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Der verpasste Friede
Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der
Türkei 1839-1938
Zürich: Chronos, 2000
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Kieser
Einleitung (Gekürzte Webfassung)
“Befriedung”, “Neuordnung”
und “Reformen” waren die zentralen Begriffe,
welche sowohl der osmanische Staat als auch die
europäische Staatengemeinschaft seit den 1830er Jahren
mit den Problemen in den kurdisch-armenischen Gebieten des
Osmanischen Reichs in Zusammenhang brachten. Aber “Friede”
war weit davon entfernt, verwirklicht zu werden: Kriege,
Pogrome, kulturelle Zerstörung und Völkermord
prägten längerfristig diese Region. Chancen, den
Frieden aufzubauen, wurden mehrmals verpasst. Integrative
Ansätze zu einer partizipativen Ordnung scheiterten am
Widerstand der zentralstaatlichen und lokalen
Machtträger gegen eine Machtteilung, an hochgesteckten
Erwartungen der religiös-nationalen Gemeinschaften vor
Ort sowie an der imperialistischen Grosswetterlage. Die
Befriedung und Zivilisierung genannte blutige Eliminierung
der letzten, der kurdisch-alevitischen Autonomie in der
Dersimregion setzte 1938 einen Schlusspunkt unter die 100
Jahre zuvor begonnene Binneneroberung Armeniens und
Kurdistans. Von nun an regierte die türkische
Hauptstadt direkt über jene Gebiete und
unterdrückte jeglichen ethnisch-kulturellen
Pluralismus. Nach Kriterien ethnischer Kohabitation, wie sie
um das Jahr 2000 in den internationalen
Friedensbemühungen um Exjugoslawien Gültigkeit
haben, bedeutete jenes Jahrhundert der Binneneroberung eine
Misserfolgsgeschichte, die sehr viele Opfer und keine
Prosperität gebracht hat. Nach Kriterien der
Zwischenkriegszeit, die sich an autoritärem Staat,
Führertum und nationaler Homogenität orientierten
und die bis heute das türkische Geschichtsbild
prägen, ergab sich aus der 1938 flächendeckend
durchgesetzten militärischen und administrativen
Unterwerfung Kurdistans der Anschein einer zwar
langwierigen, aber schliesslich erfolgreichen staatlichen
Unternehmung.
Eine wichtige, wenn auch heute fast
vergessene Rolle spielten die Missionarinnen und Missionare.
Sie waren bis fast zum Ende der ins Auge gefassten
Zeitspanne sowohl privilegierte Beobachter als auch
einflussreiche Akteure vor Ort und vertraten eigene
Vorstellungen vom Frieden. Die abendländischen
christlichen Missionen des 19. und beginnenden 20.
Jahrhunderts trugen mit unerhörtem Sendungsbewusstsein
ihr Verständnis des Evangeliums in die Welt hinaus.
Davon beseelt, “Noahs Garten”, “biblischen
Boden” und “die Heimstätte des Christentums
und der menschlichen Rasse” zu betreten, durchdrangen
sie den kleinasiatischen Vielvölkerraum mit grosser
Energie. Die Protestanten konnten der von ihnen so betonten
Bibellektüre neue - die ferne Vergangenheit und die
nahe Zukunft auf heilsgeschichtsträchtigem Boden
verknüpfende - Interpretationsdynamik, Anschauung und
Rechtfertigung verleihen. Damit vermittelte der Missionar
der Heimatgemeinde, die ihn finanziell und moralisch
unterstützte, neue spirituelle Impulse. Das Besondere
an der Mission im osmanischen Raum war, dass es bei ihr
nicht um Bekehrungen gehen konnte, sondern um “indirekte”
Eingriffe in das religiöse und soziale Leben. Die
abendländischen Missionen wandten sich der muslimischen
Bevölkerungsmehrheit bloss marginal zu, da deren
Evangelisierung im islamischen Staat verboten war. Die
missionarischen Anstrengungen galten daher in erster Linie
den christlichen Minderheiten. Das selbstbewusste,
begegnungsfreudige und wagemutige Eindringen in kulturelle
Räume können wir heute nur schwer nachvollziehen.
Vieles erscheint als zweifelhafte Begleiterscheinung
imperialistischer Welterschliessung, als “Kulturimperialismus”.
Andere Phänomene hingegen lassen sich nicht so einfach
einordnen: die Macht geistigen Kapitals, die
grundsätzliche Kritik an den Grossmächten und die
tiefgreifende Interaktion mit den Menschen vor Ort. Im
ethnisch gemischten, aber fast ausschliesslich
monotheistischen - und damit nicht “heidnischen”
- Raum, um den es in der Türkei ging, verlief diese
westöstliche Begegnung so spannend und spannungsvoll
wie kaum anderswo. Die Missionen leisteten in Anatolien
punkto Erziehung, Kultur und Gesundheit Erstaunliches; zur
Stabilisierung oder Neuformulierung des interethnischen
Verhältnisses, das immer prekärer wurde,
versuchten sie erst spät, einen wirksamen Beitrag zu
leisten.
Das Osmanische Reich hatte seit seiner
Gründung im 14. Jahrhundert in politischer und
religiöser Interaktion mit seinen Nachbarn,
insbesondere den europäischen, gestanden. Im 19.
Jahrhundert nahm diese Wechselwirkung eine neue
Qualität an: Während die osmanische Grossmacht in
den Jahrhunderten zuvor zumindest in politischer und
militärischer Hinsicht als ebenbürtiger, wenn
nicht überlegener Widersacher oder Partner galt, wurde
das seit Ende des 18. Jahrhunderts geschwächte Reich
zunehmend zu einem Objekt vielfältiger Interessen auf
politischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und
religiöser Ebene. Diese Entwicklung erfuhr ihren
Höhepunkt während der Phase des Imperialismus, vom
Berliner Kongress bis zum Ersten Weltkrieg. Die
grundsätzliche Infragestellung ihrer selbst, die mit
der machtmässigen einherging, war für die
osmanisch-muslimische Gemeinschaft (Ümmet), auf welcher
die Staatsmacht gründete, besonders schwer zu
verkraften. Die christlichen Missionen brachten jedoch genau
solches bedrohliches geistiges Potential in den islamischen
Herrschaftsbereich, den darül’islam, des
Osmanischen Reichs. Dieses geriet im ersten Drittel des 19.
Jahrhunderts an den Rand der Desintegration. In den 1830er
Jahren wurde es in eine gefährliche Auseinandersetzung
mit dem emanzipierten, expansiven Ägypten unter Mehmed
Ali verwickelt. Im Gegenzug zur Öffnung des osmanischen
Marktes, der alsbald mit europäischen Erzeugnissen
überschwemmt wurde, erhielt die Pforte damals die
Rückenstärkung durch die britische Grossmacht
gegenüber Russland, das vom Balkan und vom Kaukasus her
das Reich bedrängte.
Angesichts der Demütigungen in der
Auseinandersetzung mit den Grossmächten und bereits
erfolgter oder noch drohender Gebietsverluste auf dem Balkan
und in Nordafrika strebten die Verantwortlichen mit Reformen
nach europäischem Muster die Wiedererstarkung des
Reichs an. Sultan Mahmud II., der von 1808 bis 1839
regierte, setzte auf eine Zentralisierung der Verwaltung
nach französischem Modell und eine Modernisierung des
Militärwesens. Als er 1826 in Istanbul die bisherigen
Elitetruppen, die Janitscharen, die sich seiner Umkrempelung
widersetzten, niedermetzeln liess, begründete er dies
unter anderem mit der notwendigen Rückbesinnung auf
staatstreue sunnitische Werte. Er liess zahlreiche der mit
den Janitscharen verbundenen tekke (eine Art Kloster)
des Bektaschi-Ordens schliessen. Dieser stand und steht in
spiritueller und organisatorischer Verbindung mit dem
heterodoxen anatolischen Alevismus. Die Ausschaltung
verschiedener erblicher kurdischer Emirate setzte in den
1830er Jahren, kurz vor der eigentlichen, Tanzimat genannten
Reorganisationsphase ein (1839-1876). Sie hinterliess bei
den Kurden eine tiefe Verunsicherung und Frustration.
Missionen, Ethnien und Staaten standen vom Beginn
tiefgreifender Reformbemühungen bis zur
Abschaffung des Sultanates und Kalifates im Ostteil des
Reichs in einer besonders dynamischen Wechselwirkung. Ihr
setzte der 1923 gegründete türkische Nationalstaat
weitgehend ein Ende. Aber erst 1938, nach einer blutigen
Kampagne gegen das kurdisch-alevitische Dersim - die
historisch als Kulturvernichtung oder “Ethnozid”
zu qualifizieren ist - hatte der Staat die in Kurdistan 100
Jahre zuvor begonnene Zentralisierung durchgesetzt.
Die vorliegende Untersuchung siedelt sich im
Diskursfeld einer kritischen Geschichte der Entstehung der
modernen Türkei an. Sie ist keine Missionsgeschichte,
auch keine kurdische oder armenische Ethniegeschichte,
sondern die Geschichte der Interaktionen von Mission, Ethnie
und Staat im Osten Kleinasiens. Sie will damit auf ihre
Weise einen bescheidenen Beitrag zur Historiographie der
Türkeimissionen, des kurdisch-armenischen
Siedlungsgebietes, des Völkermordes an den Armeniern,
der Rolle osmanisch-türkischer Staatlichkeit und der
regionalen Auswirkung internationaler Interventionen
liefern.
Problemstellung
Seit dem zweiten Drittel des 19.
Jahrhunderts ging es innen- und aussenpolitisch immer
dringlicher um die Frage der Neuordnung der östlichen
Reichsteile, welche, mit dem sukzessiven Verlust des
Balkans, als unaufgebbare Kerngebiete des Osmanischen Reichs
zu gelten begannen. Der osmanische Staat nahm in den 1830er
Jahren noch vor dem Auftreten der Missionen eine von
europäischen Modellen inspirierte, mehr improvisierte
als langfristig geplante Neuordnung seines Reichs auf der
Ebene direkter Macht in Angriff, wobei er prioritär in
die Armee, die Administration und das Steuerwesen
investierte. Die Missionen ihrerseits wurden ein wichtiger
Faktor der Veränderung im Reich. Das missionarische
Wirken eröffnete neue Handlungsspielräume und
Denkmöglichkeiten. Es bedeutete eine Umwertung der
bestehenden Werte in der sozialen Hierarchie, der Ordnung
der Geschlechter und der religiösen Weltanschauung. Der
missionarische Aufbau von Schulen mit modernen
Bildungsinhalten für beide Geschlechter seit den 1840er
Jahren, und zwar erstmals auch ausserhalb der Metropolen und
sogar im Osten des Landes, forderte sowohl den osmanischen
Staat als auch die von ihm anerkannten, teilautonomen
nichtmuslimischen Gemeinschaften (Millets) heraus.
Während die Millets nach anfänglich rauhen
Auseinandersetzungen mit den Missionen diese mehr und mehr
als Unterstützung wahrnahmen, wurden die Missionen von
den Kurden, denen sie sich kaum widmeten, mit einer Mischung
aus Ablehnung, Misstrauen und Neugier, gelegentlich auch als
Vermittler betrachtet. Zweifellos waren die sunnitischen
Kurden die Verlierer der Tanzimat, da ihre Emirate
aufgelöst wurden und sie weder von den Reformprinzipien
noch dem edukativen Aufschwung profitierten. Im Berliner
Vertrag 1878, der die Reform der Ostprovinzen zur
internationalen Angelegenheit erklärte, wurden sie nur
negativ, das heisst als Sicherheitsrisiko,
aufgeführt.
Seit Abdulhamid, der 1876 zum Sultan wurde,
galten insbesondere die protestantischen Missionen dem Staat
als machtgefährdende Widersacher, deren
Innovationsdynamik Angst auslöste und die man seit den
turbulenten 1890er Jahren als geistig mitverantwortlich
für jegliche Auseinandersetzung sah, die sich im Osten
im Namen von Religionsfreiheit, Selbstbestimmung und
Menschenrechten ereignete. Für den hamidischen Staat
standen die Missionen in einer Front mit den
Grossmächten und den nationalistischen Strömungen
unter den Millets. Die protestantischen Vorreiterinnen waren
seit den 1870er Jahren in der Tat nicht gefeit vor
Machtphantasien eines Protestantismus, der sich von den
politischen Erfolgen Grossbritanniens, Deutschlands und der
USA mitgetragen meinte. Gleichwohl waren sie stark
internationalistisch und menschenrechtlich ausgerichtet und
distanziert gegenüber jeglichem, auch armenischem
Nationalismus. Auf innenpolitischer Ebene engagierten sie
sich mehr und mehr für einen liberalen
Osmanismus, [1]
dessen Verwirklichung sie sich ab 1908 durch die
Jungtürken erhofften. Stärker als jede andere
internationale Bewegung setzten sie sich publizistisch und
humanitär mit den Pogromen auseinander, denen Mitte der
1890er Jahre in den Ostprovinzen eine hohe Zahl von
Armeniern zum Opfer gefallen war. Die positivistisch
orientierten jungtürkischen Patrioten der Einheits- und
Fortschritts-Partei, Union et Progrès, waren
allerdings weder der islamischen Tradition noch einer
liberalen Neukonzeption, sondern zunehmend der Idee eines
Einheitsstaates und einem exklusiven
türkisch-sunnitischen Nationalismus verpflichtet.
