Historisches Seminar der Universität Zürich, Wintersemester 2002/03
Kolloquium "Israel und Palästina (19.-Mitte 20. Jh.)"

 

Herzl, Theodor, Altneuland, Roman, 1902

 

JUDEN UND PALÄSTINENSER

«[…] aber ich wollte Sie fragen, mein lieber Bey, wie es den früheren Einwohnern erging, die nichts besaßen - den vielen arabischen Mohammedanern ?»

«Mr. Kingscourt, diese Frage beantwortet sich von selbst», sagte Reschid. «Die nichts besaßen, also nichts zu verlieren hatten, die haben naturlich nur gewinnen können. Und sie haben gewonnen: Arbeitsgelegenheit, Nahrung, Wohlergehen. Es hat nichts Armseligeres und Jämmerlicheres gegeben als ein arabisches Dorf in Palästina zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die Bauern hausten in erbärmlichsten Lehmnestern, die zu schlecht waren für Tiere. Die Kinder lagen nackt und ungepflegt auf der Straße und wuchsen auf wie das liebe Vieh. Heute ist das alles anders. Von den großartigen Wohlfahrtseinrichtungen haben sie profitiert, ob sie wollten oder nicht, ob sie sich der neuen Gesellschaft angliederten oder nicht. Als die Sümpfe des Landes ausgetrocknet wurden, als man die Kanäle anlegte und die Eukalyptusbäume pflanzte, welche den Boden gesund machen, da wurden diese einheimischen, widerstandsfähigen Menschenkräfte zuerst verwendet und gut gelohnt. Blicken Sie nur da hinaus ins Feld! Ich erinnere mich noch aus meiner Knabenzeit, daß hier Sümpfe waren. Diesen Boden hat die neue Gesellschaft am billigsten erworben und hat ihn zu dem besten gemacht. Die Äcker gehören zu dem blanken Dorfe, das Sie dort auf dem Hügel sehen. Es ist ein arabisches Dorf.-Sie bemerken die kleine Moschee. Diese armen Menschen sind viel glücklicher geworden, sie können sich ordentlich ernähren, ihre Kinder sind gesünder und lernen etwas. Nichts von ihrem Glauben und ihren alten Gebrauchen ist ihnen verstört worden - nur mehr Wohlfahrt ist ihnen zuteil geworden.»

«Ihr seid eigentlich kurios, ihr Mohammedaner! Seht ihr denn diese Juden nicht als Eindringlinge an ?»

«Christ, wie sonderbar ist Ihre jetzige Rede!» antwortete der freundliche Reschid. "Werden Sie den als einen Räuber betrachten, der Ihnen nichts nimmt, sondern etwas bringt ? Die Juden haben uns bereichert, warum sollten wir ihnen zürnen? Sie leben mit uns wie Brüder, warum sollten wir sie nicht lieben? Ich habe unter meinen Glaubensgenossen nie einen besseren Freund gehabt, als diesen David Littwak da. Er kann zu mir kommen bei Tag oder Nacht und von mir verlangen, was er will, ich werde es ihm geben. Und ich weiß auch, daß ich auf ihn rechnen kann wie auf einen Bruder. Er betet in einem anderen Hause als ich zu demselben Gotte, der über uns allen ist. Aber diese Gotteshäuser stehen nebeneinander, und ich glaube immer, daß unsere Gebete, wenn sie erst einmal im Aufsteigen sind, sich irgendwo in der Höhe vereinigen, und dann setzen sie den Weg zusammen fort, bis sie ganz oben sind bei unserem Vater.»

Reschid hatte in schlichtem Tone gesprochen, der alle bewegte, auch Kingscourt. Dieser räusperte sich:

«Hm - hm. Ganz recht, ganz schön. Das läßt sich hören. Aber Sie sind ein gebildeter Mann, Sie haben in Europa studiert. All das gilt iedoch nicht von den gemeinen Stadt- und Landleuten.»

