Mordtmann, Andreas David, Stambul und das moderne Türkenthum. Politische, sociale und biographische Bilder von einem Osmanen, 2 Bde., Leipzig: 1877-78
Bd. 2, S. 46-50 (Ausschnitte)


Mehr als anderswo aber hatte die Verwaltung der armenischen Provinzen geradezu einen selbstmörderischen Charakter. Diese Provinzen sind theils von Armeniern theils von Kurden bewohnt, ohne dass man eigentlich angeben kann, welche von den beiden Nationalitäten in der Mehrheit ist. Die Armenier sind Christen und zeichneten sich von jeher durch eine loyale Haltung aus; dagegen sind die mubammedanischen Kurden eine unbotmässige Nation, welche die osmanische Herrschaft als eine Usurpation ansieht und jeden Anlass benutzt, sich derselben zu entziehen. Bis zum Jahre 1847 waren auch alle Kurdenstämme so gut wie unabhängig, zahlten keine Steuern, stellten keine Recruten, und dienten nur ausnahmsweise in auswärtigen Kriegen als Baschi-Bozuk (irreguläre Cavallerie) in der türkischen Armee. 1847 wurden sie von Ömer Pascha theilweise der osmanischen Herrschaft unterworfen. Von nun an galten sie als orthodoxe Muselmanen und allen ihren Raubzügen, welche sie gegen die friedliche Bevölkerung Armeniens unternahmen, war von vornherein die Straflosigkeit zugesichert. Vergebens beschwerte sich der armenische Patriarch bei der Pforte über dieses Treiben; es erfolgte entweder gar keine Antwort, oder höchstens ein Vezirialschreiben an den Vali, welcher dasselbe in den Papierkorb warf, oder es wurde im günstigsten Falle eine Commission abgeschickt, welche entweder ganz resultatlos verlief oder mit einem Mazbata zurückkehrte, worin die Beschwerden des Patriarchats als pure Verläumdung der orthodosen Kurden zurückgewiesen wurden. Um die Zeit, wo die Conferenz der Grossmächte in Konstantinopel tagte [Februar 1878], liess der Patriarch eine Zusammenstellung aller dieser Beschwerden veranstalten; es war ein General-Requisitorium so gravirender Art, dass hier kein osmanischer Schriftsteller sich mit der Uebersetzung desselben ins Französische zu befassen getraute; der Commis eines osmanischen Handlungshauses musste die Arbeit übernehmen, und der Druck musste in Paris ausgeführt werden. Besonders arg heimgesucht ist die Provinz Musch; da ich aber unmöglich alle in Armenien begangenen Gräueltbaten hier aufzählen kann, so begnüge ich mich mit der Erzählung zweier Fälle, welche sich im Herbst 1875 ereigneten.— In Erzerum hatte sich ein Seconde-Lieutenant in ein Mädchen verliebt; dieses aber wollte nichts von ihm wissen und wandte sich, wie es hier zu Land noch allgemeiner Aberglaube ist, an irgend einen Chodscha oder Scheich um ein Mittel, den Nachstellungen ihres Anbeters zu entgehen Zu gleicher Zeit hatten sich auch vier Armenier bei dem Scheich eingestellt, um den Thäter eines Diebstahls zu entdecken. Der Lieutenant, welcher das Mädchen hatte dahin gehen sehen, ging ihr nach, fand dort jene vier Armenier, und erklärte nun: dieselben hätten das Mädchen verführt; eine Abtheilung Soldaten drang auf seinen Befehl in das Haus und verhaftete das Mädchen, die Armenier und den Scheich, und die fanatisirte Menge misshandelte die Armenier unterwegs mit Steinwürfen und Stockschlägen. Vor den Statthalter geführt, wurden die Armenier noch einmal durchgeprügelt und ins Gefängniss geworfen, wo sie noch jetzt sind.