Entgegen den in Missionskreisen gehegten Hoffnungen
übernahmen sie das hamidische Freund-Feind-Bild. Mit
einem Angriffskrieg gegen Russland trat die seit 1913
diktatorisch geführte Einparteienregierung an der Seite
Deutschlands in den Weltkrieg ein. Ein wesentlicher
Kriegsgrund war die Umgehung des Anfang 1914 von den
Grossmächten durchgesetzten Reformplans für die
Ostprovinzen. Ausgehend von diesen, vernichtete das
unionistische Kriegsregime 1915/16 systematisch die
armenische Existenz in Kleinasien und betrieb durch die
Deportation weiterer Volksgruppen eine Politik der “völkischen
Flurbereinigung”. Mit der praktisch vollständigen
Zerstörung einer “nationsfremden” Ethnie
wurde in der Geschichte erstmalig ein radikal
sozialdarwinistisch-nationalistisches Gedankengut
realisiert. Mustafa Kemal Pascha, der später
Atatürk genannte Gründungsvater der Republik
Türkei, baute den unitarischen türkischen
Nationalstaat nolens volens auf diesem Fundament und
ausgehend von den Ostprovinzen auf, wo der unionistische
Machtapparat noch am intaktesten war und auf die
Unterstützung aller antiarmenischen Kräfte
zählen konnte.
Unter westlichen Fachleuten der osmanischen
Geschichte war in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts die Bemühung weit verbreitet, die
administrativen Leistungen des osmanischen Staates, die
Bedürfnisse und Interessen der muslimischen Mehrheit,
die lokalen Wirtschaftskräfte oder die gelungenen
Formen ethnischer Kohabitation gebührend zu
berücksichtigen. Diese Ausrichtung stellt eine
verständliche und berechtigte Gegenbewegung zum
eurozentrischen, über die akademische Disziplin hinaus
verbreiteten Orientalismus der spätosmanischen Ära
dar. Sie hatte Wurzeln in hamidischer und
jungtürkischer Zeit, entstand aber im wesentlichen zur
Zeit der Westeinbindung der Türkei nach dem Zweiten
Weltkrieg. Sie bringt den kommoden Vorteil konfliktarmer,
partnerschaftlicher Kooperationen zwischen
Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern aus
dem Westen und solchen, die dem neuen Nationalstaat
verbunden sind, mit sich. Partnerschaft ist die Intention
der staatlichen oder staatsnahen Institutionen innerhalb und
ausserhalb der Türkei, die zum überwiegenden Teil
die Wissenschaft in diesem Bereich finanzieren. [2]
Der Preis konfliktarmer Partnerschaft war und ist der
Ausschluss heikler Forschungsgegenstände, die den
obgenannten Aufwertungsbemühungen scheinbar oder
wirklich entgegenlaufen, so der Erste Weltkrieg, die
armenische und die kurdische Frage, aber auch der “Störfaktor”
christliche Missionen und generell der Umgang mit dem
christlichen Erbe Kleinasiens. [3]
Die Geschichte der Türkei ohne diese Themen ist ebenso
fragwürdig wie die Geschichte Kaliforniens ohne
Indianer oder die Geschichte Deutschlands ohne die Juden.
Der Preis konsensueller Turkologie ist in der Tat hoch, denn
das Schweigen zu historisch drängenden Fragen erweist
der Geschichtsaufarbeitung einen Bärendienst.
Die vorliegende Arbeit geht in sachlicher
Intention und einer definierten Perspektive die genannten
Fragen an, die von den meisten professionellen Historikern
seit den 1920er Jahren beiseite gelassen wurden, deswegen
aber nicht unbehandelt geblieben sind. Einzelne
professionelle Sozialwissenschaftlerinnen oder
Sozialwissenschaftler ohne biographischen Direktbezug,
Journalisten und vor allem Autorinnen und Autoren aus den
direkt betroffenen Gruppen haben sich, gelegentlich mit
schriller Stimme, um deren Aufarbeitung bemüht; nicht
zu vergessen die von türkischer Regierungsseite
lancierten, entsprechend selektierten und kommentierten
Quelleneditionen und sonstigen Schriften. Beim
angesprochenen Stand und Zustand der Forschung klaffen
weiterhin empfindliche Lücken; merkwürdige
Klüfte in der Behandlung derselben historischen
Phänomene sind unüberbrückt. Offensichtlich
ist die eigentümliche Unschärfe, ja bisweilen
groteske Verzerrung in der historiographischen Wiedergabe
der Armenierpogrome von 1895 oder der “Armenierdeportationen”
von 1915. Die Wahl der Missionen als Ausgangspunkt für
die historische Beobachtung und Analyse der zur Frage
stehenden Probleme geht von der Überzeugung aus, dass
die missionarische Stellung in den osmanischen Ostprovinzen
und die aus ihr resultierenden Erfahrungen und Beobachtungen
im Rahmen der möglichen Optionen die brauchbarste
darstellt, um sowohl mit mikrohistorischer Nähe als
auch mit Distanz zu den involvierten Parteien die heikle
Thematik anzugehen. Dass die Missionen Partei waren und
Partei ergriffen, steht ausser Diskussion. Aber - dies eine
wichtige These der Arbeit - sie taten dies von einer
verhältnismässig autonomen Position aus und hatten
eine Brückenperspektive inne, die ihnen eine
vergleichsweise dichte Beobachtung aller Beteiligten
erlaubte. [4]
Ihre Wahrnehmung und Parteinahme geschah in einer
transparenten, in ihren Prämissen
entschlüsselbaren Weise. Der missionarische
Quellenfundus trägt daher dank seiner Vielfalt,
Beobachtungsdichte und Wahrnehmungsnähe dazu bei,
unglaubwürdige Konsense der Türkeihistoriographie
aufzustören, ohne sich in Grabenkämpfen zu
immobilisieren.
Jede authentische Wahrnehmung ist
perspektivisch. Entscheidend ist, wieviel die jeweilige
Perspektive wahrzunehmen erlaubt und wieviel sie verdeckt.
Verzerrte Wahrnehmungen lassen sich unter Zuhilfenahme
anderer Perspektivpunkte entzerren, fehlende Wahrnehmung
spricht einzig als Lücke, stereotype Wahrnehmung bloss
schemenhaft. Die missionarische Perspektive war
ethnozentrisch - doch mit mancherlei Formen gelebter
osmanischer Interkulturalität und
Interreligiosität, die die westliche Gesellschaft erst
heute bei sich zu entdecken beginnt. Ihr am nächsten
standen die christlichen und die heterodoxen Gemeinschaften,
die in den Ostprovinzen Minderheiten innerhalb einer
muslimischen Mehrheitsgesellschaft bildeten. Ihr relativ
fern standen die osmanische Staatsmacht und die
sunnitisch-muslimische Gemeinschaft, auf der sie
gründete. Die jüdische Millet wiederum entschwand
mangels erfolgreicher Missionierung bald aus dem
näheren Interessenbereich. Von missionarischer Kritik
keineswegs verschont blieben die “christlichen
Grossmächte”, auch wenn die Missionarinnen und
Missionare sich - im eigenen Interesse und um “Minderheitenschutz”
im modernen, verfassungsrechtlichen Sinn politisch
durchzusetzen - auf deren Interventionen abstützten.
Imperialistische und missionarische Perspektiven deckten
sich allerdings weit weniger, als es der ideologische “Antiimperialismus”
beispielsweise der Leninisten oder der türkischen
Nationalisten weiszumachen suchte.
“Mission,
Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der Türkei,
1839-1938”: Begriffe, Chronologie und thematische
Aspekte
“Mission” meint die christlichen
Missionen, die, getragen von einer Verbindung aus
religiösem und aufklärerischem Impetus, seit den
1810er Jahren im Osmanischen Reich tätig waren. “Ethnie”
gebrauche ich als Oberbegriff für Kollektive, die sich
über Selbstbezeichnung, Religion, Sprache und
Gebräuche als solche wahrnehmen lassen, mit oder ohne
nationale Aspirationen in spätosmanischer Zeit. Dazu
gehörten im osmanischen Raum sowohl die Millets, das
heisst die staatlich verbrieften, in zivilen Angelegenheiten
- Geburt, Heirat, Tod, Religion, Schule, Gesundheit, Teile
der Justiz - weitgehend autonomen jüdischen,
armenischen und griechischen, seit den Tanzimat auch die
katholischen und protestantischen
Religionsgemeinschaften.
Aber auch Nicht-Millet-Kollektive sind zu den Ethnien zu
zählen wie diejenigen der Kurden, Aleviten und Yeziden.
Die primär und fast ausschliesslich religiös
definierte staatstragende sunnitisch-muslimische
Gemeinschaft, die Ümmet, war hingegen
ethnieübergreifend. Das gilt auch für die im 19.
Jahrhundert geschaffenen katholischen und protestantischen
Millets. Erst die türkische Republik hat versucht, aus
der anatolischen Rest-Ümmet und den kleinen
Überresten der Millets
eine ethnisch-türkische Nation zu konstruieren.
Mit “Staat” meine ich sowohl das Osmanische
Reich und seinen türkischen Nachfolgestaat als auch die
Heimatstaaten der Missionare, insbesondere die
europäischen Grossmächte. Wie es der Titel
ausdrückt, stehen die Missionen nicht für sich,
etwa in ihrer inneren Organisationsgeschichte, im Zentrum
dieser Studie, sondern in ihrer Korrelation mit Ethnien und
Staatsmächten. Schematisch betrachtet gab es eine
Hauptkonfrontationslinie zwischen “christlichen”
Grossmächten, Missionen und christlichen Gemeinschaften
auf der einen, osmanischem Staat und Ümmet auf der
anderen Seite, wobei das jüdische Millet kaum der einen
oder anderen Seite allgemein zugeordnet werden konnte und
die alevitische Gruppe zur nominell christlichen Seite
tendierte. Vor Ort variierte diese Linie stark, und es gab
auch andere Konfrontationslinien, zum Beispiel zwischen
orientalischen Kirchen und Missionen.
Bei den “Ostprovinzen” handelt
es sich um die vorwiegend von Kurden und Armeniern, im
übrigen aber von einer Mehrzahl weiterer Ethnien
bewohnten östlichen Teile der osmanischen
beziehungsweise republikanischen Türkei. Wenn wir diese
Region hier pauschal mit dem Begriff “Ostprovinzen”
bezeichnen, setzen wir sie nicht mit den sogenannten “östlichen
Provinzen” (vilayat-i sarkiye)
gleich, das heisst, seit der Provinzeinteilung von 1864, mit
den sechs Provinzen Sivas, Erzurum, Bitlis, Van, Harput und
Diyarbakır. Aus guten Gründen - gleichartige
Interaktionen von Missionen, Ethnien und Staat - nehmen wir
auch das ganze südlich an die Provinz Sivas angrenzende
Gebiet bis Anteb hinzu, das heisst den östlichen Teil
der Provinz Ankara sowie den nördlichen Teil der
Provinz Aleppo. Die Stadt Urfa in der Provinz Aleppo
stellt neben den Provinzhauptstädten Van und Harput
einen ausgewählten “Schauplatz” der
vorliegenden Arbeit dar. Hingegen steht die nördlich
ans Schwarze Meer grenzende Provinz Trabzon, die damals
einen grossen Bevölkerungsanteil von Pontus-Griechen
aufwies, nicht im Fokus dieser Arbeit.
Das Jahr 1839 mit dem Sultanserlass Hatt-ı
Serif von
Gülhane gilt in der Historiographie als der Beginn der
Tanzimat, einer von europäischen Modellen inspirierten
Reformära, die bis in die zweite Hälfte der 1870er
Jahre, dem Beginn der Autokratie Abdulhamids, dauerte. Die
Tanzimat sind die Fortsetzung der Reformbemühungen von
Mahmud II. Mehr als bisher wurde die Beamtenschaft
Trägerin der Reformen. In den Ostprovinzen zerschlug
der osmanische Staat in den 1830er und 1840er Jahren die
direkt dem Sultan unterstellten kurdischen
Fürstentümer, um eine direkte, zentralistische
Herrschaft einzurichten. Den verschiedenen
Religionsgemeinschaften versprach er im Hatt-ı
Serif und
noch ausdrücklicher im Sultanserlass Hatt-ı
Hümayun von 1856 Gleichstellung vor dem Gesetz. In
diesen Reformzusammenhang fiel der Aufstand des Emirs Bedir
Khan, der eine kurdische Autonomie beanspruchte. Im Gefolge
des Berliner Kongresses 1878, der Schutz und Reformen
zugunsten der armenischen Minderheit in den Ostprovinzen in
Aussicht stellte, fand der erste von einem Scheich,
nämlich Ubeydullah geführte kurdische Aufstand mit
erstmals so etwas wie kurdisch-nationalem Anspruch statt.
Scheich Said war der letzte sunnitische Scheich, der einen
grossen Kurdenaufstand anführte, und zwar kurz nach der
Aufhebung des Kalifates 1924. Das alevitische Oberhaupt
Seyit Rıza war der letzte Kurdenführer
überhaupt, der dem konsolidierten türkischen
Nationalstaat der 1930er Jahre noch Widerstand
entgegenzusetzen vermochte. Er wurde Ende 1937 in Erzincan
erhängt. Der blutige Ethnozid im alevitischen Dersim -
der traditionell autonomen Bergregion zwischen Erzincan und
Harput/Elazı¬ -
durch eine modern gerüstete Armee dauerte noch bis im
September 1938, zwei Monate vor Atatürks Tod, an. Die
in den 1830er Jahren begonnene Binneneroberung Kurdistans
fand somit ihren Abschluss. Die Binnenkontrolle der
kurdischen Gebiete bildete seit 1923 die Hauptaufgabe der
Armee. Die osmanische Periode ethnischer Kohabitation war
damit im Osten endgültig vorbei, der kurdische
Autonomieanspruch weggewischt, die christlichen
Gemeinschaften vernichtet oder vertrieben. Durch den
Lausanner Vertrag gewann die Republik Türkei 1923 eine
triumphale diplomatische Anerkennung. Ein unitärer
Ethnonationalismus mit internationaler Ausstrahlung hatte
sich durchgesetzt.
