Eindrücke von der privaten Palästinareise
eines Zürcher Pfarrers 1927
Aus zeitgenössischen Notizen von Dr. Hans Bruppacher,
Pfarrer der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Nachlass im
Staatsarchiv Zürich und im Gottlieb-Schuhmacher-Institut in Haifa.
An der modernen Entwicklung von Palästina sind in sehr starkem
Masse auch die Juden beteiligt, die in neuerer Zeit - vor allem seit dem Krieg
- in Scharen ins Land eingewandert waren. Aus aller Welt strömten sie
herbei, um als wieder gesammeltes Volk in der ursprünglichen Heimat zu
leben. Natürlich umfasst die heutige jüdische Bevölkerung Palästinas
nur einen ganz kleinen Teil, etwa einen Dreissigstel, aller Juden überhaupt.
Das kleine Land, auch wenn es viel fruchtbarer wäre, vermöchte
gar nicht alle zu ertragen. Dessungeachtet leben die jüdischen Einwanderer,
besonders diejenigen in den zahlreichen landwirtschaftlichen Siedelungen,
des zuversichtlichen Glaubens, im Dienste einer grossen Sache zu stehen,
und man erhält einen unverwischbaren Eindruck von ihrer ruhigen, zielsicheren
Entschlossenheit und ihrem hingebenden Arbeitswillen. Der Besucher staunt,
wenn er in den neuentstandenen Bauerndörflein eine grosse Zahl von Gelehrten
findet, junge Ärzte, Rechtsanwälte, Gymnasiallehrer, Ingenieure,
die in Wien, Prag und andern Städten eine sichere Lebensstellung innegehabt
hatten und alles dahinten liessen um des grossen Gedankens der nationalen
Wiedervereinigung willen. Sie wanderten nach Palästina aus und arbeiten
jetzt Schulter an Schulter mit einfachen Leuten aus ihrem Volk als Bauern.
Und noch mehr gerät man in Verwunderung, wenn man im Gespräch mit
diesen höflichen und gastfreien Menschen erfährt, dass es nicht
die Religion ist, was sie zusammenführt und zusammenhält, sondern
nur die Volksliebe, der in der jüdischen Rassen so starke Wille zur Einheit
und zum Zusammenschluss. Es gibt religionslose Menschen unter diesen Zionisten,
wie sie sich nennen, es gibt solche, die Christus verehren, ohne dass sie
sich deswegen taufen lassen wollten, und es gibt wenige, die an den religiösen
Überlieferungen des Judentums festhalten. Freilich erfüllt gerade
diese völlige Freiheit im Glauben die längst eingesessenen, gesetzestreuen
Juden (die vielfach von Almosen leben) mit Misstrauen gegen ihre neu eingedrungenen
Stammesbrüder und richtet so auch innerhalb der palästinensischen
Judenschaft selber eine Schranke auf.
Am erstaunlichsten aber ist die Tatsache, dass es ein paar Dutzend zionistische
Judensiedelungen gibt, in denen das Privateigentum augehoben ist und bei denen
die Glieder wie bei den ersten Christen «alles gemein» haben.
Ich habe zwei solche Dörfer, Daganja am See Gennezaret und Bethalfa am
Berge Gilboa kennen gelernt und bin Zeuge des friedlichen und neidlosen Einvernehmens
gewesen, in dem diese Juden lebten und arbeiteten. [Im Brief aus Nablus/Sichem,
vom 21. Mai 1927, an seine Frau: Das hättest Du sehen sollen, diese
schöne geistige Einheit und Kameradschaft dieser meist jungen Männer,
Mädchen und Frauen. Wie ein Wunder! Ohne Gesetz, ohne Statuten, ohne
Regierung leben sie beieinander, z. T. seit 17 Jahren, und keiner von ihnen
hat einen eigenen Rappen in der Tasche. Völliger Kommunismus. Frei und
natürlich und ungezwungen, und lieb und fein. 24 Stunden waren wir da
und hörten kein jähzorniges, grobes oder unanständiges Wort.