— In der Provinz Musch wurde ein gewisser Abdurrahman zum Amtmann von Bulanyk ernannt, nachdem er kurz vorher eine Strafzeit von sechsjährigem Gefängniss wegen Unterschleifs überstanden hatte. Er wollte von einem Armenier 50 Lire borgen; dieser aber erklärte: er habe kein Geld. Aufgebracht über diese Weigerung, hetzte er einen Kurden auf, dass er dem Armenier wegen einer angeblichen Forderung von 150 Lire den Process mache. Der Kurde konnte seine Forderung mit nichts beweisen, aber hier zu Lande lässt sich mit Zeugen alles durchsetzen und es ist ein eigenes Geschäft “Zeugniss zu geben”; der übliche Preis eines falschen Zeugen ist eine Medschidie (3 Mark 60 Pf.). Der Armenier wurde verurtheilt zu zahlen, und, da er kein Geld hatte, ins Gefängniss gesetzt. Von Regress eines Christen gegen einen orthodoxen Muselman, einen Kurden, ist in jenen Gegenden selbstverständlich keine. Rede; mit Mühe und mit Bewilligung enormer Wucherzinsen brachten die Verwandten des Unglücklichen 80 Lire zusammen, welche dem Kurden auf Abschlag gezahlt wurden; der Armenier wurde freigelassen, nach wenigen Tagen aber wieder eingesperrt, weil man noch die übrigen 70 Lire forderte: nach.vierzehn Tagen entliess man ihn, damit er irgendwo dieses Geld auftreiben könnte. Agob ging nun direct nach Erzerum und beschwerte sich bei dem General-Gouverneur, der denn auch den Amtmann absetzte; von einer Entschädigung des Armeniers aber für seine Haft und für seine Geldverluste ist keine Rede.
Die Folgen dieser Politik zeigen sich jetzt; den Russen kommen bei ihrem Vordringen nach Erzerum die Sympathien der armenischen Bvölkerung entgegen, während die von der Regierung wie verzogene und verhätschelte Kinder behandelten Kurden sich wenig um die Türken bekümmern.
Denn die Kurden sind zwar Muhammedaner, aber entschiedene Feinde der Osmanen; dazu kommt, dass die Kurden vom Dersim- Gebirge, im Südwesten von Erzingjan, also diesseits Erzerums, Schiiten sind, welche bis jetzt ihre Unabhängigkeit zu wahren wussten. Ihr Scheich, Schah Hüssein Bey, stammt von der Dynastie der Seffevi ab, welche von 1500 bis 1730 in Persien herrschte. Seine Vorfahren wanderten vor 200 Jahren aus Persien aus und wurden von den Kurden des Dersim-Gebirges als Scheiche anerkannt. Hier lebten sie in völliger Unabhängigkeit von der Pforte, bis zum Jahre 1847, wo Ömer Pascha die Kurden an der persischen Grenze zu Paaren trieb; von da an war ihre Stellung schwieriger, aber sowohl Schah Hüssein Bey's Vater als er selbst, wussten sich durch Schlauheit aus diesen Schwierigkeiten herauszuhelfen. So oft die Pforte Miene machte ihre Hoheitsrechte zur Geltung zu bringen, stellte sich der Scheich bei dem Vali von Erzerum oder bei dem Chef des Armee-Corps ein und erwarb sich deren Gunst durch geschickt angebrachte Geschenke und devote Redensarten; so oft von ihm Rekruten verlangt wurden, wusste er schon in der Nähe irgend einen localen Aufstand anzurichten, zu dessen Bekämpfung er seine Truppen nöthig hätte, so dass er keine Rekruten stellen könnte. Besonders verstand er es den Statthalter von Erzingjan, seinen nächsten Nachbaren, für sich zu gewinnen, der dann auch jedesmal, wenn eine Klage gegen Schah Hüssein Bey einlief, ihn durch ein gewaltiges Mazbata zu vertheidigen wusste. Kaum hatte Russland am 24. April d. J. [1877] der Pforte den Krieg erklärt, als Schah Hüssein Bey zum Vali von Erzerum eilte und ihm versprach 10,000 kurdische Reiter zu stellen. Die hiesigen Zeitungen verfehlten auch nicht dieses patriotische Anerbieten gebührend herauszustreichen. Sobald aber die Nachricht von der Einnahme der Festung Ardehan [durch die russische Armee] bekannt ward, warf Schah Hüssein Bey die Maske ab und erklärte sich für unabhängig.

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Okt. 2000