Man kann den skizzierten Zeitraum - das “letzte
osmanische Jahrhundert” oder die “spätosmanische”
Epoche - unter dem Aspekt der Desintegration
herkömmlicher Ordnungsstrukturen betrachten. Der
desintegrative Prozess erscheint nach dem formellen Ende des
Osmanischen Reichs und der Niederlage der stark
religiös-gemeinschaftlich geprägten kurdischen
Opposition unter Scheich Said sowie Seyit Rıza als
weitgehend abgeschlossen. Fortan gab es weder Christen noch
Kurden in den Ostprovinzen, die als solche mit einer eigenen
kollektiven Identität auftreten durften; von einer
Rückkehr der Flüchtlinge konnte nicht mehr die
Rede sein und die 50 Jahre zuvor am Berliner Kongress ins
internationale Rampenlicht getretene armenische Frage war
aus der “Realpolitik” beseitigt. Desintegration
als Gegenbegriff zu Integration meint Auflösung eines
integrierten Ganzen in Teile oder soziologisch gesprochen
die Aufweichung oder Aufhebung tragender sozialer Strukturen
und Netze. Es gab zwar weder in den östlichen noch in
den übrigen Teilen des Osmanischen Reichs je ein
harmonisch integriertes soziales Ganzes. Verglichen mit den
zwei Jahrhunderten zuvor, manifestierten die letzten
Jahrzehnte des Osmanischen Reichs allerdings eine frappante
Desintegration, verbunden mit dem Versuch einer forcierten
Neuintegration. Diese stand im zweiten Drittel des 19.
Jahrhunderts unter dem Zeichen der Zentralisierung;
Abdulhamid ergänzte sie mit dem Merkmal der
Sunnitisierung, die Jungtürken mit demjenigen der
Türkisierung. Die “soziale Desintegration”
lässt sich in den Ostprovinzen mit Bestimmtheit nicht
in erster Linie als “Reaktion auf die ökonomische
Expansion des Westens” erklären. [5]
Sie hatte ihren Ursprung in inneren, meist indirekt mit
europäischen Einflüssen verflochtenen
Umbrüchen.
Die herkömmliche Herrschaftsordnung war
in den Ostprovinzen von lokalen Herren wie Agha, Bey und
Emir, deren oberste Hierarchiestufe direkt dem Sultan
unterstand, geprägt gewesen. Die gewaltsam
eingeführten Massnahmen Mahmuds und der Tanzimat
zerstörten diese Ordnung grösstenteils, aber ohne
die geplante, moderne muslimische Neuordnung aufzurichten.
In den hauptsächlich von Kurden und Armeniern
besiedelten ländlichen Teilen der östlichen
Provinzen gab es nie ein funktionierendes Millet-System wie
in der Hauptstadt, wohl aber einen gewissen Modus vivendi
mit gegenseitiger Anerkennung bei klaren hierarchischen
Verhältnissen. Dies dauerte so lange, wie die Kurden
ihre autonomen Herrschaftsbereiche hatten und sich die
nichtmuslimischen Schutzbefohlenen [6]
ihre lokale Protektion mit gewohnheitsrechtlichen Abgaben
erwarben. Der Staat der Tanzimat verlangte Steuern, ohne die
geplanten zentralistischen Strukturen zum Funktionieren und
die Lokalherren zum Schweigen zu bringen. Daraus resultierte
faktisch eine Doppelbesteuerung durch Staat und Lokalherren.
Mit der Niederlage gegen Russland auf dem Boden der
Ostprovinzen verlor die Pforte vorübergehend fast
gänzlich die Kontrolle wie auch die
Glaubwürdigkeit in jenem Raum. Die mit den Tanzimat
begonnene, vom Staat geprägte oder mitgeprägte
Auflösung und versuchsweise Neuformulierung der
sozialen Ordnungen und Lebenswelten in den Ostprovinzen
dauerte in direkter Linie bis in die Zeit der
türkischen Republik an. Der Desintegrationsprozess der “Osttürkei”
ist bis heute insofern nicht abgeschlossen, als die
Auflösung jener dörflichen Welt weitergegangen
ist, ohne eine brauchbare Neuformulierung zu erfahren, auch
nicht durch die Urbanisierung seit den 1960er Jahren. Mit
der Zerstreuung der Bewohner via Migration, Flucht oder
Deportation hat er in den 1990er Jahren einen Höhepunkt
erreicht. Betroffen davon sind die Kurden, aber auch Reste
christlicher Gemeinschaften, insbesondere
Süryani. [7] Dass
in der östlichen Grenzregion ein seit Anbeginn der
osmanischen Herrschaft Anfang des 16. Jahrhunderts fragiles
soziales Gebilde auseinanderfiel, ist wenig
überraschend. Es ist allerdings erschütternd, dass
dieser Prozess die systematische, auch physische
Eliminierung eines bedeutenden gesellschaftlichen Elementes
mit sich brachte. Es ist zudem verhängnisvoll, dass die
Ausübung solcher Gewalt triumphalistisch gerechtfertigt
und damit der Boden für weitere Gewalt bereitet wurde.
Ebenso wichtig wie die Frage nach den Faktoren - und Machern
- der damaligen ethnischen Umkrempelung unter
sozialdarwinistischen Vorzeichen scheint die Frage nach dem
langfristigen Ablauf und den Entwicklungsalternativen. Es
mag sinnvoll sein, die verpassten Möglichkeiten zu
reflektieren.
Man kann unser Thema unter dem Aspekt einer
gesellschaftlichen Identitätskrise betrachten. Vom 16.
bis Anfang 19. Jahrhundert herrschten in Anatolien
vergleichsweise klare gesellschaftliche Verhältnisse
unter einem Sultan, der sich als Nachfolger sowohl von
Byzanz als auch der Kalifenreiche verstand und als
unanfechtbarer Souverän fast aller Gruppen galt. Die
Macht-, Hierarchie- und Identitätsfrage stellte sich
nicht (mehr) - entweder war man sunnitischer Muslim,
unwichtig ob Türke, Kurde oder Konvertit, und damit
Mitglied der herrschenden Grossgruppe (Ümmet) oder man
galt als “Schutzbefohlener” und damit
Angehöriger einer anerkannten Millet. Am
ungeschütztesten war man indes als Mitglied einer
heterodoxen Minorität, die keinen Millet-Status genoss
und ein marginales Dasein oft in abgelegenen Gegenden
fristete, wie die Kızılbas
und die Yeziden. Das letzte osmanische Jahrhundert war im
Osten durch eine innere kurdische Krise und eine armenische
Frage gekennzeichnet, die beide mit den Tanzimat in
Erscheinung traten. In der Krise des ethnischen und sozialen
Gefüges traten neue Akteure auf, die ordnend und
identitätsstiftend eingriffen: einerseits die
religiösen Scheiche als stammesübergreifende
kurdische Führungspersönlichkeiten anstelle der
entmachteten weltlichen Emire und andererseits die
christlichen Missionen. Diese traten mit dem “verrückten”
religiösen Anspruch der Vermittlung einer neuen
Identität auf und brachten andere soziale Muster, neue
Rollenzuteilungen und neue Erwerbs- und Prestigequellen, vor
allem für die Angehörigen der christlichen
Minoritäten. Ganz besonders galt dies für die
Frauen und Mädchen, die ab 1900 über die
Hälfte der Schülerschaft an den Missionsschulen
ausmachten. In Ateliers und Manufakturen und dank
Absatzmärkten, welche die Missionen für
ausgewählte handwerkliche Produkte organisierten,
konnten sie Geld verdienen. In diesem
Veränderungsprozess spielten die Millets mit dem
Ausbau ihres eigenen Schulwesens und ihrer Politisierung
selbst eine wichtige Rolle, was in der Gründung
armenischer revolutionärer Bewegungen einen radikalen
Ausdruck fand.
Unser Thema beinhaltet auch den Aspekt der
Internationalisierung eines innerstaatlichen Problems. Im
Laufe des 19. Jahrhunderts brach das Vielvölkersystem
an allen Enden des Reichs auf. In den Ostprovinzen gab es
anarchische Zustände mit schweren
Menschenrechtsverstössen. Die Frage einer
internationalen Intervention oder gar eines Protektorates
stellte sich. Wie in den 1990er Jahren auf dem Balkan war
sie auf diplomatischer Ebene von den Interessen der
beteiligten Mächte nicht zu trennen, wobei aber das
heutige supranationale Instrumentarium auch nicht
annähernd zur Verfügung stand. In der
türkischen beziehungsweise der von ihr inspirierten
Historiographie wird der Reichszerfall oft als Folge
europäischer Machenschaften dargestellt (“Komplotttheorie”).
Dies mag für den Balkan im 19. Jahrhundert ein gutes
Stück weit zutreffen, im kurdischen Osten hingegen war
es der Staat selbst, der die bisher autonomen kurdischen
Fürstentümer zerschlug, ohne dass es ihm gelang,
eine funktionierende Ordnung aufzubauen. Zu jener Zeit, in
den 1830er Jahren, drangen dort die ersten protestantischen
Missionare ein, die mit ihren Interaktionen, Beobachtungen
und Aktivitäten im Zentrum dieser Arbeit stehen.
Mit der armenischen Frage, die am Berliner
Kongress nicht zuletzt dank den Missionaren eine
internationale Öffentlichkeit fand, wäre es
inhaltlich auch um die vom Westen erst später
formulierte kurdische Frage sowie um die noch weniger
wahrgenommene alevitische Problematik gegangen. Alle drei
Fragen standen in einem wesentlichen sachlichen
Zusammenhang: Es waren ethnisch und religiös
formulierbare Loyalitätskonflikte mit dem Zentralstaat,
die in den Ostprovinzen um Probleme des Zusammenlebens,
regionaler Autonomien, der Einordnung in den zu
reformierenden übergeordneten Staat, der Abgaben sowie
der lokalen Herrschafts- und Besitzverhältnisse
kreisten. Kollektive ethnisch-religiöse
Gleichberechtigung war das Postulat, das seit Beginn der
osmanischen Reformzeit erst die Armenier und in verhaltener
Weise die Aleviten, später auch die in ihrer Mehrheit
sunnitischen Kurden einforderten. Seit den Tanzimat, deren
Ehrgeiz auch im Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen lag,
führten sowohl der Mangel an staatlichem
Durchsetzungsvermögen als auch die Bedrohung durch den
zentralistischen Zugriff zu Konflikten. Die drei Fragen
fanden nie eine befriedigende Kompromisslösung, sondern
wurden mit Gewalt und Zwangsmassnahmen beantwortet, die die
Regierung jeweils im opportunistischen Bündnis mit
Kräften vor Ort ausübte. Der osmanische Staat
baute seit Abdulhamid seine Macht verstärkt auf einem
türkisch-sunnitischen Kern von Administration und Heer
auf, den auch der Nationalstaat übernahm; entsprechend
waren die lokalen Allianzen der Machthaber meist auf
sunnitischer Basis. Sultan Abdulhamid reagierte auf das
Chaos in den Ostprovinzen und den aufkeimenden armenischen
Nationalismus, indem er anfangs der 1890er Jahre kurdische
Kavallerieeinheiten gründete, mit Privilegien
ausstattete und somit die Stämme wieder für die
Zentralgewalt gewann. Der islamische Staat sicherte sich so
die prinzipielle Loyalität der sunnitischen Kurden bis
zur Abschaffung des Kalifates 1924. Während die
armenisch-kurdische Frage die Armenier und die sunnitischen
Kurden bis 1924 meist entzweite - die Armenier und die
Aleviten schon viel weniger -, kam es in seltenen Momenten
zu einer partiellen Übereinstimmung der Interessen von
Mitgliedern der drei Gruppen, ohne dass diese sich jedoch
genügend organisieren und gegen die Zentralmacht
durchsetzen konnten. Dies war beim Aufstand in der
Koçgiri-Dersim-Region von 1919 bis 1921 der Fall. Die
kurdische Frage nahm sukzessive die internationalen
politischen Dimensionen an, die sie heute hat, nachdem die
armenische Frage mit dem Völkermord von 1915 und der
Nachkriegsentwicklung realpolitisch und vom diplomatischen
Parkett verschwunden war. Die alevitische Frage ihrerseits
blieb ein erstrangiges internes Thema des türkischen
Nationalstaates, das - obgleich schon durch die damalige
missionarische Berichterstattung reichlich abgedeckt - erst
seit den 1980er Jahren dank der Präsenz alevitischer
Emigranten in Europa ausländisches Interesse weckt.
Thesen
Folgende als Thesen formulierte
Fragestellungen liegen der vorliegenden Arbeit zugrunde. Sie
werden in der Konklusion nochmals explizit zur Sprache
kommen.
