Europa und die Kurden im 20. Jahrhundert (Chronologie
2)
ab Febr. 1915: Das unionistische
Kriegsregime betreibt eine pauschale propagandistische Verunglimpfung
der Armenier als Verräter und Verschwörer. Die armenischen
Soldaten in der osmanischen Armee werden entwaffnet. Ende April
werden die armenischen Eliten in ganz Kleinasien verschleppt und
ermordet.
ab Juni 1915: Systematische,
telegrafisch gesteuerte «Deportationen» der Armenier aus
ganz Anatolien: Absonderung und systematische Massakrierung der
Männer; Vernichtung des Gros der Frauen und Kinder auf
Todesmärschen Richtung syrische Wüste; systematische
Übertragung armenischen Gutes an den Staat und an die
muslimische Bevölkerung. Die Dersimkurden gewähren
Tausenden von Verfolgten Asyl, während viele sunnitische Kurden
sich aktiv an der Armenierverfolgung beteiligen. Die Deportationen
sind Teil eines Plans der ethnischen Umgestaltung Kleinasien, um die
Basis zu einem ethnotürkischen Nationalstaat zu legen.
ab 1916 sind auch Hunderttausende von
Kurden von den Aussiedlungsmassnahmen des Regimes betroffen. Sie
sollen auf ganz Anatolien verstreut "im Türkentum aufgehen"
(Jakob Künzler). Schlechte Organisation führt bei vielen
zum Hunger-, Kälte- oder Seuchentod.
ab Nov. 1917: Die Bolschewisten
befehlen den Rückzug aus Nordostanatolien (Erzincan-Erzurum).
Die unter russischem Schutz angesiedelten Armenier können sich
nicht halten. Armenische Banden lassen sich Greueltaten zuschulde
kommen.
28. 5. 1918: Gründung der
unabhängigen Republik Armenien mit Zentrum Eriwan. Dem
unpopulären unionistischen Kriegsegime gelingt es, viele Kurden
wieder vermehrt für sich zu mobilisieren, indem es auf das
Schreckgespenst eines möglichen grossarmenischen Staates
hinweist, der einen Teil des kurdischen Siedlungsgebietes umfassen
würde. Tatsächlich hegen exilarmenische Kreise solche
Vorstellungen, während die alliierten Vertreter nicht klar
Stellung nehmen.
30. 10. 1918:
Waffenstillstandsvereinbarung von Mudros zwischen Osmanen und
Alliierten.
15. 5. 1919: Griechische Besetzung ‹zmirs.
Die Empörung darüber trägt zum Aufbau einer
muslimischen Abwehrfront unter Führung Mustafa Kemal Paschas
bei. Sie greift auf lokale unionistische Organisationseinheiten
zurück und konstituiert sich zuerst in den administrativ
intakten Ostprovinzen als antiarmenische Front. Sie gewinnt die
meisten sunnitischen Kurdenführer für sich, da diese, nicht
zuletzt wegen ihrer Beteiligung am Völkermord, ihre Interessen
am besten im Bunde mit den Unionisten-Kemalisten zu wahren glauben.
Vgl. Kongresse von Erzurum (23. 7. - 6. 8. 1919) und Sivas (4. - 13.
9. 1919).
23. 4. 1920: Eröffnung der
Grossen Nationalversammlung in Ankara als Gegenregierung zur
Pforte.
10. 8. 1920: Vertrag von
Sèvres zwischen Pforte und Alliierten. Er sieht vor, grosse
Teile der osmanischen Ostprovinzen einem unabhängigen Armenien
und einem unabhängigen Kurdistan zuzuteilen. Gegenüber den
«imperialistischen Machenschaften» in Paris einigen sich
indes Kemalisten und Bolschwisten am 24. 8. 1920 in Moskau auf den
Entwurf zu einem Freundschaftspakt.
23. 9. 1920: Die erste kemalistische
Offensive führt gegen Armenien: bis im Dezember Eroberung des
westlichen Teils des ehemaligen Russisch-Armeniens. Invasion der
Roten Armee in dessen Ostteil (6. 12. 1920). Der
kemalistisch-bolschewistische Freundschaftspakt vom 16. 3. 1921
anerkennt die türkischen Annexionen.
Jan.-Juni 1921: Eine weitere
kemalistische Offensive führt gegen die alevitischen Kurden im
Koçgiri-Dersim, welche als einzige für die Realisierung
der in Sèvres festgelegten kurdischen Autonomie
kämpfen.
