Osmanisch-europäisches Erbe auf dem Balkan

 

Vortrag am «Friedenstag für den Balkan», Zinzendorfhaus, Basel, 18. 9. 1999

 

Hans-Lukas Kieser

 

Der Balkan war seit dem Spätmittelalter der einzige Raum in Europa mit einer christlich-muslimischen Konfrontation und Kohabitation. Die osmanische Herrschaft auf dem Balkan hat bis 1913 gedauert.

Angesichts anhaltender blutiger Konflikte meldet sich heute mit Recht Sehnsucht nach langfristiger Stabilität. Man mag sich fragen, wie die über 500jährige osmanische Herrschaft auf dem Balkan das Zusammenleben der Menschen geregelt hat. Ob einzig das klischeehafte «Türkenjoch» oder vielleicht auch zukunftsweisende Momente zur historischen Realität eines Systems gehörten, das den religiösen Frieden damals viel besser wahrte als Europa.

Die nationalen Geschichtsschreibungen der heutigen Balkanstaaten beziehen sich, wenn sie überhaupt von ihrer osmanischen Vergangenheit sprechen und sie nicht ganz verdrängen, fast ausschliesslich entweder auf die frühe Zeit der osmanischen Eroberungskriege oder auf die tatsächlich oft korrupte und repressive Zeit der letzten zwei Jahrhunderte. Die Pax Ottomanica zwischendurch bleibt meist unerwähnt und unerforscht.

Ich teile mein Referat in folgende Teile ein:

 

 

 

I.

Durch seine Entstehungsgeschichte bedingt verstand sich der Islam als Synthese von und nicht etwa Antithese zu Judentum und Christentum. Darum war den verschiedenen christlichen und jüdischen Gemeinschaften unter dem Islam Anerkennung und Sicherheit prinzipiell garantiert, nicht aber Gleichberechtigung. Islamische Herrschaft war universal und theokratisch gedacht. Ihr Selbstverständnis von islamisch angeführter Menschheit war sowohl von demjenigen eines Nationalstaates als auch von Despotismus weit entfernt. Der Sultan-Kalif sah sich als Schatten Gottes auf Erden. Er mass konkurrierende Herrschaftsansprüche am eigenen Konzept und hielt sich dem gespaltenen Europa überlegen. So fiel es ihm auch nicht schwer, den West-Christen in seinem Reich Privilegien einzuräumen (sog. Kapitulationen).

In der Tat bot die europäische Welt im 16. Jahrhundert ein konfessionell und national aufgesplittertes Bild. Die osmanische Welt hingegen verband in ihrer damaligen Blütezeit drei Kontinente: Europa, Asien und Afrika. Sie gab den vielen heute getrennten Ländern vom Balkan bis nach N-Afrika und der arabischen Halbinsel ein stabiles politisches Dach und einen ökonomischen Grossraum. Nur das römische bzw. oströmische Reich hatte den Balkan in ähnlicher Weise in ein grösseres Ganzes integrieren können. Zwischen Pax Romana und Pax Ottomanica lagen Jahrhunderte der Zersplitterung und regionaler Herrschaftswechsel.

Von 1453, der Eroberung Konstantinopels an, stand der orthodoxe Patriarch unter dem grosszügigen Patronat des Sultans. Der Sultan ermöglichte ihm damit, die orthodoxe Welt vom Balkan bis Nordafrika wieder unter seiner Hoheit zu einigen.

Offensichtlich ˆ das war nicht allein die Selbstsicht der Sultane, sondern auch die Sicht christlicher Zeitgenossen ˆ hatte Gott den Osmanen die Waffenerfolge des 14. und 15. Jhs. verliehen und sie zu den legitimen Nachfahren nicht allein der arabischen Kalifenreiche sondern ausdrücklich auch Ostroms gemacht.

