Kurdische Historiographie/Kurdologie (skizzenhafter Überblick)


Zeit

Kurden

international


Osmanen/Türken

Balkanvölker

16. Jh.

Osmanisch-kurdische Synthese (Idris Bitlisi, Hesht Behesht, Scheref Khan, Sherefname).

-

Hofhistoriographie

(alternative Geschichtsbilder in der v. a. mündlichen heterodoxen und häretischen Überlieferung und bei den Millet)

Erinnerungen, “Zeitzeugnisse”
(Z. B. Conseils et mémoires de Synadinos prêtre de Serrès en Macédoine).

17.-18. Jh.

(Exmedê Xanî, Mem û Zîn, 1695, Liebesepos mit Elementen eines utopischen kurdozentrischen Geschichtsbildes).

Kapuziner (ab 1632) und Dominikaner (ab 1762) im Raume Mosul beginnen kurdische, v. a. linguist. Studien.

19. Jh.

Reaktionen auf westliches Eindringen und armenischen Nationalismus in der kurdischen Literatur. Aufrufe zur Pflege und Wahrung der kurdischen Sprache und Sitten.

Zunehmend kurdologische Arbeiten durch westliche Missionare und Gelehrte; Blütezeit 1. Viertel des 20. Jhs.

(Scheinbar wissenschaftliche und realpolitisch erfolgreiche antihumanistische Ideen aus dem nationalistischen Europa - Positivismus, Rassismus, Sozialdarwinismus, imperialistischer Zivilisationsbegriff - üben starken Einfluss aus auf die jungen nahöstlichen Nationalisten, so auch auf Abdullah Cevdet, Nuri Dersimi und die Brüder Bedirhan.)

Moderne “Hofhistoriographie” im Versuch, die Reform (Tanzimat) des osmanischen Reiches als Wiederherstellung ursprünglicher islamisch-osmanischer Prinzipien darzustellen (so Ahmed Cevdet Pascha und Mehmed Esad).

Nationalrevolutionäre Bewegungen; nationale Geschichtsschreibungen im Rückgriff auf mittelalterliche Heldenmythen, die osmanische Epoche erscheint rein negativ oder ist absent. Feindbilder: die Türken und die Nachbarn jenseits der Grenze (insb. phanariotisches Griechentum).
In den jungen Nationalstaaten wird die Nationalgeschichte in Schule, Kaserne und Uni institutionalisiert (damit verknüpft Irredentismus).

1. Viertel des 20. Jhs.


Ab 1908: Kurdische Klubs mit nationalistischen Geschichtsvorstellungen (v. a. in Istanbul).

1918-23: Nationalgeschichtliche Appelle, v. a. in der Zeitschrift Jin, zur Mobilisierung der Kurden mit dem Ziel einer Nationalstaatsgründung.


Formulierung und Organisation des türkischen Nationalismus.
Konstruktion “urtürkischer” Vergangenheit auf der Basis von Resultaten der europäischen Archäologie und synthetischer Spekulation.

1920er und 1930er

Nach der Aufteilung des kurdischen Siedlungsgebietes (Lausanne 1923) und während der Aufstände gegen den türkischen Einheitsstaat wird der Kemalismus zum ideologischen Hauptfeind, dessen Geschichts- und Rassenauffassung es zu widerlegen gilt. (Vgl. Schriften der Organisation Hoybûn und den Brief von Celadet Bedirhan an Mustafa Kemal, 1933).

Generelle Abwendung von kurdischen Themen (ausser punktuell, so im britischen Irak und am INALCO, Paris).

Der Westen, Sowjetrussland und die sozialistische Internationale gerät weitgehend in den Bann des modernistischen, “fortschrittlichen” Diskurses der türkischen Nationalisten, welche die Kurden als religiöse Reaktionäre brandmarken. Diese Tendenz auch in der Historiographie (so Lewis V. Thomas, Bernard Lewis, Jacob Landau etc.).

Formulierung der kemalistischen Staatsdoktrin und der kemalistischen “Geschichtsthese”: Türken = Arier - Türkentum = prähistorisch verwurzelt und Wiege der Weltzivilisation (Anatolien = türkisch!) - Türkisch = Ursprache - vorosmanische und vorislamische türkische Staatserfahrung - Kurden keine Nation, sondern historisch und ethnisch Teil der türkischen Nation.

1940erund 1950er

1940er-50er: politische Totenstille nach der Niederschlagung der Aufstände in der Türkei, dafür Erinnerungs- und Anklageschriften im Exil (z. B. Nuri Dersimi). In UdSSR, Syrien und Irak relative Blüte der Kurdologie.
In den 60er Jahren gewinnt, parallel zur erfolgreichen Barzani-Revolte im Irak, der kurdische Nationalismus erstmals eine Massenbasis in der Türkei; erstmals erarbeitet die kurdische Elite vor Ort und in Europa einen eigenen historiographischen Diskurs. Zahlreiche Studien zur kurdischen Gesch., z. B. Koçgiri Halk Hareketi, Komal, 1975.

(sozialistischer Geschichtsdiskurs)


1960er und 1970er

Der türkische Soziologe ‹smail Beflikçi erhebt Widerspruch gegen den offiziellen Diskurs über die Kurden und Kurdistan. Er wird vom Wissenschaftsbetrieb völlig ausgegrenzt.

1980 ff.

Eigenständige Arbeiten aus kritischer Distanz zur Nationalbewegung. Diese baut, dominiert von der PKK, eigene Medien auf und schliesst im Geschichtsdiskurs an die 60er und 70er Jahre an.

Aufschwung der kurdischen Studien, massgeblich dank van Bruinessen.
(Begrenzter) Niederschlag davon im Universitätsbetrieb.


Seit den 90er Jahren werden die Kurden erstmals zaghaft, oft apologetisch zu einem akademischen Gegenstand. Die türkische Geschichtsthese wird hinterfragt, aber offiziell nicht widerrufen.

Ansätze kritischer Geschichtsschreibung, welche die Nationalgeschichte hinterfragt und - über Bosnien hinaus - die osmanische Vergangenheit zu integrieren sucht.


© 1998-2000 webmaster@hist.net
5. 12. 2000