Historisches Seminar Kolloquium WS 2000/01
Universität Zürich H.-L. Kieser


Europa und die Kurden im 19. Jahrhundert (Chronologie)



7. Jh. n. Chr.: Islamisierung der Kurden. Erste schriftliche Spuren der kurdischen Sprache.
14./15 Jh.: Aufstieg der Dynastie der Osmanen, unter deren Führung die Türken Kleinasien und den Balkan erobern.
1516: Im Konflikt um Ostanatolien setzt sich der sunnitische osmanische Sultan Selim gegen den schiitischen persischen Schah Ismail durch. Die wichtigsten kurdischen Fürsten werden Vasallen des Sultans. Dieser anerkennt die autonomen kurdischen Herrschaften. Die osmanisch-persischen Grenzgebiete bleiben Schauplatz von Auseinandersetzungen. Die türkisch- und kurdischstämmigen alevitischen Kızılbafl werden wegen ihrer Sympathien mit dem Schah vom Sultan als innere Feinde und Ketzer verfolgt.
1798: Bonapartes schliesslich gescheiterte Invasion in Ägypten markiert den Beginn einer Epoche nahöstlicher Geschichte, die durch massiven europäischen Einfluss auf politischer, ökonomischer und ideologischer Ebene geprägt ist. Die politischen Eliten suchen ihre Macht durch den Import europäischen Know Hows primär auf militärischer und administrativer Ebene zu wahren. Auf diplomatischer Ebene spielen sie die konkurrierenden Grossmächte gegeneinander aus.
1828: Russland erobert Persisch-Armenien sowie einen Zipfel des osmanischen Transkaukasiens.
1830-31: H. G. O. Dwight und Eli Smith unternehmen im Auftrage des American Board of Commissioners for Foreign Missions (ABCFM) eine Forschungsreise in Kurdistan und Armenien. Ihr 1833 publizierter Bericht liefert die Informationsgrundlage für die missionarische Durchdringung und ethnographische Erforschung jener Region.
1831-33: Muhammed Ali von Ägypten erobert das osmanische Syrien und bedroht Kleinasien.
In den 1830er und 1840er Jahren zerstört die osmanische Regierung die kurdischen Emirate und setzt Gouverneure (Valis) ein. Auch das Emirat Bedir Khans fällt 1847 nach einer Blütezeit. Osmanisches Ziel ist die Modernisierung und Zentralisierung des Reiches, insbesondere der bisher weitgehend autonomen östlichen Reichsteile, nach französischem Vorbild. Anstelle der entmachteten Emire übernehmen in der zweiten Jahrhunderthälfte sunnitische Scheiche eine integrative, stämmeübergreifende Rolle in der kurdischen Gesellschaft. - In Persien wird die zentralisierende Modernisierung weniger stark vorangetrieben. Lokalpotentaten und kurdische Stammesführer bleiben weitgehend. Die Schahs (Kadscharendynastie) wahren ihre labile Macht dank wechselseitiger Unterstützung durich die beiden konkurrierenden Grossmächte Russland und Grossbritannien.
1838: Öffnung des osmanischen Marktes für britische Waren, dasselbe 1841 in Persien. – Der preussische Offizier und osmanische Militärberater Helmut von Moltke wird Zeuge der brutalen «Pazifikation» Kurdistans und der gewaltsamen Rekrutierungen.
1839: Osmanische Niederlage gegen die Ägypter bei Nizip. Die europäischen Mächte intervenieren in dieser «Orientalischen Krise», die ihre Nahostinteressen tangiert. Der Erlass Hatt-ı fierif von Gülhane durch den neuen Sultan Abdulmecid eröffnet die sogenannte osmanische Reformära (Tanzimat).
1839-1876: Die Tanzimat schliessen an die vorhergehenden Erneurungsmassnahmen unter Sultan Mahmud II. an, umfassen aber auch liberale Postulate wie die Religionsfreiheit und die prinzipielle Gleichberechtigung der Untertanen. In den neu eingerichteten osmanischen Ostprovinzen kommt es ausserhalb der Provinzzentren, wo weder die neue Verwaltung noch die liberalen Grundsätze verwirklicht werden, zu chaotischen Verhältnissen und namentlich zu Doppelbesteuerung (sowohl zentralstaatliche Steuern als auch bisherige Abgaben der armenischen und kurdischen Kleinbauern – raya – an Lokalherren). Immerhin erlauben die freiheitlichen Rahmenbedingungen ein Aufblühen des Millet-Schulwesens. Die orientalischen, insbesondere armenischen Christen werden von den Missionaren gefördert. Das ABCFM und die Kapuziner beginnen in den 1840er Jahren Stationen in den Ostprovinzen zu gründen.
