Die Aleviten im Wandel der modernen
Geschichte
Hans-Lukas Kieser
Vortrag gehalten am 6. September 2001 anlässlich des
achten wissenschaftlichen Kongresses der Deutschen
Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene
Forschung und Dokumentation (DAVO).
Eine umfangreiches Paper mit ausführlichen Referenzen wird
in den Kongressakten veröffentlicht werden.
Nach einer historiographischen Vorbemerkung werde ich mich einem
Längsschnitt durch die moderne, vor allem ostalevitische
Geschichte widmen. Ich gehe von der Unterscheidung zwischen West- und
Ostalevitum aus, die zwar zentrale alevitische Elemente teilen, aber
seit dem 16. Jahrhundert organisatorisch getrennt sind. Zum Schluss
werde ich einige Gedanken zur Neubelebung des Alevitums äussern.
Die Darstellungen im Handout (siehe Anhang) dienen einer knappen
begrifflichen und zeitlichen Orientierung, für die im Vortrag
die Zeit fehlt.
Seit seiner Entdeckung für ein
internationales Publikum durch amerikanische Missionare in der Mitte
des 19. Jahrhunderts, stand die Interpretation des Alevitums im
Spannungsfeld von Ideologien. Deren prägendste ist der
türkische Nationalismus mit seiner frühen These vom
Alevitum als echtem Türkentum mit schahmanistischer
Grundsubstanz. Diese entsprach dem nationalistischen Bedürfnis
nach ethnischem prähistorischem Ursprung. Nach Ende des
kemalistischen Einparteienregimes wurde diese These dahingehend
revidiert, dass nicht mehr die heidnische Komponente, sondern die
vorosmanisch-islamische Komponente qua unverfälschter Islam
herausgestrichen wurde, was die türkisch-islamische Synthese
förderte, die zunehmend politische Bedeutung gewann. Vor knapp
zehn Jahren wurde eine kurdisch-nationalistische These konstruiert.
Nicht unwichtig, wenn auch von weit geringer gesellschaftlicher
Ausstrahlung, war die Interpretationstendenz der westlichen Entdecker
und frühen Forscher, welche sich schon ein halbes Jahrhundert
vor den Jungtürken mit dem Alevitum zu beschäftigen
begannen. Vor einem abendländisch-humanistischen Hintergrund
tendierten sie dazu, das Alevitum aus ihnen vertrauten Erscheinungen
her zu deuten. Mehrere damalige Arbeiten betonten indes schon den
volksreligiösen Charakter des Alevitums mit seinen
vielfältigen Wurzeln und legten damit den Grund für jene
wertvollen Forschungen, z. B. diejenigen von Yaschar Ocak, die sich
in den letzten zehn, zwanzig Jahren wieder aus dem Bannkreis der
reichlich diffusen Schahmanismus-These lösten,.
Längsschnitt durch die moderne ostalevitische
Geschichte
I. Begegnung mit der Moderne (2. Hälfte des 19. Jhs.)
Soweit wir dies aus den spärlichen Quellen
schliessen können, erhofften sich die Aleviten von den Tanzimat,
den modernisierenden osmanischen Reformen im zweiten Drittel des 19.
Jahrhunderts, eine Verbesserung ihres Status. Allerdings hegten sie
wenig Vertrauen in die liberal klingenden Proklamationen der
Tanzimatregierung. In der Tat wurde die Religionsfreiheit in den
Provinzen nicht verwirklicht. Die Aleviten verspürten dagegen
den verstärkten Zugriff des Zentralstaates, die Steuern und die
allgemeine Wehrpflicht in ihren Regionen. Nur im Dersim (heutige
Provinz Tunceli) bekämpften sie ihn erfolgreich.
