannten EU-Reformen der Türkei hatten zur Folge, dass sämtliche
Schriftsteller, Intellektuellen und Politiker im Laufe der letzten Jahre
wieder auf freien Fuss gesetzt wurden. Heute gibt es noch rund 10 000 Häftlinge,
die von Staatssicherheitsgerichten verurteilt wurden. 70 Prozent von ihnen
sind Kurden, die mehrheitlich wegen angeblicher Separatismuspropaganda verurteilt
worden waren. Die übrigen sind Mitglieder linksextremer Organisationen.
Für diese Häftlinge hatte die Abschaffung der Staatssicherheitsgerichte
bisher keinerlei Wirkung. Eigentlich müssten sie auf freien Fuss gesetzt
oder aber ihre Prozesse vor normalen Gerichten wiederholt werden, erläutert
der renommierte Anwalt Yusuf Alatas im Gespräch. Doch das sei nicht
vorgesehen.
Der Jurist Yusuf Alatas, kurdischer Abstammung, beschäftigt sich hauptsächlich
mit Fällen im Verantwortungsbereich der Staatssicherheitsgerichte. Nicht
alle Reformen seien kosmetischer Natur, sagt er energisch. Die Regierung
der gemässigten Islamisten wolle die Machtbefugnisse der türkischen
Generäle im Staat wirklich reduzieren und messe den betreffenden Reformen
auch grosses Gewicht bei. In der Kurdenfrage sei sie jedoch zu ernsthaften
Schritten nicht bereit. Kurdische Radio- und Fernsehprogramme gebe es genauso
wenig wie kurdische Sprachkurse in den Schulen, obwohl die Gesetze diesbezüglich
schon vor acht Monaten verändert worden seien. Schliesslich gebe es
auch jene Bereiche, in denen die Regierung Erdogan eine Änderung herbeizuführen
wünsche, noch aber auf hartnäckigen Widerstand der alten Machtstrukturen
stosse, wie beispielsweise im Fall Leyla Zana.
Neue Zürcher Zeitung, 03.06.2004, Nr. 126, S. 9
Ausland
it van Gent A.
Im Namen der kurdischen Sprache
Leyla Zana ist die erste und bisher einzige kurdische Frau, die je als Abgeordnete
ins türkische Parlament gewählt wurde. Die zierliche Kurdin, die
mit den langen schwarzen Haaren auf der Tribüne des Parlaments fast
noch wie ein Schulmädchen wirkte, schockierte die Nation bei ihrer Vereidigung
1991: Nachdem sie den Amtseid auf Türkisch abgelegt hatte, fügte
sie auf Kurdisch hinzu, dass sie ihren Kampf fortsetzen werde, damit das
kurdische und das türkische Volk friedlich in einem demokratischen Umfeld
leben könnten. Damit hatte Zana den ersten Schritt in Richtung ihres
Gefängnisses getan.
Ankara beharrte 1991 noch auf der Staatsräson, wonach es auf türkischem
Territorium nur ein Volk gebe, nämlich das türkische. Die Existenz
der auf 12 Millionen geschätzten kurdischen Minderheit wurde geleugnet.
Im Südosten des Landes tobte der Krieg zwischen der Kurdischen Arbeiterpartei
(PKK) und den türkischen Sicherheitskräften, in welchem bis zu
45 000 Menschen getötet wurden. Millionen wurden vertrieben. Zanas Erklärung
löste im Parlament einen Aufruhr aus. Ihr Auftritt wurde in der türkischen
Presse als "Demonstration des Separatismus" gegeisselt. Ihr Stirnband in
den kurdischen Farben Grün-Rot-Gelb wurde als "Flagge des Aufstandes"
im Zentrum Ankaras gesehen. Von da an stand die Türkei auf Kriegsfuss
mit der Kurdin. 1994 erklärte ein Staatssicherheitsgericht die kurdische
Demokratische Partei (DEP) für illegal. Deren Abgeordnete Leyla Zana,
Hatip Dicle, Selim Sadak und Orhan Dogan wurden als "Mitglieder einer bewaffneten
Bande" zu 15 Jahren Haft verurteilt. Zahlreiche DEP-Politiker flüchteten
ins Exil.