1. Destabilisierung und Desintegration: Das
Zusammenleben in den Ostprovinzen erfuhr nach der
Zerschlagung der kurdischen Fürstentümer keine
zukunftsweisende und tragfähige Neugestaltung. Die
forcierten Integrationsversuche des Zentralstaates - ob in
den Tanzimat, der hamidischen, unionistischen oder
kemalistischen Türkei - scheiterten insgesamt. Anstatt
zu einer wirtschaftlich und sozial funktionierenden
integrierten Grossregion wurde das armenisch-kurdische
Siedlungsgebiet eine in weiten Teilen kriegsversehrte,
entvölkerte und wirtschaftlich nicht mehr
lebensfähige Besatzungszone. In ihr wurden
ökonomische Ressourcen nach politisch-ideologischen
Gesichtspunkten des Einheitsstaates verteilt. Es konnte
insgesamt weder eine befriedigende wirtschaftliche noch
kulturelle Entfaltung stattfinden.
2. Verknüpftheit der armenischen,
kurdischen und alevitischen Frage: Diese drei Fragen waren
durch eine konflikthafte Beziehung zum Zentralstaat, der im
letzten osmanischen Jahrhundert sein Selbstverständnis
neu formulierte, geprägt. Bei allen drei schwangen
schwere Probleme des interethnischen Zusammenlebens mit, die
eine solidarische Konfliktlösung unter den beteiligten
Gruppen vor Ort verunmöglichten. Anstatt als
vermittelnder und schlichtender Schiedsrichter aufzutreten,
wahrte der Staat seine Macht in Bündnissen mit meist
sunnitischen Lokalherren, wodurch sich die internethnischen
Konflikte verschärften. Die drei Fragen wurden von
staatlicher Seite nicht in dialogischer und partizipativer
Weise, sondern mit Zwang und Gewalt beantwortet.
3. Protestantismusdynamik: Die
protestantischen Missionen, allen voran die amerikanische,
entfalteten sich in den Ostprovinzen besser, entwickelten
ein vielschichtigeres lokales Sozialnetz und hatten eine
kräftigere regionale Resonanz als die von Abdulhamid
vergleichsweise favorisierten, betont staatsloyalen
katholischen Missionen. Rückenstärkung bot den
protestantischen Missionen sowohl die dynamische,
internationalistische Protestantismusbewegung, die
Vorläuferin der institutionalisierten Ökumene, als
auch die Verbindung zu den “protestantischen
Grossmächten”. Jahrzehnte vor den russischen
Narodniki und fast ein Jahrhundert vor der
türkischen Republik praktizierten amerikanische
Missionarinnen und Missionare erfolgreich den edukativen
Gang in die Dörfer, Berge und Kleinstädte der
Ostprovinzen. Diese lokale Arbeit hatte eine starke
Ausstrahlungskraft auf die verschiedenen ethnischen
Gemeinschaften und trug zur “nationalen Renaissance”
der Armenier, der Süryani und ansatzweise auch der
Aleviten bei.
4. Sympathiebeziehung zwischen Aleviten und
Protestanten: Die protestantische amerikanische Mission, das
ABCFM, [8] begann in den
1850er Jahren eine dauerhafte Beziehung mit der heterodoxen,
nominell muslimischen alevitischen Gemeinschaft zu
knüpfen. Diese pflegte in den Ostprovinzen
traditionellerweise einen näheren Umgang mit den
Christen als mit den Sunniten. Sie nahm den Protestantismus
als einen mit ihren Glaubeninshalten kompatiblen Weg aus
ihrer zivilisatorischen Rückständigkeit und
jahrhundertealten gesellschaftlichen Diskriminiertheit wahr.
Den Staat irritierte die Sympathiebeziehung zwischen
Protestantismus und Alevismus zutiefst. Er verhinderte den
von den Aleviten gewünschten Aufbau von Missionsschulen
in ihren Dörfern. Er fürchtete, dass die Aleviten
im Rahmen der internationalen Reformbemühungen um die
Ostprovinzen die armenischen Anliegen
unterstützten.
5. Mission als Modernisierungsfaktor: In den
Ostprovinzen begegneten sich zwei verschieden gelagerte
Paradigmata von Zivilisation und Fortschritt: dasjenige der
Missionen, insbesondere des ABCFM, das sich durch Schulen,
Spitäler und neue wirtschaftliche Initiativen wie den
Aufbau von Manufakturen, die Modernisierung regionaler
Produktionen und die Schaffung internationaler
Verteilkanäle hervortat, und dasjenige des Staates, das
vor allem durch eine zentralisierte Administration, ein
modern ausgerüstetes Heer mit allgemeiner Dienstpflicht
und durch Steuerforderungen in Erscheinung trat. Diese
beiden Paradigmata standen in einer scharfen
geistig-religiösen Konkurrenz, da die missionarische
Präsenz für Muslime die westliche Infragestellung
islamischer Herrschaft und Kultur darstellte. Die
grösste ethnische Gruppe in den Ostprovinzen, die
Kurden, konnte sich weder mit dem einen - aus
religiösen Gründen - noch dem anderen Modell -
wegen der Zerschlagung der kurdischen Autonomien -
identifizieren. Ihr Widerstand hatte daher oft eine “reaktionäre”,
religiös-konservative Erscheinungsform.
6. Von der christlich-minderheitlichen zur
pluralistisch-zivilgesellschaftlichen Ausrichtung: Die
Missionen trugen insgesamt zur Aufwertung der
Nicht-Ümmet-Gruppen - Millets oder
Nicht-Millet-Kollektive wie die Aleviten - und zur sozialen,
ökonomischen und symbolischen Abwertung der Ümmet
bei. Im universalen eschatologischen Geschichtsbild der
meisten Missionen hatte der Islam den Stellenwert eines zu
überwindenden “Hindernisses”, nicht eines
konstruktiv integrierbaren Bestandteiles. Allerdings
löste sich das ABCFM sukzessive von seiner fast
ausschliesslichen Orientiertheit auf die christlichen
Minderheiten und trat nach 1908 engagiert für einen
pluralistischen osmanischen Staat ein. Diese teilweise
Umorientierung schlug sich in der Missionsschulstatistik
indes erst gering durch eine höhere Zahl
muslimischer Studierender nieder. Nach 1918 favorisierten
die protestantischen Missionare eine föderale
Ordnung Kleinasiens und nahmen, wie schon in den Jahrzehnten
zuvor, gegen exklusive Nationalismen jeder Prägung
Stellung.
7. Missionarische Autonomie: Vor allem die
protestantischen Missionarinnen und Missionare -
amerikanische, aber auch europäische - schufen sich im
spätosmanischen Kleinasien einen autonomen Raum mit
erfolgreichen Institutionen und einem eigenen, dichten
sozialen Netz. Sie waren nichtstaatliche Unternehmen mit
einer starken “Philosophie” und erstrebten
möglichst günstige - liberale - Rahmenbedingungen
für den Aufbau ihrer Dienstleistungen; nur im
Krisenfall suchten sie staatliche Unterstützung.
Ebensowenig wie die kurdischen Scheiche oder die
alevitischen dede einheitlich als Handlanger des
osmanischen und türkischen Staates fungierten,
können die Türkeimissionare pauschal als “Imperialismusgehilfen”
verstanden werden.
Hinweise zu
Methodik und Quellen
Die Missionen als Beobachterinnen und
Akteurinnen, als Innovatorinnen, Friedensarbeiterinnen und
Störenfriede stehen also im Zentrum dieser Studie.
Nicht so sehr ihre innere Entwicklung, sondern die Beziehung
und der Blick nach aussen sind die Themen. Dabei dienen die
Missionen mit ihren Quellen nicht rein instrumental zur
Erschliessung von Regionalgeschichte, sondern sollen als
Teil derselben zur Geltung gelangen. Die vorliegende
Arbeit verbindet die Betrachtung einer vergleichsweise
langen Dauer mit einem mikrogeschichtlichen Ansatz und einer
diplomatiegeschichtlichen Periodisierung. Einerseits ging es
mir darum, eine Rahmendarstellung der Gesamtentwicklung
jener Grossregion im letzten osmanischen Jahrhundert zu
liefern, wenngleich in einer eingeschränkten
Perspektive: nämlich nur soweit sie in Interdependenz
mit der gut fassbaren missionarischen Präsenz stand.
Andererseits fokussiere ich immer wieder ausgewählte
Schauplätze, die die Region beispielhaft abstecken:
Harput in der Mitte, Van ganz im Osten, Urfa im
Südwesten. Die Bevölkerung dieser Zentren und
ihrer Umgebung war im wesentlichen
türkisch-kurdisch-armenisch gemischt, in Urfa und im
Süden der Provinz Van gab es auch zahlreiche
Süryani. In jedem dieser drei Zentren waren katholische
und protestantische Missionen aus verschiedenen
Ländern tätig. Auf diesen provinziellen
Schauplätzen wurde der Zusammenprall mentaler Welten,
der Zusammenhang von hoher Politik und alltäglichem
Zusammenleben konkret ablesbar. So beschreibe ich den Alltag
in einer Missionsklinik, das soziale Netz darum herum,
Interaktionen und prägnante Szenen: zum Beispiel wie
ein Missionar auf den Strassen Urfas den Sohn eines Obersten
Mores lehren wollte und dann zusammengeprügelt wurde,
wie Christen und Nichtchristen im Juli 1908 sich auf den
Strassen der Stadt in die Arme fielen und gemeinsam beteten
oder wie landlose Bauern Protesttelegramme aufgaben. Nicht
nur Harput, Van und Urfa kommen in diesem Buch zur Sprache.
Bei diesen Schauplätzen soll jedoch der rote Faden von
den staatlichen und missionarischen
Durchdringungsbemühungen der Tanzimat, dem
traumatischen russisch-türkischen Krieg von 1877/78 bis
hin zu den Pogromen der 1890er Jahre, dem Aufbruch von 1908,
der Katastrophe des Weltkriegs und den
Neuordnungsbemühungen danach ortsspezifisch
durchgezogen werden.
Mit der vorliegenden Arbeit habe ich mich
bemüht, den religiös, konfessionell, national oder
kulturell eingeschränkten Forschungsansatz zu
überwinden und eine historisch-kritische Position
einzunehmen, ohne mich indes einem Relativismus
der Werte hinzugeben. Die Arbeit will eine
differenzierte Wahrnehmung und Beurteilung der politischen,
sozialen, ethnischen und religiösen Verhältnisse,
Begebenheiten und Ansprüche im abgesteckten Raum
leisten. Der abendländische Filter hat in der
Historiographie des Orients eine lange Tradition. Ihn zu
hinterfragen bedeutet, bewusst auch muslimische -
türkische, kurdische, sunnitische und alevitische -
Sichtweisen geltend zu machen. Allerdings nie zum Preise
relativistischer Beliebigkeit.
Ein grosser Vorteil des gewählten
Themas, aber auch eine schwierige Herausforderung war der
Reichtum des Quellenmaterials, das mir zur Verfügung
stand. Der Übersicht halber möchte ich von drei
Quellengruppen sprechen: 1. die missionarischen Quellen; 2.
die staatlichen Quellen (osmanische, amerikanische,
englische, französische, deutsche, italienische,
österreichische und schweizerische); 3. die lokalen und
minderheitlichen Quellen (zum Beispiel veröffentlichte
Zeugnisse und autobiographische Texte von Bewohnern der
Ostprovinzen). Dokumente aller drei Gruppen sind für
die vorliegende Arbeit herangezogen worden. Wenn auch die
missionarischen klar im Mittelpunkt stehen, ist die
Verknüpfung der drei Quellengruppen ein wichtiger
methodischer Aspekt dieser Arbeit. Was die orientalischen
Sprachen angeht, beschränkt sich meine Kompetenz
allerdings im wesentlichen auf das Osmanische und das
Türkische. Eine wichtige Quelle für die
Betrachtung der Schauplätze Harput, Van und Urfa
stellen die vor allem in den letzten Jahren in englischer
Übersetzung herausgekommenen Werke armenischer
Zeitzeugen dar. Besonders reichhaltig sind diejenigen
für die Region Harput, sehr wichtig aber auch die zu
Van und Urfa. Sie geben vielfältige Einblicke in die
Lebenswelt der armenischen Gemeinschaft und ihre
Konfrontation mit der Katastrophe; sie werfen auch Lichter
auf die Gedankenwelt der armenischen Revolutionäre,
ihre lokale Einbindung und Methoden. [9]
Dieses Buch räumt Fotografien aus
missionarischen Beständen einen wesentlichen Platz ein.
Fotografien aus den Ostprovinzen sind aussagekräftige,
noch kaum ausgewertete Quellen, die aus der Relation von
Personen, Objekten und Ort, der Bekleidung, Gestik, Haltung
und Wahl des Ausschnittes wichtige Hinweise auf das
Abgebildete und die Abbildenden liefern. Sie sollen durchaus
als “Illustration”, aber auch als dichte
Informationsträger zur Geltung kommen. Im letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts hielt die Fotografie als
das herausragend moderne Medium zum Zwecke von
Dokumentation, Kommunikation und Selbstdarstellung seinen
Einzug auch im Osmanischen Reich. Schon die hamidische und
ganz besonders die jungtürkische Polizei setzte stark
auf fotografische Spurensicherung, um Anklagen gegen
unliebsame Elemente bildlich zu untermauern. Den
ambitiösen Provinzbehörden lag viel daran, ihren
Vorgesetzten in der Hauptstadt solch “unumstössliche”
Beweise ihrer antirevolutionären Effizienz zuzusenden.
Nicht nur in diesem Zusammenhang gab es viele “gestellte”
Fotografien. Seit den 1880er Jahren versah der Missionary
Herald, das Organ der amerikanischen Türkeimission
(ABCFM), seine monatlichen Ausgaben bereits
routinemässig mit Fotos, auch mit solchen aus den
Ostprovinzen. Die Missionare begannen fotografische
Postkartenserien mit Sujets von ihren Missionsstationen
herauszugeben: attraktive Darstellungen der eigenen Arbeit
zuhanden des Heimatpublikums. Abdulhamid seinerseits
beauftragte die berühmten Fotografen Abdullah
Frères aus Istanbul damit, nach genauen Vorgaben
ein Fotoalbum zur imperialen Selbstdarstellung
auszuarbeiten, von dem der Sultan 1893 und 1894 als Geschenk
je ein Exemplar an so prominente Dokumentationszentren wie
die Library of Congress und das British Museum
sandte. Darin war die zivilisatorische Leistung des
hamidischen Staates in Form tadelloser Fotografien von
berühmten Moscheen, Militär- und
Industriekomplexen, Schulgebäuden, Ställen und
Yachten dargestellt. Während das fotografische
Zurschaustellen zivilisatorischer Leistungen sowohl beim
Staat als auch bei den Missionen gang und gäbe war,
finden sich in verstaubten oder leider oft feuchten
Missionsdepots auch eine Menge von Bildern, die
alltägliche Szenen auf der Missionsstation, in der
Stadt, im Dorf oder auf Reisen zeigen, gerade auch aus den
Ostprovinzen. Zur abbildungswürdigen “Alltäglichkeit”
gehörten bei Organisationen, die sich als Helferinnen
verstanden, auch Armut und Not. Eine fotografische
Ausrüstung mit Labor scheint auch für entlegene
Missionsstationen seit Beginn des Jahrhunderts eine
Selbstverständlichkeit gewesen zu sein. [10]
Bei der Auswahl und Darstellung der Abbildungen in dieser
Arbeit lasse ich mich von drei Kriterien leiten: Erstens von
der Verknüpfung, die sich mit dem Text
meiner Arbeit ergibt, in bestätigender,
ergänzender und - Hauptmerkmal des Bildes -
verdichtender Weise. Zweitens von der Verknüpfung der
Abbildungen untereinander, die eine Art gesondert lesbares “kritisches
Fotoalbum” bilden; die Legende soll neben informativer
Sehhilfe eine historische Blickweise zum Ausdruck bringen.
Drittens von der fotografischen Qualität.
Bei der Fülle des Quellenmaterials ist
nicht nur bei den Fotografien die Auswahl ein zentraler
Aspekt. Die Auswahl ergab sich einerseits durch die
bereits angesprochene Konzentration auf wenige
Schauplätze, andererseits durch den inhaltlichen
Blickwinkel, der sich mehr auf die interaktiven als die
organisatorischen Vorgänge richtet. Im Sinne der
Konzentration meiner Kräfte habe ich mich zudem
entschieden, die in diesem Fachbereich bisher am
häufigsten verwendete Quellensorte, die britischen und
französischen diplomatischen Quellen, nur in
publizierter Form einzusehen. Es sei zudem darauf
hingewiesen, dass in den Missionsarchiven bedeutende
diplomatische Akten oder Aktenkopien vorhanden sind.
Die meisten Missionen und viele Missionare
haben viel geschrieben und publiziert, einen Grossteil davon
in kirchlichen oder Missionszeitschriften, einiges auch in
Monographien oder autobiographischen Schriften. Den
Periodika ist eine konfessionelle und meist auch nationale
Ausrichtung eigen; die ausgewählten Berichte vom
Missionsfeld und die editorische Umrahmung bezwecken die
Rechtfertigung des Werkes vor seinem Trägerkreis, den
Spendenaufruf und die Gewinnung neuer Interessenten.
Abgesehen von diesen Gemeinsamkeiten gibt es viele
individuelle Unterschiede. [11]
Das Ablegen von Rechenschaft spielt auch in den anderen
Schriften eine grosse Rolle, allerdings richten diese sich
oft an ein wesentlich erweitertes Publikum. [12]
Einen Zwischenstatus zwischen Quelle und historiographischer
Aufarbeitung nehmen die zahlreichen wichtigen,
veröffentlichten oder unveröffentlichten
missionarischen Arbeiten der Zwischenkriegsjahre ein, die
einerseits die Kriegsjahre, die Vernichtung der armenischen
Gemeinschaft in ihrem Siedlungsgebiet und die Rolle der
Mission in diesen Ereignissen thematisieren und andererseits
die gesamte Missionstätigkeit seit dem 19. Jahrhundert
aus der Distanz, die der Umbruch während und nach dem
Weltkrieg geschaffen hat, reflektieren. [13]
Die missionarischen Archivbestände sind reichhaltig. In
hohem Mass stütze ich mich auf bisher nicht
verwendetes Material. Die Bestände des ABCFM sind
besonders ausgedehnt und gut zugänglich; sie befinden
sich zum grössten Teil in Boston. Über gute, wenn
auch weniger umfangreiche Archivbestände verfügt
die Jesuitenmission in Paris sowie die Kapuzinermission in
Rom. Auch im Archiv des Vatikans finden sich viele
Dokumente; ich selbst habe dort nicht gearbeitet. Seit
kurzem sieht die Archivsituation für die Deutsche
Orientmission gut aus: Prof. Hermann Goltz und sein Team in
Halle haben das Johannes Lepsius-Archiv aufgearbeitet und
einen Katalog herausgebracht. [14]
Ich durfte dankenswerterweise noch vor Eröffnung des
Archivs Einblick in das Material nehmen. Das
Hülfsbund-Archiv sieht karger aus, ist aber gleichwohl
lohnend, besonders wegen der Zeitschriften und der
Fotografien. [15]
Die Missionarinnen und Missionare besassen
neben der erforderlichen Schreibgewandtheit eine viel
längere Erfahrung vor Ort und einen intimeren Umgang
mit Region und Leuten als die meisten westlichen Konsuln und
Reisenden oder als die osmanischen Beamten, die ständig
ausgewechselt wurden. Der türkische Historiker Uygur
Kocaba so glu
hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die amerikanischen
Missionare Anatolien damals gut kannten, während die
osmanischen beziehungsweise jungtürkischen
Intellektuellen Anatolien “voll Verwunderung”
erst im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zu entdecken
begannen. “Da sie [die Missionare] es
gut kannten, wussten sie wahrscheinlich auch sehr viel
besser als die osmanischen Beamten über die Werte,
Verhaltensweisen, Sehnsüchte, Vorurteile und
Erwartungen der verschiedenen ethnischen Gruppen und
sozialen Schichten Bescheid.” [16]
Der missionarische Blickwinkel war näher beim Alltag,
orientierte sich mehr an den Sorgen, Nöten und
Sehnsüchten der Menschen. Diese Aspekte waren Teil des
Kodes missionarischer Mitteilungen. Zwar ist der
politische und wirtschaftliche Informationswert
konsularischer Berichte meist hoch, was sie für eine
umfassende Geschichtsschreibung zu Recht unentbehrlich
macht. Aber das professionelle Faktensammeln liess
systematisch oft höchst relevante alltägliche,
mentale und religiöse Bereiche aus oder reduzierte sie
auf das, was damalige Grossmächte
als vermerkenswert vorschrieben.
Insbesondere enthalten die Missionsarchive
eine Fülle von Primärmaterial zum armenischen
Völkermord, demjenigen Genozid, der historisch und
politisch unaufgearbeitet und damit um so paradigmatischer
das ganze 20. Jahrhundert überschattet. Die Missionen
waren mit der Opfergemeinschaft zusammen Trägerinnen
eines Augenzeugenwissens, das seit dem Vertrag von Lausanne
nicht nur in der Diplomatie, sondern auch in der
Historiographie an den Rand gedrängt wurde. Für
einen weiterführenden Zugang zum stark polarisierten
Thema des Völkermordes ist eine Quellenbasis, die
dichte lokale Beschreibungen erlaubt, wichtig. Nur so lassen
sich die verschiedenen Ebenen von Wahrnehmung fassen, die
Diskrepanz zum Beispiel zwischen einerseits der
Verwaltungsoberfläche, wie sie in den
zahlreichen Telegrammen des Innenministeriums im
Zusammenhang mit der Ausführung der Deportationen
erscheint, und andererseits der erlebten Realität vor
Ort, lesbar in missionarischen Augenzeugenberichten oder
autobiographischen Zeugnissen. So habe ich mehrere 100
Telegramme des osmanischen Innenministeriums der Jahre
1915/16 erfasst. Es handelt sich um die Originale der
Verwaltung, oft mit der Unterschrift Talaats, des
Innenministers, die danach für den Versand chiffriert
wurden. Manche Telegramme wurden nach Urfa gesandt. Diese
Stadt war damals Knotenpunkt der Deportiertenkarawanen und
Schauplatz systematischer ethnischer Säuberungen bisher
unbekannten Ausmasses, denen auch Urfas alteingesessene
armenische Bevölkerung zum Opfer fiel. Ich habe
für die Beschreibung jener Monate verschiedene
missionarische Augenzeugenberichte beigezogen: diejenigen
des Schweizers Jakob Künzler, der deutschen
Gebrüder Eckart, des Amerikaners Francis Leslie und der
Urfa-Franziskanerinnen. Des weiteren stütze ich mich
auf den autobiographischen Bericht Ephraim Jernazians,
damals Übersetzer beim Kriegsgericht. Meine ganze
Arbeit bedingt eine vergleichende Leseweise, ein
mehrschichtiges Verständnis und eine kritische
Entschlüsselung der verschiedenartigen Quellen. Die
Analysen dienen dazu, wechselnde Bilder zu entwerfen, welche
regionale Situationen abbilden, Entwicklungen sichtbar
machen und Licht auf grössere Zusammenhänge
werfen. Bei aller Konzentration und Einschränkung kann
es sich dabei nur um Einblicke handeln.
Ostprovinzenprobleme
in der historiographischen Literatur
Das missionarische Netzwerk in den
spätosmanischen Ostprovinzen ist noch nie Gegenstand
einer eingehenden Untersuchung geworden. Entsprechend blieb
die Betrachtung seiner Wechselwirkung mit Staatsmächten
und Ethnien bisher recht oberflächlich. Überhaupt
ist das Studium der Missionen in der osmanischen Türkei
noch nicht weit fortgeschritten. Die westliche Bearbeitung
der dortigen missionarischen Vergangenheit hat sich bisher
vor allem im missionsinternen [17]
oder konfessionell und national gebundenen Rahmen
abgespielt. [18] Die
missionsgeschichtlichen Übersichtsdarstellungen gehen
pauschal, wenn überhaupt, auf das osmanische Anatolien
ein, während
renommierte moderne Standardwerke zur türkischen oder
nahöstlichen Geschichte das Missionswesen kaum
erwähnen. [19]
Joseph Grabill hat einen wertvollen Beitrag zum Thema in
seiner vollen chronologischen Tiefe geleistet, wobei er sich
auf eine profunde, aber ausschliessliche Kenntnis des
amerikanischen Materials stützte. Weniger tief reichte
seine Vertrautheit mit den lokalen Verhältnissen,
weswegen manche seiner Schlüsse undifferenziert
sind. [20]
Jeremy Salt, der sich ausgiebig mit der Rolle der Missionen
in der armenischen Frage beschäftigte, studierte sie
hauptsächlich aus den westlichen diplomatischen
Quellen. Der Hauptmangel seines Ansatzes liegt im Bestreben,
den einseitigen westlichen oder proarmenischen
historischen Blickwinkel so zu korrigieren, dass er
systematisch die Darstellung von Ereignissen relativiert,
die das Verhalten der muslimischen Seite in ein
ungünstiges Licht rücken. Ein solcher Ansatz, der
dem Ausgleich zuliebe bei jedem Schritt auf beiden
Seiten Schuldige sucht, ist ungeeignet, Pogrome zu
ergründen. [21]
Es gibt eine grosse Anzahl armenischer und
exilarmenischer Arbeiten zur armenischen Frage, ganz
abgesehen von den zahlreichen autobiographischen Schriften
und Erinnerungsbänden. Mein Mangel an
Armenischkenntnissen schränkte deren Betrachtung
wesentlich ein. Am wertvollsten waren für mich
diejenigen historischen Beiträge, die dank reicher
Abstützung auf die mir unzugänglichen armenischen
Quellen einen differenzierten Blick auf die armenische
Gesellschaft und ihre Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert
warfen. Ich denke insbesondere an die Arbeiten von Anahide
Ter Minassian. In den in westlichen Sprachen
zugänglichen Werken der armenischen Historiographie
vermischt sich oft Erinnerung mit Anklage, daher liegt ihre
Stärke selten in distanzierter Kritik und
Abwägung. Das Augenmerk liegt auf den Armeniern und
nimmt oft nicht Rücksicht auf die ethnische Einbettung
in den Ostprovinzen. [22]
Die Arbeiten von Vahakn Dadrian sind meisterhafte
Standardwerke über die osmanisch-armenische Geschichte
der letzten osmanischen Jahrzehnte und eine Fundgrube
für Informationen und Anregungen. Dadrian legt indes
seinen ganzen historiographischen Duktus auf die
Erklärung eines staatlich geplanten und zu
verantwortenden Genozids an, was der nüancierten
Interpretation lokaler Kräftespiele oder etwa auch
der Frage deutscher Mithelferschaft nicht immer
zuträglich ist. [23]
Was die russischsprachige Produktion betrifft, konnte ich
mich nur mit übersetzten Werken befassen.
Tatsächlich wäre die russischsprachige Literatur
und vor allem die Quellen, die sie heranzieht, eine sehr
eingehende Untersuchung wert. [24]
Die relativ wenigen türkischen
Arbeiten, die sich historisch mit den Missionen im eigenen
Lande beschäftigen, blenden das kritischste letzte
Jahrzehnt weitgehend aus, indem sie sich auf die Zeit vor
1914 oder nach 1923 beschränken. [25]
Mission in den Ostprovinzen scheint aus nachvollziehbaren
Gründen bis heute ein heikles, weitgehend
verdrängtes Thema zu sein. Trotz der differenzierteren
Betrachtungsweise jüngerer türkischer
Historikerinnen und Historiker seit den 1980er Jahren sind
heute noch alte Klischees am Werk, wovon das wichtigste
lautet: Der zersetzende ausländische Einfluss verdarb
das gerechte osmanische System. [26]
Die ironischen Distanzierungsversuche in der neuesten Arbeit
über Abdulhamid mit starkem Missionsbezug
überzeugen wohl darum nicht ganz, weil der Autor zu
offensichtlich dem hamidischen Souverän “zuzwinkert”
und wesentlichen, wirklich kritischen Fragen aus dem Wege
geht. [27] Einem
innovativen türkischen Ansatz bin ich in Form einer
Diplomarbeit von Ödül Bozkurt von der
Bo ¬aziçi-Universität
aus dem Jahre 1995 begegnet: Sie distanziert sich klar
von der bisherigen historiographischen Produktion und
untersucht die Interaktion verschiedener Faktoren im Umfeld
von Mission - allerdings in Izmir in der
frührepublikanischen Ära. [28]
Der gewaltige apologetische Aufwand, den der
türkische Staat und staatsnahe Institutionen seit den
1980er Jahren im Zusammenhang mit der Debatte um die
armenische Frage betreiben, hat zu einigen Quelleneditionen
geführt, die bei aller fragwürdigen Selektion sehr
nützlich sind. [29]
Von einer intellektuellen Konfrontation mit dem Thema,
seiner Verarbeitung oder gar Trauerarbeit kann bei diesen
Editionen, wie deren Vorworte oder Einleitungen beweisen,
kaum die Rede sein, zu sehr sind sie auf die Verteidigung
der überlieferten osmanisch-türkischen Position
fixiert, die sie - bemerkenswerterweise - als die ihrige
übernehmen. Sie machen unhaltbare Behauptungen
über die Ziele der westlichen Diplomatie, pflegen eine
völlig undifferenzierte Sichtweise der Missionen und
klammern den ganzen kurdischen Aspekt der Frage
aus. [30]
Bilâl Sim sirs
Verdienst ist immerhin neben der quelleneditorischen
Fleissarbeit, dass er das immense muslimische Leid im Balkan
thematisiert hat. [31]
Leider dienen diese Hinweise immer nur der Minimisierung des
Leides anderer, anstatt dass gemeinsame Dimensionen
wahrgenommen
werden. 37
Kâmuran Gürün vom staatlichen
Türkischen Institut für Geschichte (Türk
Tarih Kurumu) beschrieb exemplarisch für die
nationale Historiographie die Pogrome von 1895 als
Kämpfe [32]
zwischen Armeniern und Muslimen, deren stupender Ausgang das
folgerichtige Schicksal einer aufrührerischen
Gemeinschaft darstelle, die im Macht- und
Überlebenskampf unterlegen sei. Historiker wie
Sim sir
nahmen den fraglos eingeschränkten Blickwinkel der
Missionare als Argument für die Desavouierung
missionarischer Zeugnisse, anstatt die Herausforderung durch
die ebenso fraglos sehr dichte missionarische Wahrnehmung
anzunehmen, sich auf sie einzulassen und sie in ein
grösseres Ganzes zu stellen. Es macht betreten, dass
ein hochgelehrter Professor wie Mim Kemâl Öke,
der am Atatürk Ilkeleri
ve Inkilâp
Tarihi Enstitüsü der Bo gaziçi-Universität
in Istanbul einen
relativ grossen Bewegungsspielraum genoss, seine Studie zur
armenischen Frage während und nach dem Ersten Weltkrieg
ganz in den Dienst der alten jungtürkischen Behauptung
stellt, die “Umsiedlung” der Armenier sei eine
kriegsbedingte Notwendigkeit und ihre Durchführung von
humanitärer Sorge getragen gewesen - als hätte er,
entgegen der langen Quellenliste, die er am Ende seines
Werkes aufführt, einzig und allein die damaligen
Verlautbarungen des Innenministeriums gelesen. [33]
Geschichtsschreibung
im Schatten eines Völkermordes[34]
Das Studium der armenischen Frage erhielt
seit den 1960er Jahren wieder Auftrieb. Zur Aktualisierung
des Themas trug die 1973 in Los Angeles begonnene, bis 1985
andauernde Serie von Anschlägen armenischer Extremisten
gegen Vertreter des türkischen Staates massgeblich bei.
Die internationale Öffentlichkeit und der
türkische Staat mussten 50 Jahre nach dem Vertrag von
Lausanne zur Kenntnis nehmen, dass die armenische Frage
damals zwar beseitigt, aber keineswegs gelöst worden
war. Die zu Zielscheiben gewordenen türkischen
Diplomaten standen hilflos einem Phänomen
gegenüber, deren Hintergründe zu erhellen der
unitarische Geschichtsdiskurs ihres Staates nicht geeignet
war. [35] Aber auch
die internationale Öffentlichkeit hatte weitgehend
vergessen, dass ein Vierteljahrhundert vor der Vernichtung
der Juden in Europa ein vergleichbarer Völkermord in
der damals osmanischen Türkei stattgefunden hatte. In
den 1970er und 1980er Jahren erschien eine Vielzahl von
Publikationen, die einen allgemeinen Überblick
über die armenische Geschichte und Tragödie aus
der Perspektive der Opfer zu geben suchten. [36]
Im schroffen Gegensatz dazu setzte der türkische Staat
grosse finanzielle Mittel ein, um Arbeiten und
Quellenpublikationen zu fördern, welche die staatliche
Sicht formulieren und den Völkermord rundherum negieren
sollten. [37]
Überaus bemerkenswert war bei diesem Vorgehen, dass die
türkische Republik der 1980er Jahre sich sowohl die
Argumentation ihres jungtürkischen
Vorgängerregimes während des Ersten Weltkriegs als
auch diejenige des Sultans Abdulhamid in den 1890er Jahren
unverändert zu eigen machte. Die westliche
turkologische Fachwelt hielt sich konfliktscheu aus der
Frage heraus. Von einer gemeinsamen Debatte konnte
angesichts dieser Sachlage auch nicht ansatzweise die Rede
sein. Die direkte Einflussnahme der türkischen
Diplomatie auf den westlichen Wissenschaftsbetrieb ist
offenkundig und belegt. [38]
In den 1990er Jahren zeichnen sich neben
Kontinuitäten auch wesentliche Änderungen in der
wissenschaftlichen Situation ab, die mit mehreren Faktoren
zu tun haben. Mit der offiziellen Ideologie bestens
vertraute, aus der Türkei stammende Historiker haben in
substantiellen wissenschaftlichen Beiträgen das Tabu
ihres Heimatstaates gebrochen, namentlich Taner
Akçam, Fikret Adanir, Engin Deniz Akarli und Hamit
Bozarslan. [39]
Die in den letzten Jahren stark gewachsene kurdologische
Forschungstätigkeit hat zur historischen Aufarbeitung “heikler
Themen” der armenisch-kurdisch-türkischen
Geschichte beigetragen. Es gibt Anzeichen dafür, dass
in Zukunft die Ereignisse des Jahres 1915 auch in der
internationalen Türkeihistoriographie als Genozid
bewertet werden. Die bisherige opportunistische
Verdrängung operierte formal mit wissenschaftlichen
Argumenten und wünschte sich namentlich eine klarere
Beweislage auf Grund staatlich-osmanischer Quellen - ein
frommer Wunsch, wenn man bedenkt, dass der betroffene Staat,
ganz anders etwa als Deutschland, immer die Kontrolle
über seine Archive innehatte. Das Gewicht der “Indizienbeweise”,
die erfolgte Teilöffnung der osmanischen Archive, die
verfeinerten mikrohistorischen Darstellungen sowie die
genaue Kenntnis der Entwicklung der jungtürkischen
Bewegung schaffen ein Netz von Evidenzen, dem sich redliche
Wissenschaft weniger als je zuvor wird entziehen
können.
In den 1990er Jahren sind in der Forschung
Neuansätze festzustellen, denen sich auch der Autor
verpflichtet sieht. Eine kompromisslose Kritik
interessenpolitischer Standpunkte wird als elementares
geschichtswissenschaftliches Ethos vorausgesetzt, pauschale
Diffamierung religiöser oder ethnischer Kollektive
ebenso prinzipiell ausgeschlossen. Gemeinsam mit der
armenischen Geschichtsschreibung haben die Neuansätze
die uneingeschränkte Berücksichtigung der
Opferperspektive. Sie werten entsprechende Quellen
sorgfältig aus, namentlich missionarische und
diplomatische Augenzeugenberichte von Angehörigen
neutraler Staaten. Sie verknüpfen sie mit Quellen
sowohl alliierter als auch deutscher und osmanischer
Provenienz, die Staatsperspektiven darlegen. Dabei haben
diejenigen Deutschlands als des Bündnispartners der
Türkei ein besonderes Gewicht. Eine solch breite
Quellenbasis ist erst seit wenigen Jahren zugänglich
beziehungsweise erschlossen. Sie bildet die Grundlage zu
aussagekräftigen mikrohistorischen Rekonstruktionen,
welche Fragen nach lokalen Handlungsträgern, Folgen der
Kriegsmassnahmen, zentralstaatlichen Eingriffen,
Verantwortlichkeiten, Widerständen sowie
interethnischen Spannungen auf lokalhistorischem Hintergrund
nachgehen. Anders
als der Grossteil der armenischen oder US-armenischen
Geschichtsschreibung, deren Verdienste im übrigen
ausser Diskussion stehen, nehmen diese Ansätze
langfristig intentionalistische und deterministische
Konzepte nicht als unumstösslich an, vermeiden die
Tendenz zur Dämonisierung feindlicher Gruppen und zur
Mythologisierung des eigenen Erlebens. Kurzum: Sie
distanzieren sich von den klassischen Bestandteilen
nationaler Geschichtsschreibung. Sie differenzieren
Pauschalthesen wie diejenige der deutschen Mitschuld. Sie
sehen sich nicht exklusiv oder primär der armenischen
Gemeinschaft und ihrem berechtigten Anliegen nach einem
würdigen Gedenken der Opfer verpflichtet, sondern der
Erörterung und Etablierung historischer Wahrheiten,
losgelöst von der Wahrnehmung und Verteidigung von
Gruppeninteressen.
Wer die Geschichte der türkischen
Historiographie in republikanischer Zeit kennt, weiss, wie
schwer ein Paradigmawechsel im Hinblick auf den
Völkermord von 1915 anmutet. Nicht zufällig - aber
ohne zwingende Notwendigkeit - identifiziert sich die
Republik mit dem jungtürkischen Vorgängerstaat, da
es ideologisch, administrativ und personell zwischen beiden
eine weitreichende Kontinuität gab. Ein ehemaliger
Mitverantwortlicher aus dem jungtürkischen
Staatsapparat zur Zeit des Kriegsregimes, Esat Uras, hat
1951 das Werk herausgegeben, das bis heute den Diskurs
über die armenische Frage prägt. Er fungierte zur
Zeit der Herausgabe seines Buches als Mitglied der
staatlichen Kontrollinstanz für Geschichte
(Türk Tarih Kurumu). Ebenfalls zum Türk
Tarih Kurumu gehörte damals Hasan Re sid
Tankut, der den Ausbruch des Weltkriegs als Glücksfall
pries, der es der Regierung erlaubt habe, sich ein für
allemal der international vereinbarten “armenischen
Reformen” zu entledigen. [40]
Ein weiteres Hindernis bei der Aufarbeitung liegt im
rassisch überhöhten Türkentum eines
pseudowissenschaftlichen Geschichtsbildes, welches die
bisher nie widerrufenen “türkischen
Geschichtsthesen” in den 1930er Jahren mit vorwiegend
prähistorischen Argumenten begründeten. Besonders
schwerwiegend ist das verklärte Idealbild
türkischer Staatlichkeit, Macht und Gewaltausübung
in der Geschichte, das von vornherein Kritik, selbst wenn
sie konstruktiv gemeint ist, in die gefährliche
Grauzone zum Landesverrat stellt. Auch die seit den 1970er
Jahren den offiziellen Diskurs zunehmend prägende
türkisch-islamische Synthese, welche die klarer
fassbare islamische Periode der türkischen Geschichte
ins Zentrum der Identitätskonstruktion rückt, hat
nichts am Sachverhalt der Staatsverherrlichung
geändert, waren doch die Ultranationalisten die ersten,
die sich diese Synthese auf die Fahne geschrieben
hatten. [41] Eines der
grössten Hindernisse für eine Aufarbeitung und
zugleich eine ihrer grössten Chancen stellt die sowohl
historisch-analytisch als auch mental begründete
Nähe der armenischen und der kurdischen Frage dar. Eine
redliche Aufarbeitung der Vernichtung der Armenier in der
Gründungsära des heutigen türkischen Staates
hätte unausweichliche Konsequenzen für den Umgang
mit der kurdischen Sache. Rassistischen Verunglimpfungen,
wie sie bisher auch höchste Instanzen in der
pejorativen Verwendung der Bezeichnung “armenisch”
und ihrer Übertragung auf kurdische “Terroristen”
betrieben haben, würde der Boden
entzogen. Allerdings
ist im Hinblick auf eine solche Neuorientierung Skepsis
angebracht. Zu Recht bemerkte Fikret Adanır, dass die “zynische
Betrachtungsweise, welche die meisten türkischen
Beiträge zur Geschichte des armenisch-türkischen
Verhältnisses kennzeichnet, hinsichtlich einer
künftigen Umorientierung weiterhin pessimistisch stimmt”. [42]
Gliederung,
Lektürehinweise, Lücken
Die drei Teile der vorliegenden Arbeit
folgen der Chronologie und einer diplomatiegeschichtlichen
Periodisierung: Tanzimat - Abdulhamid - Junge
Türkei. [43]
Innerhalb der Teile stehen die thematischen Aspekte von
Mission, Ethnie und Staat im Vordergrund, nach welchen sich
die Kapitel richten. Zu jedem Hauptkapitel gehört eine
eingehende Betrachtung der Schauplätze. An diese
schliesst, noch vor dem “Fotoalbum”, die
teilspezifische Bilanz an. Sie ist eine interpretierende
Rückschau, während der “Vorspann” je
zu Beginn der Teile und der Kapitel eine orientierende
Kapitelvorschau anbietet. Der Anhang bietet eine Auswahl von
Dokumenten und Zahlenmaterial, namentlich auch der
jesuitischen Armenienmission, über welche es bisher
keine Veröffentlichungen gibt. Die Bibliographie
verzichtet auf eine Einteilung der Bücher und Artikel
in verschiedene Kategorien zugunsten einer einzigen
alphabetischen Liste, um das Auffinden der Titel zu
erleichtern, die in den Referenzen jeweils bloss mit
Autorennamen und Erscheinungsdatum figurieren. Bei Werken
ohne namentlichen Herausgeber wird der gekürzte Titel
vor die Jahreszahl gesetzt. Das Glossar ist als einfache
Lesehilfe gedacht. Es bietet keine
detaillierten Ausführungen.
Die vorliegende Arbeit lädt neben einer
linearen “Totallektüre” zu “Teillektüren”
auf klar gesonderten Ebenen ein. Die Schauplätze bieten
sich als Längsschnitt-Lektüre an. Die
kommentierten “Fotoalben”, deren Folgen jeweils
zum Schluss der drei Teile plaziert sind, bieten einen
visuellen Gang durch Teile der Thematik an.
Je tiefer man sich in ein Thema einarbeitet,
desto grössere Lücken tun sich auf. Die
vorliegende Arbeit ist Stückwerk; sie soll zu
weiterführenden Studien einladen. Der missionarische
Quellenfundus ist riesig, meine Auswahl von drei
Schauplätzen klein und nicht ohne Willkür. Eine
Vielzahl von Aspekten liesse sich vertiefen: die Entwicklung
der Lehrpläne und -inhalte der Missionsschulen, die
Bedeutung der industriellen Zweige der Mission, die
Mikrokosmen in und um Spitäler, Schulen,
Waisenhäuser; andere Schauplätze, namentlich
Sivas, Erzurum, Diyarbakır oder Mardin. Eine genaue
Untersuchung der Rolle der Edinburger Weltmissionskonferenz
für die Türkeimissionen und der Rolle der
Türkeimissionare in der beginnenden ökumenischen
Bewegung könnte effiziente internationale Netzwerke
noch sichtbarer machen. Die bemerkenswerte, zwischen 1910
und 1914 und nochmals nach Kriegsende von amerikanischen
Missionaren herausgegebene, aus den privaten Bosporus
News hervorgegangene Wochenzeitschrift The
Orient, deren zivilgesellschaftliches osmanistisches
Anliegen mit Händen zu greifen ist, wurde bisher noch
kaum zur Kenntnis
genommen. Anders als
geplant hat mir der Rahmen der vorliegenden Arbeit nur eine
sehr beschränkte Auswertung der Archive der
katholischen Armenienmissionen erlaubt, namentlich was die
Kapuziner betrifft. Hier bleibt ein dankbares Feld für
zeitgemässe historische Aufarbeitung. Auch wenn Joseph
Grabill Wesentliches zur Rolle des Protestantismus in der
amerikanischen Nahostdiplomatie ausgesagt hat, bleibt
manches zu präzisieren; nicht zuletzt wären die
diplomatische Rolle der Missionare an den Pariser
Konferenzen und deren gescheiterte Repatriierungspläne
für kurdische und armenische Flüchtlinge in die
Ostprovinzen eine vertiefte Studie wert. Die vorliegende
Arbeit nimmt immer wieder Bezug auf die Kızılbas
(Aleviten) aus der Überzeugung heraus, dass die
Analyse der Interaktionen mit dieser Gruppe Bedeutsames
über Gesellschaft und Religion im spätosmanischen
Anatolien aussagt. Gerade in diesem Bereich ist die
Forschungslücke offensichtlich und steht eine
aufwendige systematische Durchforstung der osmanischen
Archive wie auch weiterer Quellen noch aus.
[1]
Osmanismus als politischer Begriff meint das Bekenntnis zum
osmanischen Vielvölkerstaat.
[2]
Bernard Lewis, als Türkeihistoriker sozialisiert im
Ankara der Nachkriegsjahre zur Zeit der Truman-Doktrin, ist
der prominenteste westliche Vetreter dieser “partnerschaftlichen”
Richtung. Sein in den 1950er Jahren geschriebener Klassiker
The Emergence of Modern Turkey (London, 1961) zeugt
vom Glauben an die heilbringende Übernahme westlicher
Konzepte durch einen selbstbewussten türkischen
Nationalstaat.
[3]
Benjamin Braude und Bernard L. Lewis gehen in ihrem 1982
herausgegebenen epochemachenden Band Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural
Society von einer insgesamt funktionierenden und
langfristigen “pluralen” Gesellschaftsordnung
aus. Mit einer abstrakten Typologie listen sie
rationalisierend innere Verfolgungssituationen auf (S. 6–8),
wobei das Argument auftaucht, Unterdrückung durch einen
muslimischen Mob oder den Staat sei der normale Preis
für illoyales oder sozial fragwürdiges Verhalten
einer “unterworfenen Gruppe” gewesen (S. 7–9,
33). Die gravierenden Dysfunktionen im Raum der Ostprovinzen
werden keiner näheren Betrachtung gewürdigt.
Dafür fällt das fatal falsche Wort vom “terrible
struggle between Turks and Armenians”, mit welchem
1915 mitgemeint ist (S. 23). Auf denselben Seiten fällt
das Bemühen auf, den europäischen Antisemitismus
als eine ganz andere Verfolgungskategorie als den
antichristlichen Antiarmenismus der hamidischen und
jungtürkischen Ära aufzufassen (S. 8 f.); wie nahe
beide einander in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts gekommen sind, bleibt sowohl ungenannt als auch
unreflektiert.
[4]
Der missionarische Quellenfundus verhilft zu einer
reichhaltigen Beschreibung von “Schaupätzen”
(wovon noch die Rede sein wird). Dabei geht es nicht bloss
um systematische Überprüfung allgemeiner
Hypothesen, sondern um die beschreibende Rekonstruktion
einer Lebenswelt, ihrer Besonderheiten und ihrer
Veränderungen im makrohistorischen Rahmen.
[5]
Vgl. dagegen Quataert, Donald, Social Disintegration and
Popular Resistance in the Ottoman Empire, 1881-1908.
Reactions to European Economic Penetration, New York und
London: New York University Press, 1983.
[6]
Oder raya. Das bedeutet Mitglied der “beschützten”
– und auch ausgebeuteten – sondersteuerpflichtigen “Herde”.
Im 19. Jahrhundert beschränkte sich der früher
auch auf muslimische steuerpflichtige Produzenten bezogene
Begriff raya, der die ganze abgabepflichtige, nicht
im militärischen oder administrativen Dienst stehende
Bevölkerung umfasste, weitgehend auf die
Personengruppe, die bisher zimmi (nichtmuslimischer “Schutzbefohlener”)
hiess. Doch blieb der Begriff auch noch für die
kurdischen raya in Gebrauch.
[7]
Die Süryani werden auf deutsch oft “syrische”
Christen genannt – eine doppeldeutige Bezeichnung. Ich
verwende daher den Begriff Süryani als Oberbegriff
für alle Süryani-Sprecherinnen und -Spre-cher
ungeachtet der Konfession. Im englischen Sprachraum hat sich
dafür die Bezeichnung Assyrians durchgesetzt.
Die Süryani umfassen somit die ostkirchlichen Jakobiten
(monophysitische “westsyrische Kirche”) und
Nestorianer (“ostsyrische Kirche”), die unierten
Chaldäer und die protestantischen
Süryani-Sprecher.
[8]
American Board of Commissioners of Foreign Missions
(ABCFM) mit Zentrum Boston: die grösste
Missionsorganisation im spätosmanischen Kleinasien.
[9]
Zur Region Harput: Shipley, Alice Muggerditchian, We
walked then ran, Phoenix (Arizona), 1984; Jafarian,
Boghos, Farewell Kharpert. The Autobiography of Boghos
Jafarian, supplementary chapters by Claire Mangasarian,
o. O., 1989; speziell über Hüsenig: Ketchian,
Bertha Nakshian, In the Shadow of the Fortress. The
Genocide Remembered, Cambridge MA: The Zoryan Institute
Survivor’s Memoirs, 1988; Deranian, Marderos,
Hussenig. The origin, history, and destruction of an
Armenian town, Belmont MA: Armenian Heritage Press,
1994; speziell über Çemishgezek:: Kazarian,
Marion der, Sacrifice and Redemption. A Personal
Chronicle of the 1915 Armenian Genocide and the Worcester
Armenian Community, Watertown (MA): Baikar, 1995;
speziell über Habusi: Ghazarian, Vatche (Hg.), A
Village Remembered. The Armenians of Habousi, Waltham
MA: Mayreni Publishing, 1997; speziell über
Pertschendsch: Dzeron, Manoog B., Village of Parchanj.
General History (1600-1937), Watertown (MA): Baikar
Press, 1984; speziell über Morenig: Alexanian, Jacques
der (Hg.), Le Ciel était noir sur l'Euphrate,
Robert Laffont, Paris, 1988. - Zur Region Urfa: Jernazian,
Ephraim K., Judgment unto truth. Witnessing the Armenian
genocide, New Brunswick und London: Transaction
Publishers, 1990 (als Erlebnisbericht ein Pendant zu
Künzler, Jakob, Im Lande des Blutes und der
Tränen. Erlebnisse in Mesopotamien während des
Weltkrieges, Potsdam: Tempelverlag, 1921, erweiterte
Neuauflage Zürich: Chronos, 1999). - Zur Region Van:
Mugrdechian, Bob der, Anooshavan. The Intrepid
Survivor, Fresno (CA): Liberty Printing, 1995;
Terlemezian, Dajad, The End of Davo the Traitor. An
episode of the Armenian revolution, Boston: The Hairenik
Association, 1975.
[10]
So auch bei Dr. Andreas Vischer aus Basel, dem seit 1905 in
Urfa tätigen Arzt der Deutschen Orient-Mission.
[11]
Der professionell gemachte, zu Jahresende jeweils mit einem
detaillierten Register versehene Missionary Herald
(ABCFM) verrät, vor allem seit Ende des 19.
Jahrhunderts, eine starke editoriale Hand, die die
Auszüge aus den Missionarsbriefen und ihre
Zusammenstellung bestimmte und Schwerpunkte setzte. Im
bescheideneren Christlichen Orient (der Deutschen
Orient-Mission) kamen mehr die einzelnen Schreibenden als
Individuen zum Zuge, unter ihnen natürlich am
wortreichsten der Missionsgründer Lepsius. Die zum
ordensinternen Gebrauch bestimmten jesuitischen Lettres d’Ore
waren besonders persönlich, ausführlich und
pädagogisch gehalten, während das
ordensübergreifende katholische Œuvre d’Orient
vor allem von den Spendenaufrufen und, von den 1880er Jahren
an bis nach dem Weltkrieg, von den ausführlichen, meist
gut informierten, prononciert francokatholisch
ausgerichteten Leitartikeln seines Leiters Félix
Charmetant lebte.
[12]
Etwa die von Johannes Lepsius gegründete Deutsche
Orient-Mission (DOM): Deren Schrifttum findet sich im
Christlichen Orient oder in seinem Nachfolger Der
Orient, beides redaktionell relativ wenig gesteuerten
Blättern. Sie enthalten auch sehr lange rein
landeskundliche Artikel (so vom Basler Journalisten Albert
Oeri, der 1907 eine Reise durch Ostanatolien unternahm, CO
1907). Zu ihrer inhaltlichen Heterogenität gesellt sich
eine ebensolche im Hinblick auf das Publikum, dessen
Bandbreite sich von Bibelgruppe, Nähverein bis zu
allgemein an der Türkei interessierten,
christlich-philanthropischen und auch grossbürgerlichen
Kreisen erstreckte. Lepsius verband mit dieser Publikation
spürbar auch akademisch-historische, theologische und
geopolitisch reflektierende Ambitionen. Von 1898 bis 1911
gab er auch das vorwiegend theologisch orientierte Blatt
Das Reich Christi heraus. Namentlich das reiche
Schrifttum von Jakob Künzler aus verschiedenen Zeiten
und Situationen - daher auch mit verschiedenen Gewichtungen
- rundet das DOM-Bild ab.
[13]
Vgl. z. B. Riggs, Henry H., Days of Tragedy in Armenia.
Personal Experiences in Harpoot, 1915-1917, Michigan:
Gomidas Institute, 1997; Künzler, Im Lande des
Blutes; Chambers, William Nesbitt, Yoljuluk. Random
thoughts on a Life in Imperial Turkey, Paramus: Armenian
Missionary Association of America, 1988 (1928). Vgl. die
ABCFM-Skripte mit der Signatur MS Hist. 31 und den Autoren
John E. Merrill, Charles T. Riggs und Henry
H. Riggs.
[14]
Goltz, Hermann, und Meissner, Axel , Deutschland, Armenien
und die Türkei 1895-1925. Dokumente und Zeitschriften
aus dem Dr. Johannes-Lepsius-Archiv an der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
München: K. G. Saur, 1998. Der Katalog ist Bestandteil
einer umfangreichen Microfiche-Edition.
[15]
Viele Hülfsbund-Akten sind dem Zweiten Weltkrieg zum
Opfer gefallen. Gerne hätte ich die wichtigen
Urfa-Tagebücher Jakob Künzlers benutzt, aber ich
konnte sie trotz der liebenswürdigen Hilfe von Frau
Ursula Hupfer-Künzi und des jetzt verstorbenen Eugen
Künzler nicht auffinden.
[16]
Kocabasoglu , Uygur , Anadolu'da Amerika. 19.
Yüzyilda Osmanli Imparatorlugu’ndaki Amerikan
Misyoner Okullari, Istanbul: Arba, 1989
[17]
Zum Beispiel Schäfer, Richard, Geschichte der
Deutschen Orient-Mission, Potsdam: Lepsius‚
Fleischmann und Grauer, 1932; Terzorio, Clemens di, Le
Missioni dei Minori Cappuccini, Sunto storico, 7 Bde.,
Bd. 6: Missione die Persia e Mesopotamia, Roma,
1917-1920; Le Cinquantenaire de la Mission
d'Arménie. 1881-1931, Lyon, 1932.
[18]
So bezüglich der Schweizer Armenienhilfe Meyer,
Karl, Armenien und die Schweiz, Bern:
Blaukreuz-Verlag, 1974; bezüglich der deutschen
Armenierhilfe Feigel, Uwe, Das evangelische Deutschland
und Armenien. Die Armenierhilfe deutscher evangelischer
Christen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der
deutsch-türkischen Beziehungen, , Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht, 1989. ). Der erstere verwendet
deutsch- und französischsprachige, teilweise
unveröffentlichte Quellen und Literatur, der letztere
beschränkt sich ganz auf deutschsprachige
Veröffentlichungen.
[19]
So Lewis, Bernard, Islam et laïcité. La
naissance de la Turquie moderne, Paris: Fayard, 1988
(englische Erstausgabe 1961); Mantran, Robert (Hg.),
Histoire de l'Empire Ottoman, Paris: Fayard, 1989.
Auffallend unpräzis sind Braude und Lewis mit ihrer
Bemerkung zum europäischen Protestantismus, der erstens
erst spät (Anfang 19. Jahrhundert) in den osmanischen
Raum eindrang und zweitens bald vom amerikanischen
Protestantismus, den die Autoren nicht erwähnen, weit
überflügelt wurde (Braude, Benjamin, und Lewis,
Bernard, Christians and Jews in the Ottoman Empire: The
Functioning of a Plural Society, Bd. 1: The Central
Lands, New York, 1982, S. 28).
[20]
Bezeichnend z. B. folgende Fehlsicht (Grabill, Joseph L.,
The Protestant Diplomacy and the Near East, Minnesota,
1971, S. 170): “[...] the Turkish ethnic
group, by then the overwhelmingly majority people of eastern
Anatolia.” Von der Lokalkenntnis seiner
missionarischen Landsleute ist bei diesem Autor wenig
übriggeblieben. Wenn er auch nicht an die “Bergtürken”
geglaubt hat, folgt er doch der kemalistischen Popaganda,
die Osttürkei sei ethnisch vorwiegend türkisch, wo
sie doch seit der spätosmanischen Zeit eine kurdische
Mehrheit aufwies. Moranian, Suzanne Elizabeth, The
American missionaries and the Armenian question:
1915-1927, Wisconsin-Madison, 1994, gab - wie Grabill
auf einer ausschliesslich englischsprachigen Quellenbasis -
vertiefte Einblicke ins missionarisch-diplomatische
Wechselspiel von 1915-1927, lässt allerdings einen
klaren methodischen Ansatz, Übersichtlichkeit und neue
interpretative Ergebnisse vermissen. Kurdische und
alevitische Frage bezog Moranian nicht mit ein.
[21]
Salt, Jeremy, Imperialism‚ Evangelism and the
Ottoman Armenians 1878-1896, London, 1993.
[22]
Koutcharian beispielsweise bietet eine sorgfältige “politisch-geographische
Analyse” mit viel wertvollem Material, aber
unbefriedigender, unkritischer demographischer Statistik.
Koutcharian tendiert wie einige armenische Arbeiten dazu,
den Lesern den falschen Eindruck von hauptsächlich
armenisch besiedelten Ostprovinzen zu vermitteln; sei das
über undiskutiertes Zahlenmaterial oder einfach
dadurch, dass von den anderen - vor allem den Kurden - kaum
gesprochen wird (Koutcharian, Gerayer, Der Siedlungsraum
der Armenier unter dem Einfluss der historisch-politischen
Ereignisse seit dem Berliner Kongress 1878: eine
politisch-geographische Analyse und Dokumentation,
Berlin: Reimer, 1989, Karte 3, nach S. 317).
[23]
Dadrian, Vahakn N., The history of the Armenian genocide:
ethnic conflict from the Balkans to Anatolia to the
Caucasus, Oxford: Berghahn Books, 1995; Dadrian, Vahakn
N., German Responsibility in the Armenian Genocide. A
Review of the Historical Evidence of German Complicity,
Cambridge: Blue Crane Books, 1996.
[24]
Bei sowjetischen Autoren erstaunt die eindimensional
imperialistische Interpretation von Mission nicht; sie
führt bisweilen zu grotesken Fehlern, wenn
beispielsweise die amerikanischen Van-Missionare des 19.
Jahrhunderts als Helfershelfer eines amerikanischen
Kolonialismus herhalten müssen: Halfin, XIX.
Yüzyilda Kürdistan Üzerinde
Mücadeler, Istanbul: Komal, 1992 (1976), S. 104.
Eingehender, wiewohl auch nach leninistischen
Prämissen, setzte sich Celilê Celil mit Mission
in Kurdistan auseinander (Celil, Celilê, XIX.
Yüzyil Osmanli Imparatorlugu’nda
Kürtler, Ankara: Özge, 1992, bes. S. 135–145).
[25]
“Die Christianisierungsaktivitäten in der Türkei sind
ein bis anhin sehr wenig an die Hand genommener
Forschungsgegenstand”, schrieb Kır flehiro ¬lu
(Kirsehiroglu, E., Türkiye' misyoner faaliyetleri,
Istanbul, 1963, S. 13). Das reaktionäre Vorwort (S.
3–12) des Verlagsbesitzers, der die osmanische
Grossmachtvergangenheit und die behauptete
verstandesmässige Überlegenheit des Islams
idealisiert, sowie die Tatsache, dass sie einem Vortrag vor
dem Istanbuler Nationalistenverein entstammt, zeigen recht
klar den Standort dieser lesenswerten, da
historiographisch aufschlussreichen Schrift. Der
Hinweis, 1905 habe es in Anatolien erst zwei
französische Missionare gegeben, ist eine der
gröberen Fehlinformationen dieses Buches (S. 26).
Stark türkisch-national abwehrend ebenfalls
Sevinç, Necdet, Ajan Okullari, Istanbul:
Özdemir Basimevi, 1975. Intensiven Einbezug
amerikanischer und türkischer Quellen trifft man in
neuesten Arbeiten türkischer Historikerinnen und
Historiker (Deringil, Selim, The Well-Protected Domains.
Ideology and the Legitimation of Power in the Ottoman
Empire. 1876-1909, London: I.B. Tauris, 1998; Bozkurt,
Ödül, The Making of Young Women at an American
Missionary School in Early Republican Turkey. A Study Based
on the Life Histories of the 1928-1940 Graduates of the
American Collegiate Institute for Girls in ‹zmir,
Istanbul: M. A. Thesis Bo¬aziçi
Üniversitesi, 1995; Akgün, Seçil,
«Amerikali misyonerlerin Anadolu'ya bakislari»,
in: OTAM, Nr. 3, Ankara, Febr. 1992;
Kocaba so slu,
Anadolu'da Amerika) an. Solche Publikationen der
letzten Jahre deuten eine vermehrte Beschäftigung mit
dem Missionsphänomen an, die auch vergleichsweise
differenzierter Wertung Raum gibt. Ausser bei Bozkurt
vermisst man aber auch da noch eine vielschichtige Sicht der
Mission, die sich von antiimperialistischen Stereotypen
löst, von etwas mehr als oberflächlicher Kritik am
osmanisch-türkischen Staat ganz zu schweigen. Sehr
selbstsicher gibt sich Polat Haydaroglu, Ilknur Polat,
Osmanlı Imparatorlugunda yabanci okullar,
Ankara: Kültür Bakanligi Yayinlari, 1990; ihre vom
Kulturministerium publizierte Arbeit gibt Selbstzweifeln
kaum Raum, weder in bezug auf den magistralen Gestus ihrer
Untersuchung noch auf die politische Geschichte der
Türkei. Polat Haydaro glu
streicht wiederholt die politisch “schädliche”,
Minderheitenbewusstsein und Regierungskritik fördernde
Ausrichtung der Missionsschulen heraus und macht diese
Institute für die bis heute andauernden
nahöstlichen Minderheitenprobleme (mit)verantwortlich,
räumt aber auch deren effiziente Förderung
moderner Erziehung ein (bes. S. 199–225).
[26]
So schreibt z. B. Ali Karaca anfangs der 1990er Jahre in
seinem Buch über Ahmet Sakir
Pascha: “Abdulhamid II. sah ganz klar, wie die
europäischen Missionare [gemeint waren die
amerikanischen] Feindschaft brachten ins Verhältnis
von Armeniern und Kurden, die doch jahrhundertelang in
Frieden und Ruhe zusammengelebt hatten. [...] Sie
gaben den christlichen Untertanen schädliche und
subversive Inspirationen.” Karaca, Ali, Anadolu
Islahâti ve Ahmet Sâkir Pasa (1838-1899),
Istanbul: Eren, 1993, S. 75. Identisch Tozlu,
Necmettin, Kültür ve Egitim Tarihimizde Yabanci
Okullar, Ankara: Akçag Yay., 1991, z. B. S.
122).
[27]
Deringil, Domains, vgl. S. 134. Im übrigen eine
reichhaltige Arbeit, von deren Archivbezügen
ich profitiert habe.
[28]
Die Autorin kommt zum Schluss, dass die Missionsschulen mit
der Schaffung kompatibler interkultureller Zonen (compatible
cultural zones) zwar einen potentiellen Markt für
amerikanische Produkte begründet und den Boden für
politische Einflussnahme bereitet hätten, aber immer
einem universalistisch definierten Begriff des menschlichen
Wohlergehens und dem Glauben an die Selbstverwirklichung des
Individuums verpflichtet gewesen seien. Bozkurt, Making
of Young Women, bes. S. 180–197.
[29]
So Simsir, Bilal, British Documents on Ottoman
Armenians, Bd. I: 1856-1880, Bd. II: 1880-1890, Bd. III:
1891-1895, Bd. IV: 1895, Ankara: Türk Tarih Kurumu Basımevi,
1982, 1983, 1989 und 1990; fiimflir, Bilal, Documents
diplomatiques ottomans. Affaires arméniennes, Bd.
1: 1886-93; Bd. 2: 1894-95, Ankara: Türk Tarih Kurumu,
1985 und 1989; Nâzım Pascha, Hüseyin,
Ermeni Olaylari Tarihi, Ankara: T.C. Basbakanlik
Devlet Arsivleri Genel Müdürlügü, 1994
(1897); Osmanli Belgelerinde Ermeniler,
Quellenzusammenstellung des Basbakanlik Arsiv Kurulu,
Bände 1-33, Istanbul 1987-91.
[30]
So spricht Sim sir
von einer eklatanten turcomuslimischen Mehrheit in den
Ostprovinzen und suggeriert, dass Grossbritannien in den
1880er Jahren ein unabhängiges Armenien angestrebt habe
( British Documents, Bd. II, S. XXI–XXIII).
[31]
Simsir, Bilal, Emigrations turques des Balkans, Bd.
1: Un exode turc, 1877-1878, Bd. 2: Une année de
transition, 1879, Ankara, 1968 und 1970. Der amerikanische
Professor Justin McCarthy geht in die gleiche Richtung,
wobei er die Ostprovinzen in die Betrachtung einschliesst
(McCarthy, Justin, Ölüm ve Sürgün.
Osmanli Müslümanlarina karsi
yürütülen ulus olarak temizleme islemi.
1821-1922, Ankara: Inkılâp, 1998 (englische
Erstausgabe: Death and Exile. The ethnic cleansing of
Ottoman muslims. 1821-1922, Princeton: Darwin Press,
1995). Die Tatsache, dass er den Bericht von Niles und
Sutherland über die Ostprovinzen aus dem Jahre 1919 in
den amerikanischen Archiven nur bruchstückhaft gefunden
hat, streicht er als damaligen alliierten Versuch heraus,
das muslimische Leid zu verbergen (S. 266 f.). McCarthy
hätte den vollständigen Bericht bei den
amerikanischen Missionaren finden können. Auch er
erklärt die E |