Tobler, Titus, Titus Toblers dritte Wanderung nach Palästina im Jahre 1857. Ritt durch Philistäa, Fussreisen im Gebirge Judäas und Nachlese in Jerusalem, Gotha: Justus Perthes, 1859
VORWORT
Die Sehnsucht, im Lande Palästina noch genauer und auch weiter mich umzusehen, frische Belehrungen zu empfangen, Lücken in der geographischen Beschreitung auszufüllen, trieb mich das dritte Mal über "das grosse Meer".
Das vorliegende Buch reiht sich als Ergänzungsglied an meine frühern Schriften. Ich soll übrigens diesen Anlass ergreifen, um nochmals das Bedauern auszudrücken, dass mein Werk über Jerusalem und seine Umgebungen in mehrere Sonderarbeiten getrennt werden musste, woher es denn kam, dass diese Schriftstocke, welche doch zu einem Ganzen sich abrunden, in ihrem Zusammenhange von Wenigern beachtet, dass sie auch gewöhnlich nur theilweise oder unvollständig benutzt wurden. Zitirte doch Gratz, selbst 1858, meine Vorläufer im "Ausland".
Dabei darf der Leser nicht besorgen, dass der Verfasser nun als drittmaliger Jerusalempilger ähnlich verfahre wie der Abt Mislin, welcher die Besitzer der ersten Auflage zum Ankaufe einer Menge Wiederholungen nöthigt, wollen sie anders auch das Neue der Beschreitung seiner zweiten Pilgerfahrt geniessen. Im Gegentheile, ich war best möglich beflissen, Wiederholungen zu vermeiden. Zudem werden persönliche Erlebnisse oft gar nicht, andere Male nur auszugsweise erzählt, und dennoch ahne ich den Vorwurf, dass ich hier und da zu weitläufig wurde.
Als Fussreisender kam ich mit Land und Leuten näher in Berührung als die meisten Pilgrime; lebhafter durchfühlte ich so das Wol und Weh der Eingebornen; nicht unter abgeschiedenem Zelt führte ich die Feder, sondern mehrentheils in rauchigen Häusern oder Chân, oft ehe die Eindrücke schwanden.
Neben mir tritt dann und wann ein anderer Augenzeuge auf, dem ich mündliche und briefliche Mittheilungen verdanke. Es ist der Deutsche Konrad Schick, etwa ein Dutzend Jahre schon in Jerusalem. Derselbe gehört keinesweges der gelehrten Zunft an; mir genügte, dass er ein gut beobachtendes Auge, für geographische und archäologische Fragen Empfänglichkeit, für treue Darstellung Sinn und auf meine Winke mit seltener Bereitwilligkeit Acht hatte. Ich erprobte ihn schon früher. Seine Beschreibung und sein Riss des Verschlusses der königlichen Höhlen bei Jerusalem sind so treu (s. hinten 352), dass sie in mir natürlich frisches Vertrauen erweckten. In Schick fand ich also, zumal seit meiner dritten Abreise von Jerusalem, eine höchst willkommene Stütze für mein Streben nach Thatsachen. Dieses Mannes Hilfe, um in der Veranschaulichung des Terräns mehr Licht zu verbreiten, dürfte auch dann noch Anerkennung finden, wenn einmal für so nothwendige, planmässige Nach- und Ausgrabungen der Glücksstern aufgehen sollte.
Meine Karte von einem Stücke des Gebirgslandes Judäa stellt nichts als eine Skizze vor. Sie würde nicht so nackt aussehen, wenn mich die Lust angewandelt hätte, in Befolgung des Beispiels älterer und selbst neuerer Kartographen nach den Eingebungen der Phantasie Bodengestaltung und Wege einzutragen. Die Karte umfasst, mit Ausnahme des Merdsch Iben Ömeir, ein coupirtes Terrän, so dass der Beschauer neben den die Thäler oder Bäche bezeichnenden Linien die Erhebungen mit den Wasserscheiden ziemlich leicht in Gedanken konstruiren kann. Dass auch die Wege und Strassen nicht angegeben sind, rechtfertigt sich durch den Mangel an gehöriger Sicherheit, mit der sie überall hätten eingezeichnet werden sollen. Ich bin zufrieden, eine kartographische Vorarbeit liefern zu können.
Ist mein Buch auch ein Spiegel der jüngsten Tage? Leider habe ich die schwere Klage vorzubringen, dass seit einiger Zeit dem religiösen und politischen Fanatismus der Mohammedaner der Kamm immer mehr wächst. Wenn der Prinz Albert von England und der Grossfürst Konstantin von Russland im Frühling 1859 das Haram esch-Scherif auf dem Moriah [Tempelberg] besuchten, so hatten so hoch gestellte Personen auch vor dem krimischen Kriege Zutritt. Mit der Sicherheit der Person und des Eigenthums ist es seit ein paar Jahren unläugbar viel schlimmer geworden. Wo ausser den Städten die Franken ohne klösterlichen Zusammenhalt wohnen, sind sie feindseligen Angriffen ausgesetzt. Bei Jafa wurden zwei fränkische Bauern ermordet; bei Jerusalem ward Schneller wiederholt überfallen und beraubt, und endlich genöthigt, sich in die Stadt zu flüchten; Meschullam in Artas wird in neuerer Zeit nicht wenig beunruhigt; bei Jerusalem wurde der Gang der Windmühle Moses Montefiores mit gewaltsamer Hand gehemmt. Und hat man nicht sogar Grund, für das protestantische Schulhaus auf Zion ausserhalb der Stadtmauern in Sorgen zu schweben? Trotz der bittern Erfahrungen aber baut Montefiore im Garten bei der Windmühle, und trotz all' der schlimmen Zeichen wollen die Russen, nach einem grossartig angelegten Plan, im Norden ausserhalb der h. Stadt Gebäude aufführen, als wenn sie zugleich einen Vorwand suchten, um, bei etwa eintretender Störung, auf die fühlbarste und darum auch wirksamste Weise gegen den Unfug und die Verdorbenheit der moslemitischen Einwohner und Behörden einzuschreiten und sich Recht zu verschaffen.
Möge die, wie es heisst, neulich zu Stande gekommene Einigung von Frankreich und Russland zum Wiederaufbau des Auferstehungsdoms sich ankündigen als Morgenröthe einer bessern Zukunft, in welcher die fränkischen Mächte keine Anstrengungen sich reuen lassen, um im Lande der Verheissung mehr Eintracht unter den Christen zu erzielen, die türkische Unordnung umzuwälzen und eine christliche Ordnung einzuführen. Deus vult.
Horn am Bodensee, im August 1859.