Hans-Lukas Kieser

Der verpasste Friede. Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der Türkei 1839-1938, Zürich: Chronos, 2000

Buchrezensionen

 
Buchpräsentation / Inhaltsübersicht / Einleitung / Bestellung / Startseite

 

Übersicht: Träger und Akteure

Übersicht: Links und Ressourcen

Übersicht: Kurse und Projekte

Übersicht: Träger und Akteure

 

Informationen über hist.net
Hilfeseiten zu hist.net
Volltextsuche auf hist.net

 

Anja Pistor-Hatam
Die Welt des Islams, Bd. 41, Heft 2, Leiden: Brill, 2001, S. 257-60:  

Der vorliegende Band zeichnet die Geschichte Ostanatoliens wahrend einer Zeitspanne von fast hundert Jahren nach. Diese Geschichte beginnt mit der Zerschlagung der kurdischen Emirate im Zuge der Zentralisierungsbestrebungen der osmanischen Regierung während der Tanzimat-Periode (1839-76). Sie setzt sich fort in der Ära des Sultans 'Abdulhamid II., die bestimmt war von den Folgen der Berliner Konferenz von 1878, der armenischen wie der kurdischen Frage und der panislamisch geprägten Politik des Sultans. Als dritte und längste Periode dieser Geschichte gilt Hans-Lukas Kieser die Zeit zwischen 1908 und 1938, also von der "jungtürkischen Revolution" bis zur Kampagne gegen das kurdisch-alevitische Dersim am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. In diesen Zeitraum, betitelt als "Traum und Trauma der Jungen Türkei" fallen sowohl die euphorischen Hoffnungen, die sich an den Machtwechsel in Istanbol knüpften, als auch die nachfolgenden Traumata: der Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg, der Genozid an den Armeniern und der Ethnozid an den Kurden in der Türkischen Republik.

Eine Inhaltsübersicht zu Beginn und ein ausführliches Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches bieten dem Leser/der Leserin die Moglichkeit, sich über seinen Aufbau zu informieren. Sowohl für diejenigen, die sich zur Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite entschließen, als auch für diejenigen, die sich nur mit Teilen des Buches befassen möchten, leisten beide Gliederungen gute Orientierungshilfe. Die durch die Abfassung in sich geschlossener Abschnitte bedingten Wiederholungen mögen irritieren, wenn man eine lineare Lektüre bevorzugt. Sie dienen jedoch dem Verständnis bei auszugsweisem Lesen. Ähnliches gilt für manche Einführung und Erklärung sowie für die Einschränkung des Fußnotenapparates: überflüssig bzw. bedauerlich für Fachleute, hilfreich für das größere Lesepublikum, dem der Zugang zu einem diffizilen Thema auf diese Weise sehr erleichtert wird.

Innerhalb der oben bereits genannten großen historischen Abschnitte (Tanzimat, Regierungszeit des Sultans 'Abdülhamid undJunge Turkei) finden sich die Themenkomplexe Mission, Ethnie und Staat. Diesen Schwerpunkten folgen Inhalt und Gliederung der Kapitel. Den Abschluß der drei großen Teile bilden jeweils eingehende Betrachtungen der Ereignisse vor Ort (Harput, Van, Urfa), eine Teilbilanz sowie umfassendes Fotomaterial. Diese "kommentierten Fotoalben" vermitteln einen visuellen Eindruck von den Orten und den dort lebenden Menschen, bebildern die Geschichte von Mission, Ethnie und Staat in den türkischen Ostprovinzen. Hinzu kommen zeitgenössische Karten und einige weitere Abbildungen im Text, die das umfangreiche Bildmaterial ergänzen. Ein übersichtlicher und informativer Anhang mit Quellentexten, Statistiken der Missionen, einer Chronologie der wichtigsten Ereignisse, einem Glossar, einem Verzeichnis der Abbildungen, Diagramme, Tabellen und Karten, einer Bibliographie und einem Personenindex ist sowohl für den Zugang zu dem verarbeiteten Material als auch für das Auffinden einzelner Stellen im Text und deren Ergänzung von großem Wert.

Das Thema, dem sich Hans-Lukas Kieser auf der Basis umfangreichen Quellenmaterials mit großer wissenschaftlicher Akribie und einem hohen Maß an Sensibilität nähert, ist äußerst prekär. Während sich der türkische Staat seit jeher darum bemüht hat, mit hohem apologetischen Aufwand die dunklen Flecken in seiner Vorgeschichte und in seinem Entstehungsmythos zu übertünchen, haben armenische und kurdische AutorInnen mit unterschiedlichem Erfolg versucht, ihre eigenen Geschichten Ostanatoliens zu schreiben, Vergangenheit und Gegenwart be- und aufzuarbeiten. Seit den 1920erJahren hat es auch von wissenschaftlicher Seite immer wieder Versuche gegeben, sich einzelnen Aspekten der Aufarbeitung dieser Geschichte zu widmen. Und in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts zeichneten sich einige aus der Türkei stammende Wissenschaftler dadurch aus, daß sie sich mit der historischen Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern und des Ethnozids an den Kurden befaßten. Dennoch fehlte bislang eine historisch-kritische Gesamtschau der Ereignisse der hier bearbeiteten Epoche. Diese liegt nun als Darstellung der Interaktion von christlichen Missionen mit den verschiedenen ethnischen Gruppen und den involvierten Staaten (Osmanisches Reich/Türkei, europäische Großmächte, USA) im östlichen Anatolien vor.

Für seine Untersuchung hat der Verfasser die Missionen als Ausgangspunkt gewählt. Diese Wahl gründet auf der These, daß die in den missionarischen Archiven bewahrten Zeugnisse - trotz der vorauszusetzenden Parteilichkeit und Parteinahme der Missionarinnen und Missionare - aufgrund der darin niedergelegten Beobachtungen und Erfahrungen eine sowohl von mikrohistorischer Nähe als auch von Distanz zu den beteiligten Parteien geprägte Beschäftigung mit dem heiklen Thema erlauben. Die Missionen hatten eine relativ autonome Position und eine Brückenperspektive inne, "die ihnen eine vergleichsweise dichte Beobachtung aller Beteiligten erlaubte". Als Grundlage seiner Untersuchung dienen dem Autor daher zuvörderst Missionsquellen (z. B. American Board of Commissioners of Foreign Missions (ABCFM), Boston; Archivio Generale dei Frati Minori Cappaccine, Rom; Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, Bad Homburg; Archives des Dominicaines en France, Paris; Lepsius-Archiv, Halle a. d. Saale). Diese werden mit staatlichen Quellen aus türkischen, deutschen und schweizerischen Archiven, privaten Nachlässen und einigen Selbstzeugnissen von Bewohnern der Ostprovinzen verknüpft. Zusätzlich bilden Fotografien aus missionarischen Beständen einen Fundus, der sowohl der Illustration als auch der zusätzlichen Information dient. Dem Verfasser ist es durchweg in überzeugender Weise gelungen, aus der großen Menge an Material eine Auswahl zu treffen, die sich auf zentrale Schauplätze und auf die Wechselbeziehungen ihrer BewohnerInnen konzentriert. In einer sehr dichten, gut geschriebenen und übersichtlichen Darstellung führt das Buch seine Leserlnnen durch eine hundertjährige Geschichte "von unten", die die betroffenen und beteiligten Menschen in den Vordergrund stellt. Kritik an interessenpolitischen Standpunkten und die Berücksichtigung der Opferperspektive sind dem Autor dabei ebenso Verpflichtung wie seine Distanz zu den klassischen Bestandteilen nationaler Geschichtsschreibung. Für dieses wichtige Bekenntnis des Autors zu diesen Forschungsansätzen hätte sich die Rezensentin allerdings eine ausführlichere Erörterung und Diskussion der einzelnen Ansätze gewünscht.

