Das erste Projektjahr diente weitgehend der
Sammlung und Sichtung, teilweise auch der Verarbeitung, des Materials
aus Archiven und Bibliotheken in der Schweiz und der Türkei. Es
handelt sich um Material aus folgenden Archiven und Bibliotheken:
Bundesarchiv Bern, Landesbibliothek Bern, Archives d'Etat de
Genève, Archives cantonales vaudoises, Musée du
Vieux-Montreux (Nachlass von Louis Rambert), Staatsarchiv des Kantons
Zürich, Nationalbibliothek in Ankara, Archiv des Türk Tarih
Kurumu in Ankara, Archiv der Republik in Ankara. Hinzu kam die
Recherche in zeitgenössischen Zeitungen. Selbstverständlich
fanden auch umfangreiche bibliographische Recherchen statt.
Das gesammelte Material betrifft in erster
Linie die türkische Diaspora in der Schweiz. Im Laufe dieses
Projektjahres bin ich mir einer spezifischen Forschungslücke
bewusst geworden, nämlich der Auseinandersetzung mit der
türkischen Diaspora im grossen Kontext des Ersten Weltkrieges.
Ein wesentliches Zwischenergebnis ist die zentrale Rolle dieser
Diaspora in der Welschschweiz in den Jahren 1914-23 für die
Gründung des türkischen Nationalstaates. In dieser für
Europa und den Nahen Osten entscheidenden Phase fand in den
grossenteils studentischen Kreisen um die Foyers Turcs in Genf
und Lausanne herum ein Einüben in nationalistische Kategorien
und einVordenken der "neuen Türkei" statt. Ab 1918 organisierten
jene Jungintellektuellen eine effiziente antialliierte,
antiarmenische und antigriechische Propaganda, deren Diskurselemente
bis heute für die einschlägigen türkischen Positionen
massgeblich sind. In den Jahren des türkischen
Unabhängigkeitskrieges, als deren Organisator Mustafa Kemal
(Atatürk) den Krieg vor Ort noch ausschliesslich als Rettung des
Sultanats und Kalifats vor den imperialistischen Ungläubigen
propagierte, entwickelte die aktivistische Diaspora in der Schweiz
für die eigene Elite und für das westliche Publikum einen
wesentlich säkulareren Diskurs. Angeleitet wurde sie dabei von
diplomatischen und journalistischen Profis wie Reschid Safvet
(Atabinen), der 1918 direkt aus der Hauptstadt in die Schweiz reiste.
Bis zur Nahostkonferenz in Lausanne 1922/23 blieben diese Männer
und ganz wenigen Frauen, die zu einem grossen Teil Stipendiaten des
jungtürkischen Staates waren, in enger Kooperation mit
jungtürkischen bzw. kemalistischen Organen. Dank ihrer
erfolgreichen Militanz setzten sie sich gegenüber den Liberalen
im Schweizer Exil, so ihrem hervorragenden Haupt Prinz Sabahaddin,
durch.
Zahlreiche Mitglieder der Welschschweizer
Foyers Turcs nahmen nach 1923 hervorragende Positionen in der
Republik ein. In den einschlägigen publizierten Biographien
bleibt diese wichtige Zeit intellektueller Sozialisierung ein
weitgehend unbeschriebenes Blatt.
[1]
Von der Auswertung des osmanisch geschriebenen Protokollbuches des
Lausanner
Foyer Turc,
[2]
das die Jahre 1912-22 abdeckt, erwarte ich weitere wichtige
Aufschlüsse über die skizzierten Zusammenhänge. Das
Foyer Turc in Lausanne war das erste seiner Art in Europa, es
wurde 1911 gegründet.
An der Konferenz The First World War As
Remembered in the Countries of the Eastern Mediterranean, die vom
German Institute for Oriental Studies vom 27. April bis 1. Mai 2001
in Beirut organisiert wurde, hatte ich Gelegenheit, unter dem Titel “La
Grande Guerre vue par la diaspora turque en Suisse (1918-1923)”
einige der oben genannten Zwischenergebnisse vorzutragen und zu
diskutieren (vgl.
http://www.oidmg.org/page_tmp/oib/New_con.html).
Ein wichtiger weiterer Fokus in diesem
Berichtsjahr war der Blick auf Interaktion und Vernetzung der
Elitediasporai aus dem Russischen Reich, dem Balkan und dem
Osmanischen Reich, welche dieselben Universitäten frequentierten
und in denselben Stadtteilen wohnten. Zwar spielte sich der Alltag
dieser studentischen Kolonien - namentlich in Genf - weitgehend in
einem ethnischen und ideologischen Ghetto ab, dennoch kam es zu
wichtigen gemeinsamen Prägungen und zu einem bestimmten Mass an
Austausch. Zum generellen gemeinsamen Nenner gehörten die
kompromisslose rationale Akkulturation im Westen, die durch eine
starke emotionale Verwurzelung in der eigenen Heimat im Osten
kompensiert wurde, sowie ein revolutionäres Denken, das sich
durch eine Sozialutopie, den Glauben an Social Engineering und an
legitime revolutionäre Gewalt auszeichnete.