«Viel eher von diesen, Mr. Kingscourt. Sie müssen schon entschuldigen, aber Duldsamkeit habe ich im Abendlande nicht gelernt. Wir Mohammedaner haben uns von jeher besser als ihr Christen mit den Juden vertragen. Schon in der Zeit, als die ersten jüdischen Kolonisten hier erschienen, zu Ende des vorigen Jahrhunderts, kam es vor, daß streitende Araber einen Juden zum Richter wählten oder sich geradezu an den Waad einer jüdischen Niederlassung um Rat, Hilfe oder Urteil wandten. Da gab es wirklich keine Schwierigkeit. Und so 1ange die Richtung des Dr. Geyer nicht die Oberhand bekommen wird, so lange wird auch das Glück unseres gemeinsamen Vaterlandes dauern.»

«Ja, was ist's denn mit diesem Geyer, von dem ich immer wieder sprechen höre?»

Steineck wurde dunkelrot im Gesichte, und er schrie: «Ein vermaledeiter Pfaffe ist er, ein Augenverdreher, Leuteverhetzer und Herrgottsfopper. Die Intoleranz will er bei uns einführen, der Halunke. Ich bin gewiß ein ruhiger Mensch, aber wenn ich so einen intoleranten Kerl sehe, den könnte ich mit Vergnügen ermorden.»

«Also Sie sind der Duldsame?» lachte Kingscourt. «Nun kann ich mir denken, wie bei euch die Unduldsamen aussehen.»

«Diese geberden sich natürlich viel sanfter», scherzte David.

(9. Aufl., Berlin 1921, S. 134-37)

 

FELDARBEIT

[David Littwak:] «[…] Sind wir einfach hergegangen und haben mit unseren Händen gearbeitet, wie Mendel sagt? Mit unseren ungeschickten Händen, die früher so wenig die Feldarbeit gewohnt waren? Wie konnten wir solche Resultate erzielen, die man früher hier nie erzielt hat? Wenigstens hat man sie nie erzielt, bevor die deutschen protestantischen Bauern am Ende des neunzehnten Jahrhunderts hierherkamen und einzelne Kolonien gründeten. Und diesen Tüchtigsten der Tüchtigen haben wir es gleichgetan, haben sie sogar überflügelt.»

(S. 156 f.)

 

DER SULTAN UND DIE GESELLSCHAFT FÜR DIE KOLONISIERUNG VON PALÄSTINA

[Joe Levy:] «[…] Unsere Gesellschaft war unter dem Titel 'Neue Gesellschaft für die Kolonisierung von Palästina' gegründet worden. Sie hatte mit der türkischen Regierung einen Besiedlungsvertrag geschlossen. Die Bedingungen dieses Abkommens sind aller Welt bekannt. Als ich vor Abschluß des Charters gefragt wurde, ob wir die großen Geldleistungen an den türkischen Staatsschatz alljährlich würden erschwingen können, bejahte ich es unbedingt. Bei Unterzeichnung des Charters hatten wir der türkischen Regierung zwei Millionen Pfund Sterling bar zu erlegen. Dazu kam noch die jährliche Abgabe von fünfzigtausend Pfund Sterling durch dreißig Jahre und ein Viertel des Reinerträgnisses der 'Neuen Gesellschaft für die Kolonisierung von Palästina', ebenfalls an den türkischen Staatsschatz zu entrichten. Nach Ablauf der ersten dreißig Jahre aber werden wir bekanntlich den Reinertrag der neuen Gesellschaft mit der türkischen Regierung teilen, falls diese es nicht vorzieht, den letzten zehnjährigen Durchschnitt der von uns erhaltenen Geldleistungen als für immer gleichbleibende Abgabe zu beziehen. Die Erklärung hierüber hat uns die türkische Regierung im siebenundzwanzigsten Vertragsjahre kundzumachen. Wir können allerdings schon heute vermuten, daß die türkische Regierung lieber den halben Reinertrag der neuen Gesellschaft in Anspruch nehmen wird, weil dabei für sie viel mehr herauskommt. Für diese Abgaben erhielten wir die Verwaltung der zu besiedelnden Gebietsteile, deren Oberhoheit dem Sultan dabei erhalten blieb.

