Nationalfondsprojekt "Schweiz-Türkei:
Lebenswelten und Kulturbegegnungen (Ende 19. bis Mitte
Jahrhundert)"
Aus dem
Projektentwurf vom September 1999
Das Projekt soll die Forschung in zwei klar definierten Bereichen
vorantreiben, welche die Projektphasen bilden:
- osmanischer und jungtürkischer Aufenthalt in der
Schweiz.
- Schweizerinnen und Schweizer im osmanischen und
postosmanischen Raum.
Für das ganze Projekt kann von einer
reichhaltigen Quellensituation und ergiebigen Archiven ausgegangen
werden, die ihrer Gestreutheit wegen aber recht aufwendig zu
bearbeiten sowie – im Falle der türkisch-republikanischen –
nur partiell zugänglich sind. Das Projekt stützt sich daher
ausdrücklich nicht auf die türkischen diplomatischen
Archivquellen der republikanischen Zeit ab.
In beiden Projektphasen kommen Quellen
folgender drei Kategorien zum Zug.
- zentralstaatliche schweizerische und osmanische
Archivquellen
- kantonale und universitäre Archivquellen
- veröffentlichte oder unveröffentlichte Memoiren,
Tagebücher, Bücher und Artikel von Personen aus der
Schweiz und aus dem osmanischen oder postosmanischen Raum, die
einen längeren Aufenthalt in der Schweiz beziehungsweise der
Türkei erlebt haben.[3]
Auch Dokumente von Nichtregierungsorganisationen stellen einen
wichtigen Quellenfundus dar.[4]
Es soll mit mikrohistorischen Ansätzen
zur Lebensweltbeschreibung, mit Methoden der histoire
intellectuelle und solchen der ethnisch-religiösen Analyse
gearbeitet werden. Das methodische Konzept «Lebenswelt» ist
der zentrale, phasenübergreifende Aspekt des Projektes. Es
schliesst die ebenfalls phasenübergreifenden Fragen nach
Kulturbegegnung, Kulturaustausch, nach Selbstbildern und
ethnisch-religiösen Loyalitäten im sozialen und mentalen
Netzwerk zwischen der Schweiz und der Türkei mit ein.
Historische Lebenswelten zu rekonstruieren
heisst «vergangene soziale Wirklichkeit und ihre symbolische
Deutung durch Menschen, die ihr angehörten, mit Begriffen und in
der Sprache der Gegenwart zu interpretieren und darzustellen, ohne
sie festen Erklärungsmustern und Bewertungshierarchien der
Gegenwart zu unterwerfen».
[5]
Soziale wie auch individuelle Wirklichkeit
war im spätosmanischen Raum widerstrebenden Kräften
ausgesetzt: Religionen, sakulärem Fortschrittsdenken
(insbesondere Positivismus), Nationalismen und
Klassengegensätzen, um wichtigste zu nennen. An deren
Zusammenführung in einem grösseren, zukunftsgerichteten
Ganzen zu glauben oder eben nicht (mehr), einen sozialdarwinistischen
«Endkampf» (oder «clash of cultures») zu
antizipieren oder sich an einer friedliche Kompromissregelung zu
orientieren: Das waren mögliche Weichenstellungen im osmanischen
«Fin de l’Empire», das sich in einigen wesentlichen
Punkten mit dem europäischen Fin de siècle deckt. Mentale
Weichenstellungen wurden von den Migrantenkreisen in Genf und
Lausanne entscheidend mitgeprägt.
Das im vorliegenden Projekt zentrale Konzept
«Lebenswelt» verbindet strukturanalytische Methoden der
Sozialwissenschaft mit phänomenologischen Methoden der
Kulturwissenschaften wie auch mit Politikgeschichte. Die
«Wechselbeziehung kultureller, sozialer, ökonomischer und
politisch-herrschaftlicher Momente als lebensgeschichtlicher
Zusammenhang» soll in einem begrenzten Beobachtungsfeld
beziehungsweise an ausgewählten Schauplätzen in den Blick
genommen werden.