Die osmanische Herrschaft auf dem Balkan muss zeitlich und geographisch differenziert werden. Man kann sie schematisch wie folgt periodisieren:

  1. die Eroberungsphase vom 14. bis Mitte 15. Jahrhundert
  2. der starke, geordnete Staat von Mitte 15. bis 17. Jahrhundert
  3. der schwache, zunehmend zerrissene Staat vom 18. bis anfangs 20. Jahrhundert

Der sich über anderthalb Jhe. erstreckende osmanische Dschihad oder Eroberungskrieg brachte viel Kriegseid und vermittelte den Balkanvölkern den Eindruck, von der übrigen christlichen Welt im Stich gelassen zu werden. Das kollektive Bewusstsein v. a. der Serben trug tiefe Wunden davon, denken wir nur an die Eroberung des Kosovo 1389. Da historisch gesichertes Detailwissen fehlt, ist gerade diese Epoche für Mythen und entsprechende ideologische Verwertungen sehr anfällig.

Natürlich galt der Dschihad bei denen, die ihn führten, als Krieg für eine gute Sache, nämlich für eine universale islamische Ordnung in einem geographischen Raum, der damals zersplittert und von der Willkürherrschaft lokaler Herren gekennzeichnet war. In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts war Byzanz ein Rumpfstaat geworden und stand in Konkurrenz mit griechischen und makedonischen Kleinfürstentümern. In Albanien und Montenegro herrschten Sippenherrschaften. Bulgarien war in drei kleine Zarenreiche gespalten. Bosnien stellte einen exotischen bogomilischen Flecken dar. Nur nördlich der Donau gab es die grössere Einheit des Königreichs Ungarn mit Kroatien und Siebenbürgen.

Wie auch in Kleinasien stellte die osmanische Herrschaftsausdehnung für das Gros der kleinen Leute ˆ abhängige christliche Bauern ˆ das kleinere Übel dar. Sie zogen die geregelte osmanische Verwaltung und den Schutz eines starken Staates der Willkürherrschaft ihrer Feudalherren vor. Das Land wurde befriedet. Wirtschaft und Handel blühten auf. Viele Bauwerke zeugen von dieser Epoche. Die Nichtmuslime waren als Schutzbefohlenen zwar klar Untertanen zweiter Klassen, deren Kleidung sich von den Muslimen zu unterscheiden hatte, die keine Waffen tragen und nur beschränkt zu Pferde reiten durften. Aber der Staat garantierte ˆ zum Preis der Sondersteuer für Christen und Juden ˆ den interreligiösen Frieden.

Die ethnisch-religiösen Gemeinschaften regelten viele Fragen ihres zivilen und religiösen Lebens ganz autonom. Diese Gemeinschaften-Autonomie war nicht an eine territoriale Festschreibung gebunden.

Juden auf der Flucht vor der westeuropäischen Intoleranz zogen ins osmanische Europa. Anders als im übrigen Europa seit dem 16. Jahrhundert, galt hier nicht "wes‚ Fürsten Gebiet, dessen Religion" (cuius regio eius religio). Ein friedlicher multireligiöser Fleckenteppich wie zum Beispiel das osmanische Siebenbürgen wäre in Westeuropa undenkbar gewesen: Katholizismus, Calvinismus, Lutheranismus, Judentum, armenisches und rumänisches Christentum lebten unbehelligt nebeneinander. Entsprechend konnte z. B. auch die rumänische Sprache florieren und zur Literatur- und Bibelsprache werden (1688 wurde die 1. rumänische Bibel gedruckt).

Für Serben und Bulgaren sah die religiös-kulturelle Situation insofern nicht ganz so rosig aus, als die Osmanen 1393 das bulgarische und 1459 das serbische Patriarchat auflösten (letzteres wurde allerdings 1557 durch den Grosswesir Sokolli Mehmed Pascha wieder eingesetzt!). Die Osmanen gaben also dem griechischen Patriarchen mit Sitz in Konstantinopel die Gelegenheit, seine vor mehreren Jahrhunderten verlorene religiöse Hoheit wieder auf slawisches Gebiet auszubreiten.