Viele Akademiker, die jetzt misten und melken, so 3 Juristen mit Anwaltspraxis.
[…] bei grosser äusserer Primitivität. Im Essen, Wohnen und Schlafen
würde mir viel fehlen, und doch - solche Gemeinschaft! Ich staune!]
Dass die Araber, die den Grossteil der einheimischen Bevölkerung ausmachen
und schon mehr als ein Jahrtausend im Lande sind, die jüdische Einwanderung
in den letzten Jahren mit wachsender Unruhe verfolgt haben, ist begreiflich.
[…]
Zweierlei wird wohl […] zur Gewissheit werden: Einmal, dass wir Palästina
nicht vergessen und nicht einfach sich selber überlassen dürfen,
und zweitens, dass sowohl gegen Mohammedaner als gegen Juden alle Kreuzzüge
der Gewalt endgültig der Vergangenheit angehören müssen und
nur noch ein Kreuzzug für sie geführt werden darf:
derjenige der selbstlosen, geduldigen Liebe.
Religiöse Feste vor der Teilung Palästinas:
Gemeinsames Feiern und Anlass zu Spannungen
Aus Sdun-Fallscheer, Gerda, Jahre des Lebens. Die Geschichte
einer Familie in Palästina um die Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg,
Stuttgart, 1989, S. 678-81. Gerda Fallscheer lebte mit ihren Eltern in
Palästina. Ihre Mutter Dr. med. Josephine Zürcher-Fallscheer stammte
aus Zürich, ihr Vater aus Deutschland.
[…] befand sich das »Heilige Land« während der Osterzeit
in starken religiösen und politischen Spannungen. Nicht nur Spannungen
zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen, denn auch das Fest »Nebi
Musa« der Mohammedaner und das Passah-Fest der Juden fallen in diese
Zeit, so daß sich schon oft ernsthafte Reibereien aus religiösem
Gegensatz entwickelt haben.
Das jüdische Passah
Wie wir es erlebten, in den Jahren 1925/30.
Das jüdische Passah zog natürlich auch viele fremde Juden nach
Jerusalem. Es trat in jenen Jahren nicht zu sehr in der Öffentlichkeit
in Erscheinung, es spielte sich mehr in den Synagogen und in den Häusern
ab, in den Judenquartieren. […] Der außerhalb stehende Nichtjude erkennt
das Passahfest an den neuen Festkleidern aller Juden. Die orthodoxen Aschkanasi
erscheinen in neuen bunten Kaftans aus Samt und Seide und neuer pelzverbrämter
Mütze, aus der rechts und links vor den Ohren die »Pesachlöckchen«
baumeln. Lustig ist's, wie die Buben genauso gekleidet sind wie die »Alten«.
Das »Nebi-Musa«-Fest
Zu unserer Zeit hatte in Palästina das Nebi-Musa-Fest der Mohammedaner
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit viel mehr auf sich gezogen, als
das jüdische Passahfest.
Nebi-Musa bedeutet Prophet Moses. Nach dem Glauben der Mohammedaner befindet sich sein Grab etwas abseits der Straße nach Jericho, und also nicht auf dem Berg Nebo. Er wird vom Islam als einer der größten Propheten angesehen. Sein Fest—also ein religiöses Fest—hatte sich aber schon seit Jahren zu einem gewissen Politikum ausgewachsen, denn es bildete ein Gegengewicht zum christlichen Osterfest und dem jüdischen Passah und zog viele Mohammedaner aus den anderen Städten Palästinas und den Dörfern in die Stadt Jerusalem und zwar zu einer Zeit, wenn diese bereits durch christliche Pilger überfüllt ist. Aber irgendwie fand jeder ein Plätzchen zum Übernachten, jeder bei seiner eigenen Glaubensgemeinschaft. Doch im Straßenbild zeigt sich die Überbevölkerung, und die Kaufleute machten gute Geschäfte.
