Hans-Lukas Kieser, Historisches
Seminar der Universität Zürich, Kolloquium Sommersemester
2003
"Brüche und Aufbruch: Biographien aus der Türkei
und Israel/Palästina (1. Hälfte 20. Jahrhundert)"
Historische Zäsuren und kollektive Brüche mit Relevanz
für Palästina und Kleinasien (Ende 19. bis Mitte 20. Jahrhundert)
Fin de siècle (Ende des 19. Jahrhunderts)
- Geburtsstunde eines radikalen Islamismus sowie ethno-nationaler
Bewegungen im bzw. für den spätosmanischen Raum, darunter die
zionistische, die armenische und die türkische. Bei allen drei stammen
prägende Vordenker und Akteure aus dem Zarenreich. 1897 Erster Zionistenkongress
in Basel.
- Gründung des rechtsgerichteten, konspirativ-elitären
Comité Union et Progrès (CUP) an der militärischen
Ärzteschule in Konstantinopel, 1887. Das CUP wird bis 1908 zur stärksten
jungtürkischen Partei.
- Erste jüdische Migrationsbewegung nach Palästina (1.
Alija) aus Russland nach den Judenpogromen, die auf die Ermordung Zar
Alexander II. 1881 folgten. Gleichzeitig (nach dem osmanischen Desaster
im russisch-türkischen Krieg 1877/78) weit stärkere muslimische
Migration aus dem Balkan und dem Zarenreich ins Osmanische Reich, v.a.
nach Anatolien.
- Pogromhafte Massaker an ca. 100'000 Armeniern in Anatolien im
Herbst 1895.
"Jungtürkische Revolution" im Juli 1908
Der Druck der Jungtürken veranlasst den Sultan Abdulhamid zur Wiedereinsetzung
der Verfassung von 1876 (konstitutionelle Monarchie) und zu Parlamentswahlen.
Kurzfristige enthusiastische Hoffnungen auf eine multiethnische, verfassungspatriotische
"osmanische Nation" im ganzen Nahen Osten.
Erster Weltkrieg
Der Weltkrieg stärkt bei vielen Menschen in Ost und West die
Ueberzeugung, eine Welt gehe unter, neue Ordnungen müssten geschaffen
werden.
- Während der Balkankriege etabliert das CUP im Januar 1913
eine Einparteiendiktatur, an deren Spitze Enver, Talat und Djemal stehen.
Das Regime sieht 1914 im Kriegseintritt an der Seite Deutschlands die Chance,
die imperiale Macht zu festigen, Kleinasien zu türkifizieren und Richtung
Kaukasus zu expandieren. Der Kaukasusfeldzug scheitert indes im Winter 1914/15
katastrophal.
- 1915/16 Völkermord an den Armeniern.
- 1917 Balfour-Deklaration und britische Eroberung Palästinas.
- Osmanische Niederlage 1918.
Nahöstliche Nachkriegsordnung
- Neuordnung des Nahen Ostens im Vertrag von Sèvres (1920):
Grossbritannien wird Mandatsmacht über Palästina und den Irak.
Der britische Schutz ermöglicht in Palästina den Aufbau zionistischer
und bewusst "rein jüdischer" Strukturen in Wirtschaft (Histadruth
1920), Politik (Jewish Agency 1929) und Militär (Hagana 1920). - Im
grössten Teil Kleinasiens soll zwar ein türkischer Staat entstehen
(Teile davon unter vorübergehender Kontrolle der Siegermächte),
die Region Izmir hingegen Griechenland, der Nordostzipfel Armenien und
der Südostzipfel einem eventuellen Kurdistan zugeschlagen werden.
- Die Revision von Sèvres im Vertrag von Lausanne (1923)
negiert alle nichttürkischen Ansprüche in Kleinasien. Sie segnet
den militärischen Sieg unter Mustafa Kemal (Atatürk) gegen Griechen,
Armenier und (alevitische) Kurden wie auch die jungtürkische Bevölkerungspolitik
im Ersten Weltkrieg ab.
- Armenier, Kurden und Palästinenser werden zu den grossen
Verlierern der neuen Nahostordnung.
Türkistische "Entwicklungsdiktatur" unter Mustafa Kemal (Atatürk)
- 1923 Ausrufung der Republik Türkei (29. 10.).
- 1924 Abschaffung des Kalifats (3. 3.).
- 1925 blutige Niederschlagung des kurdischen Aufstands unter Scheich
Said. Verbot religiöser Orden, Einrichtungen und Kleider. Verhaftung
von Kommunisten, darunter Nazim Hikmet. Repression mehrerer Zeitungen.
- 1926 Einführung des schweizerischen ZGB. Exekution jungtürkischer
Konkurrenten. Beginn des Bilder- und Statuenkults um Mustafa Kemal.
- 1928 Einführung der lateinischen Schrift.
- 1931/32: Einrichtung einer offiziellen nationalen Geschichtsschreibung;
Massnahmen zur Schaffung einer "rein" türkischen Sprache; türkische
anstatt arabische Koranlesung in den Moscheen.
- 1934 Einführung der Familiennamen.
- 1937/38 Blutiger "Zivilisierungsfeldzug" (Ethnozid) in der kurdisch-alevitischen
(zaza) Bergregion Dersim.
Nationalsozialistische Herrschaft
- Judenverfolgung in Deutschland (ab 1933) und Europa (ab 1939).
- Einzelne palästinensische, arabische und irakische Akteure
verbünden sich mit den Nazis als den Gegnern der Briten.
- Die Hauptopfer des Mordes an den europäischen Juden ab 1942
werden die Ostjuden.
1948: jüdischer Triumph und palästinensische Katastrophe (nakba)
- ab 1945: systematische illegale Einschleusung von "displaced
persons" und Terror rechtszionistischer Organisationen gegen Briten, Palästinenser
und UN.
- 1947 UN-Vollversammlung beschliesst die Teilung Palästinas
(29. 11.), die von der arabischen Mehrheit abgelehnt wird.
- 1948 Proklamation der Staates (14. 5.), einen Tag vor Ablauf
des britischen Mandates. Israel siegt in den Ende 1947 ausgebrochenen
Kämpfen und vergrössert sein Terrritorium. Rund 700'000 Palästinenser
werden aus ihrer Heimat entwurzelt.
- 1949 Die Lausanner Nahostkonferenz scheitert nach Einschätzung
des US-Emissärs Mark F. Ethridge an der Intransigenz des Siegers,
der die palästinensischen Flüchtlinge den Sudetendeutschen gleichstellt.
- ab 1950: Gleichzeitig mit dem Westbündnis der Türkei
lehnt sich Israel strategisch eng an die USA an.
1967: Die Versuchung "Grossisraels"
Israelischer Präventivkrieg («Sechstagekrieg») im
Juni 1967 angesichts arabischer Bedrohung und Vernichtungsrhetorik. Daraus
resultiert ein grosser territorialer Gewinn. Systematische völkerrechtswidrige
Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten, d.h. im Gazastreifen und
Westjordanland. Der eklatante Sieg wird von vielen Juden und manchen Christen
in der ganzen Welt enthusiastisch begrüsst. Kritische Freunde Israels
befürchten indes, dass der junge Staat dadurch seine moralische Substanz
und seine Nachbarschaftsbeziehungen zerstört.
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16.4.2003