Übersicht: Palästina/Israel
seit dem 2. Weltkrieg
Im ethnisch gemischten spätosmanischen Palästina bestand
der kleine Yishuv aus zimmi (d. h. von der Politik ausgeschlossenen
«Schutzbefohlenen» der islamischen Oberherrschaft). Daraus wurde
unter britischem Mandat ein europäisiertes jüdisches Gemeinwesen,
das sich politisch, wirtschaftlich, gewerkschaftlich und militärisch
straff organisierte. Dessen zionistischen Führer stammten aus Osteuropa
und zielten auf einen ethno-nationalen Judenstaat, nicht eine jüdisch-palästinensische
Zivilgesellschaft ab. Im Gegenzug dazu ging der zunehmend militante palästinensische
Widerstand Hand in Hand mit Bemühungen um eine islamische Restauration
mit dem Ziel, das jüdische Projekt zu vernichten. Der Mangel an Pragmatismus
und Vision bei den arabischen Akteuren, die Palästina repräsentierten,
verhinderte ein Eingehen auf schmerzliche, aber langfristig lohnende Kompromisse
wie den britischen Teilungsplan von 1937 oder den UN-Teilungsbeschluss
von 1947. In gefährdeter Situation, aber auch im Schatten des Entsetzens
der Welt über die Shoah, schufen die zionistischen Akteure nach dem
2. Weltkrieg in Palästina Fakten, die für sie 1948 den Triumph
in Form eines Nationalstaates und eines militärischen Sieges, für
die anderen bis heute eine Katastrophe (nakba) bedeuten, nämlich die
Flucht und Vertreibung von rund 700'000 nichtjüdischen Palästinensern
aus ihrer Heimat. In der Lausanner Nahostkonferenz 1949 deklarierte sich
der Sieger – wie schon 1923 die Türkei – als unzuständig für
die von seinem Boden Entwurzelten. Der junge Nationalstaat nutzte in den
folgenden Jahrzehnten seine militärische und diplomatische Stärke
dafür, zu expandieren und die Palästinenser weiter zu verdrängen.
Er rechtfertigte dies mit dem Erfolg seiner Waffen, mit dem ideologischen
Rückgriff auf das alttestamentliche Israel und indem er auf Widersacher
verwies, die den Untergang des jungen Staates anstrebten. Der grösste
territoriale Gewinn resultierte aus dem Sechstagekrieg 1967. Für die
israelische Friedensbewegung repräsentiert dieser indes die Korruption
der Zionsidee und damit Israels: Dass es als Besatzungsmacht die Nichtjuden
ghettoisiere und ihr Elend festschreibe, zerstöre seine moralische Substanz.
Chronologie
I Etablierung und Expansion Israels – Zementierung des palästinensischen
Flüchtlingsproblems
1947 UN-Vollversammlung beschliesst die Teilung Palästinas (29.
11.). (
Karte)
1948 Proklamation der Staates (14. 5.), einen Tag vor Ablauf des britischen
Mandates. Israel siegt in den Ende 1947 ausgebrochenen Kämpfen und
vergrössert sein Terrritorium.
1949 Die Lausanner Nahostkonferenz scheitert nach Einschätzung des
US-Emissärs Mark F. Ethridge an der Intransiganz des Siegers, der die
palästinensischen Flüchtlinge den Sudetendeutschen gleichstellt.
ab 1950: Gleichzeitig mit dem Westbündnis der Türkei lehnt sich
Israel strategisch eng an die USA an. Bis in die 1980er Jahre steht der
Nahostkonflikt im Zeichen des Kalten Krieges.
1956 Israelischer Angriffskrieg auf Ägypten («Suez-Krieg»).
Auf amerikanischen Druck hin räumt Israel 1957 die Sinai-Halbinsel.
– Gründung der palästinensischen Kampforganisation el-Fatah durch
Yasir Arafat.
1964 Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO)
durch den Palästinensischen Nationalkongress.
1967 Israelischer «Präventivkrieg» («Sechstagekrieg»),
nachdem Ägypten den Seeweg nach Eilat gesperrt hatte. Siedlungspolitik
in den besetzten Gebieten (Gazastreifen und Westjordanland).
II Krisen und Friedensbemühungen
1973 Yom-Kippur-Krieg (arabischer Überraschungsangriff). US-Unterstützung
hilft ein israelisches Debakel zu verhindern.
1977 Mit Menachem Begin (Likud-Partei) kommt ein Jünger des Rechtszionisten
Jabotinsky als Ministerpräsident an die Macht. Die Arbeiterpartei
ist erstmals in der Opposition.
1979 Ägyptisch-israelischer Friedensvertrag.
1982 Israelischer Feldzug in den Libanon und Besetzung des Süd-Libanons.
Hintergrund: Jordanien bildete bis 1970 eine Hauptbasis militanter Palästinenser,
das haschemitische Regime ging aber 1970/71 brutal gegen diese vor, so
dass ein Exodus nach dem Libanon einsetzte.
1987 Intifada in den besetzten Gebieten.
1991 Nahostkonferenz in Madrid und Beginn des Osloer Friedensprozesses.
1993 Prinzipienerklärung zwischen Israel und der PLO über gegenseitige
Anerkennung und die Schaffung einer palästinensischen Selbstverwaltung.
1994 Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien. Arafat, Peres und
Rabin erhalten den Friedensnobelpreis.
1995 Der israelische Ministerpräsident Rabin wird durch einen religiösen
Ultranationalisten ermordet. Der Friedensprozess erleidet schweren Schaden.
Die israelische Siedlungspolitik wird fortgesetzt (1996–99 unter Ministerpräsident
Netanyahu vom Likud).
2000 US-Präsident Clinton, der israelische Ministerpräsident
Barak und Arafat treffen sich in Camp David. Die Gespräche sind vertraulich.
Barak will den Grossteil der 1967 besetzten Gebiete zurückzugeben,
versucht aber in der bedeutsamen Jerusalemfrage, die Palästinenser
mit einem Vorort abzufinden. Fehlinformationen in den westlichen Medien
lasten das Scheitern dieses Treffens einseitig Arafat an.
III Politische Perspektivlosigkeit im Schatten des «war against
terror», und Selbstmordattentate
2001 Ministerpräsident Sharon (Likud) wird nach dem 11. 9. zum
Vertrauten Bushs: beides rechtsreligiös inspirierte, militärisch
orientierte Machtpolitiker, die das Alte Testament ungebrochen als Anleitung
für die Gegenwart interpretieren.