Nun waren das freilich sehr große Geldleistungen und es regten sich anfänglich Zweifel, ob die neue Gesellschaft so gedeihen könne. Das Land war bettelarm und unsere Ansiedler sollten aus dem Proletariat aller Länder herkommen. Zwar gab es mehrere große Stiftungen für jüdische Nationalzwecke. Ihr Gesamtbetrag wurde Ende 1900 mit zwölf Millionen Pfund Sterling festgestellt. Aber es waren ja außer den Zahlungen an die türkische Regierung noch große Aufwendungen für den privatrechtlichen Ankauf von Grund und Boden, für das Ansiedeln ganz mittelloser Menschen, für die Urbarmachung, Bepflanzung, Aufbesserung des Landes nötig. Woraus sollten alle diese Erfordernisse bestritten werden? In unserem engeren Komitee gab es Furchtsame, die den Zusammenbruch des Unternehmens vorhersagten. Meine Freunde und ich trugen den Sieg über diese Bedenken davon. Es gelang uns, darzutun, daß wir die Berechnung nicht nur auf Grund des Vorhandenen anstellen müßten, sondern auch auf Grund dessen, was nach aller menschlichen Erfahrung durch den Beginn unserer Arbeiten hinzukommen würde. Unser für die Zukunft errichtetes Werk würde auch durch diese selbst erhalten und gestärkt werden. […]»

(S. 210 f.)

 

JERUSALEM

«Ja, wie haben Sie die Frage der heiligen Stätten gelöst ?» sagte nun Friedrich.

«Das war kein Kunststück», entgegnete David. «Als im vorigen Jahrhundert diese Frage durch die zionistische Bewegung in Fluß kam, hielten es viele Juden, gleich Ihnen, Herr Doktor, für unmöglich, mit dieser Schwierigkeit fertig zu werden. Infolge Ihrer langen Abwesenheit haften Sie, wie ich sehe auch jetzt noch an dieser veralteten Anschauung. Zunächst ergab es sich vor etwa fünfundzwanzig Jahren aus der publizistischen Erörterung, wie aus den Äußerungen maßgebender Staatsmänner und Kirchenfürsten, daß dieses Hindernis nur in der Einbildung allzu ängstlicher Juden existierte. Die heiligen Stätten der Christenheit hatten sich doch seit undenklicher Zeit im staatlichen Besitze von Nichtchristen befunden. So wie man schon seit mehreren Jahren keine Kreuzzüge geführt hatte, so war auch allmählich eine andere und jedenfalls viel höhere Auffassung für die Besitzverhältnisse dieser vom Glauben geheiligten Orte geltend geworden. Gottfried von Bouillon und seine guten Ritter empfanden es als eine Kränkung, daß Palästina in den Händen der Muselrnanen war. Wo haben Sie ein ähnliches Gefühl bei den Rittern und Grafen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wahrgenommen ? Und die Regierungen? Hätten die vielleicht den Parlamenten eine außerordentliche Kreditforderung zur Eroberung des Heiligen Landes vorzulegen gewagt? Die Sache war nämlich die, daß ein solcher Krieg weniger gegen den Großtürken als gegen andere christliche Mächte hätte geführt werden müssen. Es wäre ein Kreuzzug nicht gegen den Halbmond, sondern gegen ein anderes Kreuz gewesen. So war man zu der Ansicht gelangt, daß der sogenannte status quo für alle Teile das Beste sei. Aber das war doch nur eine realpolitische Nützlichkeitserwägung. Daneben ging auch noch eine höhere, eine, wenn ich das Wort gebrauchen kann, idealpolitische Auffassung. Um den Sachbesitz konnte es sich bei den heiligen Stätten wohl nicht handeln. Den religiösen Empfindungen schien mehr Genüge geleistet, wenn diese Orte der Andacht sich in niemandes ausschließendem Besitze befanden, als wenn sie irgendeiner einzelnen irdischen Macht gehörten. In einer Begriffsbildung, die dem römischen Recht entlehnt war, erschienen all die heiligen Stätten als res sacrae, extra commercium. Das war das sicherste, das einzigste Mittel, sie für immerwährende Zeiten zum Gemeingute aller Gläubigen zu machen. Und wenn Sie nach Nazareth, Jerusalem oder Bethlehem kommen, werden Sie versöhnte Pilgerzüge wallen sehen. Auch mich, der ich ein überzeugter Jude bin, ergreifen diese Bilder tiefster Andacht mit eigener Gewalt.»

«Man fühlt sich an Lourdes in den Pyrenäen erinnert, wenn man nach Bethlehem oder Nazareth kommt», sagte Steineck. «Auch ein so kolossaler Fremdenverkehr, neue Hotels, Klassenherbergen und Klöster.»