Nach der Enttäuschung durch die
Tanzimat kam es von den 1860er Jahren an in den Ostprovinzen zu einer
Protestantismuswelle. Teils ausgelöst durch Besuche
amerikanischer Missionare, meist jedoch nur als Folge einer über
armenische Nachbarn vermittelten Protestantismusrezeption
erklärten sich zahlreiche ostalevitische Dörfer und
Stämme zu Anhängern des Protestantismus. In einer
eigenwilligen Interpretation betrachteten sie diesen als Synonym mit
Fortschritt und moderner Lebensweise wie auch mit zeitgemässer,
ihrem Alevitum nahestehender Herzensreligion. Nicht zuletzt erhofften
sie sich jenen diplomatischen Schutz Englands, den die 1850
etablierte kleine osmanisch-protestantische Religionsgemeinschaft,
die vor allem aus Armeniern bestand, genoss. Viele Aleviten
solidarisierten sich mit diesen Armeniern, welche die nationale
gregorianische (armenisch-apostolische) Kirche in jenen Jahrzehnten
mit dem Bann belegte. Der osmanische Staat indes beurteilte die
protestantische Strömung unter den Aleviten als eine
gefährliche Vereinnahmung nominal muslimischer Untertanen.
Die Begegnung mit der Moderne in Form von
selbstbewussten westlichen Sendboten, von Missionsschulen und
-spitälern, der armenischen Bildungsrenaissance sowie
Einrichtungen der Tanzimat und des hamidischen Staates in den
Ostprovinzen führte bei den Aleviten zu einer ersten
grundlegenden Vetrauenskrise in das System der Dedes und Seyite.
Diese bezogen ihre Macht aus der religösen Lehre und ihrer
behaupteten Abstammung, waren aber in vielen Fällen völlig
ungebildet und überfordert, ihrer Gemeinde brauchbare
zeitgenössische Orientierung zu geben. Aus dieser ersten
prinzipiellen Verunsicherung durch die Moderne heraus muss auch das
Verhältnis zu Sultan Abdulhamid und dessen Ostprovinzenpolitik
muslimischer Einheit gedeutet werden.
Dieser auf die Tanzimat folgende Sultan
(Amtszeit 1876-1909) betrieb eine aktive antiprotestantische und
antiarmenische Sunnitisierungspolitik. Obwohl ihm die Aleviten
reserviert gegenüberstanden, zumal er für seine Politik
sein Kalifat herausstrich, gehörten auch sie teilweise zu den
Profiteuren der hamidischen Politik. Während der grossen
antiarmenischen Pogrome 1895 machten die kurdischen Aleviten bei den
Plünderungen - nicht bei den Massenmorden - mit und eigneten
sich vermutlich auch, wie dies sunnitische Kurden damals systematisch
taten, armenischen Grundbesitz an. Viele Ostaleviten litten unter den
von Abdulhamid gegründeten sunnitischen Stammesmilizen. Einige
Dersimstämme versuchten aber auch, wiewohl erfolglos, zu
privilegierten Hamidiye - wie diese Milizen hiessen - erhoben
zu werden.
II. Ära der Jungtürken (1. Hälfte des 20.
Jahrhunderts)
Das erste alevitische Heraustreten an die
Öffentlichkeit seit dem 16. Jahrhundert, nämlich dasjenige
nach der jungtürkischen Revolution 1908, geriet im Ersten
Weltkrieg in den Strudel einer türkistischen Staatspolitik, die
das Alevitum als Alttürkentum ideologisch vereinnahmte, und
einer sich formulierenden kurdischen Gegenideologie. Der seit dem 16.
Jahrhundert bestehende Graben zwischen der Hacibektasch-Organisation,
die in jenen Jahren mit den Ittihadisten und den Kemalisten
kooperierte, und den Ostaleviten vertiefte sich damit. Erst die
Abschaffung des Kalifates brachte 1924 auch zahlreiche Ostaleviten
auf die Seite Mustafa Kemals, so dass sie das Verbot der Tekkes 1926
widerstandslos duldeten. Allerdings schlug die blutige Niederwerfung
der kurdischen Freiheitsbewegung vom Koçgiri-Dersim 1921 und
vor allem der an einen Völkermord grenzende Dersimfeldzug von
1938 bis heute unverheilte Wunden zwischen Republik und Alevitum.
Als 1908 die osmanische Verfassung
ausgerufen wurde, gehörten die Aleviten zu den begeistertsten
Anhängern einer neuen Ära, die Gleichberechtigung und die
öffentliche Artikulation alevitischer Identität zu
versprechen schien. In der Nacheiferung christlicher Nachbarn, deren
Bildungsrenaissance in den anatolischen Provinzen damals schon mehr
als ein halbes Jahrhundert alt war, planten sie Dorfschulen zu
errichten.
Die zentralistische und
türkistisch-islamische Politik der 1913 errichteten
Einparteiendiktatur verschreckte indes viele Aleviten. Nach Aussage
von Hasan Reschid Tankut, 1913/14 Beamter in Sivas,
unterstützten die Aleviten jener Region den unter
internationaler Aufsicht stehenden Reformplan für die
Ostprovinzen von anfangs 1914 und standen damit Seite an Seite mit
den christlichen Bewohnern. Diese wie jene begrüssten zu ihrem
Schutz eine internationale Präsenz vor Ort. Im Gegensatz dazu
identifizierte sich ein Teil der Bektaschis mit den Ittihadisten, die
ihnen als den angeblichen Bewahrern alttürkischer Tradition
einen privilegierten Platz auf der nationalistischen Wertskala
zuwiesen.
Einen markanten Einschnitt in das
Verhältnis von Ostaleviten, Bektaschiye und Staat bedeutete der
Erste Weltkrieg. Während die zentrale Bektaschi-Organisation mit
ihrem für die Dorfaleviten zuständigen Oberhaupt
(Çelebi) Cemaleddin Effendi offen mit dem Kriegsregime
kollaborierte und für Enver Pascha die Kriegstrommel schlug,
widersetzten sich die meisten Ostaleviten unter Anleitung der
Dersim-Seyite jeglicher Zusammenarbeit. 1915/16 zeigten zahlreiche
kurdische Alevitenstämme in ihrem Wirkungsgebiet aktiven
Widerstand gegen die Eliminierung “ihrer” Armenier, indem
sie Schlepperdienste organisierten oder, in Einzelfällen,
armenische Bekannte mit Waffengewalt aus den Deportationskolonnen
befreiten.
Die Ostaleviten teilten mit den Armeniern
die Distanz zum Staat und zu den sunnitischen Lokalherren, aber auch
Feste und lokale Wallfahrtsorte. Nicht selten wählten
alevitische Familien einen armenischen Freund als kirve, das
heisst als Pate bei der Beschneidung ihres Sohnes. Ich kenne einen
Mann aus Tunceli, dessen Grossvater einen armenischen Priester zum
kirve hatte. Es gab auch gemischte Heiraten, meist jedoch von
Armenierinnen, die dann im Alevitum aufgingen. Wir wissen bis jetzt
quantitativ wenig über die umfangreichen Konversionen von
ostanatolischen Armeniern, die sich zu Aleviten erklärten, um
den Verfolgungen in der hamidischen Ära zu entgehen. Zahlreiche
solche Konversionen gab es auch während und nach dem Ersten
Weltkrieg. Die alevitische Endogamie-Regel, die sich im 16.
Jahrhundert herausgebildet hatte, kannte viele Ausnahmen, zumindest
für Christen.
Mit Betroffenheit erzählen bis heute
alte Aleviten von der “Verschickung” der Armenier 1915/16
und von der Angst, die ihre Eltern hatten, dasselbe Schicksal zu
erleiden. Sie betonen oft, dass ihre Vorfahren nicht an den Massakern
beteiligt gewesen seien, dass im Gegenteil Armenier bei ihnen
Zuflucht gefunden hätten. Allerdings wurde in den folgenden
Jahrzehnten die armenische Identität dieser Geretteten - meist
handelte es sich um Frauen und Kinder, selten auch um Männer
oder ganze Familien - zu einem Tabuthema. Grund dafür war die
Angst vor dem latenten Antiarmenismus in der modernen Türkei,
aber auch, dass man selbst nicht an die unverarbeitete Vergangenheit
erinnert werden wollte.
Trotz der kohabitativen Nähe,
gemeinsamer Traditionen und nicht selten Verbrüderung zwischen
Aleviten und Armeniern hatten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in
einigen Regionen grundlegende Interessekonflikte ergeben, z. B. in
der Gegend rund um den Dersim, wohin seit dem 19. Jahrhundert ein
beträchtlicher alevitischer Migrationsdruck bestand. In den
Dörfern im Raum zwischen Erzincan und Tercan wurde dieser Druck
vor dem Weltkrieg noch weitgehend mit friedlichen Mitteln
bewältigt. Es entstanden alevitische Siedlungen in der
Nachbarschaft zu den armenischen, wobei letztere über bessere
Äcker und Weiden, eine bessere Infrastruktur und besseres
Knowhow in Landwirtschaft, Handwerk und Handel verfügten.
Die Deportationen vom Sommer 1915 gaben den
neuen Nachbarn jedoch die Gelegenheit, vorteilhaftere Plätze
einzunehmen. Die Rückkehr der Armenier mit den Russen 1916
geschah daher bereits in einem Klima armenisch-alevitischer Spannung,
auch wenn die meisten Aleviten der Region die russische Präsenz
begrüssten, da sie Sicherheit und eine ökonomische
Verbesserung brachte. Als sich die russische Armee 1917
zurückzog, kam es jedoch zu blutigen Auseinandersetzungen auch
zwischen Aleviten und armenischen Milizen. Für jene
ostalevitischen Neusiedler, die sich armenischen Grundbesitz
angeeignet hatten, war die kemalistische Bewegung, die bekanntlich
aus den Vereinen zur Verteidigung muslimischer Interessen -
namentlich von Eigentumsansprüchen in der Region
Erzincan-Erzurum-Kars - hervorgegangen war, der beste Garant für
die Gewährleistung des Status quo.
Ende 1919 ergab sich eine absurde Situation:
Mustafa Kemal pilgerte nach Hacibektasch zu Ahmed Cemaleddin Efendi,
um sich seiner Unterstützung zu versichern, während sich
der alevitisch-kurdische Führer Alischer auf den Sultan-Kalifen
berief, um die Illegitimität der kemalistischen Bewegung und
ihrer Rekrutierungsbemühungen unter den Aleviten sowie die
Berechtigung der eigenen Autonomieforderung zu unterstreichen. Die
Ostaleviten waren damals insgesamt tief verunsichert. Diejenigen in
Koçgiri und im Westdersim liessen sich vom Kreis um Alischer
zum Kampf für die eigene Autonomie mobilisieren, die anderen
standen dieser Aufstandsbewegung ängstlich neutral
gegenüber.
Die mehrschichtige Isolierung des
jahrhundertealten alevitischen Zentrums Dersim zeichnete sich Ende
1919 deutlich ab. Sie nahm in der alevitischen Welt zu, als sich 1924
nach Abschaffung des Kalifats zahlreiche Ostaleviten mit mehr
Hoffnung dem neuen Staat zuwandten. Sie wurde durch die Tatsache
verstärkt, dass dieses Herz des Alevitums in den Augen der
türkisch-sunnitischen Machtelite das doppelte Stigma, alevitisch
und kurdisch zu sein, trug. Nachdem die junge Republik bis
1930 mit dem sunnitisch-kurdischen Widerstand aufgeräumt hatte,
widmete sie sich der vollständigen Unterwerfung des Dersims. Die
Zivilisierungsrhetorik cachierte nicht nur für Journalisten in
der Hauptstadt, sondern auch für zahlreiche Aleviten ausserhalb
des Dersims die tatsächlichen, im Sommer 1938 zu einem
Vernichtungsfeldzug ausartenden Militäraktionen. Zahlreiche
Menschen auch ausserhalb der Aufstandszone, selbst
Familienoberhäupter in einigen Dörfern umliegender
Provinzen, wurden einzig auf Grund ihrer Blutbande mit
Dersimstämmen ermordet.
Für die Dersimi und mehrere umliegende
mitbetroffene alevitische Dörfer blieb der Feldzug von 1938 eine
unverheilte Wunde; für alle Aleviten, die sich der
geschichtlichen Bedeutung Dersims für das Alevitum bewusst sind,
hinterliess er einen üblen Nachgeschmack. Eine überzeugende
Neuformulierung des Alevismus wird nicht um die vollständige
Aufarbeitung dieser Vergangenheit, die ein zentrales Stück
alevitischer und republikanischer Geschichte bildet, herumkommen.
III. Migration in die Städte (2. Hälfte des 20.
Jahrhunderts)
Diese Epoche moderner ostalevitischer Geschichte
handelt vom Ende der traditionellen, heimlich auch unter dem
kemalistischen Einparteinregime weiter betriebenen ländlichen
Alevi-Organisation. Ihr Ende fällt mit der Migration und der
Protestgeneration der 1960er und 70er Jahre zusammen. Schliesslich
gehört zu dieser Epoche das öffentliche Hervortreten des
Alevitums unter modernen Vorzeichen im städtischen Milieu der
1990er Jahre, zeitgleich mit der kurdischen Selbstartikulation.