[6]
Die Gesamtheit lebensweltlicher
Wirklichkeitserfahrung, -gestaltung und -deutung lässt sich als
Kultur bezeichnen. Im Zusammenhang der Projektthematik ist der
Kulturbegriff weit gefasst und umschliesst sowohl
alltagsgeschichtliche als auch zivilisatorische, ideelle und
religiöse Bereiche. Kohabitation bezeichnet das Beisammensein
verschiedener Kulturen in einem definierten Raum, zum Beispiel Genf,
Lausanne, Istanbul, Aleppo oder Urfa. Sie kann interkulturelle
Brücken zeitigen, muss aber nicht – geschweige denn, dass
sie, etwa im Falle der osteuropäischen und orientalischen
Diaspora in Genf, zu lokaler politischer Partizipation
führte.
Wohl aber eröffnete sie mannigfache
Interaktionen zwischen verschiedenen Lebenswelten und zeitigte –
im Falle Genfs – eine deutliche ideelle Osmose mit Teilen der
Mehrheitsgesellschaft. Manchmal führte sie zu effizienten
Kooperationen (so in der «Armenierhilfe»). Kulturaustausch
manifestierte sich besonders deutlich in erst vereinzelten
schweizerisch-«osmanischen» Ehen, so derjenigen von Garabed
Thoumajan mit der Genfer Pfarrerstochter Lucie Rossier, die mit ihrem
Mann mehrere Jahre in Merzifon (Anatolien) lebte (1886-1893).
Die Wirkungskraft religiöser Wurzeln
zeigte sich sowohl in der helvetischen Türkei- als auch der
türkischen Schweiz-Diaspora, und zwar gerade auch dann, wenn
sich die Betreffenden, so die Jungtürken, weitgehend
areligiös formulierten und in ihrer Lebensorientierung auf
Wissenschaft und höhere Bildung beriefen. Die nationalistische
Neuorientierung transponierte – oft unerkannt –
wesentliche religiöse Zuschreibungen in die
«säkulare» Ideologie.
Zu den interkulturellen Erfahrungen im und
mit dem Grossraum Türkei gehörten immer auch
interreligiöse Erfahrungen. Dies brachte für die Schweiz,
die sich stolz als plurikonfessionell und mehrsprachig verstand,
etwas qualitativ Neues: die Begegnung mit dem Islam. Langjährige
«Türkeischweizer» wie der bodenständige
Missionsarzt Jakob Künzler begannen trotz schmerzlicher
Pogromerfahrungen die islamische Religion in einem grundsätzlich
positiven Licht zu sehen – eine damals revolutionäre
Sicht.
Verglichen mit dem multireligiösen
osmanischen Reich präsentierten sich Westeuropa und die Schweiz
als monoreligiös christliche Gesellschaften mit einer kleinen
jüdischen Minderheit. Neu und ebenso anregend wie problematisch
war für Schweizer in der osmanischen Türkei die nicht
territorial, sondern rein gemeinschaftlich organisierte Kohabitation
der Sprachen und Religionen.
Während die partielle Akkulturation von
Türken, Kurden und Armeniern in der Schweiz auf edukativer und
zivilisatorischer Ebene offensichtlich und willentlich verlief und
den staatlich-gesellschaftlichen Bereich ein-, das Religiöse
aber ausschloss, geschah bei manchen Schweizerinnen und Schweizern in
der Türkei eine nicht minder wirksame Übernahme von
Kulturelementen in der Lebensweise. Die schweizerische
Teilidentifikation mit der «neuen Heimat» war allerdings
keine staatlich-institutionelle, sondern eine, die auf lokalen und
regionalen Bindungen beruhte.
Die Schweizerinnen und Schweizer im
spät- und postosmanischem Raum waren intensiv mit
Neuorientierungen, Umbrüchen und Neuordnungsbemühungen
konfrontiert, passiv wie auch aktiv. Manche suchten sich pragmatisch
den Veränderungen anzupassen. Viele massen die neue
nahöstliche und insbesondere türkisch-nationalistische
Ordnung an den Möglichkeiten, die in ihren Augen noch vor den
1920er Jahren im Raume gestanden hatten.