1856: Kurz vor dem Friedensvertrag von Paris, der einen Schlusspunkt unter den Krimkrieg 1853-56 setzt, erlässt der Sultan Abdulmecid das Hatt-ı Hümayun. Dieses bekräftigt die im Hatt-ı fierif verkündeten freiheitlichen Grundsätze. Während des Krimkrieges machten die Kurden unter Führung Yezdan Shers und mit Beteiligung der Nestorianer ausgehend von Hakkari einen Aufstand, der sich bis Van und Bagdad ausbreitete. Die Pforte dämmte ihn mit britischer Unterstützung ein.
1876: Abdulhamid II. wird Sultan. Balkankrise: antiosmanische Aufstände und Krieg mit Serbien; die Pforte setzt sich militärisch durch. Der Sultan erlässt am 23. 12. 1876 eine Verfassung, die Parlamentswahlen vorsieht.
1877/78: Die Kriegsverluste auf dem Balkan und die muslimischen Flüchtlingsströme traumatisieren den jungen Sultan. Der russisch-türkische Krieg führt in weiten Teilen des kurdisch-armenischen Siedlungsgebietes zu einem Interregnum. Die Neuordnung jener Region wird unter der Bezeichnung «armenische Frage» ein Thema der Berliner Konferenz (1878). Diese verpflichtet die Türkei zu Verwaltungsreformen und zu inneren Schutzmassnahmen gegen kurdische und tscherkessische Gewaltakte. Sowohl Abdulhamid als auch die durch die Tanzimat verunsicherten Kurden fürchten um ihre Machtposition. Sie interpretieren die internationalen Reformforderungen als Einmischung, die zu einer armenischen Autonomie führen soll. Sie widersetzen sich einem Reformprozess, der die Nichtmuslime stärkt.
1880-82: Aufstand des Scheichs Ubeydullah, der sich auf nationale kurdische Rechte beruft. Er scheitert militärisch gegen die Perser und die Osmanen.
1880er Jahre: Aus Enttäuschung über das Ausbleiben wirksamer Reformen entsteht eine armenisch-revolutionäre Bewegung: 1887 wird die Huntschak-, 1890 die Daschnak-Partei gegründet. Die Propaganda und die Aktivitäten dieser Parteien richten sich gegen kurdische Lokalherren, den osmanischen Staat und die angepasste armenische Bourgeoisie.
1891: Abdulhamid gewinnt die Kurden für den Zentralstaat, indem er sunnitischen Stämmen eine privilegierte Stellung als Hamidiye-Regimenter schafft. Zu seiner Politik islamischer Einheit gehört ebenfalls eine starke Propagandatätigkeit, deren Sendboten bis in die Dörfer hinein hanefitische Staatsloyalität predigen und das Schreckgespenst einer allgemeinen armenischen Verschwörung verbreiten.
1894: Massive militärische Unterdrückung eines von wenigen Huntschak-Revolutionären angeführten Bauernaufstandes in Sasun. Als Folge der brutalen Repression wird die Reformfrage in der internationalen Diplomatie reaktiviert.
Okt.-Dez. 1895: Umfangreiche antiarmenische Pogrome mit kurdischer Beteiligung (ca. 100'000 Tote innert weniger Wochen).
1898-1902: Angehörige der Bedir Khan-Familie im oppositionellen Exil gegen den Sultan publizieren hauptsächlich in Genf die erste kurdischsprachige Zeitschrift namens Kürdistan.
1905-06: Iranische Revolution für eine Verfassung, gegen die fremdbestimmte Regierung und gegen den ausländischen Einfluss. Städtische Kurden sind für, die Stammesführer gegen die Revolution. Russland unterstützt die Gegenrevolution.
23. 7. 1908: Die jungtürkische Machtübernahme verleiht den Minderheiten Hoffnung auf eine Erneuerung des Osmanischen Reiches zu einer rechtsstaatlichen Vielvölkerföderation. Es werden viele ethnisch motivierte, so auch kurdische Vereine, gegründet. Die meisten kurdischen Stammesführer hingegen bleiben dem Sultan und dem gemeinsamen islamischen Banner verpflichtet; so revoltiert z. B. der Hamidiye-Kommandant Ibrahim Pascha aus Viranschehir gegen die neuen Machthaber des Comité Union et Progrès, den sogenannten Unionisten (positivistisch orientierte junge Patrioten meist aus Offiziers-, Beamten- und Medizinerkreisen). Das vorrangige unionistische Ziel ist die «Wiederherstellung der osmanischen Souveränität». Die islamische Kohäsion der Machtträger wird nach 1908 von einem zunehmend organisierten türkischen Nationalismus überlagert.
