«Web 2.0 und Geschichtswissenschaft» in Siegen (II)

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In Siegen fand dieser Tage die vermutlich erste öffentliche Veranstaltung im deutschen Sprachraum zum Thema «Web 2.0 und Geschichtswissenschaft» statt. Mit dem Untertitel «’Social Networking’ als Herausforderung und Paradigma» wollten die beiden Organisatoren Jürgen Beine und Angela Schwarz einen Fokus auf die sozialen Komponenten des Web 2.0 legen. Die Beiträge allerdings hatten das Phänomen «Web 2.0» wesentlich breiter gefasst, was der Qualität der Tagung keinen Abbruch tat – im Gegenteil.

Rüdiger Hohls (HU Berlin) stellte das Projekt Docupedia Zeitgeschichte vor, das in wenigen Wochen mit einigen Dutzend Beiträgen an den Start gehen wird und vom Zentrum für Zeitgeschichte in Potsdam geleitet wird. Docupedia Zeitgeschichte entspricht nur zum Teil den idealen von «Web 2.0», denn die Texte können nicht von allen bearbeitet werden, sondern der Redaktionsablauf entspricht in grossen Teilen dem klassichen wissenschaftlichen Workflow. Vielleicht könnte man es als ein «Web 1.5»-Projekt bezeichnen. Rüdiger Hohls skizzierte auch die aktuelle Entwicklung der von der DFG geförderten Virtuellen Fachbilbiotheken (ViFa) und verglich das bibliothekarische ViFa-Konzept mit den aktuellen GRID-Diskussionen, die eher von den Rechenzentren geprägt werden.

Jürgen Beine (Uni Siegen) skizzierte in seinem Beitrag «Wikis als Herausforderung für die Geschichtswissenschaft» die Wikipedia-Rezeption in der Geschichtswissenschaft und bezog sich dabei unter anderem auf das Forschungsframework zu diesem Thema. Im zweiten Teil seiner Ausführungen erläuterte Beine das Potential von Wikisource bei der kollaborativen Erschliessung von Quellen.

In seinem Beitrag «Das Archiv als virtualisierte Forschungsumgebung?» ging Patrick Sahle (Universität Köln) in einem sehr umfassenden Sinn auf die Möglichkeiten des «Web 2.0» für die Archive und damit indirekt auch für die Geschichtswissenschaft ein. Seine Ideen und Skizzen waren ebenso faszinierend wie realitätsfern. Während die Archive sich in Tat und Wahrheit langsam mit dem «Web 0.9» anfreunden, bewegten sich Sahles Ausführungen irgendwo zwischen «Web 2.0» und «Web 2.5», indem er zum Beispiel vorschlug, dass die Archive grosse Mengen von digitalisierten Quellen nach dem «Crowdsourcing»-Prinzip erschliessen lassen sollten, wie es zum Beispiel das britische Nationalarchiv bereits ansatzweise tut.


Gregor Horstkemper
(Bayerische Staatsbibliothek), einer der besten Kenner der Szene im deutschen Sprachraum, skizzierte die gegenwärtige Situation aus der Sicht der Bibliotheken. Die Bayerische Staatsbibliothek als eine der führenden Häuser im deutschen Sprachraum hat zahlreiche Initiativen am Laufen, die den Alltag der Historikerinnen und Historiker erleichtern sollen – echte «Web 2.0»-Anwendungen allerdings fehlen noch weitegehend. Die Geschichtswissenschaften, so Horstkemper, sind auch im Vergleich zu anderen geisteswissenschaftlichen Fächern eher im Verzug, was die Nutzung neuartiger digitaler Möglichkeiten betreffe. So sei das Angebot an eBooks äusserst gering und auch im Bereich der elektronischen Zeitschriften seien etwa die Linguisten einiges weiter als die Geschichtswissenschaft.

Am Samstag ging Richard Heigl aus Regensburg auf die Möglichkeiten von Wikis und Blogs als neue wissenschaftliche Arbeitsinstrumente ein. Am Beispiel seines Weblogs kritische-geschichte.de erläuterte er die Funktionsweise eines Weblogs und ging auf Chancen und Risiken eines solchen Tools ein. Leider blieben seine Ausführungen etwas an der Oberfläche und gingen auf die Anforderungen und Bedürfnisse wissenschaftlicher Arbeitsweisen kaum ein.

In meinem eigenen Beitrag versuchte ich die Vorgeschichte des «Web 2.0» am Kontext der geschichtswissenschaftlichen Nutzung des Internet darzustellen, um darauf aufbauend die aktuellen Möglichkeiten des «Web 2.0» aus der Praxis des Historikers respektive der Historikerin zu schildern. Einen Schwerpunkt in meinen Ausführungen legte ich dabei auf den Aspekt einer Quellenkritik des Digitalen, die ich in einem geplanten Forschungsprojekt demnächst vertiefen möchte. Ich schloss mit den sechs «Stichworten für eine Digitale Geschichtswissenschaft», die ich bereits in Regensburg am Deutschen Archivtag präsentiert hatte.

Das Schlussreferat hielt der Altmeister der digitalen Historiker-Zunft, Prof. Manfred Thaller aus Köln. Ausgehend vom Projekt monasterium.net, das er ausführlich vorstellte, skizzierte er die Umrisse einer virtuellen Forschungsumgebung für die Geschichtswissenschaft und insbesondere für die Quellenerschliessung. Sehr treffend verglich er die heutige Quellenforschung als asynchrone Tätigkeit mit den Möglichkeiten einer praktisch synchron funktionierenden Forschungstätigkeit im Rahmen einer integrierten Arbeitsumgebung. Aus der Überlegung, dass Forschung immer nur Zwischenresultate präsentieren könne und dass das Prinzip von «Web 2.0» Kommunikation in Verbindung mit einer Betonung der Verantwortung inkorporiere, plädierte Thaller für ein «kontrolliertes Web 2.0».

Statt einen gedruckten Tagungsband zu machen wurde beschlossen, gemeinsam eine Reihe von Thesen zum Thema «Web 2.0 und die Geschichtswissenschaft» auszuarbeiten und anschliessend breit zur Diskussion zu stellen. Im Idealfall – so die Idee – sollen diese «Siegener Thesen» als Grundlage für eine Folgeveranstaltung dienen.

8 Gedanken zu „«Web 2.0 und Geschichtswissenschaft» in Siegen (II)“

  1. Danke für die gute Zusammenfassung! Könnte man den Begriff „realitätsfern“ für meinen Beitrag vielleicht noch präzisieren um Missverständnisse zu vermeiden? Gemeint ist doch wohl, dass (1.) meine Beschreibung einer archivischen Zukunft und das, was ich (2.) für selbstverständliche Forderungen an die Archive halte, sehr weit von dem entfernt ist, was als heutige Realität für die allermeisten Archive zu konstatieren ist. Oder?

  2. Ich gehe davon aus, dass Peter Haber in diesem Sinne seine Formulierung verstanden haben möchte. Er wird wohl selber, nach seiner kurzen Abwesenheit, zu dieser Frage Stellung nehmen. In Vertretung: Jan Hodel

  3. Es ist schon lustig, dass jetzt die Leute das große Wort führen, die damals in den 1990er und um 2000 vor lauter Behäbigkeit kaum aus ihrem Loch gekommen sind. Die ganze Sache geht doch sowieso auf kurz oder lang den Bach hinunter. Peinlich, peinlich, peinlich, wie schon Theo Lingen sagte.

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