"Mein Zion ist ein anderes"
Der "christliche Zionist" Leonhard
Ragaz
(L. Ragaz, Mein Weg, Zürich, 1952, Bd. 2, S.
297-99)
Zu dieser Verbindung mit dem Judentum durch den Chassidismus gesellte sich imrner mehr die mit dem Heiligen Land, und zwar noch bevor Buber dort an der hebräischen Universität, nach seiner eigenen Aussage mir gegenüber, den «religiösen Sozialismus » lehrte. Diese Beziehung vermehrte sich durch den Umstand, daß die durch das Hitlertum einsetzende Judenverfolgung viele Juden nach Palästina trieb, die sonst in Europa geblieben wären. Es war ja auch besonders der Zionismus, der natürlicherweise sein Banner im alten Erez Israel aufgepflanzt hatte. Ich bin, nachdem mich noch der erste Zionistenkongreß in Basel mehr von weitem berührt hatte, später dem Zionismus so stark zugefallen, daß er eine Zeitlang ein Hauptstück meines Glaubens und Hoffens wurde. Freilich nicht dem «Judenstaat», den habe ich bald abgelehnt, und zwar nicht nur aus «realpolitischen» Gründen, sondern weil er mir im Lichte der Geschichte Israels, wie sie das Alte Testament darstellt, als der eigentliche sich stets erneuernde Abfall Israels erscheint, der sich in dem Drange äußert, «zu sein wie die andern Völker auch». (Vgl. 1. Samuel 8, 20.) Mein Zion ist ein anderes: es ist nicht der «Judenstaat», sondern das freie, unstaatliche, auch widerstaatliche Gottesvolk, das Gottes Willen, die Gerechtigkeit des Reiches Gottes in der Welt, vertritt. Darin fand und finde ich mich mit Rektor Magnes, Professor Bergmann (der einmal auf einem Besuche bei uns anläßlich eines Zionistenkongresses in Zürich unsere von Glyzinenlaub eingefaßte Veranda mit der elektrischen Lampe darüber mit einem jüdischen Zelte am Laubhüttenfest verglich); mit Hans Kohn (1), der mich wiederholt aufgesucht hat, ebenso mit Schalom Ben Chorin und im Grunde auch mit Martin Buber.
Es ist dabei klar, daß Zion im Sinne dieses prophetischen Judaismus nicht mein letztes Wort ist. Das letzte Wort war und ist für mich selbstverständlich Christus. Aber Zion ist die letzte Stufe zu ihm (im Sinne von Offenbarung Johannes 14, 1: «Und ich sah das Lamm auf Zion stehen»), und ich glaube, daß das Judentum, im Großen gesehen, als Ganzes, zuerst diese Stufe ersteigen muß, bevor es zu Christus kommen kann, zu dem Christus, in dem Israel sich erfüllt.
Jedenfalls ist es auf dieser Grundlage zu einer für mich außerordentlich bedeutsamen Verbindung mit dem Heiligen Lande gekommen, die mir auch einen Ersatz für den Verlust bot, den in Europa der Sieg der Dialektiker [um Karl Barth] für mich bedeutete.
Den Gipfel dieser meiner Beziehung zum Heiligen Lande und damit zum Judentum bildete eine Gabe zu meinem siebzigsten Geburtstage, die mir aus dem Heiligen Lande zukam. Es war ein Buch, bestehend aus einundzwanzig Briefen, davon zwanzig von Juden, darunter Buber, Magnes, Bergmann, Simon, alle das große Thema Israel und dazu mein Verhältnis zu diesem behandelnd, alle geistvoll und großgesinnt. Voran aber der Tabor mit der Vision Jesu zwischen Moses und Elias, und am Schluß der Herzl-Wald, in welchem ein Baum zu meinen Ehren gepflanzt worden sei. Und irgendwie gehörte dazu die Erklärung, man betrachte mich als einen «Gerechten unter den Völkern».
Sachlich betrachtet hat allerdings mein Verhältnis zu Israel und im Zusammenhang damit zum Judentum seither noch eine Steigerung erfahren. Und zwar durch mein theologisches oder vielleicht besser gesagt geschichtliches Denken. Ich bin immer mehr dazu gekommen, Jesus und das ursprüngliche Christentum vom Stamm Israel aus und zwar speziell vom Prophetentum aus zu verstehen, als dessen Fortsetzung und Überbietung. Diese Auffassung führt vor allem mein großes noch unveröffentlichtes Werk: «Die Bibel - eine Deutung» durch (2), von den schon veröffentlichten aber die kleinere Schrift: «Israel, Judentum, Christentum» und das Buch über die Gleichnisse. Nach meiner Überzeugung bedeutet diese Methode den Schlüssel zu den schwersten Problemen des Lebens Jesu, namentlich zu dem sogenannten eschatologischen, und eine fundamentale Revolution des ganzen geschichtlichen Denkens, besonders soweit es sich auf Entstehung und Sinn des Christentums bezieht.
Anmerkungen des Originaltexts:
(1) Sein Buch über «Martin Buber - sein Werk und seine
Zeit» ist auch eine sehr freundschaftliche Darstellung des
Verhältnisses zwischen diesem und den
Religiös-Sozialen.
(2) Inzwischen erschienen in 7 Bänden im Diana Verlag,
Zürich.