Nationalfondsprojekt "Schweiz-Türkei: Lebenswelten und Kulturbegegnungen (Ende 19. bis Mitte Jahrhundert)"

Aus dem Projektentwurf vom September 1999

 

Das Projekt soll die Forschung in zwei klar definierten Bereichen vorantreiben, welche die Projektphasen bilden:

  1. osmanischer und jungtürkischer Aufenthalt in der Schweiz.
  2. Schweizerinnen und Schweizer im osmanischen und postosmanischen Raum.


Für das ganze Projekt kann von einer reichhaltigen Quellensituation und ergiebigen Archiven ausgegangen werden, die ihrer Gestreutheit wegen aber recht aufwendig zu bearbeiten sowie – im Falle der türkisch-republikanischen – nur partiell zugänglich sind. Das Projekt stützt sich daher ausdrücklich nicht auf die türkischen diplomatischen Archivquellen der republikanischen Zeit ab.
In beiden Projektphasen kommen Quellen folgender drei Kategorien zum Zug.


Es soll mit mikrohistorischen Ansätzen zur Lebensweltbeschreibung, mit Methoden der histoire intellectuelle und solchen der ethnisch-religiösen Analyse gearbeitet werden. Das methodische Konzept «Lebenswelt» ist der zentrale, phasenübergreifende Aspekt des Projektes. Es schliesst die ebenfalls phasenübergreifenden Fragen nach Kulturbegegnung, Kulturaustausch, nach Selbstbildern und ethnisch-religiösen Loyalitäten im sozialen und mentalen Netzwerk zwischen der Schweiz und der Türkei mit ein.
Historische Lebenswelten zu rekonstruieren heisst «vergangene soziale Wirklichkeit und ihre symbolische Deutung durch Menschen, die ihr angehörten, mit Begriffen und in der Sprache der Gegenwart zu interpretieren und darzustellen, ohne sie festen Erklärungsmustern und Bewertungshierarchien der Gegenwart zu unterwerfen».[5]
Soziale wie auch individuelle Wirklichkeit war im spätosmanischen Raum widerstrebenden Kräften ausgesetzt: Religionen, sakulärem Fortschrittsdenken (insbesondere Positivismus), Nationalismen und Klassengegensätzen, um wichtigste zu nennen. An deren Zusammenführung in einem grösseren, zukunftsgerichteten Ganzen zu glauben oder eben nicht (mehr), einen sozialdarwinistischen «Endkampf» (oder «clash of cultures») zu antizipieren oder sich an einer friedliche Kompromissregelung zu orientieren: Das waren mögliche Weichenstellungen im osmanischen «Fin de l’Empire», das sich in einigen wesentlichen Punkten mit dem europäischen Fin de siècle deckt. Mentale Weichenstellungen wurden von den Migrantenkreisen in Genf und Lausanne entscheidend mitgeprägt.
Das im vorliegenden Projekt zentrale Konzept «Lebenswelt» verbindet strukturanalytische Methoden der Sozialwissenschaft mit phänomenologischen Methoden der Kulturwissenschaften wie auch mit Politikgeschichte. Die «Wechselbeziehung kultureller, sozialer, ökonomischer und politisch-herrschaftlicher Momente als lebensgeschichtlicher Zusammenhang» soll in einem begrenzten Beobachtungsfeld beziehungsweise an ausgewählten Schauplätzen in den Blick genommen werden.[6]
Die Gesamtheit lebensweltlicher Wirklichkeitserfahrung, -gestaltung und -deutung lässt sich als Kultur bezeichnen. Im Zusammenhang der Projektthematik ist der Kulturbegriff weit gefasst und umschliesst sowohl alltagsgeschichtliche als auch zivilisatorische, ideelle und religiöse Bereiche. Kohabitation bezeichnet das Beisammensein verschiedener Kulturen in einem definierten Raum, zum Beispiel Genf, Lausanne, Istanbul, Aleppo oder Urfa. Sie kann interkulturelle Brücken zeitigen, muss aber nicht – geschweige denn, dass sie, etwa im Falle der osteuropäischen und orientalischen Diaspora in Genf, zu lokaler politischer Partizipation führte.