1912/13: Balkankriege mit Beteiligung der kurdischen Milizen (ehemalige Hamidiye); muslimische Flüchtlingsströme Richtung Anatolien. Ab 1913 etabliert sich eine unionistische Diktatur.
8. 2. 1914: Verabschiedung eines internationalen Reformplans für die sechs östlichen Provinzen («armenische Reformen»): Offizialisierung der Regionalsprachen - Entwaffnung der Hamidiye - internationale Kontrolle.
2. 8. 1914: Geheimes deutsch-türkisches Bündnis kurz nach Weltkriegsbeginn: Zum Preise der Kriegsbeteiligung erhält das unionistische Regime die Gelegenheit, seine volle Souveränität zu erklären und somit armenische Reformen, Kapitulationen und Schuldenwirtschaft (Dette Publique) zu annulieren.
14. 11. 1914: Erklärung des Dschihad in Konstantinopel, nach Beginn des osmanischen Angriffskrieges gegen Russland. Iran erklärt seine Neutralität, wird aber dennoch zum Kriegsschauplatz.
Jan. 1915: Die Kaukasus-Grossoffensive Enver Paschas wird in den Schneestürmen bei Sarıkamıfl zu einer militärischen und menschlichen Katastrophe (ca. 90'000 v. a. kurdische Todesopfer) und trägt zur Ausbreitung von Seuchen in den Ostprovinzen bei. In deren Nordostzipfel dringt die russische Armee ein (bis Erzincan).

ab Febr. 1915: Das Kriegsregime betreibt eine pauschale propagandistische Verunglimpfung der Armenier als Verräter und Verschwörer. Die armenischen Soldaten in der osmanischen Armee werden entwaffnet. Ende April werden die armenischen Eliten in ganz Kleinasien verschleppt und ermordet.
ab Juni 1915: Systematische, telegrafisch gesteuerte «Deportationen» der Armenier aus ganz Anatolien: Absonderung und systematische Massakrierung der Männer; Vernichtung des Gros der Frauen und Kinder auf Todesmärschen Richtung syrische Wüste; systematische Übertragung armenischen Gutes an den Staat und an die muslimische Bevölkerung. Die Dersimkurden gewähren Tausenden von Verfolgten Asyl, während viele sunnitische Kurden sich aktiv an der Armenierverfolgung beteiligen. Die Deportationen sind Teil eines gigantischen Plans der ethnischen Umgestaltung Kleinasien, um die Basis zu einem ethnotürkischen Nationalstaat zu legen.
ab 1916 sind auch Hunderttausende von Kurden von den Aussiedlungsmassnahmen des Regimes betroffen. Sie sollen auf ganz Anatolien verstreut "im Türkentum aufgehen" (Jakob Künzler). Schlechte Organisation führt bei vielen zum Hunger-, Kälte- oder Seuchentod.
ab Nov. 1917: Die Bolschewisten befehlen den Rückzug aus Nordostanatolien (Erzincan-Erzurum). Die unter russischem Schutz angesiedelten Armenier können sich nicht halten. Armenische Banden lassen sich Greueltaten zuschulde kommen.
28. 5. 1918: Gründung der unabhängigen Republik Armenien mit Zentrum Eriwan. Dem unpopulären unionistischen Kriegsegime gelingt es, viele Kurden wieder vermehrt für sich zu mobilisieren, indem es auf das Schreckgespenst eines möglichen grossarmenischen Staates hinweist, der einen Teil des kurdischen Siedlungsgebietes umfassen würde. Tatsächlich hegen exilarmenische Kreise solche Vorstellungen, während die alliierten Vertreter nicht klar Stellung nehmen.
30. 10. 1918: Waffenstillstandsvereinbarung von Mudros zwischen Osmanen und Alliierten.
15. 5. 1919: Griechische Besetzung ‹zmirs. Die Empörung darüber trägt zum Aufbau einer muslimischen Abwehrfront unter Führung Mustafa Kemal Paschas bei. Sie greift auf lokale unionistische Organisationseinheiten zurück und konstituiert sich zuerst in den administrativ intakten Ostprovinzen als antiarmenische Front. Sie gewinnt die meisten sunnitischen Kurdenführer für sich, da diese, nicht zuletzt wegen ihrer Beteiligung am Völkermord, ihre Interessen am besten im Bunde mit den Unionisten-Kemalisten zu wahren glauben. Vgl. Kongresse von Erzurum (23. 7. - 6. 8. 1919) und Sivas (4. - 13. 9. 1919).
23. 4. 1920: Eröffnung der Grossen Nationalversammlung in Ankara als Gegenregierung zur Pforte.
10. 8. 1920: Vertrag von Sèvres zwischen Pforte und Alliierten. Er sieht vor, grosse Teile der osmanischen Ostprovinzen einem unabhängigen Armenien und einem unabhängigen Kurdistan zuzuteilen. Gegenüber den «imperialistischen Machenschaften» in Paris einigen sich indes Kemalisten und Bolschwisten am 24. 8. 1920 in Moskau auf den Entwurf zu einem Freundschaftspakt.
23. 9. 1920: Die erste kemalistische Offensive führt gegen Armenien: bis im Dezember Eroberung des westlichen Teils des ehemaligen Russisch-Armeniens. Invasion der Roten Armee in dessen Ostteil (6. 12. 1920). Der kemalistisch-bolschewistische Freundschaftspakt vom 16. 3. 1921 anerkennt die türkischen Annexionen.
Jan.-Juni 1921: Eine weitere kemalistische Offensive führt gegen die alevitischen Kurden im Koçgiri-Dersim, welche als einzige für die Realisierung der in Sèvres festgelegten kurdischen Autonomie kämpfen.
1. 11. 1922: Abschaffung des Sultanats.
24. 7. 1923: Der Vertrag von Lausanne zwischen den Alliierten und der kemalistischen Türkei verschweigt jegliche kurdische und armenische Frage. Die Armenier und Kurden verschwinden als Thema der internationalen Diplomatie.
29. 10. 1923: Ausrufung der Republik Türkei.
3. 3. 1924: Abschaffung des Kalifats.
Febr. 1925: Der kurdische Nakschbendi-Scheich Said von Piran führt einen Aufstand gegen die junge Republik im Namen des Islams und der kurdischen Nation. Die alevitischen Kurden beteiligen sich nicht daran. Mit grosser Anstrengung und logistischer Unterstützung (Eisentransport) der französischen Mandatsmacht in Syrien gelingt es dem Regime, den Aufstand bis im Frühsommer niederzuwerfen. Die Haupaufgabe der türkischen Armee ist es fortan, die Kurden im Rahmen eines dauerhaften Ausnahmezustandes zu kontrollieren. Eine ökonomische und kulturelle Entwicklung der Grossregion kann so nicht stattfinden. Der Staat führt die unionistische Politik der Zwangsumsiedlung fort.
März-Nov. 1925: Parallel zur antikurdischen Repression finden antidemokratische und antireligiöse Massnahmen des Regimes statt: Sondervollmachten, Sondergerichte, Pressezensur, Verbot oppositioneller Parteien und Verbot religiöser Orden, Einrichtungen (mit Ausnahme eines staatlich gelenkten Sunnismus) und Kleider. Die Wörter «Kurde» und «Kurdistan» beginnen geächtet zu werden. Ideologische Basis der Republik ist ein ethnozentrischer türkischer Nationalismus.
1926-30: Der Führerstaat mit Einheitspartei erlässt einschneidende progressistische Reformen von oben, so die Übernahme des westlichen Kalenders (26. 12. 1925), des schweizerischen ZGB (17. 2. 1926), die Übernahme der lateinischen Schrift (1. 11. 1928) und das Frauenstimmrecht (3. 4. 1930).
1927-30: Die im Libanon gegründete Organisation Hoybûn sammelt die kurdisch-nationalistischen Kräfte und arbeitet mit der armenischen Daschnak zusammen. Sie beteiligt sich am Ararat-Aufstand, der von der türkischen Armee unter iranischer Mithilfe niedergeschlagen wird (1930).
1937-38: Ethnozid im kurdisch-alevitischen Dersim: Massaker und Verschleppung vieler Tausender, die sich unter dem Führer Seyit Rıza gegen die militärische Durchdringung und Türkisierung Dersims wehrten.
1940er und 50er Jahre: Zeit des «kurdischen Schweigens» in der Türkei. Selbstzensur kurdischer Familien, die vom Land in die Städte ziehen, führt dazu, dass zahlreiche Kinder ihre Muttersprache nicht mehr richtig lernen.
seit den 1960er Jahren: «Die armenische Frage aufersteht als kurdische Frage» (Reflid Tankut, Türk Tarih Kurumu, 1961).

© 1998-2000 webmaster@hist.net
Okt. 2000