Natürlich wirkte sich die osmanische Herrschaft regional sehr verschieden aus. Man kann 3 geographische Kreise unterscheiden.

  1. Einen 1. Kreis in der Nähe der Hauptstadt mit Bulgarien und Mazedonien, wo sowohl die osmanische Verwaltung als auch der Islam am stärksten Fuss fasste. Hier gab es viele Konvertiten sowie türkische und tartarische Immigranten.
  2. Einen 2. Kreis stellten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Serbien und Griechenland dar. Es gab dort zwar eine reguläre Provinzverwaltung, die für Recht, Ordnung und Steuern sorgte, sich ansonsten aber kaum ins Leben der Gemeinschaften einmischte und manchen Orten regionale Autonomien einräumte, so in Montenegro, Albanien, Teilen Griechenlands, der ägäischen Inseln sowie in einigen Städten wie Sarajewo oder Ioannina. Bisherige Lokalherren wurden oft in die osmanische Ordnung eingegliedert. Insbesondere war dies in Bosnien-Herzegowina der Fall, wo fast alle zum Islam konvertierten und damit ihre Macht weitgehend behielten.
  3. Einen 3. Kreis stellten die äussersten Gebiete dar, wie Rumänien, Moldau, Transsilvanien (= Siebenbürgen) und Ungarn, die teilweise nur im Vasallenverhältnis der Oberhoheit des Sultans unterstanden und Autonomie genossen, allerdings von Grenzkriegen und bei Untreue von Unterdrückung schwer betroffen waren. In einigen Grenzregionen gab es eine Doppelbesteuerung durch die Herren von diesseits und jenseits der Grenze!

Das Devschirme, die Knabenlese fand im 1. und 2. Kreis statt und zwar bis ins 17. Jahrhundert. Christenknaben wurden eingezogen, islamisiert und erzogen. Sie dienten, je nach Begabung, als politische Elite ˆ bis hinauf zum Grosswesir ˆ im Sultanspalast oder aber in der Elitetruppe der Janitscharen. So war z. B. der Grossvezir Sokolli Mehmed Pascha Serbe und setzte sich erfolgreich für seine Herkunftsgegend ein. Er liess die vielbesungene Brücke über die Drina erbauen.

Eine volksnahe Chronik aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts, die ein griechischer Priester namens Papsynadinos verfasst hat, gibt einige Einblicke in den Alltag, wie ihn damals Christen und Muslime in Serez, dem heutigen Serrai in N-Griechenland, nahe der mazedonischen und bulgarischen Grenze, erlebten.

Für Papasynadinos war der Sultan der Kaiser, dem man das zu geben hat, was ihm zusteht. Er war für ihn völlig fraglos der legitime weltliche Herrscher, der Nachfolger des byzantinischen Basileus und die einzige Instanz, an die man sich bei Auseinandersetzungen mit willkürlichen, meist muslimischen Lokalherren wenden konnte. Das tat man, indem man man eine von mehreren Mitgesuchstellern unterschriebene Petition in den Palast nach Konstantinopel brachte.

In seiner Kirche in Serez, die Papsynadinos restaurieren liess, war allerdings eine Wandmalerei, die den Sultan in der Hölle zeigteÖ Papasynadinos Chronik verfluchte übrigens auch den Grosswesir Mustafa Pascha wegen einer unheilbringenden Wirtschaftsreform. Die Knabenlese, die der Chronist auch anspricht, hat bei ihm hingegen bemerkenswerterweise keine besondere Gemütsregung ausgelöst.

Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen erscheinen bei Papasynadinos vor allem wegen unbotmässiger Lokalherren als beiweilen wenig harmonisch. Er schildert aber auch Beispiele von freundnachbarschaftlicher Hilfe und Beispiele guter, ehrenwerter, bescheidener, frommer Muslime aus der Umgebung. Durch die ganze Chronik hindurch werden die Muslime gleichwohl als fremdes Element, als allophylloi, andersartig, «andersstämmig» dargestellt: «wir» im Gegensatz zu «ihnen». Das Betrüblichste, was es für Papasynadinos geben konnte, war daher eine Konversion zum Islam.

 

II.

Auf dem Hintergrund einer allgemeinen Abschwächung der Macht, nahm die Qualität der osmanischen Verwaltung seit dem 17. Jahrhundertdeutlich ab, ohne dass die Machthaber ihr universelles und triumphalistisches Selbstbild revidierten. Diese ungute, bisweilen verzweifelte Diskrepanz prägte fortan die osmanische Welt. Dem Staat gelang es nicht, den Ruf der Unbestechlickeit, den er unter dem Sultan Süleyman im 16. Jahrhundert genossen hatte, zu bewahren. Die Verschlechterung hatte innere und äussere Gründe, auf die ich nur am Rande eingehen kann.

Eine Korruption innerhalb des Palastes, bekannt auch bei den römischen Cäsaren, machte sich breit. In den Provinzen liess die Kontrolle nach, und Lokalherren nutzten dies egoistisch aus. Der Sultan überliess ihnen bisherige Lehen als Privatbesitz, ohne dass diese wie bisher dafür eine Gegenleistung für den Staat zu erbringen hatten. Insbesondere liess er die Janitscharen sich vielerorts niederlassen und ungeniert am Besitz anderer gütlich tun. Wegen den neuen Seewegen und den Kolonien der Westmächte verlor das Osmanische Reich in der damaligen Weltwirtschaft an Gewicht. Die Kriege und das innere Missregime führten zu Finanznot, was höhere Steuern zur Folge hatte.

Von aussen versetzten die christlichen Grossmächte Habsburg und Russland den Sultan zunehmend in die Defensive. Vor allem Russland ermunterte die Balkanvölker zu Aufständen mit dem Versprechen, sie vom islamischen Joch zu erlösen. «Die Nachkommen des Heiden Mohammed werden in ihre einstige Heimat, in die Wüsten und Steppen Arabiens zurückgedrängt werden», versprach Peter der Grosse im März 1711, bei seinem ersten Vorstoss nach Bessarabien (Westküste des Schwarzen Meers), den orthodoxen Balkanvölkern. Bezeichnend das falsche Bild der Muslime als Heiden! Damit wurde tiefes Misstrauen ins Verhältnis von Christen und Muslimen gesät. Der muslimische Staat wurde zunehmend misstrauischer und unduldsamer gegenüber seinen christlichen Untertanen.

Tragisch und von grosser Tragweite für das Langzeitgedächtnis war die Massenflucht der Serben aus dem Kosovo. Nach der Abwehr der Türken vor Wien 1683 rückten die habsburgisch-österreichischen Truppen tief ins osmanische Serbien vor. Die österreichischen Agenten wiegelten die Serben auf, sich zu erheben. Im Kosovo taten sie das. Sie wurden aber bald von den Habsburgern fallen gelassen. 300'000 Serben flohen damals aus dem, wie die osmanischen Steuerregister beweisen, überwiegend orthodoxen Kosovo in die Gegend um Belgrad und ins österreichische Südungarn. Albanische Stämme drangen darauf ins verlassene Kosovo ein, wo immerhin die Kirchen und Klöster unversehrt blieben.

Etwas Ähnliches mussten die Serben 2 Generationen später erleben, als Österreich-Ungarn Belgrad, das es 1718 erobert hatte, wieder an den Sultan zurückgab. Wieder eine FluchtbewegungÖ

Der osmanische Staat suchte zwar seine Herrschaft zu straffen und zu zentralisieren, so wie es die absolutistischen und später national geeinten Staaten Europas im 18. und 19. Jahrhundert taten. Aber da diese Massnahmen nicht von gesellschaftlichen Reformen begleitet waren, wirkten sie sich oft kontraproduktiv aus.

