Nationalfondsprojekt "Schweiz-Türkei: Lebenswelten und Kulturbegegnungen (Ende 19. bis Mitte Jahrhundert)"

Forschungsbericht Juli 2000-Juni 2001

Aus dem Zwischenbericht für den Nationalfonds per 30. Juni 2001.


Das erste Projektjahr diente weitgehend der Sammlung und Sichtung, teilweise auch der Verarbeitung, des Materials aus Archiven und Bibliotheken in der Schweiz und der Türkei. Es handelt sich um Material aus folgenden Archiven und Bibliotheken: Bundesarchiv Bern, Landesbibliothek Bern, Archives d'Etat de Genève, Archives cantonales vaudoises, Musée du Vieux-Montreux (Nachlass von Louis Rambert), Staatsarchiv des Kantons Zürich, Nationalbibliothek in Ankara, Archiv des Türk Tarih Kurumu in Ankara, Archiv der Republik in Ankara. Hinzu kam die Recherche in zeitgenössischen Zeitungen. Selbstverständlich fanden auch umfangreiche bibliographische Recherchen statt.
Das gesammelte Material betrifft in erster Linie die türkische Diaspora in der Schweiz. Im Laufe dieses Projektjahres bin ich mir einer spezifischen Forschungslücke bewusst geworden, nämlich der Auseinandersetzung mit der türkischen Diaspora im grossen Kontext des Ersten Weltkrieges. Ein wesentliches Zwischenergebnis ist die zentrale Rolle dieser Diaspora in der Welschschweiz in den Jahren 1914-23 für die Gründung des türkischen Nationalstaates. In dieser für Europa und den Nahen Osten entscheidenden Phase fand in den grossenteils studentischen Kreisen um die Foyers Turcs in Genf und Lausanne herum ein Einüben in nationalistische Kategorien und einVordenken der "neuen Türkei" statt. Ab 1918 organisierten jene Jungintellektuellen eine effiziente antialliierte, antiarmenische und antigriechische Propaganda, deren Diskurselemente bis heute für die einschlägigen türkischen Positionen massgeblich sind. In den Jahren des türkischen Unabhängigkeitskrieges, als deren Organisator Mustafa Kemal (Atatürk) den Krieg vor Ort noch ausschliesslich als Rettung des Sultanats und Kalifats vor den imperialistischen Ungläubigen propagierte, entwickelte die aktivistische Diaspora in der Schweiz für die eigene Elite und für das westliche Publikum einen wesentlich säkulareren Diskurs. Angeleitet wurde sie dabei von diplomatischen und journalistischen Profis wie Reschid Safvet (Atabinen), der 1918 direkt aus der Hauptstadt in die Schweiz reiste. Bis zur Nahostkonferenz in Lausanne 1922/23 blieben diese Männer und ganz wenigen Frauen, die zu einem grossen Teil Stipendiaten des jungtürkischen Staates waren, in enger Kooperation mit jungtürkischen bzw. kemalistischen Organen. Dank ihrer erfolgreichen Militanz setzten sie sich gegenüber den Liberalen im Schweizer Exil, so ihrem hervorragenden Haupt Prinz Sabahaddin, durch.
Zahlreiche Mitglieder der Welschschweizer Foyers Turcs nahmen nach 1923 hervorragende Positionen in der Republik ein. In den einschlägigen publizierten Biographien bleibt diese wichtige Zeit intellektueller Sozialisierung ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.[1] Von der Auswertung des osmanisch geschriebenen Protokollbuches des Lausanner Foyer Turc,[2] das die Jahre 1912-22 abdeckt, erwarte ich weitere wichtige Aufschlüsse über die skizzierten Zusammenhänge. Das Foyer Turc in Lausanne war das erste seiner Art in Europa, es wurde 1911 gegründet.
An der Konferenz The First World War As Remembered in the Countries of the Eastern Mediterranean, die vom German Institute for Oriental Studies vom 27. April bis 1. Mai 2001 in Beirut organisiert wurde, hatte ich Gelegenheit, unter dem Titel “La Grande Guerre vue par la diaspora turque en Suisse (1918-1923)” einige der oben genannten Zwischenergebnisse vorzutragen und zu diskutieren (vgl. http://www.oidmg.org/page_tmp/oib/New_con.html).
Ein wichtiger weiterer Fokus in diesem Berichtsjahr war der Blick auf Interaktion und Vernetzung der Elitediasporai aus dem Russischen Reich, dem Balkan und dem Osmanischen Reich, welche dieselben Universitäten frequentierten und in denselben Stadtteilen wohnten. Zwar spielte sich der Alltag dieser studentischen Kolonien - namentlich in Genf - weitgehend in einem ethnischen und ideologischen Ghetto ab, dennoch kam es zu wichtigen gemeinsamen Prägungen und zu einem bestimmten Mass an Austausch. Zum generellen gemeinsamen Nenner gehörten die kompromisslose rationale Akkulturation im Westen, die durch eine starke emotionale Verwurzelung in der eigenen Heimat im Osten kompensiert wurde, sowie ein revolutionäres Denken, das sich durch eine Sozialutopie, den Glauben an Social Engineering und an legitime revolutionäre Gewalt auszeichnete.
Eine weitere wichtige Tätigkeit in diesem Jahr bestand im Aufbau bzw. in der Pflege eines Netzwerkes von Beziehungen um die Thematik des Forschungsprojektes herum. Vom 7. bis 11. Mai 2001 weilte auf meine Einladung hin Prof. Dr. Mehmet fiükrü Hanioglu, der Vorsteher des Near Eastern Institute der Universität Princeton, in der Schweiz (finanziert von der Universität Zürich mit Beteiligung der Universität Bern). Er ist der beste Kenner der jungtürkischen Bewegung von ihren Anfängen bis zur Machtübernahme (1889-1908). Er hielt zwei Vorträge über die jungtürkische Opposition in der Schweiz vor 1908. In diesem Zusammenhang ist die Vorbereitung einer Themennummer der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte mit dem Arbeitstitel Revolution via Schweiz. Osmanische Opposition und türkische Nationalbewegung im europäischen und schweizerischen Exil zu erwähnen. Neben Hanioglu und mir werden Erik Jan Zürcher, Professor in Leiden, Hamit Bozarslan, Dozent in Paris, sowie voraussichtlich eine türkische Doktorandin und ein albanischer Doktorand in den USA mit Beiträgen beteiligt sein. Die Nummer soll in der zweiten Hälfte des Jahres 2002 erscheinen.[3]
Ein in diesem Jahr ebenfalls beachteter Themenanspekt war das von der Diaspora gepflegte Bild der Schweiz sowie die Auseinandersetzung mit dem eidgenössischen politischen System als möglicherweise übertragbarem Modell. Dank fiükrü Hanioglu habe ich die höchstwahrscheinlich erste derartige Darstellung der Schweiz in einem Artikel aus der Feder des Publizisten und “Proto-Jungtürken” Ali Suavi (1839-78) aus dem Jahre 1870 kennengelernt:[4] Er beschreibt die Schweiz als die grösste und am besten funktionierende Demokratie in Europa sowie als Gesellschaft mit starker christlicher Frömmigkeit und hoher, insb. sexueller Sittlichkeit (dies namentlich in der Absetzung von Frankreich, wo Ali Suavi von 1867-70 weilte). Doch sei diese demokratische Idealform der Regierung, welche auch dem heiligen islamischen Gesetz am besten entspreche, wegen der grossen Ausdehnung, des Vielvölkercharakters sowie der verdorbenen Sitten in den Städten nicht auf das Osmanische Reich übertragbar. Hier sei eine starke (monarchische) Hand von oben nötig. Insbesondere wies Ali Suavi auf die zwar multikonfessionelle, aber doch monoreligiös christliche Gesellschaft (mit geringem Anteil an Juden) in der Schweiz hin. Der Respekt für die Institutionen der schweizerischen Demokratie, insb. auch für die Bildungsinstitutionen, und die Überzeugung von der im Vergleich zum übrigen Europa höheren Moralität, was die Schweiz speziell für den Bildungsaufenthalt von Musliminnen prädestiniere, sind Grundkonstanten des türkischen Schweizbildes auch noch mehr als ein halbes Jahrhundert später. Als dritte Konstante wäre die Bewunderung der Natur, der Seen, Wälder und Berge, zu nennen. Auffallend selten indes taucht in diesem Schweizbild die Begegnung mit wirklichen Schweizern auf, am ehesten noch meist von ferne angebetene junge Schweizerinnen...
Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht definitiv klar, ist es wahrscheinlich, dass die erste Projektphase, nämlich “Osmanischer und jungtürkischer [inkl. kemalistischer] Aufenthalt in der Schweiz” (vgl. S. 3.13 meines Forschungsgesuches vom September 1999), deutlich mehr als den anfänglich vorgesehenen hälftigen Anteil am Gesamtprojekt beanspruchen wird.