Am Morgen des Nebi-Musa-Festes ziehen schon in aller Frühe die Mohammedaner aus allen Richtungen der heiligen Stadt zu, die ja bei ihnen »Kuds-esch-Scherif« = die heilige Stadt heißt. Sie kommen aus allen Windrichtungen und strömen durch die 8 Tore der Stadt. Aus Norden kommen die Nabluser und die aus dem Dschebel Nablus, aus Süden und Südwesten die Haifaner und die Jaffaner, aus Süden die Hebroner und die aus Bir-Saba, vom Osten her die aus Jericho und dem Ostjordanland. Natürlich benützen sie auch Wagen und Pferde und die Eisenbahn. Aber weit draußen vor den Toren formieren sie sich zu Zügen. Schon ehe sie in die Stadt einziehen sind alle Straßenränder und Plätze, alle Fenster und Balkone und Hausdächer an den Wegen, die der Zug nehmen wird, dicht umsäumt und umlagert von Tausenden von Zuschauern, zumeist Frauen, Kindern und Greisen, denn nur Männer gehen im Umzug mit. Aber auch Europäer sehen zu. Es ist ein überaus malerisches Bild! Fliegende Händler drücken sich durch die Menge und bieten mit lautem Rufen ihre Waren, zumeist Leckereien, Gebäck und Früchte an. Nun haben die ersten Züge die Stadttore erreicht. Gruppen von zumeist jüngeren Männern, eingeteilt in Dorf- oder Stadtquartiergemeinschaften kommen tanzend und singend an. (Nicht anders als König David einst vor der Bundeslade tanzte.) An der Spitze der Züge bewegen sich die Schwerttänzer, die Trommler und Pfeifer und die starken Fahnenschwinger mit den großen, schweren, heiligen grünen, goldbestickten Fahnen. Zu Pferde die Ulemas, die hohen Geistlichen und andere Würdenträger. So ziehen sie durch die Tore zur großen Omarmoschee, dem Felsendom auf dem Tempelplatz. Berühmt sind die Schwerttänzer aus »Chalil«, aus Hebron. Unermüdlich tanzen sie stundenlang vorund zurückspringend vor den Fahnen einher. Vorsänger singen anfeuernde Lieder und die Menge fällt in den Refrain ein. Neue Verse werden improvisiert und der Fanatismus wächst. Die Hebroner und die Nabluser sind die wildesten, und Ängstliche unter Andersgläubigen zeigen sich am Nebi-Musa-Fest lieber nicht auf den Straßen. In Wirklichkeit ist die Gefahr für Andersgläubige heutzutage nicht mehr so groß. Im Zeitalter der Tourismus hat der, noch so sehr abgelegen wohnende Orientale aus dem entferntesten Dorf schon mit Europäern Berührung gehabt. Wir stellten uns stets in die Nähe der sogenannten Davidsburg oder Ziorisburg, vor dem Jaffator, um den Umzug anzuschauen, und niemand hat je etwas von uns gewollt. Hier kamen die Hebroner und Bethlehemer vorbei und die aus den südlichen Dörfern. Die meisten Mitziehenden erkannten in uns Deutsche aus der deutschen Kolonie Rephaim, betrachteten uns als Einheimische und uns Alteingesessenen lag es fern, sie zu provizieren, zu lachen oder ihre religiösen Gefühle zu verletzen. Wollte man allerdings den Gesamtumzug sehen, so mußte man sich später beim Stephanstor platzieren, wo dieser nach den Gebeten in den Moscheen hinauszog in Richtung Jericho und Nebi-Musa.
Inzwischen glich der Tempelplatz einem Heerlager. An solchen hohen Feiertagen und freitags sind die Mohammedaner unter sich auf dem Gelände des Tempelplatzes und in den zwei großen Moscheen. An anderen Tagen war seit der englischen Mandatsregierung der Eintritt auch in das Museum am Eingang des Platzes gegen eine Gebühr gestattet. Wie schon erwähnt, betraten die Juden den Platz nicht, dagegen klagten sie an der Klagemauer […].