Die Haltung zur Republik Türkei blieb
gespalten, auch wenn sich einige Schweizer für deren Aufbau
engagierten und für einen bejahenden Neuanfang im
schweizerisch-türkischen Verhältnis plädierten. Sehr
deutlich aber auch fragwürdig war dies beim Genfer
Universitätsprofessor Eugène Pittard der Fall. Seine
Schriften bildeten einen geeigneten und beliebten Fundus, aus welchem
kemalistische Ideologen eine wissenschaftlich klingende Rassentheorie
exzerpierten. Im publizierten Bericht einer Reise in die Türkei
bemühte sich Pittard das «neue Gesicht der
Türkei» in einem vorteilhaften Licht darzustellen.
[7]
Das Forschungsvorhaben soll auch die vitalen
Verknüpfungen von politisch-diplomatischen Entwicklungen und
türkisch-schweizerischen Lebenswelten darlegen. Dabei hat es die
Diskrepanzen und Wechselwirkungen zwischen
türkisch-schweizerischer Identifikation (edukative,
sanitarische und rechtliche Modelle), Konfrontation
(Völker- und Menschenrechte) und Geschäft
(Wirtschaftsbeziehungen) sichtbar und einsichtig zu machen.
Das Projekt setzt sich mit den ersten, nicht
mehr bloss vereinzelten Direktbegegnungen der Schweiz und
Diaspora-Schweiz mit dem Islam und nahöstlicher Kultur
auseinander. Indem es die frühe islamische Präsenz in der
Schweiz und die schweizerischen Erfahrungen mit
Multikulturalität in der osmanischen und nachosmanischen
Türkei untersucht, befasst sich das vorliegende Projekt
ausgeprägt mit der Thematik interreligiöser Kommunikation.
Ihre Bedeutung reicht weit über eng gefasste
türkisch-schweizerische Beziehungen hinaus. Bezeichnenderweise
war der Begriff «Türke» in osmanischer Zeit Synonym
für «Muslim».
Als Forschungsprodukte werden zunächst
Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften
[8]
ins Auge gefasst (vorläufige Teilergebnisse). Die Resultate der
Projektphasen sollen des weiteren die Basis zu einer allgemeinen
Darstellung der schweizerisch-türkischen Geschichte im 19. und
20. Jahrhundert liefern. Diese stellt das Endprodukt des Projektes
dar. Sie soll, entsprechend der verbindlichen Absprache mit Prof. Dr.
Heiko Haumann, als Habilitationsarbeit an der Universität Basel
eingereicht werden. Danach soll sie auf dem Buchmarkt erscheinen.
(Vgl. die detaillierten Hinweise zu den Forschungsprodukten im
Resümee S. 12 f.)
Mit der armenischen Frage ist – dank
eines Forschungsstipendiums der Freien Akademischen Gesellschaft
(Basel) – ein wichtiger Teilbereich der Thematik bereits
bearbeitet und durch eine Publikation abgedeckt (Kieser 1999).
Die zwei Teilbereiche des
Forschungsprojektes:
1. Im Sinne einer Mikrogeschichte, die ihre
notwendige Ergänzung in einer politischen, sozialen und
kulturellen Makrogeschichte findet, bietet die Analyse des
Bildungsplatzes Schweiz, insbesondere Genfs, einen Schlüssel zum
Verständnis entscheidender Vorgänge und Prägungen in
der türkischen Geschichte der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts; dies nicht etwa bloss im Hinblick auf die
jungtürkische Opposition gegen den Sultan Abdulhamid in der
virulenten Zeit um die Jahrhundertwende. Nach der jungtürkischen
Machtübernahme haben zahlreiche
«fortschrittsorientierte», nach Europa blickende
muslimische Türken die Schweiz als ideale Bildungsstätte
für die Nachwuchselite propagiert; einige davon auf Grund
eigener Erfahrungen. Insbesondere genügten in ihre Augen Genf
und Lausanne – anders als die Grossstädte Berlin, Paris
oder London – gewissen moralischen Standards und galten daher
auch als geeignet für muslimische Töchter. Die Republik
Türkei forcierte die staatliche Förderung des
schweizerischen Bildungsaufenthaltes, namentlich im Bereich
Jurisprudenz.
[9]
Die Analyse des Bildungsplatzes Schweiz
beleuchtet die (modellhafte) Rolle und das (idealisierte) Bild der
Schweiz im osmanischen und postosmanischen Raum.