In der Moldau und der Walachei (heutiges Rumänien) zum Beispiel ersetzte er im 18. Jahrhundert die einheimischen Regenten durch loyale Griechen aus Konstantinopel, die sog. Phanarioten. Die rumänisch-orthodoxe Kirche wurde hellenisiert, die lokale Kirchenhierarchie mit Griechen besetzt und die slavonische (altbulgarische) Liturgiesprache durch Griechisch ersetzt. Zum Haupt-Feindbild der rumänischen und bulgarischen Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert wurden daher nicht etwa die Türken, sondern die Griechen, deren kulturelle und politische Expansion man hasste.

Die bittersten Wurzeln der aktuellen interethnischen Konflikte auf dem Balkan gehen auf die nationalistisch aufgewühlte Zeit der 2. Hälfte des 19. und des Beginns des 20. Jahrhunderts zurück, als die osmanische Macht auf dem Balkan endgültig kapitulieren musste. Aufstände, Unterdrückung und Kriege häuften sich. Das 19. Jahrhundert wird zu Recht als das Jahrhundert der sogenannten nationalen Wiedergeburten genannt, ein Phänomen, das wir von den Italienern und Deutschen bis hin zu den Armeniern und Juden beobachten können. Im Balkan bildeten die Serben die Avantgarde der «nationalen Renaissance».

Die serbische Diaspora in der habsburgischen Freistadt Novi Sad (nordwestlich von Belgrad) öffnete sich früh den Ideen der Aufklärung und der französischen Revolution und vermittelte diese den osmanischen Serben.

1804 entzündete sich ein serbischer Aufstand gegen die muslimischen Lokalherren, und zwar ˆ man höre und staune ˆ bewaffnete der sultanstreue Pascha von Belgrad selber die serbischen Raya (christliche Untertanen), um gemeinsam mit ihnen den Kampf gegen die unbotmässigen Lokalherren, meist Janitscharen, zu führen! Aber der Pascha wurde von diesen ermordet und mit ihm 70 serbische Anführer.

Damals, anfangs des 19. Jhs. begann der serbische Kampf um Autonomie. Auf der Strasse von Nisch zur bulgarischen Grenze steht ein Schädelturm, in welchem die Osmanen die Köpfe gefallener Serben zu einem drei Meter hohen Turm aufschichteten ˆ ein sehr bezeichnendes Denkmal! Bezeichnend auch, dass es noch heute stehen soll und damit zur Rache anstachelt.

Russland und Österreich waren damals mit Napoleon beschäftigt und gewährten den Serben kaum Unterstützung. 1817 erhielt Serbien schliesslich seine Autonomie, blieb aber bis zum Berliner Kongress 1878 dem Sultan tributpflichtig. Schon 1828 erlangten die Griechen in einem Krieg, den die Grossmächte kräftig unterstützten, ihre Unabhängigkeit. Am Berliner Kongress wurden neben Serbien auch Bulgarien in die Unabhängigkeit entlassen, während Bosnien-Herzegowina Österreich-Ungarn unterstellt wurde. Albanien, Mazedonien und der Kosovo blieben bis 1913 osmanisch.

Die Balkankriege vor dem Berliner Kongress und vor dem Ersten Weltkrieg waren äusserst traumatisch, vor allem für die Muslime, die in den jungen, unduldsamen Nationalstaaten diskriminiert wurden. Riesige muslimische Flüchtlingsströme in der Grössenordnung des Kosovo-Exodus im Frühjahr 1999 ergossen sich 1877/78 und 1912/13 nach Konstantinopel. Bloss nahm dies der Westen damals kaum wahr. Die muslimisch-osmanische Balkanordnung ist 1913 zu einem endgültigen und bitteren Ende gekommen.