Bis in die 1960er Jahre war die grosse
Mehrheit der ostalevitischen Dorfbewohnerinnen und -bewohner
Analphabeten. Sobald eine Dorfschule bestand, schickten die meisten
Familien die Kinder mit Überzeugung zur Schule und nahmen oft
Entbehrungen auf sich, um ihnen auch einen Mittel- und
Hochschulabschluss zu ermöglichen.
Erst in den 1950er unter der Regierung von
Adnan Menderes und vor allem nach der Einsetzung der relativ
liberalen Verfassung von 1961 begannen die Ostaleviten in
grösserer Zahl aus den Dörfern in die Provinzstädte zu
ziehen, die bis dann nur von den Sunniten und bewohnt waren (vor 1915
auch von den Angehörigen der christlichen Millet). Dabei
verheimlichten die Neuzuzüger vor der sunnitischen Mehrheit ihre
alevitische Identität. In der Schule und am Arbeitsplatz blieb
sie bis in die 1980er Jahre hinein ein Tabuthema. Die Binnenmigration
geschah vor allem aus wirtschaftlichen Gründen und aus dem
Wunsch, den Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Ihr
Hintergrund indessen war der unerreichte gesellschaftliche Friede und
die Absenz nachhaltiger Entwicklung im Herkunftsgebiet der
Migranten.
Ostaleviten gehörten auch zu den ersten
Anwärtern der 1961 einsetzenden organisierten Arbeitsmigration
nach Deutschland. Weit geringer war die entsprechende Migration aus
sunnitischen Siedlungen aus der Nachbarschaft der von mir
untersuchten alevitischen Dörfer. Dies einerseits wegen der
geeigneteren Lage in der fruchtbaren Talsohle (und nicht an den
Berghängen), andererseits wegen der traditionellen Nähe zum
Staat, der diese Dörfer begünstigte.
In Malatya liessen sich die ersten
Stadtaleviten nach der Jahrhundertmitte im armenischen Quartier
nieder, das damals noch eine schmale armenische Bevölkerung
zählte. Dies erklärt sich aus der traditionellen Nähe
zu den einheimischen Christen sowie aus dem Umstand, dass in jenem
Quartier Raum für Zuzüger bestand. Vermutlich trifft dieser
Vorgang auch für andere Städte zu. In die Stadt Erzincan,
die bis zum Ersten Weltkrieg zur Hälfte von Armeniern bewohnt
war,
[1] begann der Zuzug
kurdischer Aleviten bezeichnenderweise, aber auch ausnahmsweise
bereits anfangs des 20. Jahrhunderts.
[2]
Die Erfahrungen der alevitischen Neusiedler
in den Provinzstädten spielten neben der Erfahrung
dörflicher Unterentwicklung und staatlicher Repression für
die Politisierung der alevitischen Jugend in den 1960er und 70er
Jahren eine wichtige Rolle. 1968 zum Beispiel gab es in der Stadt
Elbistan Ausschreitungen gegen die alevitischen Neuzuzüger und
deren neu eröffneten Läden. In Malatya und Erzincan waren
die im Widerstand geübten kurdischen Aleviten anfangs der 1970er
Jahre federführend in der lokalen Organisation der alevitischen
Schüler und Studierenden in ihren Auseinandersetzungen mit
rechtsgerichteten Jugendlichen und Behörden. Kurdisch- und
türkischsprachige Aleviten solidarisierten sich gegenüber
diesen Sunniten. Verbal überdeckte die linke Ideologie der
revolutionären Organisationen, in welche viele Jugendliche in
der zweiten Hälfte der 1970er Jahre eintraten, den
konfessionellen Gegensatz.
Die alevitische Protestgeneration lehnte
sich auf gegen die Unterentwicklung ihrer Regionen und den
soziologischen Befund, nicht gleichberechtigt in die Gesellschaft
integriert zu sein. Sie verknüpfte ihre Opposition gegen den
Staat mit einer Absage an die alevitische Tradition ihrer Eltern,
denen sie eine religiös begründete passive Duldung der
sozialen Missstände vorwarf. Sie brach mit den Dedes, den
Trägern der traditionellen dorfübergreifenden
Alevi-Organisation, indem sie diese im Revolutionsjargon pauschal als
Ignoranten und Ausbeuter apostrophierte. Ganz brach sie allerdings
nicht mit dem alevitischen Erbe, sondern sie säkularisierte es:
Sie interpretierte es als eine soziale Protestbewegung gegen
ungerechte Machthaber.
