Historisches Seminar der Universität Zürich, Wintersemester 2002/03
Kolloquium "Israel und Palästina (19.-Mitte 20. Jh.)"

 

Ahmed Réchid, Gouverneur von Jerusalem (1904–06)


Ahmet Resit [Rey], Gördüklerim – Yaptıklarım (1890–1922), Istanbul: Türkiye Yayınevi, 1945, S. 82 f. Übersetzung H.-L. Kieser.


Mitte August 1904 reiste ich nach Jerusalem. Als ich noch in Yaffa weilte, vernahm ich, dass eine jüdische Bande Fünfpfundmünzen mit dem offiziellen Gehalt an Silber schlug; ich sah auch eine Probe davon. Damals hatten Fünfpfundstücke einen materiellen Silberwert von 100 Para, in geprägter Form hingegen […] den doppelten Wert davon. Daher stahlen diejenigen, die illegal Silbermünzen mit dem offiziellen Gehalt prägten, dem Staat die Hälfte des Wertes. Sofort gingen wir daran, den Fälschern das Handwerk zu legen und sie zu verhaften. Drei Tage nachdem ich in Jerusalem angekommen war, wurden die Fälscherwerkzeuge ausserhalb der Stadt unter grossen Olivenbäumen hingeworfen aufgefunden, einige Tage später einige der Fälscher, die nicht hatten fliehen können, verhaftet. Aber den Polizeibeamten, die zwei Fälscher amerikanischer Staatsbürgerschaft festnehmen wollten, wurde zu verstehen gegeben, dass sich das amerikanische Konsulat dieser Festnahme widersetze. Über das Direktorium für ausländische Angelegenheiten bat ich den Konsul, seinen Widerstand gegen die Strafverfolgung aufzugeben. Er war ein alter, an Archäologie interessierter Mann.

Am nächsten Tag kam er persönlich ins Regierungsgebäude und sagte: «Die amerikanische Regierung hat Vorbehalte angemeldet gegen die Überstellung amerikanischer Bürger an türkische Gerichte. Da die Angelegenheit noch nicht bereinigt ist, tut es mir leid, dass ich diese beiden Männer nicht ihrer Gerichtsbarkeit überliefern darf.» Ich gab ihm zur Antwort: «Ursprünglich kamen von Ihrer Seite Leute nach Palästina mit dem Ziel, entweder einen religiösen Auftrag auszuführen oder eine wissenschaftliche oder literarische Reise zu machen; Verhaftung oder Gericht war in diesem Fall eine sehr unwahrscheinliche Sache. Von daher betrachtet ist es unbedenklich, die grundsätzliche Bereinigung der Angelegenheit abzuwarten. Aber es ist sowohl in Amerika als auch hier wohl bekannt, wie es um jene Juden steht und was für Individuen sich unter ihnen befinden, die einzig um ihre Staatsbürgerschaft zu wechseln ihr Herkunftsland verlassen und nach Amerika gehen, um zwei Monate später mit einem amerikanischen Pass hierher zu kommen. Es wirkt sich in jeder Beziehung schlecht aus auf die Ruhe und Ordnung im Land, wenn diese Individuen trotz Verdachts auf kriminelle Handlungen von der Polizei nicht verhaftet und der Gerichtsbarkeit überstellt werden können. In politischer Hinsicht verstossen die Fälscher direkt gegen die Souveränität des Sultans, indem sie seine Tugra, das heisst seine Unterschrift [und Symbol seiner Herrschaft] nachmachen, in wirtschaftlicher Hinsicht zerstören sie die finanzielle Glaubwürdigkeit, auf der die Zirkulation des Silbergeldes beruht, und schaden dem Binnenhandel des Landes. In diesem Fall kann man sich nicht auf die Kapitulationen oder gar auf jene Papiere beziehen, die als Übertreibung der Kapitulationen erscheinen.»

Der Konsul gab zur Antwort: «Sie haben Recht. Aber es tut mir leid, dass es nicht in meiner Befugnis liegt, in diesen Fragen der Regierung Vorschläge zu machen […]. Aber ich werde dem Präsidenten Theodor Roosevelt, mit dem mich eine alte Freundschaft verbindet, Ihre Bemerkungen brieflich mitteilen. Wenn er die Zustimmung erteilt, werde ich die Verdächtigten sofort ausliefern.» Wenn ich auch aus Höflichkeit danke sagte, war ich doch tief traurig über diese schmerzliche Behinderung, der ich in meinem ersten Amtsgeschäft begegnete. Die Taten der – mit Ausnahme jener beiden Juden – verhafteten Fälscher wurden gerichtlich festgestellt und sie selbst bestraft. Zwei Monate später kam der amerikanische Konsul zu mir und teilte mir mit, dass er leider eine negative Antwort von Mister Roosevelt erhalten habe. Die beiden Juden, die sich als Amerikaner ausgegeben hatten, tauchten indes unter.

Nach diesem Ereignis fühlte ich mich jedes Mal elend und konnte mich eines Schamgefühls nicht erwehren, wenn ich auf die türkischen Staatsbürger die Bestimmungen des Gesetzes anwandte, aber dabei an unsere Machtlosigkeit gegenüber den Fremden dachte.
 

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12.11.2002