[1] Vgl. z. B. das jüngst erschienene Werk über Mahmut Esat Bozkurt, der 1912-19 für sein Doktorat an der Universität Fribourg in der Schweiz weilte und als türkischer Justizminister 1925 das schweizerische Zivilgesetzbuch einführte: Uyar, Hakkı, “Sol Milliyetçi” bir Türk Aydini: Mahmut Esat Bozkurt (1892-1943) [Ein türkischer Intellktueller und “linker Nationalist”: Mahmut Esat Bozkurt (1892-1943)], Istanbul: Büke, 2000.
[2] Es befindet sich im Archiv des Türk Tarih Kurumu in Ankara.
[3] Es ist zu bedauern, dass ausser mir niemand aus der Schweiz an diesem Publikationsprojekt, das doch von der Schweiz handelt, beteiligt sein wird. Der wesentliche Grund liegt wohl darin, dass die schweizerischen Quellen (Bundesarchiv, Landesbibliothek, Kantonalarchive etc.) und die Veröffentlichungen in westlichen Sprachen nicht genügen, um sich adäquat mit der Thematik auseinanderzusetzen. Kenntnisse des Türkischen und Osmanischen sind unumgänglich - Kompetenzen, die in der heutigen universitären Landschaft der Schweiz nicht oder kaum gepflegt werden.
[4] “Demokrasi, Hükûmet-i Halk, Müsavat”, Ulûm Gazetesi, 2, Nr. 18, Mai 1870, S. 1083-1107.

 

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2. 8. 2001