Wohl aber eröffnete sie mannigfache Interaktionen zwischen verschiedenen Lebenswelten und zeitigte – im Falle Genfs – eine deutliche ideelle Osmose mit Teilen der Mehrheitsgesellschaft. Manchmal führte sie zu effizienten Kooperationen (so in der «Armenierhilfe»). Kulturaustausch manifestierte sich besonders deutlich in erst vereinzelten schweizerisch-«osmanischen» Ehen, so derjenigen von Garabed Thoumajan mit der Genfer Pfarrerstochter Lucie Rossier, die mit ihrem Mann mehrere Jahre in Merzifon (Anatolien) lebte (1886-1893).
Die Wirkungskraft religiöser Wurzeln zeigte sich sowohl in der helvetischen Türkei- als auch der türkischen Schweiz-Diaspora, und zwar gerade auch dann, wenn sich die Betreffenden, so die Jungtürken, weitgehend areligiös formulierten und in ihrer Lebensorientierung auf Wissenschaft und höhere Bildung beriefen. Die nationalistische Neuorientierung transponierte – oft unerkannt – wesentliche religiöse Zuschreibungen in die «säkulare» Ideologie.
Zu den interkulturellen Erfahrungen im und mit dem Grossraum Türkei gehörten immer auch interreligiöse Erfahrungen. Dies brachte für die Schweiz, die sich stolz als plurikonfessionell und mehrsprachig verstand, etwas qualitativ Neues: die Begegnung mit dem Islam. Langjährige «Türkeischweizer» wie der bodenständige Missionsarzt Jakob Künzler begannen trotz schmerzlicher Pogromerfahrungen die islamische Religion in einem grundsätzlich positiven Licht zu sehen – eine damals revolutionäre Sicht.
Verglichen mit dem multireligiösen osmanischen Reich präsentierten sich Westeuropa und die Schweiz als monoreligiös christliche Gesellschaften mit einer kleinen jüdischen Minderheit. Neu und ebenso anregend wie problematisch war für Schweizer in der osmanischen Türkei die nicht territorial, sondern rein gemeinschaftlich organisierte Kohabitation der Sprachen und Religionen.
Während die partielle Akkulturation von Türken, Kurden und Armeniern in der Schweiz auf edukativer und zivilisatorischer Ebene offensichtlich und willentlich verlief und den staatlich-gesellschaftlichen Bereich ein-, das Religiöse aber ausschloss, geschah bei manchen Schweizerinnen und Schweizern in der Türkei eine nicht minder wirksame Übernahme von Kulturelementen in der Lebensweise. Die schweizerische Teilidentifikation mit der «neuen Heimat» war allerdings keine staatlich-institutionelle, sondern eine, die auf lokalen und regionalen Bindungen beruhte.
Die Schweizerinnen und Schweizer im spät- und postosmanischem Raum waren intensiv mit Neuorientierungen, Umbrüchen und Neuordnungsbemühungen konfrontiert, passiv wie auch aktiv. Manche suchten sich pragmatisch den Veränderungen anzupassen. Viele massen die neue nahöstliche und insbesondere türkisch-nationalistische Ordnung an den Möglichkeiten, die in ihren Augen noch vor den 1920er Jahren im Raume gestanden hatten.
Die Haltung zur Republik Türkei blieb gespalten, auch wenn sich einige Schweizer für deren Aufbau engagierten und für einen bejahenden Neuanfang im schweizerisch-türkischen Verhältnis plädierten. Sehr deutlich aber auch fragwürdig war dies beim Genfer Universitätsprofessor Eugène Pittard der Fall. Seine Schriften bildeten einen geeigneten und beliebten Fundus, aus welchem kemalistische Ideologen eine wissenschaftlich klingende Rassentheorie exzerpierten. Im publizierten Bericht einer Reise in die Türkei bemühte sich Pittard das «neue Gesicht der Türkei» in einem vorteilhaften Licht darzustellen.[7]
Das Forschungsvorhaben soll auch die vitalen Verknüpfungen von politisch-diplomatischen Entwicklungen und türkisch-schweizerischen Lebenswelten darlegen. Dabei hat es die Diskrepanzen und Wechselwirkungen zwischen türkisch-schweizerischer Identifikation (edukative, sanitarische und rechtliche Modelle), Konfrontation (Völker- und Menschenrechte) und Geschäft (Wirtschaftsbeziehungen) sichtbar und einsichtig zu machen.