Die politisierten Jugendlichen waren auf
Grund ihrer Zugehörigkeit zu revolutionären Organisationen
nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 massiver
staatlicher Repression ausgesetzt und mussten, soweit ihnen dies
möglich war, ins Ausland fliehen. Die Auseinandersetzung des
Staates mit der PKK führte von der zweiten Hälfte der
1980er Jahre an zu einer Fluchtwelle von Familien aus kurdischen und
ostalevitischen Regionen, die zwischen die Fronten geraten waren. Die
strategisch begründete systematische Entleerung und teilweise
Zerstörung durch die Armee von mehreren tausend Dörfern,
davon überproportional viele im alevitischen Tunceli
(Dersim),
[3] verstärkte die
Fluchtbewegung aus den Ostprovinzen der Türkei in die Metropolen
im Süden (Diyarbakir, Adana) und Westen (Istanbul, Izmir) oder
nach Europa.
Das türkeigeschichtlich herausragende
Phänomen der alevitischen Renaissance fiel nicht von
ungefähr zeitlich zusammen mit der öffentlichen kurdischen
Artikulation in der Türkei seit Ende der 1980er Jahre.
Zweifellos ermutigte der Kampf der Kurden um kollektive Anerkennung
die Aleviten zu einem identitären coming out. Im Zeichen
medialer Liberalisierung behinderte der Staat diesen Prozess wenig,
ja unterstützte ihn bisweilen gezielt, um die Aleviten vom Lager
der militanten Kurden fernzuhalten. Zum historischen Kontext der
alevitischen Renaissance gehören aber noch weitere Faktoren. Zu
nennen sind die Erfahrung einer “verlorenen Generation”
von Aleviten, nämlich jener 68er Protestjungend, deren
sozialrevolutionärer Kampf gescheitert war. In einem Kontext,
den global das Ende des Kalten Krieges und regional der blutige
Guerillakampf prägten, trug dies zu einer Suche nach
Identität jenseits politischer Ideologien bei und zum
Rückgriff auf ein Alevitum, das die Protestgeneration zu
pauschal abgewertet hatte. Als Katalysator für diesen Prozess
wirkte sich der am 2. Juli 1993 in Sivas von einem islamistischen
Pöbel verübte Massenmord an alevitischen Künstlern
aus.
Für eine geschichtsbewusste und kreative Neubelebung
Es ist an den Alevitinnen und Aleviten bei ihrer
identitären Neuartikulation kreativ umzugehen mit ihrer an
Brauchtum und Liedgut reichen Vergangenheit. Als aussenstehender
Historiker halte ich es indes für wichtig, nicht einem
vermeintlichen Aufholbedarf gegenüber den etablierten und
verschriftlichten Religionen zu erliegen. Den alevitischen Glauben
auszuformulieren, ist ein nach innen und aussen legitimes Anliegen
mit Relevanz für Erziehung, Schule und Zivilgesellschaft in
Europa und der Türkei. Aber darüber hinaus besteht bei
diesem renouveau gerade die Chance, über das
Geldendmachen konfessioneller Rechte und die Teilhabe an
öffentlichen Geldern hinaus alte Ressourcen für den
interreligiösen Dialog zu mobilisieren. Es ist methodischer
Zweifel angebracht, wenn es darum geht, das Alevitum aus den
Bektaschi-Legenden des 16. Jahrhunderts heraus zu rekonstruieren. Der
Gründungskontext des anatolischen Alevitums ist das
hochmittelalterliche Kleinasien. Das ursprüngliche Alevitum hat
die Früchte einer sowohl pragmatischen als auch spirituellen
Begegnungskultur verinnerlicht, als in Kleinasien weder eine
christliche noch eine islamische Orthodoxie dominierte.
Religiöse Versöhnung blieb zwar auf die spirituelle Ebene
oder lokale Mikrokosmen relegiert. Makrohistorisch war sie angesichts
von Kreuzzügen, Dschihad und religiöser
Machtbegründung eine Utopie. Aber viel von jener utopischen
Kraft ist im Alevitum erhalten geblieben und hat heute Zukunft.