Zusammenfassend sind folgende Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zu nennen: Unter den Missionen spielten vor allem die protestantischen Organisationen aus den USA, Deutschland und der Schweiz eine herausragende Rolle. Ihre Mitglieder wagten den "Gang aufs Land" und nahmen Kontakt zu Bevölkerungsgruppen auf, die den Vertretern staatlicher Autorität weitgehend fremd waren. Diesen konnten sie basisdemokratische Erneuerungsmodelle vermitteln, die auch außerhalb der christlichen Gemeinschaften bei Aleviten, Kurden und Yezidi Interesse weckten. Besonders dem Alevitentum begegneten die christlichen Missionare mit großer Sympathie, da sie es als eine Art Brücke zwischen Islam und Christentum betrachteten. Hatten sich die Missionare zuerst ganz auf die christlichen Minderheiten konzentriert - mit allen Problemen, die diese einseitige Ausrichtung mit sich brachte -, so wurde vor allem das ABCFM gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur "treueste[n] Hüterin eines liberalen Osmanismus". Hinsichtlich Medizin und Bildungswesen boten die Missionen eine Versorgung an, wie sie der Staat zu leisten nicht in der Lage war, und die auch von Muslimen genutzt wurde. So sehr sich die Missionare auch für Minderheitenrechte, Zivilgesellschaft, Demokratie und Föderalismus in der Vielfalt der kleinasiatischen ethnischen und religiösen Gemeinschaften engagierten, setzten sich in der Türkei andere gesellschaftspolitische Modelle durch. Das auf einer labilen Grundlage stehende und von zunehmender Destabilisierung geprägte interreligiöse und interethnische Zusammenleben in den Ostprovinzen wurde durch Pogrome, Völkermord, Kulturzerstörung und Massenemigration beendet. Anstatt mit internationaler Hilfe das Problem der Spannungen zwischen den armenischen, kurdischen und alevitischen Bevölkerungsgruppen in den Ostprovinzen im Sinne einer pluralistischen Gesellschaftsordnung zu lösen, stützte sich Sultan 'Abdülhamld II. auf die sunnitischen Kurden, um gegen die vermeintlichen inneren Feinde (Armenier, Aleviten u. a.) vorzugehen. Nach der Gründung der Türkischen Republik wurde die gemeinsame islamisch-sunnitische Basis mit den Kurden allerdings durch den türkischen Nationalismus ersetzt. Auf diese Weise wurden die Kurden zu einer ethnischen Minderheit, deren Autonomieforderungen der türkische Staat mit militätischer Gewalt begegnet(e).

Seinem Anspruch, einseitig religiöse, konfessionelle, national(istisch)e oder kulturelle Forschungsansätze zu überwinden und dabei eine historisch-kritische Position einzunehmen, ohne dabei der Gefahr eines Werterelativismus zu erliegen, ist Hans-Lukas Kieser mit seiner Studie in jeder Hinsicht gerecht geworden. Kiesers Plädoyer für eine Aufarbeitung der Geschichte in den Ostprovinzen unter aktuellen Vorzeichen und ohne Tabus sowie für eine politische Lösung des "Kurdenproblems", an der sich - nach dem aufgezeigten Versagen der Großmächte in früheren Krisensituationen - auch das vereinigte Europa zu beteiligen hätte, ist nichts hinzuzufügen. Die vorliegende Untersuchung sei ausdrücklich allen empfohlen, die sich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft für die Geschichte und Gegenwart der Türkei interessieren.

.

.

Franz-Josef Kos, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 2. 2001, S. 13

Unterdrückung und Ermordung. Bevölkerungsgruppen in den Ostprovinzen der Türkei

(Diese Rezension findet sich online auch auf H-Net)

Ostanatolien bildet die Problemregion der Tuerkei. Die Regierungenhaben in der Vergangenheit und teilweise in der Gegenwart immer wiederversucht, dieses Gebiet unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie haben dabeiMethoden angewandt, die nur gelegentlich auf Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Ethnien und Religionen Wert legten, meist aber aufUnterdrueckung, Vertreibung und Ermordung der nicht ins Konzept passendenGruppen abzielten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das einst maechtige und gefuerchtete Osmanische Reich zum "kranken Mann am Bosporus" mutiert. Auf Druck der Grossmaechte versuchten die Sultane, diesen Schwaechezustand in derTanzimat-Aera (1839 bis 1876) durch Reformen nach westlichem Muster zu ueberwinden. Vor allem die Zentralisierung der Verwaltung und derAufbau eines modernen Heeres standen im Vordergrund, die Bildung wurde vernachlaessigt.