Das Projekt setzt sich mit den ersten, nicht mehr bloss vereinzelten Direktbegegnungen der Schweiz und Diaspora-Schweiz mit dem Islam und nahöstlicher Kultur auseinander. Indem es die frühe islamische Präsenz in der Schweiz und die schweizerischen Erfahrungen mit Multikulturalität in der osmanischen und nachosmanischen Türkei untersucht, befasst sich das vorliegende Projekt ausgeprägt mit der Thematik interreligiöser Kommunikation. Ihre Bedeutung reicht weit über eng gefasste türkisch-schweizerische Beziehungen hinaus. Bezeichnenderweise war der Begriff «Türke» in osmanischer Zeit Synonym für «Muslim».

Als Forschungsprodukte werden zunächst Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften[8] ins Auge gefasst (vorläufige Teilergebnisse). Die Resultate der Projektphasen sollen des weiteren die Basis zu einer allgemeinen Darstellung der schweizerisch-türkischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert liefern. Diese stellt das Endprodukt des Projektes dar. Sie soll, entsprechend der verbindlichen Absprache mit Prof. Dr. Heiko Haumann, als Habilitationsarbeit an der Universität Basel eingereicht werden. Danach soll sie auf dem Buchmarkt erscheinen. (Vgl. die detaillierten Hinweise zu den Forschungsprodukten im Resümee S. 12 f.)
Mit der armenischen Frage ist – dank eines Forschungsstipendiums der Freien Akademischen Gesellschaft (Basel) – ein wichtiger Teilbereich der Thematik bereits bearbeitet und durch eine Publikation abgedeckt (Kieser 1999).



Die zwei Teilbereiche des Forschungsprojektes:

1. Im Sinne einer Mikrogeschichte, die ihre notwendige Ergänzung in einer politischen, sozialen und kulturellen Makrogeschichte findet, bietet die Analyse des Bildungsplatzes Schweiz, insbesondere Genfs, einen Schlüssel zum Verständnis entscheidender Vorgänge und Prägungen in der türkischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; dies nicht etwa bloss im Hinblick auf die jungtürkische Opposition gegen den Sultan Abdulhamid in der virulenten Zeit um die Jahrhundertwende. Nach der jungtürkischen Machtübernahme haben zahlreiche «fortschrittsorientierte», nach Europa blickende muslimische Türken die Schweiz als ideale Bildungsstätte für die Nachwuchselite propagiert; einige davon auf Grund eigener Erfahrungen. Insbesondere genügten in ihre Augen Genf und Lausanne – anders als die Grossstädte Berlin, Paris oder London – gewissen moralischen Standards und galten daher auch als geeignet für muslimische Töchter. Die Republik Türkei forcierte die staatliche Förderung des schweizerischen Bildungsaufenthaltes, namentlich im Bereich Jurisprudenz.[9]
Die Analyse des Bildungsplatzes Schweiz beleuchtet die (modellhafte) Rolle und das (idealisierte) Bild der Schweiz im osmanischen und postosmanischen Raum.
Es geht vorerst um eine konkrete Bestandesaufnahme der osmanischen und türkischen Studentenschaft, ihrer Vereine und Tätigkeiten in der Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies auf Grund der Universitätsarchive und bereits getätigter Forschungen. Es gilt, die Ergebnisse auf dem diplomatischen Hintergrund zu interpretieren (kantonale Archive und Bundesarchiv; in beschränktem Umfang türkische Archive) und in Beziehung zur gesamten Studentenschaft und Diaspora aus Osteuropa und der Levante zu setzen (Verknüpfung mit der entsprechenden Aufarbeitung, vgl. 2.2.1.). Geplant ist auch, den bisher wenig beachteten osmanisch-kurdischen Bildungsaufenthalt und das kurdische Exil in der Schweiz zu untersuchen. Dies in Kooperation mit Hamit Bozarslan, Paris.[10]
Des weiteren sollen mehrere biographische Skizzen erarbeitet werden, welche die Bedeutung des Bildungs- und Sozialisierungsortes Schweiz auf dem Hintergrund einer gesamthaften edukativen und intellektuellen Entwicklung ausgewählter türkischer und kurdischer Persönlichkeiten aufzeigen. Als Quellenbasis dafür dienen vorwiegend türkischsprachige Memoiren und Biografien in Büchern, Periodika oder Lexika, eventuell auch Nachlässe. Das Hauptaugenmerk dieser Projektphase liegt auf den türkischen und kurdischen Muslimen und Musliminnen, die zu Bildungszwecken in die Schweiz kamen.