Die Festteilnehmer hatten inzwischen ihre Gebete in den beiden großen
Moscheen verrichtet und sich auf dem großen Platz zum eigentlichen Festzug
formiert. An der Spitze reitet jetzt der Großmufti von Jerusalem auf
einem weißen Pferd voran. Er stammt aus dem Hause Husseini, aus einer
der führenden mohammedanischen Familien Jerusalems. Eine andere der
ersten Familien hieß Naschaschibi, rivalisierend mit den Husseinis.
Zur Zeit war ein Naschaschibi der Bürgermeister von Jerusalem. […] Der
Festzug bewegt sich nun durch die engen Altstadtgassen und dann zum Stephanstor
hinaus auf die Straße nach Jericho. Das Tor heißt nach dem Märtyrer
Stephan, der hier vor der Stadt gesteinigt worden war und im Sterben »den
Himmel offen gesehen hatte« (siehe die Geschichte von Saulus, der Paulus
geworden war). Die Araber nennen das Tor »Bab-Sittna-Mirjam« =
»Das Tor unserer Frau Maria«. Maria ist in den Glauben der Mohammedaner
genau so eingegangen wie »Nebi-Isa« = Jesus; wie die Stammväter:
»Nebi Ibrahim« = Abraham; »Nebi Ishak« = Isak; »Nebi-Jakub«
= Jakob; »Nebi-Rubin« = Ruben; »Nebi-Dahud« = David;
»Nebi Suleiman« Salomon; »Nebi Samwil» = Prophet
Samuel. Die Mohammedaner wallfahren zu ihren Gräbern wie beim Nebi-Musa-Fest
zu Moses, sie wallfahren auch zu Marias Grab = Sittna-Mirjam; zu Rahels Grab
= Sittna Rahel; wie auch zu dem Grabe der Tochter Mohammeds: Fatme.
Außerhalb des Stephanstors, rechts und links der Straße befinden
sich mohammedanische Gräber. Auf einem freien Platz stehen einige Sykomorenbäume.
[…] Unter diesen Bäumen wurden an mohammedanischen Feiertagen primitive
Karussells aufgestellt, mit denen sich die Jugend vergnügte. Nebi-Musa
ist ein solches Fest. Die verschleierten Städterinnen und die unverschleierten
Fellachinnen sitzen im Baumschatten mit ihren kleinsten Kindern und schauen
den größeren zu. Es ist ein Volksfest. Händler eilen dazwischen
umher und rufen ihre Ware aus. Von diesem erhöhten Platz schauen auch
wir noch dem Festzug nach: er zieht weiter an Gethsemane vorüber, an
der neuen römisch-katholischen Basilika und an der älteren russischen
Zwiebeltürme-Kirche, der Magdalenenkirche vorbei, er schlängelt
sich weiter durch das Tal Josaphat, vorüber an endlosen jüdischen
Gräberfeldern, die sich hier während Jahrhunderten ausgebreitet
haben. Der Festzug entschwindet unseren Blicken. Eine Zeitlang hört man
noch das heiser gewordene Singen und dann noch sehr entfernt das Trommeln
und dann endete auch dieses. Nach der Teilung Palästinas hat das Nebi-Musa-Fest
aufgehört.
Der Aufstand im August 1929
Aus Sdun-Fallscheer, Gerda, Jahre des Lebens. Die Geschichte einer Familie
in Palästina um die Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg, Stuttgart,
1989, S. 706-08.
Ehe noch mein Vater Ende August 1929 abreisen konnte, brach der große
Araberaufstand von 1929 aus. Es war an einem Freitag, dem 23. August. In der
deutschen Kolonie Jerusalem auf der Rephaimebene herrschte an diesem Tage
Ruhe und Frieden, jeder ging seiner täglichen Arbeit nach, und nichts
ließ die kommenden Ereignisse vorausahnen, als plötzlich ein blutender
Araber die Koloniestraße entlangrannte, englische Polizei hinter ihm
her, und sich in die Schreinerei Imberger flüchtete, wo er versuchte,
sich in den Hobelspänen zu verstecken. Dort wurde er eingeholt und verhaftet.