Diese Reformansaetze, die auch den Christen eine bessere Stellung verschaffen sollten, stiessen auf den Widerstand der traditionellen Eliten. Im Osten der kleinasiatischen Tuerkei stellten Kurden, in der Regel sunnitische Muslime, und Armenier, meist armenisch-apostolischen (gregorianischen) Glaubens, die Mehrheit. Waehrend die letztgenannten hauptsaechlich Handwerker und Ackerbauern waren, bevorzugten die Kurden eine nomadische beziehungsweise halbnomadische Lebensweise. Das Abhaengigkeitsverhaeltnis war eindeutig: Die Christen zahlten ihren kurdischen "Schutzherren" Tribut und erkauften sich damit einen einigermassen gesicherten Frieden.

Im Zuge der Zentralisierungsmassnahmen zerstoerte der osmanische Staat dieses traditionelle Abhaengigkeitsverhaeltnis, indem er Abgaben erhob, die alten Autoritaeten bei den Kurden beseitigte und zusaetzliche Belastungen auf diese abwaelzte. Dadurch entfremdete sich der Sultan diese Bevoelkerungsgruppe. Die Armenier konnte er aber nicht fuer sich gewinnen, da die neue Verwaltung nicht bis in die Doerfer gelangte und die Christen in manchen Regionen der Doppelbesteuerung unterworfen waren: durch den Staat und durch muslimische Lokalherren, die das entstandene Machtvakuuum ausnutzten.

Die Reformaera endete, als 1876 Abdulhamid an die Macht gelangte. Aus Furcht vor einem ueberschwappen der Freiheitsbewegung in Suedosteuropa auf die Ostprovinzen suspendierte er die Verfassung und reaktivierte wieder die alte Gemeinschaft der Muslime als staatstragendes Element.

Der Sultan suchte die Kurden wieder staerker an sich zu binden, indem er 1891 kurdische Reiterregimenter (Hamidiye) aufstellte, die von der Steuer befreit waren und nicht den zivilen Gerichten unterstanden. Dies brachte jedoch der Region keine langfristige Stabilisierung, zumal die Propagandisten der islamischen Einheit das Schreckgespenst einer angeblichen armenischen Verschwoerung verbreiteten.

Die Massaker von 1895

Geruechte ueber die Einfuehrung einer europaeischen Verwaltung unter einem europaeischen Prinzen fuehrten in den Monaten Oktober bis Dezember 1895 zu umfangreichen Pogromen denen zirka 100000 Armenier zum Opfer fielen. Die Massaker, an denen sich die Kurden aktiv beteiligten, waren auf lokaler Ebene "von den Moscheen" aus sorgfaeltig vorbereitet worden; die Regierung duldete sie zumindest. Begleitet wurden sie von einer Umverteilung christlichen Eigentums in muslimische Haende. Vor allem die Kurden eigneten sich in grossem Ausmass Grundbesitz an.

Die jungtuerkische Revolution von 1908, getragen von der vor allem durch Militaers dominierten "Union et Progrès", schien eine Besserung der Verhaeltnisse im Osmanisch en Reich zu bringen, da die Partei urspruenglich einen auf Gleichberechtigung der einzelnen Nationen und Religionen gegruendeten Staat anstrebte. Selbst die Rueckgabe des geraubten Landes wurde zumindest diskutiert. Die Rueckschlaege im Krieg gegen Italien (1911/12) und in Suedosteuropa (1912/13) brachten die radikalen Nationalisten unter den Unionisten an die Macht. Sie betonten erneut die Vorherrschaft des Islams und strebten einen Staat an, dem nur Tuerken (das heisst Muslime, die Tuerkisch sprechen) angehoeren sollten. Sie beteiligten sich nach Auffassung von Kieser am Ersten Weltkrieg, um die - ihnen von den Grossmaechten Anfang des Jahres 1914 oktroyierten - Reformen in Armenien nicht durchfuehren zu muessen.

