Hans-Lukas Kieser

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Der verpasste Friede
Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der Türkei 1839-1938
Zürich: Chronos, 2000

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Präsentation

"Diese Eroberung hat Tausenden, nicht bloss von Bewaffneten, sondern auch von Wehrlosen, von Weibern und Kindern das Leben gekostet, hat Tausende von Ortschaften zerstört und den Fleiss vieler Jahre nutzlos gemacht. Es ist betrübend, zu denken, dass sie wahrscheinlich auch diesmal wie so oft früher nur vorübergehend sein wird, wenn eine bessere Verwaltung den Kurden nicht ihre Unabhängigkeit ersetzt." Dies schrieb 1838 über die osmanische "Befriedung" Kurdistans Helmut von Moltke. Nur wer dabeigewesen sei, fuhr der preussische Offizier in osmanischen Diensten fort, könne «begreifen, wie die Regierung beim besten Willen sich die Gemüther dieses Volks gänzlich entfremdet.» Moltkes Urteil behielt auch im 20. Jahrhundert seine Gültigkeit. Gewalt, Zwang und Entfremdung bis hin zu Völkermord prägten die Modernisierungsbemühungen des osmanischen Staates im östlichen Kleinasien, der sich am französischen Zentralismus orientierte. Nicht das pluralistische Zusammenleben der Ethnien, sondern die Vernichtung oder Verdrängung nichttürkischer Kulturen bildeten 1938, bei Kemal Atatürks Tod, das Resultat jenes Prozesses, der hundert Jahre zuvor begonnen hatte.
Von einer friedlicheren Seite zeigte die Modernisierung sich bei den christlichen Missionarinnen und Missionaren, welche die Umwandlung der Ostprovinzen von den 1830er Jahren an erlebten, mitgestalteten und dokumentierten. Die Missionen, allen voran die amerikanisch-protestantische, brachten mit Erfolg neue Lebensformen und regional abgestimmte Angebote vor Ort; sie profitierten dabei von liberalen Ansätzen des osmanischen Reformstaates Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Missionen trugen dazu bei, die bestehende Ordnung in Frage zu stellen. Sie förderten einen angelsächsisch-calvinistisch geprägte Modernismus, in welchem Minderheitenrechte, Frauenrechte, Zivilgesellschaft, Demokratie und Föderalismus zentrale politische Werte waren. Die Missionsmedizin war westlich, unterstellte sich aber einem gesamtheitlichen, humanistischen und christlichen Menschenbild. Im Gegensatz dazu hing die in Europa oder an europäisch geführten Hochschulen in Istanbul ausgebildete osmanische Ärzteschaft zunehmend positivistischem und sozialdarwinistischem Gedankengut an. Zusammen mit Offizieren bildeten zahlreiche Ärzte das Rückgrat der jungtürkischen Partei «Einheit und Fortschritt», welche im Ersten Weltkrieg eine radikale Politik der nationalen Homogenisierung Kleinasiens betrieb.
Der symbolstarke osmanisch-nahöstliche Raum übte als «Bibelland» eine eigene Faszination auf die Missionsbewegung des 19. Jahrhunderts aus. Nicht unähnlich frühen Erfahrungen in der Judenmission, aber zusätzlich aus politischen Gründen, scheiterte von Beginn an die Direktmission der muslimischen Mehrheit. Die grundsätzliche Infragestellung des Islams und der Erfolg ihrer Schulen und Spitäler machten die Missionare zu unwillkommenen Konkurrenten der sunnitischen Machtträger. Ihre internationale Verflechtung machte sie zu gefürchteten, bisweilen auch parteilichen Beobachtern von Rechtsverletzungen. Bis 1923 wurden alle Ostprovinzenmissionare ausgewiesen. Die christlichen Armenier, Assyrer und die alevitischen Kurden, welche den Missionen am nächsten standen, wurden indes zu tragischen Opfern des spätosmanischen Islamismus und türkischen Nationalismus. Der blutige Feldzug gegen das einzige noch teilautonom verbliebene Gebiet der Dersimkurden bildete 1938 den Abschluss der Binneneroberung Kurdistans, das permanent im Ausnahmezustand verblieb. Zwar gelang dem Einparteienstaat unter Aufbietung seines ganzen militärischen Potentials die Unterdrückung der Kurdenaufstände bis zum Zweiten Weltkrieg, doch brach die kurdische Frage in den sechziger Jahren erneut hervor. Sie blieb bis Ende des 20. Jahrhunderts ein zentrales und gravierendes Problem der Türkei.