Weder das Königreich Jugoslawien in der Zwischenkriegszeit noch Titos sozialistisches Jugoslawien in den drei Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg haben den Balkanraum erfolgreich zu integrieren vermocht. Die seither wieder aufgeflammten Ethno-Nationalismen beanspruchen Territorien nach ethnischen Ausgrenzungskriterien. Das ist eine Absurdität in einer Region, die entsprechend dem osmanischen Ordnungsprinzip über Jahrhunderte einen ethnisch-religiösen Fleckenteppich dargestellt hat. Religion, Ethnie und Territorium standen damals in keinem festgeschriebenen oder festzuschreibenden Verhältnis.

 

III

Der osmanische Makrokosmos hat ebensowenig wie andere universal gemeinte Ordnungen seinen Anspruch gerecht einlösen können. Aber genau so wenig, wie wir das sog. christliche Abendland bloss an den Kreuzzügen, den kolonialen Eroberungen oder am Nationalsozialismus messen können, dürfen wir die realexistierende islamisch-osmanische Welt nur von den Eroberungskriegen, den Balkangreueln im 19. Jahrhundert oder dem an den Armeniern verübten Völkermord her verstehen.

Zum Erbe der alten osmanischen Ordnungen gehören positive Erfahrungen und Regeln, die auch für eine neue Ordnung zukunftsweisend sind. Und es gehören negative Erfahrungen dazu, die zeigen, wie es keinesfalls gehen kann.

Die positive Erfahrung ist diejenige, dem religiös und ethnisch anderen als Nachbarn über Jahrhunderte quasi selbstverständlich den nötigen Lebensraum zu lassen. Diese Erfahrung aus der Blütezeit des Reiches ist verknüpft mit verlässlichen sozialen und politischen Strukturen auf lokaler und überregionaler Ebene. Die berühmte Brücke über die Drina, die Bosnien und Serbien verbindet, stellt sinnbildlich gelungene überregionale Integration dar.

Im Laufe der Generationen bildete sich so etwas wie ein pragmatischer, verbindlicher Wertekonsens zwischen den beieinander lebenden ethnisch-rekigiösen Gemeinschaften heraus.

Im Normalfall liessen sich Probleme freundnachbarschaftlich regeln. Jede Gemeinschaft hatte ihre Ansprechpartner und diese standen über die Religiosgrenzen hinweg miteinander im Gespräch. (Ivo Andric‚s Roman stellt sehr deutlich, zum Teil literarisch überhöht, dar, wie in Wischegrad an der Drina diese freundnachbarschaftlichen Bande 1914 völlig zerbrachen. Zuvor hatte man während Jahrhunderten einander bei Überschwemmungen auch über die Gemeinschaftsgrenzen hinweg Aufnahme in den Häusern gewährt.)

Notfalls konnte jede lokale Gemeinschaft mit einer Petition an die Istanbuler Machtzentrale gelangen. Diese legte regionalen Unruhestiftern umgehend das Handwerk.

Die negative Erfahrung ist diejenige, dass das herrschende System die Menschen nach ihrem Glaubensbekenntnis als Untertanen erster, zweiter oder dritter Klasse einstufte. Zu dieser sozialen Unstimmigkeit gehörte ein abgehobenes, verklärtes Selbstbild der herrschenden Klasse. Nicht zuletzt darum geriet die supranationale osmanische Herrschaft in eine Krise und erwies sich in der Krise als zerstörerisch.

Das Osmanische Reich hat also auf dem Balkan über Jahrhunderte eine beeindruckende Integrationskraft ausgeübt, allerdings autokratisch und innerhalb einer hierarchischen Gesellschaft. Für die Zukunft ist eine vergleichbare stabilisierende Integrationskraft gefragt ˆ verbunden mit Demokratie, die ebenfalls auf einem Wertekonsens aufbauen muss.

 

 

 

Literaturhinweise: