Geschichtstage: Wissenschaftspolitik

„Wieviel Geschichte braucht die moderne Wissensgesellschaft?“ lautete der Titel der Podiumsdiskussion, die am Freitag den Abschluss des zweiten Tages bildete. Staatssekretär Charles Kleiber liess sich leider entschuldigen: ein Termin mit der EU …

Der prägnanteste Gedanke des Panels: „In der Wissensgesellschaft sind Historiker Spezialisten für schlechte Laune“ – so Valentin Groebner, Professor in Luzern.

Geschichte, so Groebner weiter, findet immer in der „public domain“ statt, die Historiker sind dabei zuständig für die Authentifizierung der Vergangenheit. Groebner nannte drei Erzählmodi oder drei Modi des Sprechens über Geschichte:

1. von unten herauf die Wurzeln erzählen (Genealogie)
2. Rekonstruktion des Vergangenen qua Identifikation (Identifikation)
3. Fragmentierung und Rekombination von Unvertrautem.

Schade nur, dass Herr Kleiber nicht auf dem Podium sass, um diese Thesen zu diskutieren …

5 Gedanken zu „Geschichtstage: Wissenschaftspolitik“

  1. Na ja… dürfen wir noch konstatieren, dass auf die Leitfrage der Podiumsdiskussion kaum eingegangen wurde? Wieviel und welche Geschichte es braucht?

    Interessant übrigens, dass Lübbes Hinweis auf die „heritage“/“folklore“ Sucht einer breiteren Bevölkerung und seine weiteren Ausführungen bei einigen Zuhörern grosse Irritation ausgelöst haben.

    Dabei wäre es ja durchaus auch mal nützlich gewesen, zu schauen, wie und wo man dieses breite Publikum für „Geschichte“ abholen kann (siehe Panel Nationalgeschichte). — Da hilft der Hinweis, „richtige“ HistorikerInnen heute dürfen nur Groebners dritten Modus verwenden alleine noch nicht weiter.

  2. Ja, sicher, liebe/r Eli, dürfen wir dies konstatieren. Das Verhältnis von richtiger Historie und nicht richtiger Historie (also: Historiographie, die von richtigen Historiker/innen oder eben von nicht richtigen Historiker/innen geschrieben wird), ist sowieso ein Thema, das uns in den nächsten Jahren hoffentlich noch intensiv beschäftigen wird. Stichwort: Guido Knopp (was ja in Konstanz zum Glück intensiv diskutiert wurde!) oder auch Stichwort Internet und die dadurch ausgelösten medialen Veränderungen … Der Modus 3 – in der Groebnerschen Klassifikation – ist natürlich nicht unbedingt attraktiv für Wikipedia und andere zentrale Träger von Geschichtsbildern. Was also sollen wir (richtige Historiker/innen?) tun?

  3. Ich muss mit einer gewissen Ernüchterung feststellen, dass das Panel eher rhetorisch beflügelte (zumindest, was die Beiträge von Lübbe und Groebner betraf) als inhaltlich überzeugte. Wissenschaftspolitisch blieb das Ganze wegen der Abwesenheit Kleibers völlig vage; dass die Gesellschaft immer mehr Geschichte nachfragt (und eben auch von verschiedener Seite auch bekommt) ist als Erkenntnis so neu nicht. Aber was bedeutet das für wissenschaftspolitische Entscheidungen? Und wie reagiert die Zunft auf die „nicht richtige“ Historie (meines Erachtens eine problematische Bezeichnung, die aber genau dort hinzielt, wo es eben wehtut)?
    Ich schliesse mich überdies der Haltung Groebners an, dem die These Lübbes, wonach die Beschleunigung des Wandels eine Konstante der Menschheitsgeschichte sei, etwas zu glatt (oder elegant) erschien. Dazu gehört zumindest auch die Rede vom ständig sich beschleunigenden Wandel, die ebenso konstant die Menschheitsgeschichte begleitet. Ausserdem wäre es spannend, auch mal nach gegenläufigen Entwicklungen zu fragen. Gibt es auch Verlangsamungen? Oder könnte man das Schlagwort des „rasenden Stillstands“ für eine historische Analyse nutzbar machen? Wenn Analysen zu einfach und konsistent sind, reizt es mich immer zum Widerspruch. Das meinte wohl Groebner mit dem Spezialistentum für schlechte Laune. Andere sagen dazu: Mäkeln und Meckern. Schade (noch einmal), dass Kleiber nicht da war. Da hätte man doch gerne ein wenig gemeckert und gemäkelt über die Wissenschaftspolitik.

  4. Ernüchterung? Interessant fand ich bei der Feststellung von Lübbe, dass es noch nie so ein grosses Interesse und auch Angebot an historischem Wissen gab, die Begründung für dieses Interesse. Es ermöglicht sich aus einer bedrohlichen Gegenwart in die Vergangenheit zurückzuziehen, das war wohl zumindest eine implizite Erklärung. Diese Art von Rückzug will ich aber nicht bedienen. Ich möchte die Auseinandersetzungen mit den gegenwärtigen Entwicklungen ja gerade durch die Aufnahme der historischen Dimension vorantreiben. Dabei geht es mir nicht so sehr darum, ob das, was da dargestellt wird, „richtige“ Geschichte ist oder „nicht richtige“, sondern darum, ob es diese Auseinandersetzung fördert. Es geht auch nicht immer ums „meckern“. Manchmal bleibt die schlechte Laune eher bei mir hängen. Ob das Charles Kleiber geändert hätte?

  5. Zuviel hätte ich mir durch die Anwesenheit von Charles Kleiber auch nicht versprochen – aber mir fehlte ja gerade das: Die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Entwicklungen durch den Einbezug (oder sogar: die Einforderung) der historischen Dimension – und eben nicht als nostalgische Rückzugsecke. Ich hätte mir gewünscht, dass die Diskussion sich mehr in diese Richtung bewegt hätte: mehr Überlegungen zu konkreten Umsetzungsmöglichkeiten und Betätigungsfeldern als zu (durchaus interessanten) geschichtsphilosophischen Betrachtungen. In dieser Hinsicht bleibe ich dabei, dass das Podium mehr versprochen hatte, als es zu halten vermochte, auch wenn ich es sehr unterhaltsam und anregend fand.

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