Aus Anlass von Norman Finkelsteins Buch ”Die Holocaust
Industrie”
”Die edelste Geste
gegenüber jenen, die umgekommen sind, besteht darin, ihr
Andenken zu bewahren, aus ihrem Leiden zu lernen und sie endlich in
Frieden ruhen zu lassen”.
Hier endet
Finkelsteins 150 Seiten starker Bericht, in welchem er zu Protokoll
gibt, wie aus dem Erinnern an die Nazi-Verbrechen, und an ihre Opfer,
innert Jahren eine diversifiziertes Geschäft mit
Milliardenumsätzen geworden ist. Betrieben mit den Mitteln der
Erpressung von Regierungen und Unternehmen, Betrug an den
überlebenden Opfern der Konzentrationslager und ihrer
Nachkommen, purer Propaganda und Zahlenschieberei. Die immensen
Gewinne kommen nicht jenen zu, in deren Namen sie eingebracht werden,
den aussterbenden tatsächlichen Überlebenden, - wobei man
ihre Zahl und Definition ausweitet, wo Geld für sie eingetrieben
werden soll, und wieder einschränkt, wenn es ans Auszahlen gehen
müsste - vielmehr werden sie in Projekte reinvestiert, die vor
allem der Existenzsicherung von Branchenleadern wie dem ”World
Jewish Congress” und der ”Jewish Claims Conference”
dienen.
Deutlich wird dies bei
Finkelstein in der Auseinandersetzung, welche die
amerikanisch-jüdischen Organisationen mit den Schweizer
Grossbanken 1996 bis 1998 geführt hatten und an ihrer Verwendung
der daraus gelösten Vergleichssumme von geschätzten einer
Milliarde Dollar: ”...Und wenn sie ihr Geld bekommen, wird
mindestens die Hälfte in ihre Taschen wandern. Von Anfang bis
Ende (...) ein grotesker Skandal, und ich bin entschieden der
Ansicht, die Schweiz sollte die Vereinbarung aufkündigen.”
Wer das Ganze liest,
wird vielleicht den Wunsch des Autors teilen, das Spektakel ”Holocaust”
möge wenigstens um der Toten Willen zum Stillstand kommen. Die
regelmässig produzierten Debatten, Kontroversen und Affären
drehen sich ohne Mittelpunkt. Sie eiern nur - bis die nächste
Nummer an der Reihe ist. Bei Legionen von Spezialisten aus allen
Sparten der Geisteswissenschaften, die jeweils Gelegenheit erhalten,
Erkenntnisse abzusondern, kommt das Schauspiel längst ohne sein
Thema aus. Es gleicht immer mehr dem Wanderzirkus, der seit Jahren
mit seiner Travestienummer durch die Lande tingelt und auf Publikum
hoffen kann, wenn gerade sonst nichts los ist auf dem Dorfe. Und auch
Finkelsteins Werk droht das Schicksal, wenn das routinemässig
aufgeladene Echo, welches der englischen Erstausgabe vor einem
knappen halben Jahr bis in den deutschen Sprachraum hinein zu Teil
geworden ist, der Massstab sein kann. Obwohl es direkt hinter seiner
Begrenztheit, die sich eine ”Analyse und Anklage der Holocaust
Industrie” (Finkelstein) auferlegen muss, zum Nachdenken
einladen würde.
Dabei ist jenseits
aller moralischer Bedenken die Tatsache anzuerkennen, dass bis auf
ein paar verbitterte alte Juden vorläufig niemand den ”World
Jewish Congress”, die ”Jewish Claims Conference”
und andere private Organisationen hindern will, als selbst ernannte
Vertretung aller Juden aufzutreten, der Gemordeten, wie der
Überlebenden. Diese Organisation werden also im Auftrag ihrer
schweigend büssenden Geldgeber über die
Milliardenerlöse verfügen, welche sie mit
anerkennungswürdigem Geschick aus dem Geschäft mit dem
Holocaust generieren. Und was sie darunter verstehen, haben sie nie
als Geheimnis oder komplizierten Plan gehandhabt. ”Wiedergutmachung”
ist keine Zauberformel. Sie wird im allseits bekräftigten
Konsens praktiziert und meint die Restauration des europäische
Judentums.
