Bedir Khan Bey, der Emir von Cezire

- einer der letzten autonomen Kurdenfürsten des 19. Jahrhunderts


Ausschnitte aus: Gökçe, Hasan, "Bedir Khan Bey, der Emir von Cezire – einer der letzten autonomen Kurdenfürsten des 19. Jahrhunderts", in: H.-L. Kieser (Hg.), Kurdistan und Europa, S. 77-112, Zürich: Chronos, 1997, S. 78 f. und S. 105-7.



(...) Bedir Khans Verwaltungstalent wurde selbst von den europäischen Repräsentanten anerkannt, obwohl sie ihm wegen seines blutigen Konfliktes mit den Nestorianern feindlich gesinnt waren. In der konsularischen Korrenspondenz findet man ihn oft lobend erwähnt. Botta, der französische Konsul in Mosul, reiste 1842 von Konstantinopel nach Mosul und sandte der französischen Botschaft in Konstantinopel einen ausführlichen Bericht zu über die Gebiete, die er durchquert hatte. Über die vom Emir von Cezire regierte Region schreibt er: «Djéziré petite ville située (...) sur une île entre deux bras du Tigre, est dans un état de ruine dont on peut à peine se faire une idée. Cette décadence date de l'époque où Rechid Pacha a fait la guerre aux Curdes. (...) Elle se relève lentement grâce aux dons du gouverneur actuel Beder Khan Bey.» (CCC Mosul, 12.6.1842)
Noch schmeichelhafter für Bedir Khan ist die Beobachtung von Rouet, dem Dolmetscher der französischen Botschaft, der dieselbe Route zwei Jahre später bereiste. Er betont den Zustand der übrigen Provinzen: «Habitué à juger de la Turquie par l'idée que je m'en étais faite à Constantinople pendant un séjour de plusieurs années, je comptais trouver dans les provinces, sinon une administration conforme en tous points aux principes d'équité et de justice proclamés chaque jour par le Sultan et ses Ministres, au moins quelque chose qui témoignât de ces bonnes dispositions. Quelle n'a pasété ma stupéfaction en rencontrant partout, au contraire, les traces affligeantes d'un système pernicieux sur un espace de 250 lieues que j'ai parcouru, je n'ai vu que misère, décadence et démoralisation!» Nach dieser pessimistischen Beschreibung der durchquerten Gebiete, drückt er sein Erstaunen aus über dasjenige von Bedir Khan: «Après un trajet de 50 lieues environ, on est frappé tout à coup du contraste qu'offre le pays. La culture est plus soignée, les villages mieux construits, et ils paraissent jouir de plus d'aisance. C'est le territoire de Beder Khan Bey qui commence. (...) Son pays est bien gouverné. C'est un prince sévère, mais équitable; aussi règne-t-il sur son territoire, une sécurité parfaite et une apparence de bien-être qu'on chercherait vainement dans les provinces voisines, soumises à l'autorité turque. J'ai visité plusieurs villages chaldéens soumis au régime de Beder Khan Bey et j'ai pu me convaincre qu'ils sont généralement contents de leur condition. Seulement, ils ne jouissent pas d'une aussi grande tolérance religieuse que dans l'état du Sultan.» (CPC Mosul; Rouet ans Außenministerium, Mosul; 11.7.1845) (...)