Es geht vorerst um eine konkrete
Bestandesaufnahme der osmanischen und türkischen
Studentenschaft, ihrer Vereine und Tätigkeiten in der Schweiz in
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies auf Grund der
Universitätsarchive und bereits getätigter Forschungen. Es
gilt, die Ergebnisse auf dem diplomatischen Hintergrund zu
interpretieren (kantonale Archive und Bundesarchiv; in
beschränktem Umfang türkische Archive) und in Beziehung zur
gesamten Studentenschaft und Diaspora aus Osteuropa und der Levante
zu setzen (Verknüpfung mit der entsprechenden Aufarbeitung, vgl.
2.2.1.). Geplant ist auch, den bisher wenig beachteten
osmanisch-kurdischen Bildungsaufenthalt und das kurdische Exil in der
Schweiz zu untersuchen. Dies in Kooperation mit Hamit Bozarslan,
Paris.
[10]
Des weiteren sollen mehrere biographische
Skizzen erarbeitet werden, welche die Bedeutung des Bildungs- und
Sozialisierungsortes Schweiz auf dem Hintergrund einer gesamthaften
edukativen und intellektuellen Entwicklung ausgewählter
türkischer und kurdischer Persönlichkeiten aufzeigen. Als
Quellenbasis dafür dienen vorwiegend türkischsprachige
Memoiren und Biografien in Büchern, Periodika oder Lexika,
eventuell auch Nachlässe. Das Hauptaugenmerk dieser Projektphase
liegt auf den türkischen und kurdischen Muslimen und
Musliminnen, die zu Bildungszwecken in die Schweiz kamen.
2. Auf einer anderen Quellenbasis, aber mit
prinzipiell ähnlicher methodischer Ausrichtung, geht die zweite
Projektphase die schweizerische Präsenz in der
spätosmanischen und der frührepublikanischen Republik
Türkei an (Ende 19. bis Mitte 20. Jahrhundert). Auf Grund von
Nachlässen, diplomatischen Akten und diversen Zeugnissen soll
die Rolle des Türkei-Aufenthaltes für Schweizer nicht bloss
in individueller Perspektive, sondern als politisch, kulturell und
interreligiös bedeutsamer Akt einer Schweiz in der Ambivalenz
zwischen internationalistischem Sendungsbewusstsein und
bürgerlicher, kleinstaatlicher Enge untersucht werden.
Tatsächlich wurde die spätosmanische Türkei für
viele Schweizerinnen und Schweizer nicht nur ein wirtschaftliches
Eldorado, sondern – als Welt in der Wende zu einer Neuordnung –
auch ein hochdynamischer Markt für symbolische Güter in den
Bereichen Menschenrechte, Zivilisation, Religion, Kultur und
Selbstverwirklichung. Dies gilt namentlich auch für initiative
Frauen wie die Zürcher Ärztin Josephine
(Fallscheer-)Zürcher oder die Basler Lehrerin Béatrice
Rohner.
Der Waadtländer Louis Rambert, um ein
anderes Beispiel zu nennen, war nicht nur staatlich akkreditierter
Leiter der Osmanischen Bank in Istanbul und später der
Anatolischen Eisenbahn, sondern auch perplexer Augenzeuge
antiarmenischer Pogrome und der Verfasser kritischer, aber keineswegs
pauschal antitürkischer Memoiren.
[11]
In den Minderheitenfragen, namentlich der armenischen und kurdischen
Frage, formulierte sich schweizerseits nachhaltiger Protest, vor
allem von nichtstaatlichen Organisationen.
Für diese Projektphase ist ein
Austausch mit dem Historiker lic. phil. Thomas David von der
Universität Lausanne geplant, dessen Finanzierung nicht
über das vorliegende Projekt läuft. Entsprechend seiner
wirtschaftsgeschichtlichen Spezialisierung plant er, sich nach
Fertigstellung seiner Dissertation mit den wirtschaftlichen Aspekten
der schweizerischen Präsenz in der Türkei
auseinandersetzen, das heisst Beat Witschis Arbeit
weiterzuführen und zu vertiefen (vgl. 2.2.1.). Er wird auch
Unternehmensarchive konsultieren.