Seit zehn Jahren sitzt nun die mittlerweile 43-jährige Leyla Zana im
Gefängnis Ulucanlar in Ankara. Ihr ältester Sohn, Ronay, musste
nach ihrer Verurteilung aus der Türkei fliehen, weil er bedroht wurde.
Auch ihr Ehemann, Mehdi Zana, lebt im europäischen Exil. Leyla Zana
war gerade 15 Jahre alt, als sie den um 21 Jahre älteren früheren
Bürgermeister von Diyarbakir, dem kurdischen Zentrum der Türkei,
heiratete. Er war wenige Tage nach dem Militärputsch 1980 wegen Verbreitung
separatistischer Propaganda verhaftet worden. Weil er darauf beharrte, seine
Verteidigungsplädoyers vor den Sondergerichten in kurdischer Sprache
vorzutragen, sei er schwer gefoltert worden, erklärte Leyla Zana in
einem Gespräch zu Anfang der neunziger Jahre. Auch sie selbst sei von
den Soldaten immer wieder geschlagen worden, weil sie im Gefängnis Kurdisch
sprach; das war damals strikt verboten, aber sie sprach noch kein Türkisch.
Heute darf sie im Gefängnis nur von ihrer Tochter Ruken besucht werden
und von ihrem Anwalt Alatas. Sie habe Kreislaufprobleme und müsse ständig
im Gefängnisspital behandelt werden, sagt dieser. Ihre Moral sei aber
gut. Leyla Zana bleibe die alte kämpferische Politikerin.
Verstärkter Druck von aussen
Der Fall Leyla Zana bereitet der Regierung Erdogan zunehmend Kopfschmerzen.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat den Prozess
gegen die DEP-Abgeordneten als unfair eingestuft. Das Europaparlament zeichnete
Leyla Zana mit dem Sacharow- Preis für geistige Freiheit aus. Die EU
macht die Freilassung der Abgeordneten zur Bedingung für die Aufnahme
von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Die Türkei gewähre
selbst Mördern Straferlass - "warum halten wir also Zana und ihre Freunde
noch im Gefängnis?", fragte der türkische Aussenminister Gül
vor kurzem ungeduldig. Der Widerstand gegen den neuen Kurs der Regierung
ist aber gross. Da wird jedes Zugeständnis an die kurdische Minderheit
als Gefahr für die territoriale Integrität der Türkei angesehen.
Bei der Revision des Prozesses gegen die vier Abgeordneten hat das Staatssicherheitsgericht
in Ankara Ende April die 15-jährige Haftstrafe noch einmal bestätigt,
allen Erwartungen der Regierung oder der EU zum Trotz.
Wenn nichts Ausserordentliches passiert, dann müssten Hatip Dicle, Selim
Sadak und Orhan Dogan nach Verbüssung ihrer Strafe im Juni 2005 freigelassen
werden, sagt Alatas. Leyla Zana müsste aber noch bis zum Juli 2006 im
Gefängnis bleiben. Ein Bericht, den sie 1998 im Gefängnis schrieb,
hat ihr nämlich eine zusätzliche Strafe von einem Jahr und einem
Monat eingebracht. Die andauernde Haft Zanas könnte aber zum Anlass
genommen werden, der Türkei den ersehnten Beginn von Beitrittsverhandlungen
zu verweigern. Eine Türkei mit politischen Gefangenen sei für die
EU inakzeptabel, erklärten Europaparlamentarier, als das Sicherheitsgericht
die Strafe gegen die vier kurdischen Abgeordneten bestätigt hatte. Zana
mahnt indessen zu Zurückhaltung. "Ich ziehe es vor, Gefangene in einer
Türkei zu sein, die die Beitrittsverhandlungen mit der EU begonnen hat,
als frei in einer Türkei, welcher die Tore zur EU zugeschlagen wurden",
liess sie über Alatas mitteilen. Denn in einer Türkei ohne EU-Perspektive
wären, so der Anwalt, selbst die nur zögerlich und verkrüppelt
umgesetzten Reformen einfach undenkbar.