Die Ausloeschung der Armenier

Im Januar 1915 beschloss nach Kiesers Meinung eine sehr kleine Gruppe von Unionisten die Ausloeschung der Armenier. Zu diesem Zweck wurden sie ab Mai 1915 aus ihren Heimatorten vertrieben. Die Maenner wurden ausgesondert und unter Beteiligung der Kurden sofort ermordet. Die Lokalbehoerden schickten die Frauen und Kinder auf Todesmaersche mit dem Ziel, sie durch Hunger und Erschoepfung zu vernichten. Die Muslime konnten sich mit Erlaubnis der Bewacher diejenigen aus den Kolonnen herausholen, die sie fuer ihre Zwecke gebrauchen konnten. Im Gegensatz zu den Massakern im 19. Jahrhundert; als sich die Christen durch einen Uebertritt zum Islam gerettet hatten, war eine solche Moeglichkeit nun durch Befehl ausdruecklich ausgeschlossen.

Nach dem Weltkrieg setzte Mustafa Kemal Pascha (genannt Atatürk) die Nationalisierungspolitik der Unionisten und die Unterdrueckung der Nichttuerken fort. Die aeussere Bedrohung durch die Siegermaechte diente lediglich als Vorwand. Anfaenglich betonte er noch den religioesen Aspekt, um die Kurden fuer den Kampf zu gewinnen. Nachdem er aber nach innen und aussen seine Macht konsolidiert hatte, schloss er diejenigen aus, die sich nicht als Tuerken definierten. Deren Aufstaende liess er schliesslich aeusserst blutig niederschlagen.

Parallel zu dieser Entwicklung schildert Kieser die Versuche protestantischer Missionare aus den Vereinigten Staaten (nach den Pogromen auch aus Deutschland), mit Hilfe von Schulen und Krankenhaeusern eine Modernisierung des Osmanischen Reiches herbeizufuehren. Vor allem Sultan Abdulhamid und die radikalen Unionisten misstrauten den Missionaren und verdaechtigten sie, die revolutionaeren Bestrebungen der Armenier zu unterstuetzen .

Nach der jungtuerkischen Revolution setzten die amerikanischen Missionare auf einen Staat mit gleichen Rechten fuer Christen und Muslime. Waehrend der Friedenskonferenz von Paris strebten sie eine Rueckkehr der ueberlebenden Armenier an. Nachdem dies am Desinteresse der Alliierten gescheitert war, konzentrierten sich die Missionare auf die Erziehung einer den Vereinigten Staaten zugeneigten tuerkischen Elite, was sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Mitgliedschaft des Landes in der Nato niederschlug.

Im Zentrum der Arbeit stehen die Beziehungen zwischen Mission, Ethnie und Staat. Durch lokalgeschichtliche Erlaeuterungen anhand ausgewaehlter Orte (Harput, Van und Urfa) und durch umfangreiches Bild- und Quellenmaterial der Missionare legt der Autor eine gute und lesenswerte Darstellung vor. Vor allem die Missionarsberichte bieten wichtige Belege fuer den Voelkermord an den Armeniern.

Allerdings duerfte Kiesers Auffassung, dass es 1908 eine Chance fuer eine friedliche Entwicklung gegeben habe, zu optimistisch sein. Nicht nur die Grossmaechte behinderten eine positive Entwicklung. Auch das Verhaeltnis zwischen Kurden und Armeniern war bereits zu stark belastet fuer ein friedliches Zusammenleben. Zudem duerfte der Anteil unter den Unionisten, die einen Ausgleich der Interessen zwischen Christen und Muslimen anstrebten, zu gering gewesen sein.

