Norman Finkelstein, zur Verteidigung der offenen Debatte



So viel gleich vorweg: Ich halte Herrn Finkelsteins Thesen für bedenkenswert. Das heisst, wert, bedacht, debattiert und beurteilt zu werden.

Gibt es eine Holocaust-Industrie, also einen für die Beteiligten Mehrwert schaffenden Wirtschaftszweig? Mit dem Holocaust Memorial Museum, der Jewish Claims Conference, dem World Jewish Congress und anderen als wichtigsten Players? Suchen verschiedene ihrer Akteure den Erfolg mit unlauteren Methoden? Erpressung, Unterschlagung, Zahlentrickserei? Und sind ihre Aushängeschilder Kitsch produzierende Propagandisten? Spielberg, Goldhagen, Wiesel, Wilkomirski? Am Schluss: Wenn es die Industrie gibt, was ist so schlecht an ihren Zielen - Geld verdienen, Macht gewinnen und das Geschäft am Laufen halten?

Einige dieser Fragen hätte ich hier gerne vertieft. So glaube ich zum Beispiel, dass in Sachen World Jewisch Congress, Jewish Claims Conference und Sammelkläger gegen Schweizer Banken eher von einer Partnerschaft gesprochen werden müsste als von einem Krieg, wie es Finkelstein sieht. Das Ziel war die Entsorgung der Geschichte, ihrer Opfer und Täter. Edgar Bronfman sagte auf dem Höhepunkt des Konfliktes sinngemäss: Das letzte Kapitel wird aufgeschlagen. Will sagen: Danach ist aber endlich Schluss. Für uns alle. Dass beide Seiten verpflichtet sind, den besten Trade-Off anzustreben, scheint mir ausgehend vom Begriff der ”Industrie”, wie ihn Finkelstein gebraucht, nachgerade ein Gesetz. Ob hier Erpressung im Spiele war, scheint mir eine Frage der Praxis-Interpretation. Zwei Global-Players spielen mit den Muskeln und kommen ins Geschäft.

Oder der Themenkomplex von Israels Politik und der jüdischen Lobby: Was ist so verwerflich daran, wenn ein kleines Land in einem grösseren andern starke Verbündete hat, die einigermassen zuverlässige Allianzen zu Stande bringen und es vor lästigen Fragen schützen? Die Tatsache, dass eine Grosszahl der rechtsextremenen jüdischen Siedler aus den USA kommt, ist der etwas unangenehme Preis. Und die Zersetzung der israelischen Demokratie macht ihn nicht kleiner. Nur: Es zahlen hauptsächlich die Palästinenser. Gerade weil sie eben keine starke Lobby haben. So wenig wie die Indianer, die Schwarzen, die Armenier. Sie könnten bei den jüdischen Institutionen in die Lehre gehen. Klar hat nichts von dem mit Opfern, bedürftigen Überlebenden und Verständis von geschichtlichen Ereignissen zu tun. Es ist Business. Politik als Business.

Nicht zu reden von den künstlerischen Produkten dieser ”Industrie”. Wo Dinge der noch nicht entsorgten Geschichte zur Darstellung kommen, wird die Qualität eben zum Politikum. Wiesel, Goldhagen, Wilkomirski.

Dies alles und noch mehr könnte erörtert werden. Kenntnisreich, engagiert, klug. Dank Finkelstein einmal mehr. Und mit ihm erst recht. Doch es scheint, als wäre die Zeit dafür wieder einmal abgelaufen, bevor sie angebrochen ist. Norman Finkelstein wird bedroht. Sein Ruf als Wissenschafter demontiert. Seine Motivation kriminalisiert und sein Buch besprochen, als hätten die Rezensenten ”Die Protokolle der Weisen von Zion” gelesen anstatt ”The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering”. Viele haben nichts davon gelesen.

Als vorläufigen Höhepunkt beginnt nun die ”Allgemeine jüdische Wochenzeitung” aus Deutschland eine Kampagne mit dem Ziel, den Münchner Piper-Verlag von der Edition der deutschen Ausgabe abzubringen, die für Februar nächsten Jahres vorgesehen ist. Wir haben das schon erlebt. Mit Hannah Arendt und ihrem ”Eichmann in Jerusalem. Report on the Banality of Evil”. Oder mit Norman Finkelsteins früherer Arbeit ”A Nation on Trial” über Daniel Goldhagens Buch ”Hitlers Willing Executioners”. Der Schreibende hat es auch am eigenen Leib erfahren. In der Affäre rund um die Aufdeckung von Binjamin Wilkomirskis alias Bruno Doessekkers Fälschung einer Holocaust-Autobiografie. Man versucht zu verhindern, dass ein Wort gehört wird. Gelingt dies nicht, erfolgt eine Kaskade von Verleumdungen, Psychologisierungen, neuen Lügen. Und misslingt selbst dies, legt man mit Geschrei den Mantel des Schweigens um die Sache.

So müssen diese Zeilen ein Pamphlet zur Verteidiung werden. Nicht von einem Buch. Darüber hätte ich gerne sachlich und hintergründiger geschrieben. In Abwägung meiner eigenen Kenntnisse und einiger Vorbehalte. In Würdigung seines Stils. Wie hat Lorenz Jäger in der FAZ geschrieben? Polemik macht ein Fenster auf. Ich würde mit Vergnügen die Unordnung betrachten, die der Durchzug im Programmablauf des Holocaust-Zirkus hoffentlich angerichtet hätte.

Doch wo eine Person derart angegriffen wird, gilt es den Menschen zu verteidigen. Sein Recht, über Dinge zu schreiben, die der öffentlichen Verhandlung bedürfen. Sein Recht, als Berufsmann, in diesem Fall also als Lehrer, Forscher und Schriftsteller tätig zu sein, eine öffentliche Figur abzugeben.

Hier scheint wieder einmal eine Aktion in Gang gekommen zu sein. Diesmal richtet sie sich gegen einen gewissen Norman Finkelstein. Hannah Arendt musste nach ihrem ”Eichmann in Jerusalem” in den früher sechziger Jahren einsehen, dass sie in einer solchen Kampagne, mit der auf die Person gezielt wird, nichts ausrichten kann. Sie schwieg. Ihre Freunde wie Karl Jaspers und Mary McCarthy versuchten die Stimme zu heben. Sie waren zu wenig. Der Spuk ging vorüber, aber das Problem bleibt. Eine Konspiration der Ignoranz und des Opportunismus wirf ihren Bannstrahl. Sie trifft den Menschen. Aber immer meint sie, die Freiheit der offenen Debatte. Doch auf sie bleiben wir angewiesen, wollen wir Auschwitz für unsere Zeit besser verstehen.

Deswegen verteidige ich Norman Finkelstein. Seine Person, und sein Schreiben.

Daniel Ganzfried
Im September 2000

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24.1.2002