Konklusion

Wie sollen wir die widersprüchlichen und konfliktträchtigen Beziehungen zwischen dem Emir von Cezire und der Hohen Pforte deuten? Handelt es sich, wie oft behauptet wird, um eine Revolte mit kurdisch-nationalistischem Charakter? Der Fall Bedir Khan Beys ist nicht einmalig. Er ist nicht das einzige Glied der kurdischen Aristokratie, das mit der Pforte zweideutige Beziehungen unterhalten und ein solches Schicksal erlitten hat. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ausserordentlich reich an ähnlichen Fällen. Die meisten erblichen kurdischen Fürsten, die gewaltsam ihrer Funktion beraubt worden waren, fügten sich danach ins osmanische System ein. Zuerst wurden sie unter Hausarrest gestellt, um danach staatliche Beamte zu werden. So wurden die beiden Führer des letzten kurdischen Fürstentums von Süleymaniye, Ahmed Pascha und sein Bruder, nach ihrer Entmachtung durch den Staat zu Gouverneuren ernannt; und zwar bekleidete Ahmed Pascha das Amt des Vali von Erzurum und Bassora, sein Bruder das Amt des Vali von Van. Auf diese Weise ”zähmt” und integrierte die osmanische Staatsmacht die wichtigsten einflussreichen Kurdenfamilien. Indem sie ihre auf Kosten der kurdischen Aristokratie neu eingerichtete direkte Verwaltung jener Gebiete durch die ”domestizierte” kurdische Aristokratie selber ausüben liess, hatte sie einen effizienten Trumpf gegen eventuelle Destabilisierungen in der Hand (diese waren dann übrigens gleichwohl nicht zu vermeiden).
Bedir Khan unterscheidet sich von den anderen kurdischen Fürsten in einigen Punkten. Er ist ehrgeizig, schätzt die Macht und weiss mit ihr umzugehen. Indem er viele kurdische Führer um sich scharte, erweiterte er seinen Einfluss über sein eigenes Territorium hinaus über einen weiten Teil Kurdistans. Es gelang ihm, Fäden mit den wichtigsten Kurdenführern in Persien zu spinnen. Er pflegte sein Ansehen als grosszügiger Fürst, indem er jeden Freitag in seinem Schloss in Deirgüleh die Armen empfing und ihnen Geld- und Naturalgaben austeilte. In Zeiten von Missernten gab er den Bauern, die in Schwierigkeiten geraten waren, Saatgut ab (FO 195/228). Es gelang ihn, einen regelrechten Bedir Khan Bey-Mythos zu schaffen, der sich in der Region verbreitete.
Zweifellos führte diese wachsende Popularität zur Überschätzung der Macht Bedir Khans, so dass die Regierung mehr als dreissigtausend Mann mobilisierte, um der Autonomie dieser kurdischen Familie ein Ende zu setzen. Die Reichsführung war damals immer noch traumatisiert durch die verlorenen Kriege gegen einen ihrer Untergebenen (Mehmed Pascha von Ägypten). Sie wollte ja nichts riskieren. Nur ein sicherer Sieg vermochte die Demütigung der Niederlage gegen jenen Vassalen vergessen machen. Die Veröffentlichung eines Reichsfirman, welches gebot, den Sieg der Armee des Sultans über den kurdischen Emir in allen Teilen des Reiches zu feiern, bezeugt diesen Geisteszustand. Ausserdem wurde eine spezielle Medaille, die ein Abbild des Schlosses von Bedir Khan trug, geprägt und an die Soldaten der Militärexpedition verteilt. Deren Sieg wurde dem persönlichen Ruhm des Sultans Abdülmecid zugerechnet, dieser als ”der Eroberer Kurdistans” betitelt. Diese Übertreibungen haben mit dem Durst nach militärischen Erfolgen zu tun, die in jener Epoche so selten geworden waren. Die Staat wollte damit ein Exempel statuieren und seinen Untertanen beweisen, wie stark er war und fähig, jegliche Opposition zu vernichten.
Um seine auf Bewunderung und Furcht gegründete Autorität zu erweitern, übte Bedir Khan ebenfalls die Funktion eines Imam aus und liess seinen Namen in den öffentlichen Gebete zitieren. Ist dies ein willentlicher Akt, sich der Souveränität des Sultans zu entziehen? Bedir Khan war ein religiöser und stolzer Mann. Wie die meisten aristokratischen Kurdenfamilien betrachtete er sich als einen Abkömmling der Abbasiden-Kalifen. Indem er seinen Namen im Gebet zitieren liess, wollte er vermutlich den Adel seiner Herkunft unterstreichen. Darin ist kaum eine Anfechtung der Souveränität des Sultans zu erkennen, umso weniger, als der kurdische Emir sich bei jeder Gelegenheit als dessen treuen Diener erklärt. Er erklärte sich übrigens auch während des Krimkrieges bereit, gegen die Russen für das Reich des Sultans zu kämpfen. Von einer Anfechtung der Autorität des Sultan-Kalifen, der obersten muslimischen Autorität, lässt sich also nicht sprechen. Das lange Zögern Bedir Khans, die Waffen gegen die Regierungstruppen zu ergreifen, bezeugt seinen inneren Konflikt.
Trotz seiner Popularität und seines Stolzes nahm der eine eher defensive Position ein. Er stand vor dem Dilemma, seine Macht und seinen erblichen Besitz fahren zu lassen oder mit Gewalt zu verteidigen. War sein kurzer bewaffneter Kampf gegen die osmanische Armee nicht ein symbolträchtiger Widerstand gegen die neue Ordnung, die einen ”modernen” Zentralstaat nach französischem Modell zu errichten suchte und damit die Strukturen und Besonderheiten der kurdischen Gesellschaft, in welcher er selber einen privilegierten Platz einnahm, in Frage stellte? Es ist schwierig, daraus eine kurdisch-nationalistische Manifestation zu machen, zumal wir danach keinerlei Aktivitäten Bedir Khans feststellen, die eine solche These bestätigen würden. Er scheint schliesslich das Schicksal, das ihm die Regierung auferlegt hat, ohne das geringste Zeichen des Protestes akzeptiert zu haben. Die Tatsache, dass er keine Funktion in der Verwaltung übernahm, ist immerhin ein Zeichen seiner Enttäuschung und Bitterkeit der Regierung gegenüber.
Bei alledem ist Bedir Khans enge Verbundenheit mit dem Kurdentum evident. Beim Empfang von Stevens liess er es sich nicht nehmen, in traditioneller kurdischer Kleidung zu erscheinen und das Kurdische als - gedolmetschte - Kommunikationssprache mit dem Vizekonsul zu gebrauchen unter dem Vorwand, er könne nicht türkisch sprechen. Während des Gespräches hingegen wechselte er auf Türkisch um. Womöglich wollte er zuerst eine direkte Unterhaltung mit dem englischen Gesandten über die heikle nestorianische Frage vermeiden...
In seinem Einladungsschreiben an Stevens vom Juni 1845 schreibt Bedir Khan fast entschuldigend über sein Volk, dem er sich stolz verbunden fühlte: «I may inform you that the people of our country are Koordish Mountaineers, wanting in politeness, unacquainted with the respect due to Officers in the employ of the Sultan, and are strange to the customs of the Ottomans and people of cities. This arises from all the people of our country being deficient in sense, knowledge, and politeness, which makes us ashamed ; and this being the case, we feel certain they will not be attentive to you, but I beg you will excuse them, and not bear me ill will for it.» (FO 195/228)
Die Vernichtung des Emirates von Cezire hatte wichtige Konsequenzen in der Geschichte Kurdistans. Die Kurden verloren eines ihrer hervorragendsten Oberhäupter, das fähig gewesen war, die verschiedenen, ständig verfeindeten Führer um sich zu sammeln.

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Okt. 2000