Hans-Lukas Kieser, Historisches
Seminar der Universität Zürich, Kolloquium Sommersemester
2003
"Brüche und Aufbruch: Biographien aus der Türkei
und Israel/Palästina (1. Hälfte 20. Jahrhundert)"
In der Jugend meinte ich, im Zionismus die eindeutige Antwort
gefunden zu haben...
[…]
Offenbar gab sich Rathenau [1922 ermordeter deutscher
Aussenminister] der Illusion hin, daß für ihn in der [Weimarer]
Republik möglich geworden sei, was ihm das [Wilhelminische] Kaiserreich
vorenthalten hatte. Welch tragischer, tödlicher Irrtum!
Sicher liegt der Fall Eisner [1919 ermordeter deutscher Sozialist] anders
als der Fall Rathenau, und doch stellt sich immer wieder die Frage: Kann ein
Jude als legitimer Vertreter eines anderen Volkes sich durch den Staat und
seine Organe nach außen und innen unangefochtene Geltung verschaffen?
Unangefochten - nicht im politischen Sinne, denn jeder Exponent einer Partei,
einer Koalition, eines bestimmten Regimes hat Gegner. Wenn sich die Gegnerschaft
aber nicht auf Partei, Koalition und Regime allein erstreckt, sondern als
Argument das Judentum des Reprasentanten anführt und ihm wegen seines
Judentums die Legitimation abspricht, entsteht jene unlösbare Spannung,
die zum politischen Mord führen kann.
Wir sagten es schon: Aus der Geschichte wird nichts gelernt. Man ist heute
davon überzeugt, daß sich nicht wiederholen kann, was sich in den
zwanziger Jahren ereignet hat. Man wird viele Argumente dafür anführen,
daß etwa die Situation im Nachkriegsdeutschland von 1923 in keiner Weise
mit der Situation zu vergleichen ist, wie sie fünfzig Jahre später
in den Vereinigten Staaten von Amerika anzutreffen ist.
Das mag alles zutreffen, aber durch alle Wandlungen hindurch blieb und bleibt
die Judenfrage eine offene Frage.
Ich schreibe diesen Satz nicht im Hochgefühl bornierter Rechthaberei
nieder, sondern aus der leidvollen Erfahrung eines Lebens, das mich lehrte,
daß diese Frage noch immer unbeantwortet ist. Meinte ich in der Jugend,
im Zionismus die eindeutige Antwort auf diese Frage gefunden zu haben, so
ist auch diese Sicherheit im Laufe der Jahrzehnte gewichen. Der Zionismus
wollte die Antwort auf die Judenfrage geben, aber er transferierte die Frage
von Europa nach dem Nahen Osten, von der Frage einer Minorität in diversen
Staaten, zur Frage einer Minorität in einem (arabischen) Staatenblock,
von einer Rassenfrage zu einer nationalen Frage (unter Angehörigen derselben
semitischen Rasse, soweit es eine solche eindeutig gibt), von einer vordergründig
religiösen zu einer hintergründig religiös mit-denominierten
Frage. Die Formen des Judenhasses wandeln sich, aber der Haß bleibt.
Die Judenfrage bleibt offen wie eine klaffende Wunde, und sie beunruhigt die
Betroffenen und die Welt. Aus der Tiefe wird das Problem ganz deutlich sichtbar;
die Höhen des Erfolges aber verhüllen offenbar das Problem wie
mit einer Nebeldecke, so daß es die Scharfsinnigsten und Scharfsichtigsten
am wenigsten sehen.
Ben-Chorin, Schalom, Jugend an der Isar, Gütersloh: Gütersloher
Verlagshaus, 2001, S. 63 f.
© 1998-2002 webmaster@hist.net
16.4.2003