1. 11. 1922: Abschaffung des
Sultanats.
24. 7. 1923: Der Vertrag von Lausanne
zwischen den Alliierten und der kemalistischen Türkei
verschweigt jegliche kurdische und armenische Frage. Die Armenier und
Kurden verschwinden als Thema der internationalen Diplomatie.
29. 10. 1923: Ausrufung der Republik
Türkei.
3. 3. 1924: Abschaffung des
Kalifats.
Febr. 1925: Der kurdische
Nakschbendi-Scheich Said von Piran führt einen Aufstand gegen
die junge Republik im Namen des Islams und der kurdischen Nation. Die
alevitischen Kurden beteiligen sich nicht daran. Mit grosser
Anstrengung und logistischer Unterstützung (Eisentransport) der
französischen Mandatsmacht in Syrien gelingt es dem Regime, den
Aufstand bis im Frühsommer niederzuwerfen. Die Hauptaufgabe der
türkischen Armee ist es fortan, die Kurden im Rahmen eines
dauerhaften Ausnahmezustandes zu kontrollieren. Eine ökonomische
und kulturelle Entwicklung der Grossregion kann so nicht stattfinden.
Der Staat führt die unionistische Politik der Zwangsumsiedlung
fort.
März-Nov. 1925: Parallel zur
antikurdischen Repression finden antidemokratische und
antireligiöse Massnahmen des Regimes statt: Sondervollmachten,
Sondergerichte, Pressezensur, Verbot oppositioneller Parteien und
Verbot religiöser Orden, Einrichtungen (mit Ausnahme eines
staatlich gelenkten Sunnismus) und Kleider. Die Wörter
«Kurde» und «Kurdistan» beginnen geächtet zu
werden. Ideologische Basis der Republik ist ein ethnozentrischer
türkischer Nationalismus.
1926-30: Der Führerstaat mit
Einheitspartei erlässt einschneidende progressistische Reformen
von oben, so die Übernahme des westlichen Kalenders (26. 12.
1925), des schweizerischen ZGB (17. 2. 1926), die Übernahme der
lateinischen Schrift (1. 11. 1928) und das Frauenstimmrecht (3. 4.
1930).
1927-30: Die im Libanon
gegründete Organisation Hoybûn sammelt die
kurdisch-nationalistischen Kräfte und arbeitet mit der
armenischen Daschnak zusammen. Sie beteiligt sich am Ararat-Aufstand,
der von der türkischen Armee unter iranischer Mithilfe
niedergeschlagen wird (1930).
1928: Kurdische Sprecher verlangen im
syrischen Parlament vergeblich ein Spezialstatut für die
kurdischen Gebiete Dschasirah und Kürt Da¬.
1931: Revolte von Scheich Mahmud in
Irak, nach dessen Inhaftierung weitergeführt durch Ahmad
Barzani. Die Royal Air Force beteiligt sich an deren
Niederschlagung.
1937: Vertrag von Saad Abad (Teheran)
zwischen Iran, Irak, Türkei und Afghanistan: "Jede der hohen
vertragsschliessenden Seiten verpflichtet sich, auf ihrem Boden die
notwendigen Schritte gegen die Gründung oder Tätigkeit
jeglicher bewaffneter Banden zu unternehmen sowie gegen Blöcke
oder Organisationen, die einer der unterzeichnenden Regierungen
feindlich gegenüberstehen." In Zukunft werden weitere
ähnliche Abkommen getroffen (1946 in Ankara, 1955 in Bagdad
usw.).
1937-38: Ethnozid im
kurdisch-alevitischen Dersim: Massaker und Verschleppung vieler
Tausender, die sich unter dem Führer Seyit Rıza gegen die
militärische Durchdringung und Türkisierung Dersims
wehrten. - Deportation Tausender von Kurden aus dem sowjetischen
Kaukasus in die Republiken Kazachstan und Kirgisien.
1940er und 50er Jahre: Zeit des
«kurdischen Schweigens» in der Türkei. Selbstzensur
kurdischer Familien, die vom Land in die Städte ziehen,
führt dazu, dass zahlreiche Kinder ihre Muttersprache nicht mehr
richtig lernen.
1943 ff.: Kurdische Revolte im Irak
unter Führung Mustafa Barzanis. Dieser gründet 1946 die
Demokratische Partei Kurdistans.
1946: Im Januar wird mit sowjetischer
Hilfe die kurdische Republik von Mahabad ausgerufen; im selben Jahr
wird sie durch die iranische Armee erobert. Ihr Präsident, Ghazi
Muhammed, wird hingerichtet, Barzani, der zu Hilfe eilte, muss in die
UdSSR fliehen.
1958: Kassems Staatsstreich im Irak.
Mustafa Barzani kehrt zu Gesprächen mit der neuen, sich
anfänglich kurdenfreundlich gebenden Regierung aus dem Exil
zurück. Eröffnung eines kurdischen Institutes in Bagdad.
Aufstand der des Separatismus beschuldigten Kurden ab September 1961.
Der Aufstand dauert, mit Unterbrüchen, bis 1970.
1963: Die Baath-Partei ergreift die
Macht in Syrien (fünf Jahre später auch im Irak).
Deportation der Kurden aus dem Nordosten Syriens, um dort ein
arabisches Übergewicht zu schaffen.
seit den 1960er Jahren: «Die
armenische Frage aufersteht als kurdische Frage» in der
Türkei (Reflid Tankut, Türk Tarih Kurumu, 1961). Die 1938
verstummte, aber in den 1950er Jahren und unter der liberalen
verfassung von 1961 allmählich auferstandene kurdische Bewegung
in der Türkei gründet die "Revolutionären
Kulturzentren des Ostens" (DDKO).
1970-71: Der erneute türkische
Militärputsch vom 12. März 1971 führt zu harten
Repressionen gegen die radikale Linke und die kurdische Bewegung.
1970: Märzdeklaration über
weitgehende Autonomie-Rechte der Kurden im Irak
1972-75: Umkehr der Allianzen im
Irak: die UdSSR unterstützt das Regime (Abkommen 1972), die USA
und der Schah von Persien die Kurden. 1974 verkündet Bagdad die
Autonomiegesetze, die viel weniger weit gehen als die Vorgaben von
1970. Der kurdisch-irakische Krieg beginnt erneut. Der Schah
lässt die Kurden fallen, da er im Abkommen von Algier, 1975,
irakische Zugeständnisse im Grenzstreit am Schatt al-Arab
erzielt. Der kurdische Widerstand bricht zusammen. Im Juni 1975
spaltet sich die Demokratische Partei Kurdistans (Irak): Talabani
gründet die Patriotische Union Kurdistans (PUK). Der Irak
beginnt im kurdischen Norden eine Politik der ethnischen
Säuberungen und zerstört ca. 4000 von 5000
Dörfern.
1977-78: Mehrere kurdische
Städte, darunter Diyarbakır, wählen
kurdisch-nationalistische Bürgermeister. Gründung zweier
kurdischer Organisationen, die mit Waffengewalt für ein
sozialistisches Kurdistan kämpfen wollen: KUK und PKK (=
kurdische Arbeiterpartei).
1979-80: Islamische Revolution im
Iran. Die iranischen Kurden bemächtigen sich der meisten
kurdischen Städte. 1980 erklärt Khomeiny den Dschihad gegen
die Kurden und unterdrückt brutal deren Autononomiebestrebungen.
Im September 1980 beginnt Irak den acht Jahre dauernden 1. Golfkrieg
gegen Iran. Die kurdischen Regionen werden zur Kriegszone. Blutige
Kämpfe zwischen von Irak unterstützten iranischen und von
Iran unterstützen irakischen Kurden.
1980: Militärputsch in der
Türkei. Parteien und Parlament werden aufgelöst. Blutige
Repression der linken und kurdischen Bewegungen.
1983: Mehdi Zana, ehemaliger
Bürgermeister von Diyarbakır, wird 1983 zu 15 Jahren
Gefängnis verurteilt. Bei einem Hungerstreik im Gefängnis
von Diyarbakır sterben 17 Häftlinge. - Das
türkisch-irakische ”Abkommen über die Verfolgung von
Kriminellen” von 1983 erlaubt grenzüberschreitende
Verfolgungen von kurdischen Guerillas. - Talabani bietet Bagdad
erfolglos Kooperation im Krieg für einen neuen kurdischen
Autonomiestatus an.
1984: Die PKK beginnt im August ihren
Guerilla-Kampf gegen die Sicherheitskräfte in kurdischen
Gebieten. Diese führen 1987 das System der Dorfwächter ein.
Die Zivilbevölkerung gerät zunehmend zwischen die Fronten.
Die Regierung ernennt einen ”Super-Vali” über elf
kurdische Provinzen.
1988: Irak setzt chemische
Kampfmittel gegen Kurden ein. Zehntausende von Flüchtlingen
fliehen in die Türkei und nach Iran.