Insbesondere gilt es dabei, das Ostalevitum gebührend zu
berücksichtigen, welches im Gegensatz zum Westalevitum vom
Arrangement der Bektaschiye mit der sunnitischen Staatsmacht im 16.
Jahrhundert nicht betroffen war.
Meines Erachtens hat ein aufgewecktes
Alevitum als Faktor von Zivilgesellschaft ein bedeutendes Wort
mitzureden bei den Herausforderungen, welche die Gegenwart in Europa
und der Türkei stellt. Zu nennen sind der interreligiöse
Dialog, die geschichtliche Aufarbeitung und interethnische
Versöhnung, die Mobilisierung pluralistischer Ressourcen und der
Wiederaufbau in den Ostprovinzen der Türkei.
Anhang: Zeitliche und begriffliche Übersicht
VORMODERNE ALEVITISCHE GESCHICHTE
(12.-18. JH.):
I. 12.-14. JAHRHUNDERT: Genese des
Alevitums
- Genese des anatolischen Alevitums in einem
religiös und politisch multipolaren Kleinasien.
II. 15./16. JAHRHUNDERT:
Repression; Trennung zwischen West- und Ostalevitum
- Schiitisierung der Aleviten (safawidischer
Einfluss).
- Sunnitisierung des osmanischen Staates und
osmanischer Sieg über die Safawiden (1515).
- Domestizierung der Westaleviten durch die
Bektaschiye.
- Organisatorische Trennung von West- und
Ostaleviten
III. 17.- ERSTES DRITTEL 19.
JAHRHUNDERT: Prekärer Modus vivendi
- Die beiden Alevi-Organisationen etablieren
sich getrennt.
- Der osmanisch-persische Konflikt flaut
ab.
- Vom Dersim als der alevitischen
Hauptzuflucht wandern auf Grund des Bevölkerungsdruckes
Stämme in die Nachbarregionen aus
- Das Bündnis mit dem Staat endet
für die Bektaschiye mit deren Verbot 1826.
MODERNE OSTALEVITISCHE GESCHICHTE
I. 2. HäLFTE 19. JAHRHUNDERT:
Begegnung mit der Moderne.
II. 1. HäLFTE DES 20.
JAHRHUNDERT: Ära der Jungtürken.
Instrumentalisierung und Abschaffung der Religion durch das
Einparteienregime; Ethnozid im Dersim (1938).
III. 2. HäLFTE DES 20.
JAHRHUNDERTS: Migration in die Städte. Ende des
traditionellen gemeinschaftsinternen Alevitums; Artikulation eines
öffentlichen Alevismus.
HAUPTUNTERSCHIEDE ZWISCHEN WEST- UND
OSTALEVITUM:
Beide Zweige teilen zentrale alevitische
Elemente wie cem (Versammlung mit Gottesdienst), musahiplik
(verbindliche Wahlverwandtschaft), görgü
(Rechenschaft und Gericht).
- Westalevitum: Im Einflussbereich
der Bektaschi-Organisation und damit des Staates; Vorrang des
Türkischen in Alltag und Kult.
- Ostalevitum: Im Einflussbereich der
Seyit-Organisation des autonomen Dersims; Zweitrangigkeit des
Türkischen (cem auch zaza- oder kurmandschsprachig);
intensivere interreligiöse Praxis (gemeinsame heilige Orte,
gemeinsames galan-Fest, bisweilen christliche
kirve).
[1] Vgl.
Kévorkian, Raymond H., und Paboudjian, Paul B.,
Les
Arméniens dans l’Empire ottoman à la veille du
génocide, Paris: ARHIS, 1992, S. 454; Cuinet, Vital,
La
Turquie d’Asie, Paris, 1892, Bd. 1, S. 211. Auch in der
Stadt Sivas gab es vor dem Ersten Weltkrieg eine sehr begrenzte
Anzahl von Aleviten.
[2]
Dersimi, Mehmet Nuri,
Hatiratim, Stockholm: Roja Nû
Yayinlari, 1986, S. 73.
[3]
Siehe
Zwangsräumung und Zerstörung von Dörfern in
Dersim (Tunceli) und im westlichen Teil von Bingöl,
Türkisch Kurdistan, im September-November 1994, Amsterdam:
Netherland Kurdistan Society, 1995.
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