Eine weitere wichtige Tätigkeit in
diesem Jahr bestand im Aufbau bzw. in der Pflege eines Netzwerkes von
Beziehungen um die Thematik des Forschungsprojektes herum. Vom 7. bis
11. Mai 2001 weilte auf meine Einladung hin Prof. Dr. Mehmet
fiükrü Hanioglu, der Vorsteher des Near Eastern Institute
der Universität Princeton, in der Schweiz (finanziert von der
Universität Zürich mit Beteiligung der Universität
Bern). Er ist der beste Kenner der jungtürkischen Bewegung von
ihren Anfängen bis zur Machtübernahme (1889-1908). Er hielt
zwei Vorträge über die jungtürkische Opposition in der
Schweiz vor 1908. In diesem Zusammenhang ist die Vorbereitung einer
Themennummer der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte mit
dem Arbeitstitel
Revolution via Schweiz. Osmanische Opposition und
türkische Nationalbewegung im europäischen und
schweizerischen Exil zu erwähnen
. Neben Hanioglu und
mir werden Erik Jan Zürcher, Professor in Leiden, Hamit
Bozarslan, Dozent in Paris, sowie voraussichtlich eine türkische
Doktorandin und ein albanischer Doktorand in den USA mit
Beiträgen beteiligt sein. Die Nummer soll in der zweiten
Hälfte des Jahres 2002 erscheinen.
[3]
Ein in diesem Jahr ebenfalls beachteter
Themenanspekt war das von der Diaspora gepflegte Bild der Schweiz
sowie die Auseinandersetzung mit dem eidgenössischen politischen
System als möglicherweise übertragbarem Modell. Dank
fiükrü Hanioglu habe ich die höchstwahrscheinlich
erste derartige Darstellung der Schweiz in einem Artikel aus der
Feder des Publizisten und “Proto-Jungtürken” Ali
Suavi (1839-78) aus dem Jahre 1870 kennengelernt:
[4]
Er beschreibt die Schweiz als die grösste und am besten
funktionierende Demokratie in Europa sowie als Gesellschaft mit
starker christlicher Frömmigkeit und hoher, insb. sexueller
Sittlichkeit (dies namentlich in der Absetzung von Frankreich, wo Ali
Suavi von 1867-70 weilte). Doch sei diese demokratische Idealform der
Regierung, welche auch dem heiligen islamischen Gesetz am besten
entspreche, wegen der grossen Ausdehnung, des
Vielvölkercharakters sowie der verdorbenen Sitten in den
Städten nicht auf das Osmanische Reich übertragbar. Hier
sei eine starke (monarchische) Hand von oben nötig. Insbesondere
wies Ali Suavi auf die zwar multikonfessionelle, aber doch
monoreligiös christliche Gesellschaft (mit geringem Anteil an
Juden) in der Schweiz hin. Der Respekt für die Institutionen der
schweizerischen Demokratie, insb. auch für die
Bildungsinstitutionen, und die Überzeugung von der im Vergleich
zum übrigen Europa höheren Moralität, was die Schweiz
speziell für den Bildungsaufenthalt von Musliminnen
prädestiniere, sind Grundkonstanten des türkischen
Schweizbildes auch noch mehr als ein halbes Jahrhundert später.
Als dritte Konstante wäre die Bewunderung der Natur, der Seen,
Wälder und Berge, zu nennen. Auffallend selten indes taucht in
diesem Schweizbild die Begegnung mit wirklichen Schweizern auf, am
ehesten noch meist von ferne angebetene junge Schweizerinnen...
Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht
definitiv klar, ist es wahrscheinlich, dass die erste Projektphase,
nämlich “Osmanischer und jungtürkischer [inkl.
kemalistischer] Aufenthalt in der Schweiz” (vgl. S. 3.13
meines Forschungsgesuches vom September 1999), deutlich mehr als den
anfänglich vorgesehenen hälftigen Anteil am Gesamtprojekt
beanspruchen wird.
[1] Vgl. z. B.
das jüngst erschienene Werk über Mahmut Esat Bozkurt, der
1912-19 für sein Doktorat an der Universität Fribourg in
der Schweiz weilte und als türkischer Justizminister 1925 das
schweizerische Zivilgesetzbuch einführte: Uyar, Hakkı,
“Sol
Milliyetçi” bir Türk Aydini: Mahmut Esat Bozkurt
(1892-1943) [Ein türkischer Intellktueller und “linker
Nationalist”: Mahmut Esat Bozkurt (1892-1943)], Istanbul:
Büke, 2000.
[2] Es
befindet sich im Archiv des Türk Tarih Kurumu in Ankara.
[3] Es
ist zu bedauern, dass ausser mir niemand aus der Schweiz an diesem
Publikationsprojekt, das doch von der Schweiz handelt, beteiligt sein
wird. Der wesentliche Grund liegt wohl darin, dass die
schweizerischen Quellen (Bundesarchiv, Landesbibliothek,
Kantonalarchive etc.) und die Veröffentlichungen in westlichen
Sprachen nicht genügen, um sich adäquat mit der Thematik
auseinanderzusetzen. Kenntnisse des Türkischen und Osmanischen
sind unumgänglich - Kompetenzen, die in der heutigen
universitären Landschaft der Schweiz nicht oder kaum gepflegt
werden.
[4] “Demokrasi,
Hükûmet-i Halk, Müsavat”,
Ulûm
Gazetesi, 2, Nr. 18, Mai 1870, S. 1083-1107.
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2. 8. 2001