Doch im Europa des
kalten Krieges hatte man anderes zu tun und beschränkte sich
über lange Jahre auf die Unterstützung des Staates Israel,
der einzigen politischen Neugründung nach dem zweiten Weltkrieg,
die sich nur in der prekären Form eines amerikanischen
Exteritorialstaates mit Autonomiestatut konsolidieren liess. Bis mit
dem Wegfall des realen Kommunismus der Linken wie der Rechten ihre
dominierende Sinngebung plötzlich abhanden gekommen war. Im
moralischen Vakuum regte sich das Bedürfnis nach einem Projekt
von mindestens ebenso universellem Wert wie der Kommunismus oder der
Kampf dagegen. Und so hat man die Holocaustgeschichte entdeckt. An
ihr schraubt und dreht man seither mit allen Instrumenten aus
Wissenschaft, Politik und Kultur herum. Auf dass sie wieder gut
werde, und an den Juden das Projekt Europa seinen
Läuterungsprozess erfahre.
Nachdem die USA mit
Holocaust-Museen, Holocaust-Lehrstühlen, Holocaust-Memorials,
und Holocaust-Archiven flächendeckend bedient worden sind, und
der amerikanischen Judenheit als letztes wirkliches Problem bleibt,
dass ihr geistiges Zentrum immer weiter nach rechts, Richtung Kaftan
bekleideter Sekten und rechtsradikaler Ethnofetischisten rückt,
weil der weltliche Teil in der Massengesellschaft aufgesogen wird,
ist die einzigartige Erfolgsgeschichte des jüdischen Amerikas
auf ihrem Höhepunkt angekommen. Und damit sie dort nicht ende,
wird sie weiter gereicht. Ab jetzt heisst es: ”Amerika schenkt
Europa sein Judentum.”
Enthusiastisch
schält man mit dem Wiedergutmachungsgeld und amerikanischem
Restaurationsknowhow Synagogen aus altem Gemäuer, oder errichtet
Museen und Mahnmale, wo nichts mehr steht. Eifrig werden Rabbiner
ausgebildet, jüdische Grundschulen und Kindergärten aus der
Taufe gehoben, Yeshivas gegründet, Altersheime eröffnet,
Gedenktafeln an überwucherte Friedhofsmauern angebracht und der ”Jewish
Claims Conference” Ansprüche aus herrenlosem Besitz
übertragen, deren Versilberung ja ohnehin vor Ort wieder wirksam
wird. Wenn zu spät aufgetauchte jüdische Erben zuvor nicht
noch ein wenig dagegen prozessieren.
