Historisches Seminar der Universität Zürich, Wintersemester 2002/03
Kolloquium "Israel und Palästina (19.-Mitte 20. Jh.)"

 

Übersicht: Palästina/Israel seit dem 2. Weltkrieg

Im ethnisch gemischten spätosmanischen Palästina bestand der kleine Yishuv aus zimmi (d. h. von der Politik ausgeschlossenen «Schutzbefohlenen» der islamischen Oberherrschaft). Daraus wurde unter britischem Mandat ein europäisiertes jüdisches Gemeinwesen, das sich politisch, wirtschaftlich, gewerkschaftlich und militärisch straff organisierte. Dessen zionistischen Führer stammten aus Osteuropa und zielten auf einen ethno-nationalen Judenstaat, nicht eine jüdisch-palästinensische Zivilgesellschaft ab. Im Gegenzug dazu ging der zunehmend militante palästinensische Widerstand Hand in Hand mit Bemühungen um eine islamische Restauration mit dem Ziel, das jüdische Projekt zu vernichten. Der Mangel an Pragmatismus und Vision bei den arabischen Akteuren, die Palästina repräsentierten, verhinderte ein Eingehen auf schmerzliche, aber langfristig lohnende Kompromisse wie den britischen Teilungsplan von 1937 oder den UN-Teilungsbeschluss von 1947. In gefährdeter Situation, aber auch im Schatten des Entsetzens der Welt über die Shoah, schufen die zionistischen Akteure nach dem 2. Weltkrieg in Palästina Fakten, die für sie 1948 den Triumph in Form eines Nationalstaates und eines militärischen Sieges, für die anderen bis heute eine Katastrophe (nakba) bedeuten, nämlich die Flucht und Vertreibung von rund 700'000 nichtjüdischen Palästinensern aus ihrer Heimat. In der Lausanner Nahostkonferenz 1949 deklarierte sich der Sieger – wie schon 1923 die Türkei – als unzuständig für die von seinem Boden Entwurzelten. Der junge Nationalstaat nutzte in den folgenden Jahrzehnten seine militärische und diplomatische Stärke dafür, zu expandieren und die Palästinenser weiter zu verdrängen. Er rechtfertigte dies mit dem Erfolg seiner Waffen, mit dem ideologischen Rückgriff auf das alttestamentliche Israel und indem er auf Widersacher verwies, die den Untergang des jungen Staates anstrebten. Der grösste territoriale Gewinn resultierte aus dem Sechstagekrieg 1967. Für die israelische Friedensbewegung repräsentiert dieser indes die Korruption der Zionsidee und damit Israels: Dass es als Besatzungsmacht die Nichtjuden ghettoisiere und ihr Elend festschreibe, zerstöre seine moralische Substanz.



Chronologie

I Etablierung und Expansion Israels – Zementierung des palästinensischen Flüchtlingsproblems
1947 UN-Vollversammlung beschliesst die Teilung Palästinas (29. 11.). (Karte)
1948 Proklamation der Staates (14. 5.), einen Tag vor Ablauf des britischen Mandates. Israel siegt in den Ende 1947 ausgebrochenen Kämpfen und vergrössert sein Terrritorium.
1949 Die Lausanner Nahostkonferenz scheitert nach Einschätzung des US-Emissärs Mark F. Ethridge an der Intransiganz des Siegers, der die palästinensischen Flüchtlinge den Sudetendeutschen gleichstellt.
ab 1950: Gleichzeitig mit dem Westbündnis der Türkei lehnt sich Israel strategisch eng an die USA an. Bis in die 1980er Jahre steht der Nahostkonflikt im Zeichen des Kalten Krieges.
1956 Israelischer Angriffskrieg auf Ägypten («Suez-Krieg»). Auf amerikanischen Druck hin räumt Israel 1957 die Sinai-Halbinsel. – Gründung der palästinensischen Kampforganisation el-Fatah durch Yasir Arafat.
1964 Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) durch den Palästinensischen Nationalkongress.
1967 Israelischer «Präventivkrieg» («Sechstagekrieg»), nachdem Ägypten den Seeweg nach Eilat gesperrt hatte. Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten (Gazastreifen und Westjordanland).

II Krisen und Friedensbemühungen
1973 Yom-Kippur-Krieg (arabischer Überraschungsangriff). US-Unterstützung hilft ein israelisches Debakel zu verhindern.
1977 Mit Menachem Begin (Likud-Partei) kommt ein Jünger des Rechtszionisten Jabotinsky als Ministerpräsident an die Macht. Die Arbeiterpartei ist erstmals in der Opposition.
1979 Ägyptisch-israelischer Friedensvertrag.
1982 Israelischer Feldzug in den Libanon und Besetzung des Süd-Libanons. Hintergrund: Jordanien bildete bis 1970 eine Hauptbasis militanter Palästinenser, das haschemitische Regime ging aber 1970/71 brutal gegen diese vor, so dass ein Exodus nach dem Libanon einsetzte.
1987 Intifada in den besetzten Gebieten.
1991 Nahostkonferenz in Madrid und Beginn des Osloer Friedensprozesses.
1993 Prinzipienerklärung zwischen Israel und der PLO über gegenseitige Anerkennung und die Schaffung einer palästinensischen Selbstverwaltung.
1994 Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien. Arafat, Peres und Rabin erhalten den Friedensnobelpreis.
1995 Der israelische Ministerpräsident Rabin wird durch einen religiösen Ultranationalisten ermordet. Der Friedensprozess erleidet schweren Schaden. Die israelische Siedlungspolitik wird fortgesetzt (1996–99 unter Ministerpräsident Netanyahu vom Likud).
2000 US-Präsident Clinton, der israelische Ministerpräsident Barak und Arafat treffen sich in Camp David. Die Gespräche sind vertraulich. Barak will den Grossteil der 1967 besetzten Gebiete zurückzugeben, versucht aber in der bedeutsamen Jerusalemfrage, die Palästinenser mit einem Vorort abzufinden. Fehlinformationen in den westlichen Medien lasten das Scheitern dieses Treffens einseitig Arafat an.

III Politische Perspektivlosigkeit im Schatten des «war against terror», und Selbstmordattentate
2001 Ministerpräsident Sharon (Likud) wird nach dem 11. 9. zum Vertrauten Bushs: beides rechtsreligiös inspirierte, militärisch orientierte Machtpolitiker, die das Alte Testament ungebrochen als Anleitung für die Gegenwart interpretieren.


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5.2.2003