2. Auf einer anderen Quellenbasis, aber mit prinzipiell ähnlicher methodischer Ausrichtung, geht die zweite Projektphase die schweizerische Präsenz in der spätosmanischen und der frührepublikanischen Republik Türkei an (Ende 19. bis Mitte 20. Jahrhundert). Auf Grund von Nachlässen, diplomatischen Akten und diversen Zeugnissen soll die Rolle des Türkei-Aufenthaltes für Schweizer nicht bloss in individueller Perspektive, sondern als politisch, kulturell und interreligiös bedeutsamer Akt einer Schweiz in der Ambivalenz zwischen internationalistischem Sendungsbewusstsein und bürgerlicher, kleinstaatlicher Enge untersucht werden. Tatsächlich wurde die spätosmanische Türkei für viele Schweizerinnen und Schweizer nicht nur ein wirtschaftliches Eldorado, sondern – als Welt in der Wende zu einer Neuordnung – auch ein hochdynamischer Markt für symbolische Güter in den Bereichen Menschenrechte, Zivilisation, Religion, Kultur und Selbstverwirklichung. Dies gilt namentlich auch für initiative Frauen wie die Zürcher Ärztin Josephine (Fallscheer-)Zürcher oder die Basler Lehrerin Béatrice Rohner.
Der Waadtländer Louis Rambert, um ein anderes Beispiel zu nennen, war nicht nur staatlich akkreditierter Leiter der Osmanischen Bank in Istanbul und später der Anatolischen Eisenbahn, sondern auch perplexer Augenzeuge antiarmenischer Pogrome und der Verfasser kritischer, aber keineswegs pauschal antitürkischer Memoiren.[11] In den Minderheitenfragen, namentlich der armenischen und kurdischen Frage, formulierte sich schweizerseits nachhaltiger Protest, vor allem von nichtstaatlichen Organisationen.
Für diese Projektphase ist ein Austausch mit dem Historiker lic. phil. Thomas David von der Universität Lausanne geplant, dessen Finanzierung nicht über das vorliegende Projekt läuft. Entsprechend seiner wirtschaftsgeschichtlichen Spezialisierung plant er, sich nach Fertigstellung seiner Dissertation mit den wirtschaftlichen Aspekten der schweizerischen Präsenz in der Türkei auseinandersetzen, das heisst Beat Witschis Arbeit weiterzuführen und zu vertiefen (vgl. 2.2.1.). Er wird auch Unternehmensarchive konsultieren.
Dieser Projektteil wird auch die schweizerische Eigenart thematisieren müssen, sich in der osmanischen Türkei durch eine Grossmacht nach Wunsch vertreten zu lassen und sich handkehrum als Angehörige eines «nichtimperialistischen Staates» darzustellen. Auf dem Hintergrund dieser ebenso effizienten wie ambivalenten Strategie gilt es, die sehr späte Aufnahme direkter diplomatischer Beziehungen (1928) und die Mühe, eine eigenständige und kohärente Türkei-Politik zu entwickeln – was mit der Intensität der sonstigen schweizerisch-türkischen Beziehungen merkwürdig kontrastiert –, zu interpretieren.