(S.143 f.)

Sie waren von Jericho hierhergefahren und standen auf dem Ölberg, auf dem alten wundervollen Berge, von wo der Blick so weit in die Runde hinausschwärmen kann. Noch war es die heilige Landschaft der Menschheit, noch ragten die Wahrzeichen, die der Glaube vieler Zeiten und vieler Völker aufgerichtet hatte, aber ein neues, mächtiges, freudiges war hinzugekommen: das Leben! Jerusalem war ein gewaltiger Körper geworden und atmete Leben. Die Altstadt zwischen den ehrwürdigen Mauern hatte sich, soviel man von diesem Aussichtspunkt bemerken konnte, am wenigsten verändert. Sie sahen die Grabeskirche, die Omarmoschee und die anderen Kuppeln und Dächer von einst. Nur war manches Herrliche dazu entstanden.

Jener neu schimmernde ausgedehnte Prachtbau zum Beispiel war der sogenannte Friedenspalast. Eine große Ruhe lag über der Altstadt.

Aber anders war das Bild außen ringsum. Da waren moderne Stadtteile entstanden, von elektrischen Bahnlinien durchzogen, breite, baumbesetzte Straßen, ein Hauserdickicht, nur von Brunen Anlagen unterbrochen, Boulevards und Parks, Lehrinstitute, Kaufhallen, Prunkgebaude und Belustigungsorte. David nannte die Bauten, die man hervorragen sah. Es war eine Weltstadt nach den Begriffen des zwanzigsten Jahrhunderts. […]

Der Sabbath senkte sich langsam und feierlich auf die vorhin laute Stadt. Und in Scharen strömten die Andachtigen den Synagogen zu. Denn außer dem großen Tempel gab es in der alten wie in der neuen Stadt noch viele Hauser des unsichtbaren Gottes, dessen Geist von Israel Jahrtausende lang durch die Welt war getragen worden.

Schon ergriff ein Vorgefühl hoher Stimmung die Wallenden, als sie in den Frieden der heiligen Stadt eintraten. Denn was jetzt innerhalb der uralten Mauern von Jerusalem lag, das war nicht mehr die Unreinlichkeit, der Lärm, der üble Geruch wie vor zwanzig Jahren. Damals mußten sich die Pilger aller Konfessionen innerlich verletzt fühlen, wenn sie oft nach langer Fahrt an dieses Ziel ihrer Sehnsucht kamen, so widerwärtig war mancher Anblick, der sich in verwahrlosten Straßen bot. Und bevor ein frommer Wanderer zum Heiligsten seines Glaubens gelangte, mußte er durch Unerfreuliches, Weiheloses hindurch. Anders war es jetzt. Die Gassen und Gäßchen waren mit neuen Steinen gepflastert, wohlgepflegt, glatt und sauber wie der Estrich einer guten Stube. Privathäuser gab es in der Altstadt nicht mehr. Alle Gebäude dienten Zwecken der Wohltätigkeit oder Andacht. Es gab da Pilgerhäuser für die Gläubigen aller Bekenntnisse. Christen, Mohammedaner und Juden hatten ihre gemeinnützigen Anstalten, ihre Spittel und Siechenhäuser, die in bunter Reihe nebeneinander standen. Ein gewaltiges Viereck aber nahm der ernste und großartige Friedenspalast ein, in welchem die internationalen Kongresse von Friedensfreuden und von Gelehrten aller Wissenszweige abgehalten wurden. Die Altstadt war überhaupt ein internationaler Ort, welcher allen Völkern als eine Heimat erscheinen mußte. Denn hier war das Menschlichste zu hause: das Leiden.

(S. 271-74)

 

DER WIEDERERRICHTETE TEMPEL

Und jetzt waren sie vor dem Tempel von Jerusalem angelangt.