Was war eigentlich geschehen? Freitags wird in den Moscheen gebetet. An diesem
Freitag hielten die Ulemas in allen Moscheen Haßreden gegen England
und Juda und riefen den Aufstand aus. Bald erreichte die nicht ganz unberechtigte
Wut über Englands Schaukelpolitik ihre Siedehitze, und die fanatisierte
Menge brach aus den Moscheen aus, um sich zu bewaffnen und sich auf Juden
und Europäer zu stürzen. Der Aufstand kam völlig überraschend,
und die englische Mandatsregierung geriet in große Verlegenheit, denn
sie hatte viel zu wenig Polizeikräfte im Lande stationiert, sie hatte
überhaupt nicht mit der Möglichkeit eines Aufstandes gerechnet.
Schnell forderte sie in Ägypten Truppen an, und schon im Laufe des gleichen
Tages war eine Luftbrücke gebildet worden, und mit jedem Flugzeug landeten
etwa 30 englische Soldaten in Jerusalem. (Größere Flugzeuge mit
mehr Fassungsvermögen gab es noch nicht.)
Jeder englische Beamte im Land wurde zur Polizeitruppe eingezogen und bewaffnet.
Die Engländer sollen auch dem Bürgermeister der deutschen Kolonie
Waffen angeboten haben, da sie einen Beduinenüberfall auf die ungeschützte
Kolonie befürchteten, aber der Bürgermeister habe abgelehnt und
gesagt: »Wir bleiben neutral, von den Arabern, unter denen wir seit
Jahrzehnten wohnen, haben wir nichts zu befürchten.«
An diesem ersten Aufstandstag sollen viele Juden ihr Leben gelassen haben.
In Hebron seien es über 80 Opfer gewesen, die dem politischen und religiösen
Fanatismus erlagen. In Jerusalem war jeder der einen Hut trug, seines Lebens
nicht mehr sicher, weil er als Engländer oder Jude angesehen wurde. War
er es nicht, so blieb ihm kaum Zeit, den Beweis einer anderen Nationalität
zu erbringen. Aber auch Araber mußten ihr Leben lassen, wenn sie in
der Minderheit waren. Auch hier traf es zumeist die Unschuldigen, wie so oft
in der Weltgeschichte. Eine arabische Fellachenfrau brachte jeden Morgen ihre
Milch in ein jüdisches Quartier zum Verkauf, ahnungslos auch an diesem
Morgen. Sie wurde erschlagen. Man hatte ihr vorgeworfen, sie habe die Milch
vergiftet. Ebenso wurden arabische Bauarbeiter, die in dem Neubau, an dem
sie arbeiteten, übernachtet hatten, da der Weg in ihr Dorf sehr weit
war, im Schlafe erschlagen.
Es wagte sich niemand mehr mit dem Hut auf dem Kopf in ein Araberquartier.
Griechen, Levantiner Armenier und christliche Araber liefen plötzlich
wieder im orientalischen Fez, dem Tarbusch herum. Auch viele Europäer
ließen ihren Hut zu Hause. Mein Vater gehörte zu den wenigen Unentwegten,
die sich unerschrocken noch im Hut zeigten. Er begab sich am Samstag, dem
2. Aufstandstag ruhig in die Jerusalemer Altstadt. Dem englischen wachhabenden
Offizier am Jaffator wies er sich als Deutscher aus und sagte, er wolle nach
den in der Altstadt zerstreut wohnenden Deutschen sehen. Der Offizier machte
ihn auf die Gefahren aufmerksam, ließ ihn aber passieren. Er besuchte
die zerstreut wohnenden Deutschen, fand sie alle wohlauf und nahm ihre Wünsche
entgegen, denn sie hatten in der Altstadt Ausgehverbot und konnten nichts
einkaufen. Unangefochten ging mein Vater an zusammengerotteten Aufständischen
vorbei. Stets war mindestens einer dabei, der ihn kannte. Auch am Damaskustor,
wo stadtfremde Beduinen mit ihren alten Vorderladerflinten standen, erkannte
ihn einer und sagte zu den andern, die eine drohende Haltung angenommen hatten:
»Daschro, hada Alman, hada Chawascha Fannschar« = »Laßt
ihn, das ist ein Deutscher, das ist Herr Fannschar (Fallscheer)«.