Bedeutung

Dieses Projekt geht eine offensichtliche Forschungslücke an: die Aufarbeitung der reichhaltigen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Grossraum osmanischer Naher Osten/ Türkei. Mit der Untersuchung früher islamischer Präsenz in der Schweiz und zeitgleicher interreligiöser schweizerischer Erfahrungen in der osmanischen und nachosmanischen Türkei befasst sich das Projekt mit der Thematik interkultureller Kommunikation. Deren Bedeutung reicht weit über eng gefasste türkisch-schweizerische Beziehungen hinaus.
Die angesprochenen Beziehungen spielten sich bis zur Gründung der Republik Türkei (1923) in erster Linie auf nicht-direktstaatlicher Ebene ab. Dass die schweizerische Türkei-Diplomatie auch nach Einrichtung einer Botschaft in Ankara (1928) wenig Profil annahm, mag das bisher geringe offizielle Interesse an historischer Aufarbeitung erklären. Trotz regen Austausches auf nichtstaatlicher Ebene kam es in der Schweiz im Gegensatz zu allen Ländern, die bereits mit der osmanischen Türkei Direktkontakte gepflegt hatten, nie zu einer anhaltenden wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Implikation der Schweiz in moderne Türkei-Fragen.
Die vielfältigen geistigen, kulturellen, kommerziellen und politischen Beziehungen zwischen der Türkei und der Schweiz haben zum Teil heftige Auseinandersetzungen auf der Ebene der ethischen und politischen Werte und mehr als einmal diplomatische Krisen hervorgebracht. Es gilt, die historische Ambilvalenz im Verhältnis zur Türkei und zu «den Türken», die bis heute diffus, aber umso wirksamer besteht, klar zu fassen. Das vorliegende Forschungsprojekt wird nicht zu einem einheitlichen Bild der verschiedenen Beziehungsebenen führen, sondern zu einem mit schroffen Diskrepanzen, die klarzulegen von aktuellem Interesse sein wird.
Auch wenn sich das Projekt nicht ausdrücklich mit der seit den 1970er Jahren stattfindenden «neuen» Emigration aus der Türkei in unser Land beschäftigt – der ersten breiten direkt-nachbarschaftlichen Begegnung der Schweiz mit dem Islam –, so trägt es dennoch dazu bei, deren lange, für das Verständnis unentbehrliche Vorgeschichte aufzeigen. Es stellt Fragen nach gemeinsamen Werten, Modellen und Erfahrungen, nach Freundbildern, Fremdbildern, Feindbildern und deren Wurzeln – Fragen, die in den letzten Jahren Aktualität gewonnen haben.
Mit der zahlenmässig bedeutsamen Immigration aus der Türkei seit den 1970er Jahren ist das schweizerisch-türkische Verhältnis in eine neue, intensive Phase getreten, die mit ihren grossen Herausforderungen auch die Chance mit sich bringt, religiös-kulturelle und historische Knoten im wechselseitigen Verhältnis zu lösen. Die historische Aufarbeitung, die das vorliegende Projekt vorschlägt, kann dabei mithelfen. Es untersucht die historische Rolle des Bildungsplatzes Schweiz für Muslime und Musliminnen. Es arbeitet die Rolle der Türkei (inklusive Levante) als eines, wenn nicht Eldorados, so doch bedeutungsvollen Auswanderungsraumes und als Stätte früher interreligiöser und interkultureller Erfahrungen für Schweizerinnen und Schweizer heraus. Kurzum, es thematisiert einen weitgehend vergessenen Erfahrungsschatz wie auch bisherige Defizite in einer früh angebahnten, relevanten und aktuellen Kulturbegegnung.