 

Walter Lüthi, Bund, 28. 10. 2000

Ankaras Hypothek, online- rezension

 

Markus Lohr, Basler Zeitung, 24. 8. 2000, S. 11

Mission, Ethnie und Staat im Osten der Türkei

«Für ihre Arbeit haben wir durchaus kein Interesse, denn Sie arbeiten ja an einem Volk, das wir vernichten wollen.» Diese Worte richtete ein türkischer Offizier im März 1915 an den Missionar Johannes Ehmann. Sie wirkten auf den Deutschen, der seit 1897 für den protestantischen Hülfsbund in der osttürkischen Stadt Harput arbeitete, «wie ein Blitz aus heiterem Himmel».
Ehmann deutete die Worte des türkischen Offiziers zunächst als «rein persönliche, gehässige Äusserung gegen das armenische Volk». Doch schon bald musste der Missionar erkennen, dass dahinter ein grausames System steckte. Am 1. Mai 1915 durchkämmte die türkische Polizei die armenischen Häuser in Harput und den umliegenden Dörfern. «Geistliche, Lehrer und andere führende Persönlichkeiten» wurden verhaftet. Nun entwickelten sich «die Zustände von Tag zu Tag immer drohender». In der letzten Juni-Woche traf ein Beschluss der Regierung ein, wonach «sämtliche Armenier sich bis zum 1. Juli zum Abzug rüsten müssten», da sie «nach Mesopotamien übergesiedelt werden sollten».
Später realisierte Ehmann, dass es sich bei den angeblichen Übersiedlungen um Todeskaravanen handelte. Von überlebenden Frauen eines Vertriebenen-Zuges erfuhr er, dass die Armenier «zwischen Erzerum und Keghi von einem Kurdenhäuptling und seinen Banden überfallen und die Männer alle zum Tode abgeführt worden seien».

Hintergründe zur Kurdenfrage
Der Augenzeugenbericht des Missionars Johannes Ehmann findet sich in dem kürzlich erschienen Buch «Der verpasste Friede. Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der Türkei 1839-1938». Der in Basel lebende Historiker Hans-Lukas Kieser beleuchtet darin die Auslöschung der armenischen und die Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung während der Agonie des osmanischen Reiches und der Gründung des modernen türkischen Nationalstaates (1923). Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die protestantischen Missionen, die in jenem Zeitraum in den türkischen Ostprovinzen Fuss gefasst hatten.
Das Thema wirkt auf den ersten Blick akademisch - und doch steckt es voller aktueller politischer Bezüge. Der nahe liegendste ist die bis heute drängende Kurdenfrage. Kieser beleuchtet nicht nur die Beteiligung der Kurden an der Auslöschung der Armenier, sondern auch die schrittweise Aufhebung der kurdischen Selbstbestimmung im osmanischen Reich ab den 1830er Jahren. Zu Ende geführt wurde sie von Mustafa Kemal, dem Gründervater der heutigen Türkei. Er sah den türkischen Nationalstaat durch die Kurden bedroht - eine Haltung, die in Ankara bis auf den heutigen Tag Bestand hat.

Missionen zwischen den Fronten
Querverbindungen zur politischen Aktualität ergeben sich auch aus der Rolle der Missionen. Sie sind ein frühes Beispiel internationaler humanitärer Präsenz in einem Umfeld schwerer ethnischer Konflikte. In den türkischen Ostprovinzen traten die Missionen zugleich als Vertreter «westlicher» Werte auf den Plan. Die Bekehrung von Muslimen war ihnen verboten. Hingegen betrieben sie christliche Schulen, Spitäler, Waisenhäuser, leisteten Nothilfe und versuchten sich als Entwicklungshelfer. Je weiter sich das Verhältnis zwischen der osmanischen Zentralmacht und den christlichen Armeniern verschlechterte, desto stärker gerieten die Missionen zwischen die politischen Fronten. Bei den systematischen Pogromen gegen die Armenier in den Jahren 1895 und 1915 waren sie weitgehend ohnmächtig.
In ihren Aufzeichnungen haben die Missionen einzigartiges Quellenmaterial hinterlassen. Hans-Lukas Kieser nutzt es mit akribischer Sachlichkeit zur Rekonstruktion einer historischen Realität, die in der Türkei namentlich in bezug auf den Völkermord gegen die Armenier noch immer verdrängt oder beschönigt wird. Der Historiker ist überzeugt, dass sich die offizielle Türkei dieser Vergangenheit stellen muss, wenn sie den Frieden in den Ostprovinzen nicht auch in Zukunft verpassen will.