Er war wieder aufgerichtet worden, weil die Zeiten sich erfüllten. Er war wie einst aus Kalkquadern aufgebaut, die aus den nahen Steinbrüchen kamen und an der Luft zu hartestem Gestein sich festigten. Wieder standen die Säulen, aus Erz gegossen, vor dem Heiligtum Israels. Es hieß die linke Säule Boaz, die rechte aber hieß Jachin. Im Vorhofe stand ein gewaltiger erzener Altar, und auch der weite Wasserbehälter war da, den man das eherne Meer nannte, wie in den alten Zeiten, da Salomo, der König, regierte. […]

Durch den herrlichen Raum begannen Gesange und Lautenspiel zu rauschen. Wundersam ergriffen diese Klange das Gemüt Friedrichs. Sie trugen ihn zurück in Fernen seines eigenen Lebens und in andere Zeiten Israels. Die Beter um ihn herum singsalierten und murmelten die vorgeschriebenen Worte. Ihm aber kamen schone deutsche Verse in den Sinn: die «Hebräischen Melodien» von Heinrich Heine. […] Ja, Heine fühlte als ein wahrer Poet die Romantik, welche im Schicksale seines Stammes enthalten war. Und daß er die innigsten deutschen Lieder sang, hinderte ihn nicht, auch die Schönheit der hebräischen Melodien zu finden. Friedrich aber besann sich jetzt einer schmählichen Zeit, in der die Juden sich alles Jüdischen schämten.

(276 f.)

 

DAS ZIONISTISCHE IDEAL: GENOSSENSCHAFT, NICHT STAAT

[Dr. Marcus:] «[…] Wir sind hier nicht, um ein Staatsoberhaupt zu wählen, denn wir sind kein Staat.

Wir sind eine Gemeinschaft, in neuen Formen zwar, aber zu einem Zwecke, der so alt ist, daß er schon im ersten Buche von den Königen vorkommt. Dort heißt es, daß Juda und Israel sicher wohneten, ein jeglicher unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, von Dan bis gen Beer-Seba.

Wir sind einfach eine Genossenschaft, eine große Genossenschaft, innerhalb deren es wieder eine Anzahl kleinerer Zweckgenossenschaften gibt. Und dieser unser Kongreß ist im Grunde nichts als die Generalversammlung der Genossenschaft, welche die neue Gesellschaft genannt wird. Dennoch aber fühlen wir alle, daß es hier um mehr geht als um die rein materiellen Interessen einer Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft. Wir pflanzen Parks und Schulen, wir bekümmern uns über die gemeine Deutlichkeit und Nützlichkeit der Dinge hinweg auch um die Weisheit und Schönheit. Denn auch dies wird als ein Vorteil der Genossenschaft von uns verstanden. Wir verstehen, daß für eine Gemeinschaft von Menschen das Ideal ein Nutzen, ein Vorteil - sagen wir es heraus: daß es unentbehrlich ist. Das Ideal zieht uns hinan. Auch diese Wahrnehmung haben wir nicht zuerst gemacht, sie ist alt wie die Welt. Was für den einzelnen Wasser und Brot ist, das ist für die Gesamtheit das Ideal. Und unser Zionismus, der uns hierherführte und höher hinauflühren soll in noch unbekannte Regionen der Gesittung, er ist nichts anderes als ein endloses, endloses Ideal.»

S. 316 f.

«[…] Wenn ich bedenke, daß wir hier eigentlich nur die schon damals bekannten Materialien in einer neuen Ordnung wiedergefunden haben, so muß ich glauben, daß ähnliches wie hier auch dort [in Europa] existieren muß. Die Worte des Akademikers Marcus brachten mich auf diesen Gedanken. Er sagte: wir sind kein Staat, sondern eine große Genossenschaft…»

«Die Jenossenschaft mit dem endlosen Ideal!» schmunzelte Kingscourt.

«Ich frage mich nämlich», fuhr Friedrich ernst fort, «ob wir da nicht bei einer Antwort auf manche Frage unserer vergangenen Zeit stehen. Damals sprach man viel vom Zukunftsstaate, qualmig taten es die einen, höhnisch die anderen, grimmig die dritten. Das Ausmalen künftiger Zustände war in den Augen der sogenannten praktischen Leute eine große Lächerlichkeit. Sie vergaßen, daß wir immer in künftigen Zuständen leben, denn das Heute ist die Zukunft von gestern. Man sah den unmöglichen Zukunftsstaat nur auf den unwahrscheinlichen Trümmern der bisherigen Einrichtungen. Also ein Weltuntergang, an den wirklich nur ein Hasenfuß glauben kann. Zuerst ein Chaos, und dann irgend etwas, von dem es fraglich blieb, ob es besser wäre als das Frühere. Aber derselbe Marcus sprach neulich ein Wort, welches mir nachgeht: daß es eine Koexistenz aller Dinge gebe. Das Alte muss nicht mit einem Ruck untergehen, damit das Neue entstehe. […]»

(S. 321 f.)