1989: Das Teheraner Regime lässt
am 13. Juli den iranischen Kurdenführer Abdurrahman Ghassemlu
während Verhandlungen mit iranischen Diplomaten ermorden.
1990-91: Irak löst mit der
Annexion Kuwaits den 2. Golfkrieg aus. Nach der Niederlage Saddam
Husseins erheben sich im März 1991 die irakischen Kurden, werden
aber bald durch einen massiven Gegenangriff erschreckt. Ein
Massenexodus beginnt. Die Alliierten richten darauf im kurdischen
Nordirak eine UN-Schutzzone ein. - Die türkische Armee dringt im
August 1991 einmal mehr in den Nordirak ein, um PKK-Lager auszuheben.
Verbal anerkennt die Türkei jetzt eine "kurdische Realität"
und hat im März den mündlichen Gebrauch des Kurdischen
wieder erlaubt.
1992-95: Die türkischen
Sicherheitskräfte räumen und zerstören systematisch
Tausende von Dörfern in kurdischen Gebieten mit
PKK-Aktivitäten. - Zahlreiche regimekritische Journalisten und
Geschäftsleuten werden durch die türkische Hizbullah
verschleppt und ermordet. Diese islamistische, aber von der
iranischen Hizbullah unabhängige Terrororganisation, will,
unterstützt vom Staat, ihren Beitrag zur Vernichtung der PKK
leisten. - Kurden in Europa versuchen mit verzweifelten, zum Teil
illegalen Aktionen bis hin zu Selbstverbrennungen die Aufmerksamkeit
der Weltöffentlichkeit auf sich zu lenken. Sie ernten,
insbesondere in Deutschland und Frankreich, vor allem Repression.
1994 ff.: Kämpfe zwischen den
Anhängern Talabanis und denjenigen Barzanis im autonomen
kurdischen Nordirak, insbesondere wegen der lebenswichtigen
Zolleinnahmen.
1994-96: Die parlamentarische
Immunität der 1991 gewählten Deputierten der prokurdischen
HADEP-Partei wird aufgehoben und mehrere von ihnen, darunter Leyla
Zana, die Gattin von Mehdi Zana, werden wegen ”Separatismus”
zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Der
weltberühmte Schriftsteller Yaflar Kemal nimmt mutig Stellung
gegen den Krieg und wird deswegen, wie zahlreiche andere
Intellektuelle, zu einer Haftstrafe verurteilt.
1996: Militärabkommen zwischen
der Türkei und Israel. - Ein Autounfall in Susurluk offenbart
der Öffentlichkeit im In- und Ausland die engen Verstrickungen
zwischen türkischem Rechtsextremismus, Drogenschmuggel,
Polizeiführung und Politik. (Mesut Yılmaz' offizieller
Susurluk-Bericht, 1998, bestätigt dies und den Einsatz von
rechtsextremen Killern gegen kurdische Nationalisten).
1999: Drohungen der Türkei
führten 1998 zur Ausweisung Abdullah Öcalans, des
Führers der PKK, aus Syrien. Europa, wo Öcalan vergeblich
Asyl sucht, verpasst die Gelegenheit zu einer konstruktiven
diplomatischen Initiative im Kurdenkonflikt. In Kenya wird
Öcalan schliesslich in einer konzertierten Aktion des CIA, MIT
und wahrscheinlich des Mossad festgenommen und in die Türkei
entführt. Diese verurteilt ihn im Juni 1999 zum Tode, verzichtet
aber auf eine Exekution. Öcalan ruft die PKK auf, den
bewaffneten Kampf einzustellen. Der europäische Ministerrat
anerkennt bei seiner Tagung in Helsinki im Dezember 1999 die
Türkei als EU-Beitrittskandidatin, macht aber klar, dass sie den
türkischen Verzicht auf die Exekution Öcalans und
kulturelle Rechte für die Kurden will.
2000: Wie auch der "Bericht 2000 der
europäischen Kommission über die Fortschritte der
Türkei auf dem Weg zum Beitritt" vom 8. 11. 2000 festhält,
hat die Türkei noch keinerlei substantiellen Schritte hin zur
politischen Lösung des Kurdenkonflikts unternommen. Diskussionen
über die Einführung eines kurdischen Fernsehens und von
Kurdischunterricht sind ergebnislos verlaufen; demokratisch
gewählte Bürgermeister der prokurdischen Partei HADEP sehen
sich Repressionen ausgesetzt.
© 1998-2000 webmaster@hist.net
20. 11. 2000