[1] Ich halte mich an die von Jan Erik Zürcher vorgeschlagene Periodisierung, die aus ideologischen und personellen Gründen die jungtürkische Ära sich von 1908-1950 erstrecken lässt, mit bewusstem Einschluss der Einparteienphase der Republik Türkei, 1923-1950 (Turkey. A Modern History, London und New York, 1993).
[2] Auch wenn es sich um durchaus bedeutsame und repräsentative Dokumente handelt, gestatten diese ihrer Spärlichkeit und des angewandten Selektionsprinzipes wegen nicht die längerfristige Verfolgung z. B. des Themas höherer Bildung.
[3] Ein markantes Beispiel stellt der türkische Schriftsteller und Diplomat Yakup Kadir Karaosmano¬lu dar, der seine beiden mehrjährigen Aufenthalte in der Schweiz, erst als rekonvaleszenter Student in Schweizer Sanatorien und ein Vierteljahrhundert später, ab 1942, als türkischer Botschafter in Bern ausführlich in Zoraki Diplomat schildert; Istanbul: ‹letiflim, 1984 (1967). Weiteres herausragendes Beispiel: Mahmut Esat Bozkurt, langjähriger Justizminister unter Mustafa Kemal Atatürk, studierte in Lausanne und Fribourg Rechte und schloss mit einem Doktorat ab (1920). Die Einführung des schweizerischen Zivilgesetzbuches in der kemalistischen Türkei ging wesentlich auf ihn zurück. Juristische Ausbildung in der Schweiz wurde deshalb ein Hauptgrund des staatlich geförderten Bildungsaufenthaltes. Material über ihn trägt die Dissertation von Hakkı Uyar, Dokuz Eylül Üniversitesi, Atatürk ‹lkeleri ve ‹nkılap Tarihi Enstitüsü, ‹zmir, zusammen. Vgl. Uyar, Hakkı, Tek parti dönemi ve Cumhuriyet Halk Partisi, Istanbul: Boyut Kitaplar, 1998.
[4] Das protestantische und internationalistische Netzwerk zwischen der Schweiz, Deutschland und dem Osmanischen Reich wird in den eben erst zugänglich gemachten Archivbeständen des Dr. Johannes-Lepsius-Archives in Halle bestens dokumentiert. Der Gesuchsteller wird mit der entsprechenden Microfiche-Edition arbeiten (vgl. Budget).
[5] Vierhaus, Rudolf, in Wege zu einer neuen Kulturgeschichte, Göttingen, 1995, S. 15 f.
[6] Medick, Hans, «Mikro-Historie», in Schulze, Winfried (Hg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, Göttingen, 1994, S. 45.
[7] Pittard, Eugène, À travers l’Asie Mineure. Le visage nouveau de la Turquie, Paris, 1931. Cf. Copeaux, Etienne, Espace et temps de la antion turque. Analyse d’une historiographie nationaliste 1931-1993, Paris, 1997, S. 52-54.
[8] Grundsätzliches Interesse angemeldet haben bereits die Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Basel und Zürich, TURCICA, Strasbourg und Paris, Anatolia Moderna, Istanbul und Paris, sowie Revue du monde arménien, moderne et contemporain, Paris.
[9] 1947 waren rund 470, von der Türkei offiziell vermeldete, türkische Studenten und Studentinnen an schweizerischen Universitäten und Hochschulen (Documents Diplomatiques Suisses, Bd. 16, S. 266).
[10] Maître de Conférence an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris), Spezialist der kurdischen Geschichte und der jungtürkischen Bewegung.
[11] Von ihnen wurde ein Teil 1922 publiziert (Rambert, Louis, Notes et impressions de Turquie. L’empire ottoman sous Abdul-Hamid, Genf, 1926). Der andere Teil der Memoire harrt sowohl auf Auswertung als auch auf eine eventuelle Publikation. Eine solche ist im Rahmen des vorliegenden Projektes nicht vorgesehen. Mein Kollege Thomas David von der Universität Lausanne hat sie sich vorgenommen.

 

© 1998-2001 webmaster@hist.net
2. 8. 2001