 

NEGATIVGESTALT ZIONS: DER FREMDENFEINDLICHE RABBI GEYER

[Steineck:] «[…] Die Rabbiner des nächsten Vorteils haben uns das Leben sauer gemacht, und das tut der auch jetzt. Damals, in unserer schweren Anfangszeit, hat er [Geyer] gar nicht wollen, daß von Palästina gesprochen wird. Jetzt ist er palästinensischer, als wir alle. Er ist der Patriot, er ist der Nationaljude - wir sind die Fremdenfreunde, und wenn wir ihm noch lange zuhören, sind wir die schlechten Juden oder gar auch Fremde in seinem Land Palästina. Ja, das ist es: er will uns absondern von der Gemeinschaft. Mißtrauen sät er zwischen euch und uns. Die Augen verdreht er, der fromme Mann, und dabei lugt er scharf aus nach dem nächsten Vorteil. Früher, im Ghetto, waren die Reichen in der Gemeinde die Einflußreichen, da hat er nach dem Munde der Reichen gesprochen. Den Reichen war die nationale palästinensische Idee unbequem, da hat er also das Judentum in ihrem Sinn ausgelegt. Da hat er gesagt, daß das jüdische Volk nicht heimkehren darf, weil das den Herren Kommerzienraten und Hochbankiers die Kreise gestört hatte. Da haben er und seinesgleichen die Fabel von der Mission des Judentums erfunden. Das Judentum sollte dazu da sein, den Völkern Lektionen zu geben. Darum mußten wir in der Zerstreuung leben. Wenn uns die Völker nicht ohnehin gehaßt und verachtet hätten, so hätten sie uns schon wegen einer solchen Arroganz auslachen müssen. Und Zion war nicht Zion! Die Wahrheit aber war, daß wir keine Lektionen gegeben, sondern bekommen haben, Tag für Tag, fort und fort, blutige, schmerzliche Lektionen - bis wir uns ermannt haben und bis wir noch einmal den Weg aus Mizraim heraus gesucht und gefunden haben. Ah, freilich, dann ist auch der Herr Dr. Geyer nachgekommen, mit seiner alten Arroganz und Scheinheiligkeit. Und in den jüdischen Gemeinden sieht es ietzt auch, Gott sei Dank! anders aus. Nicht mehr die Reichen machen das Gesetz, sondern alle. Die Vorsteherschaft in den Gemeinden ist jetzt nicht mehr eine Prämie für gute Geschäfte, wie es ehemals der Fall war. Die Vorsteher werden jetzt nicht nach ihrem Reichtum, sondern nach ihrer Achtbarkeit und Tüchtigkeit gewählt. Da muß natürlich den Instinkten der Menge geschmeichelt werden. Da muß natürlich eine Theorie für den nächsten Vorteil der Menge gefunden werden, - oder wenigstens für das, was die Menge als ihren nächsten Vorteil ansieht. Und darum wird das Schlagwort gegen die Fremden ausgegeben. Ein Nichtjude soll in die neue Gesellschaft nicht aufgenommen werden. Je weniger Leute sich an die Schüssel selzen, desto mehr fällt an einen ab. Ihr glaubt vielleicht, daß das euer nächster Vorteil ist. Aber es ist nicht wahr. Verarmen würde das Land und verdorren, wenn ihr diese blödsinnige, engherzige Politik macht.Wir stehen und fallen mit dem Grundsatz, daß wer sich zwei Jahre in den Dienst der neuen Gesellschaft gestellt hat, wie es vorgeschrieben ist, wenn er sich diese zwei Jahre ordentlich aufgeführt hat, Mitglied werden kann, welcher Nation oder Konfession er auch immer angehören mag. Und darum sage ich euch, daß ihr daran festhalten sollt, was uns großgemacht hat, am Freisinn, an der Duldung, an der Menschenliebe. Zion ist nur dann Zion!»

(S. 152 f.)

 

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14.7.2002