Historisches Seminar der Universität Zürich, Wintersemester 2002/03
Kolloquium "Israel und Palästina (19.-Mitte 20. Jh.)"

 

Osmanische Reaktionen auf den Basler Zionistenkongress (1897)

"Ebenso wie von Seiten der französischen Israeliten die am Kongress vorgetragenen Ideen heftig missbilligt wurden, so ist es ebenso ganz offenkundig, dass sie von der Gesamtheit der israelitischen Untertanen überall im wohlbehüteten Reiche Seiner Majestät des Padischahs energisch zurückgewiesen werden und dass die israelitischen Untertanen keinen andern Wunsch hegen als den, weiterhin unter dem Schutz unseres allerhöchsten Wohltäters zu leben
."



[1. Blatt]


Hohe Pforte
Sekretariat des Grosswesirs
Büro für den Schriftwechsel mit dem Sultan
Dokument Nr. 698[1]

In der Stadt Basel hat Doktor Herzl eine Rede gehalten, welche die Errichtung eines israelitischen[2] Staates im Land Palästina vorschlug. Hiermit wird Ihnen ein Brief vorgelegt, der von Isaak Fernandez, dem Präsidenten des Istanbuler Zweiges der Alliance Israélite stammt. Dieser weist das Ansinnen Herzls zurück und unterstreicht die Treue und Untertänigkeit, welche die Israeliten[3] des osmanischen Reichs der ruhmvollen Majestät des Padischahs entgegenbringen.

29. Dschemasiyel-evel 1315[4]
14. Teschrini-evel 1313[5]
[= 26. Oktober 1897]

Großwesir Rifat[6]



[2. Blatt]


Das Schreiben eines untertänigen Knechtes an Seine Hoheit, den Großwesir

Kürzlich hat in Basel ein Kongress stattgefunden. Die dort von Doktor Herzl vorgebrachten Ideen sind jetzt von der zentralen Leitung der Alliance Israélite in Paris zurückgewiesen worden. Ich erlaube mir und beehre mich, meinem untertänigen Schreiben die Übersetzung eines meiner Wenigkeit von dort zugesandten Briefes beizulegen. Ebenso wie von Seiten der französischen Israeliten die erwähnten, am Kongress vorgetragenen Ideen heftig missbilligt wurden, so ist es ebenso ganz offenkundig, dass sie von der Gesamtheit der israelitischen Untertanen überall im wohlbehüteten Reiche Seiner Majestät des Padischahs energisch zurückgewiesen werden und dass die israelitischen Untertanen keinen andern Wunsch hegen als den, weiterhin unter dem Schutz unseres allerhöchsten Wohltäters zu leben, um sich der zahlreichen grosszügigen Gunsterweisungen zu erfreuen, die der mächtige Träger der Gerechtigkeit ihnen bisher gütigst erwiesen hat. Wo sonst auf der Welt könnten denn die im Osmanischen Reich ansässigen Israeliten eine solche Situation des Glückes und Wohlergehens gewärtigen? Daher weisen die Israeliten nicht nur Doktor Herzls Ideen mit Entschiedenheit zurück, sondern sind bereit, wie sie das auch im letzten Krieg[7] bewiesen haben, für die Erhaltung und Verteidigung der heiligen osmanischen Erde ihr Leben und Gut zu opfern. Es ist wohl überflüssig darauf hinzuweisen, dass wir in die Herzen unserer Kinder vom Schuleintritt an die Idee grenzenloser Loyalität und Hochachtung gegenüber seiner geheiligtsten Majestät dem Padischah einpflanzen und dass wir seit altersher in den Gebeten, die wir an den allmächtigen Schöpfer - sein Name sei gepriesen - richten, auch den Namen der verehrten kaiserlichen Majestät, des weltbeschützenden Sultans erwähnen und seiner gedenken. Da so viele Untertanen in unveränderlicher Treue zum Sultanat stehen, hoffen wir, es werde gütigerweise seitens des wohllöblichen Grosswesirates der Gewährung für würdig befunden, dass wir deren aufrichtigen Gefühle des Gehorsams an der himmelhohen Schwelle seiner Majestät, des allerhöchsten Wohltäters unterbreiten und erheben. Zu herrschen gebührt jedenfalls demjenigen, dem alles Gebieten gebührt.[8]

14. Teschrini-evel 1313 [= 26. Oktober 1897]

Der Diener Isaak Fernandez, Präsident des Istanbuler Zweiges der Alliance Israélite



[3. Blatt]



Sehr geehrter Herr Präsident [Isaak Fernandez, dem Präsidenten des Istanbuler Zweiges der Alliance Israélite Universelle]

