Mentalitätsgeschichte der Computerbenutzer


Der Artikel von Stefan Betschon in der NZZ vom 31.10.2008 erklärt uns endlich, warum wir Europäer solche Computermuffel sind. Während die US-amerikanische 68-er Bewegung die Computertechnik antrieben und sich durch sie eine Stärkung der Gegenkultur erhofften, lehnten sie die hiesigen 68-er ab.

Die Technikkritik sei im europäischen Denken mit Heidegger und Marcuse gut verankert, was sich in deren Wahrnehmung wiederspiegelt:

Technik erscheint hier stets als fremde, schwer fassbare, dunkle, unkontrollierbare Macht, die Individualität und Würde des Menschen bedroht.

Diese philosophische Betrachtung wird im Artikel durch eine sehr feinsinnige phänomenologische Beobachtung erweitert. Der Computer werde in Europa nach wie vor in den Kategorien des alten Grosscomputers wahrgenommen:

Dieser alte Grosscomputer sah aus wie ein Schalter, eine Durchreiche. Das war alles, was man als Normalsterblicher vom Computer zu sehen bekam. Hier durfte man Programme in Form eines Lochkartenstapels abgeben und lange warten, bis dann das Resultat auf weiss-grün-liniertem Endlospapier ausgegeben wurde. Was hinter dem Schalter passierte, konnte man nur erahnen, man konnte darauf keinen Einfluss nehmen, es war unkontrollierbar.

Hier haben wir sie, diese Metapher des undurchschaubaren Staats- oder Machtapparats, der uns unserer Freiheit beraubt und alle unsere Bewegungen, ja vielleicht sogar unsere unsichtbaren Gedanken registriert und daraus dieses Netz an Informationen bildet, welches das freie Subjekt zu Fall bringen wird. Betschon kommt am Ende seines Artikels auf die Verhaltensweise zurück, welche die Europäer vor dem apotheotisch überhöhten Computer(bild) an den Tag legen:

So wie ein Bittsteller vor der Durchreiche, so treten noch heute viele Menschen vor ihren Windows-PC. Es ist ein persönlicher Computer, er gehört ihnen, sie könnten diese Maschine vollständig kontrollieren, sie könnten andere Software laden, ein neues Betriebssystem bauen – sie könnten, aber sie tun es nicht, sie verharren passiv in der Rolle des Endanwenders.

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