Dieser Projektteil wird auch die
schweizerische Eigenart thematisieren müssen, sich in der
osmanischen Türkei durch eine Grossmacht nach Wunsch vertreten
zu lassen und sich handkehrum als Angehörige eines
«nichtimperialistischen Staates» darzustellen. Auf dem
Hintergrund dieser ebenso effizienten wie ambivalenten Strategie gilt
es, die sehr späte Aufnahme direkter diplomatischer Beziehungen
(1928) und die Mühe, eine eigenständige und kohärente
Türkei-Politik zu entwickeln – was mit der Intensität
der sonstigen schweizerisch-türkischen Beziehungen
merkwürdig kontrastiert –, zu interpretieren.
Bedeutung
Dieses Projekt geht eine offensichtliche
Forschungslücke an: die Aufarbeitung der reichhaltigen
Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Grossraum osmanischer Naher
Osten/ Türkei. Mit der Untersuchung früher islamischer
Präsenz in der Schweiz und zeitgleicher interreligiöser
schweizerischer Erfahrungen in der osmanischen und nachosmanischen
Türkei befasst sich das Projekt mit der Thematik
interkultureller Kommunikation. Deren Bedeutung reicht weit über
eng gefasste türkisch-schweizerische Beziehungen hinaus.
Die angesprochenen Beziehungen spielten sich
bis zur Gründung der Republik Türkei (1923) in erster Linie
auf nicht-direktstaatlicher Ebene ab. Dass die schweizerische
Türkei-Diplomatie auch nach Einrichtung einer Botschaft in
Ankara (1928) wenig Profil annahm, mag das bisher geringe offizielle
Interesse an historischer Aufarbeitung erklären. Trotz regen
Austausches auf nichtstaatlicher Ebene kam es in der Schweiz im
Gegensatz zu allen Ländern, die bereits mit der osmanischen
Türkei Direktkontakte gepflegt hatten, nie zu einer anhaltenden
wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Implikation der Schweiz
in moderne Türkei-Fragen.
Die vielfältigen geistigen,
kulturellen, kommerziellen und politischen Beziehungen zwischen der
Türkei und der Schweiz haben zum Teil heftige
Auseinandersetzungen auf der Ebene der ethischen und politischen
Werte und mehr als einmal diplomatische Krisen hervorgebracht. Es
gilt, die historische Ambilvalenz im Verhältnis zur Türkei
und zu «den Türken», die bis heute diffus, aber umso
wirksamer besteht, klar zu fassen. Das vorliegende Forschungsprojekt
wird nicht zu einem einheitlichen Bild der verschiedenen
Beziehungsebenen führen, sondern zu einem mit schroffen
Diskrepanzen, die klarzulegen von aktuellem Interesse sein wird.
Auch wenn sich das Projekt nicht
ausdrücklich mit der seit den 1970er Jahren stattfindenden
«neuen» Emigration aus der Türkei in unser Land
beschäftigt – der ersten breiten
direkt-nachbarschaftlichen Begegnung der Schweiz mit dem Islam –,
so trägt es dennoch dazu bei, deren lange, für das
Verständnis unentbehrliche Vorgeschichte aufzeigen. Es stellt
Fragen nach gemeinsamen Werten, Modellen und Erfahrungen, nach
Freundbildern, Fremdbildern, Feindbildern und deren Wurzeln –
Fragen, die in den letzten Jahren Aktualität gewonnen haben.
Mit der zahlenmässig bedeutsamen
Immigration aus der Türkei seit den 1970er Jahren ist das
schweizerisch-türkische Verhältnis in eine neue, intensive
Phase getreten, die mit ihren grossen Herausforderungen auch die
Chance mit sich bringt, religiös-kulturelle und historische
Knoten im wechselseitigen Verhältnis zu lösen. Die
historische Aufarbeitung, die das vorliegende Projekt
vorschlägt, kann dabei mithelfen. Es untersucht die historische
Rolle des Bildungsplatzes Schweiz für Muslime und Musliminnen.
Es arbeitet die Rolle der Türkei (inklusive Levante) als eines,
wenn nicht Eldorados, so doch bedeutungsvollen Auswanderungsraumes
und als Stätte früher interreligiöser und
interkultureller Erfahrungen für Schweizerinnen und Schweizer
heraus. Kurzum, es thematisiert einen weitgehend vergessenen
Erfahrungsschatz wie auch bisherige Defizite in einer früh
angebahnten, relevanten und aktuellen Kulturbegegnung.