Vorreiter ist das
wiedervereinigte Deutschland. Hier braucht es keine amerikanische
Unterstützung. Ab und an ein paar Ermahnungen an wohlfeilen
Gedenkveranstaltungen reichen. Die neue Hauptstadt und der Staat um
sie herum wollen vor allen andern in Europa beweisen, dass man die
nationale Lektion des letzten Krieg wirklich gelernt hat. Darin soll
niemand getäuscht werden. Deutschland bleibt, unter welcher
Regierung auch immer, noch eine Weile fest entschlosssen zu zeigen,
dass die Schlacht erst wirklich zu Ende ist, wenn das Judentum in
Europas Mitte lebt. Wenn der hinterste deutsche Bürger die Juden
im eigenen Lande nicht nur dulden, sondern herzinnig zu lieben
gelernt hat, wird Hitler endlich von den Deutschen selbst besiegt
worden sein. Keine Mühe werden gescheut, keine Debatte
ausgelassen, um sich selber an den Juden wieder gut zu machen Und da
es dem Judentum in Deutschland an nichts gefehlt hat, ausser an Juden
selbst, wird jetzt jeder grösseren Stadt ihre jüdische
Gemeinde hingestellt, und flugs aus den weiten des alten Russlands
herangeführt, was sich als jüdisches Menschenmaterial
erfassen lässt. Komme was wolle. Den Behörden in Russland
bleibt es überlassen, den Ausreisewilligen das russische ”E”
für das deutsche ”J” gegen Entgelt in den Pass zu
stempeln. Die Behörden in Düsselrdorf, Berlin oder anderswo
drücken den Offiziellen in den jüdischen Gemeinden beide
Augen zu. Diese ächzen zwar unter dem Ansturm, wollen sich aber
nicht schnöde zeigen, spült doch jede Klonung ihr
Wiedergutmachungsgeld mit sich. Bald muß der Tourist nicht mehr
nach Williamsburgh/Brooklyn reisen, um ein vermeintliches Ghetto
besuchen zu können, sondern wird auf seiner Europareise durch
deutsche Gauen streifen und den Exporterfolg Amerikas ablichten
können. In jeder wichtigen deutschen Stadt leuchtet als
Sahnehäubchen der Läuterung schon bald die goldene Kuppel
einer Synagoge, und wo immer ein paar kriminelle Elemente so
freundlich sind, die Existenz von Antisemitismus oder
Rechtsextremismus als Antithese der restaurierten Normalität vor
zu exerzieren, wird man, im Beisein eines Bundeskanzlers- oder
Präsidenten mit jüdischer Kopfbedeckung, mehr Bekenntnis
dagegen klotzen.
So sieht es aus, das
Milliardenprodukt der Holocaust-Industrie, wie es Edgar Bronfman vom
World Jewish Congress nicht erst seit letztem August vorschwebt, als
er anlässlich der ”Holocaustentschädigungsfeier”
an New Yorker Nobeladresse unter Beisein der Clintons und anderer
Prominenz die Gründung einer ”Stiftung für das
Jüdische Volk” bekannt gegeben hat. Und wenn Leute wie
Herr Finkelstein, oder etwa meine Tante Agi im fernen Osten Ungarns,
die seit Auschwitz nicht nur ihre geschwollene Beine quälen,
meinen, sie kennten für das Geld manch eine bessere Adresse, so
müssten sie gewillt sein, das kurze private Glück, das die
etwas vergrösserte finanzielle Geste jemandem gewähren
würde, gegen die Erhabenheit abzuwägen, die das Feiern des
Holocaust jedermann bereitet, der sich in unserer entpolitisierten
Gesellschaft auch nur ein bisschen darin übt.
Doch abgesehen von der
unvermeidlichen Verletzung des guten Geschmacks, die manchmal zu
beklagen wäre, was soll denn falsch sein an einer glanzvollen
Resurrektion des jüdischen Europa?
Vorläufig nur
soviel: Der Zirkus verstellt den Blick. Hinter den Kulissen wäre
ein nackter Raum. Und in der Leere wohnte das Grauen. Die
Vernichtungslager und der Gulag waren die Orte, wo die totale
Herrschaft für kurze Zeit in Erfüllung ging. Zur Einsicht
in das Wesen totalitärer Herrschaft dürfte ein Verweilen
bei diesem Grauen unerlässlich sein. Die Angst dient vielleicht
nur dazu, den wesentlichen Massstab für die Beurteilung von
Ereignissen in unserer Zeit einzuführen: ob sie einer totalen
Herrschaft dienen oder nicht. Solches überlegte Hannah Arendt in
ihrem Buch ”Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”
Ihr Gedanke führt nicht weit. Aber er wäre mehr, als der
ganze Zirkus, und all die Auflehnung dagegen, zu leisten
vermögen.
Ihr Buch erlebt just
im Frühling sein fünfzigstes Jahr. Es wird zu dieser
Gelegenheit in seinen ganzen eintausend Seiten durch den April
hindurch in Zürich öffentlich vorgelesen.
Zürich, 26. Januar
2000
Daniel
Ganzfried
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24.1.2002