Über die Verhandlungen des Kongresses, der in der Stadt Basel stattgefunden hat, wissen wir nur das, was die einschlägigen Presseberichte uns darüber mitgeteilt haben, denn von unserer Seite befand sich kein Vertreter dort. Zudem liegt es auf der Hand, dass wir uns mit ihm nicht näher abgegeben haben.
Es scheint, dass die Redner am erwähnten Kongress die Gründung eines jüdischen Staates an einem Ort, an dem die so leidgeprüften Juden sich mittels Emigration sammeln würden, zur Sprache brachten. Es ist tatsächlich so, dass diese Vorschläge in keinerlei Zusammenhang mit uns stehen; und da die gesprochenen Worte nichts als die persönlichen Ideen der Sprechenden ausdrücken, haben sie auf die Meinungsbildung unserer Glaubensgeschwister nicht den geringsten Einfluss. Den Juden ist es selbst in den Ländern, in denen sie am meisten Unterdrückung und Ungerechtigkeit erleiden mussten, nie in den Sinn gekommen, wegzuziehen; aufgrund ihrer ausserordentlichen und tiefen Verbundenheit mit ihrem Geburtsort kam es nie vor, dass sie freiwillig ihr Land verliessen. Viele Male mussten sie Schläge und Prüfungen über sich ergehen lassen und haben dennoch selten freiwillig ihr Heimatland verlassen.
Da heutzutage die Ideen der Menschenrechte ins Bewusstsein aller gedrungen sind, hinterlassen ganz verständlicherweise die von Zeit zu Zeit zu beobachtenden Ungerechtigkeiten und Bedrückungen der Juden - und selbst wenn sie geringfügiger Art sind - bei diesen einen üblen Nachgeschmack, wie auch die antijüdischen Verleumdungen der Feinde der Israeliten diese umso mehr kränken und nachdenklich stimmen. Trotz überaus großer Betrübnis vertrauen sie darauf, dass ihre zivilen Rechte nicht eines Tages aufgehoben und geleugnet würden; daher ziehen sie es vor selbst in Ländern wohnen zu bleiben, in denen sie Verfolgungen erleiden, und zeigen Geduld mitten in Unterdrückung. Nur wenn sie tatsächlicher Verfolgung keinen wirksamen Widerstand leisten können oder wenn sie nach dem Willen Gottes heimgesucht werden, dann entschliessen sie sich möglicherweise dazu, die Heimat zu verlassen, um sich an einem zivilisierten Ort niederzulassen, wo man ihnen die Erlaubnis dazu gibt, und bemühen sich, in ihrer neuen Heimat eine für das Land nutzbringende Funktion zu erlangen.
So wie es keine treueren und dankbareren Untertanen des Staates gibt als die einst aus Spanien Verbannten, die einen Teil der israelitischen Gemeinschaft im erhabenen osmanischen Staat ausmachen, ebenso sind die seit einigen Jahren aus Russland und Rumänien nach Palästina ausgewanderten Israeliten dem Lande, das ihnen einen freundlichen Empfang bereitet hat, von Herzen ergeben. Diejenigen, denen das Wohlergehen dieser Emigranten ein Anliegen war, haben sich dafür eingesetzt, dass sie Arbeit finden, mit der Landwirtschaft vertraut werden und dass ihre Kinder eine Erziehung und Ausbildung geniessen. Die israelitische Vereinigung[9] hat für diese Menschen Landwirtschafts-, Industrie- und Primarschulen eingerichtet und ist stolz darauf, dass diese Schulen die Protektion der erhabenen osmanischen Regierung geniessen. Die von der israelitischen Vereinigung eingesetzten Lehrer bringen es ihren Schülern bei, der Regierung und dem Land, in welchem sie leben, in vollkommener Freundschaft verbunden und zu Diensten zu sein.
Haben die jüngsten Ereignisse nicht die ausserordentliche Treue und Loyalität der Israeliten klar gezeigt? Es ist daher unnötig, noch lange Worte darüber zu machen, dass unsere bescheidene Vereinigung mit den Anhängern des Zionismus in keinerlei Verbindung steht. Unser einziges und offenkundiges Ziel besteht darin, unseren Glaubensgeschwistern, die in Jerusalem oder im übrigen Osmanischen Reich geboren oder dorthin emigriert sind, zu helfen, indem wir ihren Nöten mit dem Ausbau des Ausbildungs- und Industriebereiches begegnen.

Paris, 10. Oktober 1897

Vizepräsident Léon

[1] Heutiger Ort im Osmanischen Staatsarchiv, Istanbul: Y.A. HUS. (= Yıldız Sadâret Hususî Mâruzât Evrakı) 377/105. Übersetzung: H.-L. Kieser.
[2] = musevî -> sich auf Moses beziehend, ”mosaisch”, durchgehend als ”israelitisch” oder ”Israelit” übersetzt, dagegen ”Yahûdi” als ”Jude”.
[3] Musevîler; s. vorhergehende Anmerkung
[4] Datum nach dem Hidschra-Kalender.
[5] Datum nach dem Mali-Kalender.
[6] Halil Rifat Pascha, 1830-1903, der hier unterschreibt, war insgesamt sechs Jahre Großwesir unter dem Sultan Abdülhamid.
[7] Anspielung auf den griechisch-türkischen Krieg (18.4.-4.12.1897).
[8] Standardmässiger Briefschluss.
[9] Alliance Israélite.

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18.11.2002