[1] Ich halte
mich an die von Jan Erik Zürcher vorgeschlagene Periodisierung,
die aus ideologischen und personellen Gründen die
jungtürkische Ära sich von 1908-1950 erstrecken lässt,
mit bewusstem Einschluss der Einparteienphase der Republik
Türkei, 1923-1950 (
Turkey. A Modern History, London und
New York, 1993).
[2]
Auch wenn es sich um durchaus bedeutsame und repräsentative
Dokumente handelt, gestatten diese ihrer Spärlichkeit und des
angewandten Selektionsprinzipes wegen nicht die längerfristige
Verfolgung z. B. des Themas höherer Bildung.
[3] Ein
markantes Beispiel stellt der türkische Schriftsteller und
Diplomat Yakup Kadir Karaosmano¬lu dar, der seine beiden
mehrjährigen Aufenthalte in der Schweiz, erst als
rekonvaleszenter Student in Schweizer Sanatorien und ein
Vierteljahrhundert später, ab 1942, als türkischer
Botschafter in Bern ausführlich in
Zoraki Diplomat
schildert; Istanbul: ‹letiflim, 1984 (1967). Weiteres
herausragendes Beispiel: Mahmut Esat Bozkurt, langjähriger
Justizminister unter Mustafa Kemal Atatürk, studierte in
Lausanne und Fribourg Rechte und schloss mit einem Doktorat ab
(1920). Die Einführung des schweizerischen Zivilgesetzbuches in
der kemalistischen Türkei ging wesentlich auf ihn zurück.
Juristische Ausbildung in der Schweiz wurde deshalb ein Hauptgrund
des staatlich geförderten Bildungsaufenthaltes. Material
über ihn trägt die Dissertation von Hakkı Uyar, Dokuz
Eylül Üniversitesi, Atatürk ‹lkeleri ve ‹nkılap
Tarihi Enstitüsü, ‹zmir, zusammen. Vgl. Uyar, Hakkı,
Tek parti dönemi ve Cumhuriyet Halk Partisi, Istanbul:
Boyut Kitaplar, 1998.
[4] Das
protestantische und internationalistische Netzwerk zwischen der
Schweiz, Deutschland und dem Osmanischen Reich wird in den eben erst
zugänglich gemachten Archivbeständen des Dr.
Johannes-Lepsius-Archives in Halle bestens dokumentiert. Der
Gesuchsteller wird mit der entsprechenden Microfiche-Edition arbeiten
(vgl. Budget).
[5]
Vierhaus, Rudolf, in
Wege zu einer neuen Kulturgeschichte,
Göttingen, 1995, S. 15 f.
[6]
Medick, Hans, «Mikro-Historie», in Schulze, Winfried (Hg.),
Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie,
Göttingen, 1994, S. 45.
[7]
Pittard, Eugène, À travers l’Asie Mineure. Le
visage nouveau de la Turquie, Paris, 1931. Cf. Copeaux, Etienne,
Espace et temps de la antion turque. Analyse d’une
historiographie nationaliste 1931-1993, Paris, 1997, S. 52-54.
[8]
Grundsätzliches Interesse angemeldet haben bereits die
Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Basel und
Zürich,
TURCICA, Strasbourg und Paris,
Anatolia
Moderna, Istanbul und Paris, sowie
Revue du monde
arménien, moderne et contemporain, Paris.
[9]
1947 waren rund 470, von der Türkei offiziell vermeldete,
türkische Studenten und Studentinnen an schweizerischen
Universitäten und Hochschulen (
Documents Diplomatiques
Suisses, Bd. 16, S. 266).
[10]
Maître de Conférence an der Ecole des Hautes Etudes en
Sciences Sociales (Paris), Spezialist der kurdischen Geschichte und
der jungtürkischen Bewegung.
[11]
Von ihnen wurde ein Teil 1922 publiziert (Rambert, Louis,
Notes et
impressions de Turquie. L’empire ottoman sous Abdul-Hamid,
Genf, 1926). Der andere Teil der Memoire harrt sowohl auf
Auswertung als auch auf eine eventuelle Publikation. Eine solche ist
im Rahmen des vorliegenden Projektes nicht vorgesehen. Mein Kollege
Thomas David von der Universität Lausanne hat sie sich
vorgenommen.
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2. 8. 2001