Historisches Seminar der Universität Zürich, Wintersemester 2002/03
Kolloquium "Israel und Palästina (19.-Mitte 20. Jh.)"


Friedrich Grosssteinbeck - deutscher Bauer und Palästina-Colonist

"Wenn man dann die gläubigen Israeliten Priester des Herrn heißen und Diener unsers Gottes nennen wird, so achten wir es für hohe Ehre, wenn wir ihre Ackerleute und Weingärtner sein dürfen."

 
Brief Friedrich Grosssteinbecks an seine Verwandten nach Deutschland, Jerusalem, April 1850

 

Wir harren und warten mit Sehnsucht der Zeit, wo die Fülle der Heiden eingegangen und also ganz Israel selig werden wird (Röm. 11, 25. ff.). Wenn man dann die gläubigen Israeliten Priester des Herrn heißen und Diener unsers Gottes nennen wird (Jes. 61, 5. 6.), so achten wir es für hohe Ehre, wenn wir ihre Ackerleute und Weingärtner sein dürfen. Bis dahin möge Gott uns mit Muth und Kraft aus der Höhe ausrüsten, damit wir sein Werk nicht lässig treiben, noch durch Schwierigkeiten uns abschrecken lassen. Man sieht es hier jetzt recht gut ein, daß einige Familien, die die Sache selbst praktisch angreifen und probieren, viel sichere und bessere Auskunft geben können, als einzelne Deputierte, die hieher gereiset, und nachdem sie das Land besehen und diesen und jenen gefragt hatten, sofort wieder umgekehrt waren. Manche z. B. in Jerusalem halten das Gedeihen einer Colonie fast für unmöglich. Andere dagegen fassen die Sache wieder zu leicht auf. So sind selten zwei auch noch so verständige Männer einerlei Meinung über das Rajah (türkische Unterthanen) werden. Ich kann selbst auch noch nicht klug daraus werden; aber wenn wir später die Landessprache inne haben, und also mit den Bauersleuten selbst umständlich darüber sprechen können, wird sich uns manches Räthsel erschließen. Zur Gründung einer Colonie halten wir die vom Herrn Consul [des Norddeutschen Bundes Theodor] Weber in Beirut vorgeschlagene Küstenstrecke zwischen Carmel und Jaffa für ganz geeignet. Die 4 Brüder aus Wür[t]temberg und Elsaß haben früher schon das ganze Land durchreist, und auch keine passendere Stelle gefunden. Es sind da noch Brunnen, auch verschiedene Gewölbe, unter denen man zuerst Obdach hätte, ziemlich viel Holz und fruchtbares Land. Aus Wür[t]temberg und Elsaß würde die Colonie bald Zuwachs erhalten, wenn die Sache nur einmal angebahnt wäre. Doch jeder, der sich entschließt, mag wohl die Kosten überschlagen. Ich habe namentlich bei den neuangekommenen Colonisten in Smyrna, wo doch schon ziemlich alles vorbereitet war, gesehen, wie sich besonders die Frauen in der ersten Zeit behelfen und durchschlagen müssen. Die meisten sind schon in der Heimath nicht so ganz für das Wegziehen. Der Mann überredet sie, stellt ihr die Sache von der besten Seite vor, und so wird ihr am Ende selbst die Zeit zu lang, bis die Reise vor sich geht. Fällt nun aber allerlei Ungemach auf der Reise vor, oder an Ort und Stelle fehlt dies und jenes, so steht die Frau nicht selten dem Manne gegenüber, wie das Volk Israel dem Moses in der Wüste: "Waren da keine Gräber in Aegypten," oder "da saßen wir bei den Fleischtöpfen." Ich weiß wohl, daß es viele theure Mariaseelen giebt, die still ergeben alles aus der Hand ihres Heilandes mit Dank hinnehmen. Aber unter einer Colonie von 500 oder auch nur 50 Familien werden sich jedenfalls auch manche finden, die den Frauen des alten Tobias oder Hiob gleichen. Junge, erst verheirathete Oekonomen, und solche, die ein sogenanntes hartes Leben zu führen gewohnt sind, werden sich im Anfange am besten schicken. Ich wollte lieber mit wenigen Familien in der schlechtesten Gegend die Sache beginnen, als in der besten Gegend mit einer großen Anzahl, unter der man Unzufriedenheit und Zwietracht fürchten müßte. An Geld darf es aber in keinem Falle fehlen, und so lange sich nicht in Deutschland so viel Interesse zeigt, daß etwas Ordentliches gethan wird, mag auch wohl noch die rechte Zeit nicht da sein. Will Gott sich diesem Lande wieder in Gnaden zuwenden, so wird es eben so wenig an Silber und Gold fehlen, wie Esra 1, 4. Die Katholiken beschämen in dieser Hinsicht die ganze evangelische Christenheit. In einer Zeit, wo es hier im Lande noch ganz unsicher war, bauten sie hier ihre Klöster, und seitdem wissen sie einen Garten und ein Feld nach dem andern an sich zu bringen, zu kaufen oder zu miethen, so daß sie jetzt hier und da große Besitzungen haben. Viele evangelische Reisende müssen von ihnen eine Nachtherberge als eine Wohlthat mit Dank annehmen; und darum meinen sie nun Fug und Recht zu haben, von Staat und Privaten Unterstützung zu verlangen. Wo nun ein Mönch nicht bange ist, sollte sich da ein deutscher Bauer fürchten?

(Eisler 2001, S. 32 f.)

 

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28.10.2002