Curfew = Ausnahmezustand, Ausgehverbot wurde angeordnet. In der ersten Nacht
hörte man Schießen, das immer näher kam. Blickte man zwischen
den Jalousien zum Fenster hinaus, so sah man englische Soldaten gebückt
die Koloniestraßen entlang huschen und Deckung suchen. In den Vorstädten
waren die Engländer bald Herren der Lage, nur die Altstadt war noch in
den Händen der Aufständischen. Es verging noch einige Zeit bis auch
hier die Ruhe eingetreten war. Nun wurde verhaftet, verurteilt und hingerichtet.
Der Ausnahmezustand dauerte noch lange Zeit an. Nach 7 Uhr abends durfte sich
niemand mehr auf der Straße zeigen. Wenn tagsüber mehr als drei
Menschen in einer Gruppe beieinanderstanden, wurde ohne Anruf geschossen.
Nachdem der Aufstand mit englischen Panzern niedergeschlagen war, dauerte
der Kampf in der Presse beider Seiten noch lange an. Die Juden betonten ihr
historisches Recht auf das Land, und die Araber, die sich auch als die Söhne
Abrahams betrachten, erinnerten daran, daß Israel nie Palästina
ganz besessen habe und somit kein Recht auf das Land, das sie einst verloren
hatten. Wo käme man hin, wenn jedes Volk das Land beanspruchte, in dem
einmal ferne Vorfahren von ihm gesessen hatten. […] Die Palästinaaraber
sind die Nachkommen der Urbevölkerung: Kanaaniter, Jebusiter und der
alten Israeliten, eine Mischbevölkerung wie die Juden auch mit den gleichen
Vorfahren.
Seit der Hedschra, der Eroberung Palästinas durch den Islam im 7. Jahrhundert
sind 50 Generationen verstrichen, abgesehen davon, daß die Urahnen der
Palästinaaraber schon Tausende von Jahren vorher hier ansässig waren.
Sie haben den Islam angenommen und die arabische Sprache setzte sich durch.
Vorher wurde Aramäisch gesprochen, wie es noch in einigen Dörfern
in Syrien gesprochen wird. […]
Haben die Palästinaaraber kein Recht an dieses Land? So etwa schrieb
die arabische Presse.
Mit eine Ursache des Aufruhrs war die Klagemauer. Der Tempelplatz ist bekanntlich
seit dem 7. Jahrhundert in mohammedanischem Besitz. Die Juden klagen seit
dem 12. Jahrhundert an der Klagemauer, die aus der Zeit des salomonischen
Tempels stammen soll. Nie war den Juden dort das Klagen verwehrt und sie hatten
sich alle die Jahrhunderte jeder Politik ferngehalten. Nun begannen die Zionisten
den Tempelplatz zu beanspruchen, beorderten Demonstrationen an die Mauer.
Die Demonstranten erschienen mit der blauweißen Zionistenflagge und
hißten sie sogar auf der Mauerzinne. Das hinwieder rief den Protest
der Mohammedaner hervor. Die Folge war Mord und Totschlag und das Demolieren
jüdischer Wohnstätten. Die orthodoxen Juden sind gegen die zionistische
Bewegung, sie sagen, wir müssen auf den Messias warten, nur er wird uns
Land und Tempel wieder geben.
Noch während des Aufstands reiste mein Vater nach Deutschland ab. Sein
Zug nach Jaffa wurde von englischen Fliegern begleitet, um den Zug vor Sabotageakten
zu schützen, der von beiden feindlichen Parteien kommen konnte. Im Haß
gegen die Engländer waren sich Araber und Juden einig.